Die eurotopia-Redaktion fragte die „Wohnhöfler“ aus Stolzenhaben nach ihrem Lebensgefühl und ihren Zielen und Visionen.
Der „Wohnhof“ auf Gut Stolzenhagen ist Brandenburgs Gewinner des bundesweiten Wettbewerbs „Netzwerk Nachbarschaft 2005“. Rund 300 Nachbarschaftsinitiativen, darunter etwa 50 aus Brandenburg, hatten sich um den Preis beworben. Brandenburgs Familienministerin Dagmar Ziegler besuchte den Wohnhof und würdigte dessen innovatives soziale Engagement. Wolfram Nolte führte mit den Wohnhöflern ein ausführliches Interview über die Chancen zu etwas Neuem.
Eurotopia: Wie fügt sich Euer Projekt ein in Gut, Dorf und Region?
Gerhard: Stolzenhagen, unser Dorf, liegt in traumhaft schöner Landschaft am Südzipfel des Nationalparks „Unteres Odertal“. Nach Berlin sind es anderthalb Stunden. Hier an der Oder klingt das Thema Nachbarschaft noch auf einer anderen Ebene an: Bis zur gemeinsamen Grenze mit Polen sind es von Stolzenhagen drei Kilometer. Sehr freundliche und tatkräftige Menschen wohnen hier. Bloß: Bezahlte Jobs gibt es kaum noch. Einige Bewohner des Dorfs beschreiben das drastisch so: „Politik und Wirtschaft haben uns im Naturschutzgebiet vergessen!“ Die Konsequenz: Viele, vor allem junge Menschen, sind gegangen oder pendeln sehr weit.
Die „Wohnhöfler“ haben den umgekehrten Weg genommen, sie sind aus Berlin, Frankfurt (Main) und Halle an die Oder gezogen, weil der Ort und die Gegend so naturnah und die Menschen hier so freundlich zu „Neuen“ sind. Aus diesem Potenzial will das Projekt schöpfen und nicht aus der Hoffnung auf neue Gewerbeansiedlungen und Infrastrukturprojekte alten Stils. Das Projekt „Wohnhof“ ist eine Nachbarschaft der Genossenschaft „Gut Stolzenhagen e.G.“. Daneben bestehen und entwickeln sich noch andere Projekte, z.B. Jörg Bodemanns „Raumstation“, eine entstehende weitere Nachbarschaft, und „Ponderosa“, ein internationales Tanzfestival. Der Genossenschaft gehört das Gelände des ehemaligen Guts. Das Gut setzt sich aus insgesamt elf Flurstücken zusammen und bietet diese den Nachbarschaften zur Pacht an. Dieses Modell könnte man kurz so beschreiben: 1 Flurstück = 1 Nachbarschaft = 1 Pachtvertrag.
! Könnt ihr etwas zu eurer Gruppe, den „Wohnhöflern“, sagen?
Gerhard: Im Moment gehören sechs Erwachsene im Alter von 25 bis 42 Jahren und ein Kind zum Projekt, von denen vier Erwachsene bereits auf dem Gut leben. Wir können uns vorstellen, auf etwa zwanzig Personen (Erwachsene und Kinder) anzuwachsen. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung einer funktionierenden Lebens- und Baugemeinschaft, die aus Familien, Wohngemeinschaften und Singles besteht.
! Was sind eure persönlichen Erwartungen und Träume?
Suzan: Natürlich wünsche ich mir ein blühendes Gemeinschaftsleben hier auf dem Gut und im Wohnhof. Spannend ist an diesem offenen Raum hier, dass immer wieder Inter-essenten vorbeischauen und sich dadurch der Alltag stetig neu formt.
Sylvia: Ich wünsche mir, dass noch mehr Leute zum Wohnhof dazukommen und dass sie auch bereit sind, Kraft und Verantwortung mit ins Projekt einfließen zu lassen.
Ich hoffe, dass das Projekt behutsam wächst, damit ich mitbekomme, wenn sich etwas verändert. In der jetzigen Phase bin ich ganz intensiv mit den anderen zusammen, setze mich mit allen Macken auseinander.
Guido: Das Leben hier ist genug. Es übertrifft meine Erwartungen. Nicht dass alles großartig ist, aber lebendig und wunderbar beschaulich. Es gibt weder U-Bahn noch Straßenmusikanten. Die Natur musiziert 24 Stunden lang am Tag und wird nicht müde dies zu tun. Ein Spiel.
Gerhard: Es gibt Träume bei mir, die ziehen sich durch seit Jahren: Da geht es um ein Projekt, das ausstrahlt, weil es uns gelingt, einen guten Alltag zu leben, das Antworten zu geben versucht auf Fragen wie: „Es ist ja wunderschön hier, aber wovon lebt man hier eigentlich?“ Ich habe die Hoffnung, mittlerweile auch ein wenig Erfahrung, dass so ein Projekt hier entsteht.
! Was verbindet ihr mit der Wohnhof-Idee?
Gerhard: Den ersten Wohnhof baute der Linzer Architekt Fritz Matzinger 1974. Inspiriert worden war er von verschiedenen afrikanischen Siedlungsformen. Seine Wohnhofidee nennt er „Kommunikatives Wohnen“. Bis heute wurden mehr als zwanzig Wohnhöfe in Deutschland und Österreich realisiert. Die Wohnhoferfahrungen wurden in der Untersuchung „25 Jahre Wohnhöfe“ so zusammengefasst: „Die soziale Struktur gleicht einer guten Nachbarschaft … familienfördernd ähnlich einer Großfamilie … dennoch Rückzug in die Privatsphäre möglich … Das ganze Gefüge basiert auf Nachbarschaftshilfe … Kinder wachsen mit Spielgefährten auf … Kinder und Berufstätigkeit lassen sich besser vereinbaren, wegen Betreuung untereinander …“
Der Wohnhof, so wie wir ihn uns vorstellen, besteht aus mehreren – vor allem privat genutzten – Gebäuden, die einen gemeinschaftlich genutzten Innenhof umschließen. Man kann sich das vorstellen als Gruppierung von Familienhäusern, wobei die Haustüren zueinander angeordnet sind. Dieser Innenhof wird in Anlehnung an die mediterranen Häuser der alten Römer „Atrium“ genannt. Das Atrium wird von einem Wandelgang umrahmt.
Wir haben den Eindruck, dass die Gemeinschaft im Wohnhof die Balance halten kann zwischen Einfamilienhaus und Kommuneprojekt. Ein Beispiel: Wer Lust hat, die eigene Wohnung zu verlassen, öffnet die Wohnungstür und steht – nein, nicht auf der Straße, sondern im Atrium. Da sitzen schon Nachbar und Nachbarin beim Kaffee, während deren Kinder mit denen von nebenan die Geburtstagsfete am Abend vorbereiten. Jeder ist eingeladen. Wem das gerade zuviel Unruhe ist, schließt einfach wieder hinter sich die Tür …
Der Wohnhof ist sowohl für Kinder als auch für alte Menschen und Kranke ein geschützter und für die individuellen Bedürfnisse geeigneter Raum, wo der gemeinschaftliche Zusammenhang und die Nähe zur Natur gewahrt bleiben.
! Gibt es noch andere Ziele?
Gerhard: Die Naturschönheiten im unteren Odertal sprechen sich gerade herum und locken „sanfte Touristen“ und auch „Siedler“ her. Und deren Bedarf an Gastronomie, Infrastruktur und Begleitung einerseits, an (ökologischem) Bauen, Kultur und Vernetzung andererseits, soll ein wirtschaftliches Standbein für das Projekt werden. Ein anderes Ziel ist die Wiederbelebung des verarmten öffentlichen Raums: Laden, Kneipe, Markt, Kultur …
Hauptziel des Wohnhofprojekts in wirtschaftlicher Hinsicht ist es, selbständige Betriebe zu entwickeln, z.B. Angebote in Baubiologie, Geomantie, Craniosakraltherapie, Gartenbau, Meditation, Naturpädagogik, Yoga etc. Darüber hinaus wollen wir den Wohnhof zu einem Referenzprojekt entwickeln, das zu Nachfolgeaufträgen führt. Vielleicht gelingt es uns auch, andere mit unserer Begeisterung für die Natur und die Leute hier anzustecken und Möglichkeiten für eine nachhaltige Kultur in dieser Region neu auszuloten.
! Was habt ihr bisher geschafft?
Gerhard: Wir haben in einem Gebäude der „Gut-Stolzenhagen e.G.“ das Projektbüro eingerichtet. Vor einem Jahr begannen wir, einen Stall zur Baustelleninfrastruktur (Küche, Beratungszimmer, Bad, Werkstatt) umzugestalten. Die Einrichtung dieser provisorischen Räume ist gleichzeitig eine baubiologische Experimentierphase. Wir sammeln Erfahrungen mit Flaschendämmung im Fußbodenbereich, im Strohballenbau, im Selbstbau von Kastenfenstern und in der Herstellung von Lehmputzen.
Wir haben bislang zwei Fachleute gewonnen, die uns seit Beginn der Planungen begleiten: den Architekten Heinrich Schauer aus Berlin sowie den Baubiologen und Geomanten Lars Christoph aus Weimar. Das Bauamt hat uns beschieden, dass der Bau eines Wohnhofs an dem von uns gewählten Ort genehmigungsfähig ist. Auch der Bürgermeister, der Gemeinderat und unsere direkten Nachbarn stehen unserem Vorhaben aufgeschlossen gegenüber.
! Seht Ihr Euch auch als politisches Projekt?
Guido: Ich selbst sehe das weniger.
Sylvia: Am Anfang hätte ich ganz spontan gesagt: „Nein, überhaupt nicht.“ Deswegen bin ich ja nicht hergekommen. Aber das stimmt nicht mehr. Wir schaffen hier die Basis dafür, dass es andere leichter haben, herzukommen. Das ist doch politisch. Ich hätte nie etwas mit einem politischen Anspruch ins Leben gerufen, aber nun stecke ich mittendrin.
Suzan: Wir sehen uns nicht erklärtermaßen als politisches Projekt. Nicht in dem Sinn, dass wir uns als Projekt aktiv in die Politik einmischen; obwohl auch das noch passieren kann. Und freilich kann jeder im Projekt so aktiv sein, wie er will. Für mich ist es schon ein Stück weit politisch, in einer zunehmend unsozialen Gesellschaft alternative und menschliche Formen des Zusammenlebens zu entwickeln.
Gerhard: Ich sehe uns auch als politisches Projekt. Mein Politikverständnis ist auf der Ebene: Selbstbewusstsein und Perspektiven entwickeln für eine „arme“ ländliche Region. Und nach drei Jahren hier kann ich sagen: Sowohl für die Existenzsicherung als auch für die Entwicklung von Gemeinschaft gibt es Freiräume, auch dank der „Unterentwicklung“.
! Ist es interessanter, hier zu leben als in der Stadt?
Guido: Eindeutig, weil die Natur direkt vor der Tür ist und die Veränderungen organisch geschehen. Vor zwei Jahren bin ich durch den Prenzlauer Berg gelaufen und habe die Wege und Häuser betrachtet, die ich seit vielen Jahre kannte. Da ist mir aufgefallen, dass nichts geblieben ist, kein Zeichen, keine Spur. Hier finde ich noch Spuren und Zeichen.
Suzan: Ich bin ein Landei und nutze auch in der Stadt die Freizeitangebote kaum. Ich liebe es, in der Natur zu sein, und davon gibt es hier reichlich. Die Struktur des Guts bietet mir aber auch, dass viele Leute herkommen. Und zunehmend entwickeln sich auch interessante kulturelle Angebote auf dem Gut.
Sylvia: Man kann in der Stadt ganz viel machen. Aber Stadt hieß für mich, von vielen Dingen umgeben zu sein, die ich nicht wichtig finde, z.B. tausendenderlei Geschäfte. Besonders beim Thema Arbeit wurde mir das deutlich; da waren lauter Berufe um mich herum, mit denen ich nichts anfangen konnte. Viele schienen sich totzubeschäftigen, damit sie sich nicht mit dem Wesentlichen beschäftigen müssen. Seit ich auf dem Land bin, stellt sich mir die Frage „Was könnte ich Sinnvolles tun?“ nicht mehr, und damit geht es mir sehr gut.
Gerhard: Das war vor zehn Jahren noch ein Riesenthema für mich. Ich habe Stadt, in der ich ja sozialisiert bin, ganz „schwarz“ gemalt. Vielleicht habe ich das gebraucht, um mich aufs Land zu trauen. Jetzt fahre ich mal einen Tag nach Berlin, genieße den Trubel und die Fülle auch an geistigen Impulsen. Aber meinen Lebensmittelpunkt habe ich hier. Vielleicht wegen der Möglichkeit, mal absolute Ruhe zu haben und der Möglichkeit, den Horizont zu sehen.
! Was ist das Besondere an Eurem Projekt?
Suzan: Das Projekt ist mein Zuhause. Das macht es für mich besonders. Außerdem die Kraniche und Singschwäne, die drüber ziehen, die fantastischen Sonnenuntergänge … Und lebt sonst noch jemand in einem ehemaligen Schweinestall?
Sylvia: Ich hatte ein bisschen Angst davor, womöglich in etwas Dogmatisches hineinzukommen, so und so sein oder sich verleugnen zu müssen, weil ich noch nicht so toll bin wie die anderen, das erlebe ich hier aber nicht. Es geht primär um ein offenherziges Zusammensein. Und mir sind hier ganz neue Themen begegnet. Von Geomantie zum Beispiel hatte ich noch nie etwas gehört. Auch ökologisches Bauen habe ich hier zum ersten Mal praktiziert.
Irgendwann ist mir bewusst geworden, was für ein genialer Gedanke das ist: Etwas aufzubauen, das für viele funktio-nieren kann, und nicht nur an mich zu denken. Hier könen ganz verschiedene Menschen hinzukommen, junge und alte. Vielleicht ist das nichts Besonderes, da kenne ich zu wenige Projekte. Für mich ist es besonders genug. ´
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