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Mama Anarchija
erschienen in Ausgabe 146  PDF-Version (179.21 KB)
Die herrschaftsfreie Gesellschaft – Eine Utopie mit tiefen Wurzeln. Teil 3: Jochen Schilk sprach mit der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth.

Der dritte Teil der Mama-Anarchija-Folge bildet den Auftakt einer Diskussion über die in den ersten beiden Folgen angeklungenen Ideen zu den möglichen Vorteilen herrschaftsfrei organisierter Gesellschaftsformen, wie sie von der Matriarchatsforschung und von der anarchistischen Bewegung vertreten werden. Die beiden ersten Teile können unter www.kurskontakte.de oder auch unter www.mama-anarchija.net nachgelesen werden.


Jochen Schilk: Frau Dr. Göttner-Abendroth, gleich vorweg eine grundsätzliche Frage: Sehen Sie als übergeordnetes Ziel Ihrer Arbeit den Aufbau einer „neomatriarchalen“ Gesellschaftsordnung?

Heide Göttner-Abendroth: Dass es um eine konkrete Vision für eine andere Gesellschaft geht, ist ganz klar. Vor diesem Hintergrund habe ich ja auch vor einigen Jahren meine sechsteilige Artikelfolge für KursKontakte geschrieben (siehe Artikelarchiv auf www.kurskontakte.de). Das war ein Auftakt zu einer notwendigen Visionsfindung für eine „zeitgemäße matriarchale Gesellschaft“ – wie ich sie nenne.

Da sind wir schon beim Problem einer neuen Sprachfindung. Die Begriffe „matriarchal“ und „anarchistisch“ haben sich als ziemlich problematisch erwiesen.

Richtig; die Überlegungen dazu in Ihren letzten Artikeln fand ich auch sehr wichtig. Beide Begriffe haben ihre Geschichte, und ich glaube nicht, dass sich die Anarchisten heute einen neuen Namen geben sollten, denn damit würden sie einen Teil ihrer Geschichte ablegen. Lieber mit dem problematischen Begriff arbeiten und seinen eigentlichen Inhalt herausarbeiten und bekanntmachen – auf die Dauer wird der Begriff dadurch umgewertet.

Es gab und gibt ja auch Ansätze, den Begriff des Matriarchats durch Beschreibungen wie „gynozentrische“, „matrifokale“ oder „mutterrechtliche“ Gesellschaften zu vermeiden …

Ja, Johann Jacob Bachofen [1815–1887] hat den Begriff „Mutterrecht“ aufgebracht, aber dieser wurde dann im Amerikanischen mit matriarchy eigentlich falsch übersetzt – so hat auch dieser Begriff seine Geschichte. Matriarchat und Anarchismus sind politische Begriffe. Mit Ersatzbegriffen wie „matrifokal“ oder „matristisch“ bewegt man sich in die Wissenschaftssprache hinein. Ich sage immer, verwende das Wort „matriarchal“ nur einmal, und die Leute regen sich darüber auf – daran sieht man, dass es ein politischer Begriff ist. Mit „Anarchismus“ ist es genauso: Man kann den Terminus nicht weglassen, nur weil die Leute, die ihn nicht mögen, etwas Falsches darunter verstehen und auch verstehen wollen! Es ist legitim, negativ besetzte Begriffe durch wissenschaftliche und politische Arbeit umzuwerten. Ich kenne das aus der Frauenbewegung, wo einige Frauen den ungeheuer negativ besetzten Begriff „Hexe“ positiv belegten. Ich stehe nicht unbedingt hinter dieser neuen Bedeutung, aber der Begriff wurde zumindest damit umgewertet.

Sie haben in Ihren Artikeln für KursKontakte das direkte Zusammenleben der Menschen in neuartigen Wahlfamilien bzw. Wahl-Clans umrissen.

Ja, aber diese Vision umfasst auch Regionen und die Vernetzung von Regionen. Das Gefüge der matriarchalen Gesellschaft kennt keine größeren Einheiten als miteinander vernetzte Regionen.

Der Clan ist also sozusagen der Baustein, aus dem die ganze Gesellschaft aufgebaut ist?

Richtig. Gemeinschaft im Sinn von Wahlverwandtschaft ist der Grundbaustein und auch der realpolitische Ort – es gibt nichts anderes. Ich beobachte, wie sich bereits neue matriarchale Gesellschaften entwickeln, und das geschieht wie in traditionellen Zusammenhängen nicht vertikal in Hierarchien, sondern ausweitend in der Horizontalen. Verschiedene solcher neuen Gemeinschaften bilden ein dorfumfassendes Netzwerk, und dann formt sich ein übergeordnetes Netzwerk von Dörfern in einer Region. Regionen sind für Kriterien wie Konsensfindung und Autarkie nicht zu groß und nicht zu klein – größere Einheiten sind hingegen nicht mehr fassbar. Das heißt aber nicht, dass kein überregionaler kultureller Austausch möglich wäre: Mit der heutigen Hochtechnologie lässt sich ein weltweiter Austausch mit allen Regionen ähnlicher Prägung herstellen. Damit würde so etwas wie eine Weltgesellschaft vernetzter Regionen entstehen.

Kann so ein Modell auch in Megastädten wie Kalkutta oder Mexico City funktionieren?

Nein. Ich denke, diese Städte sind ein großes Problem, nicht nur für meine Vision, sondern generell. Denn sie sind zu groß, und sie funktionieren nicht. Die Menschen verelenden darin, sie verlieren ihre Wurzeln und ihre sozialen Bindungen. Ich bin der Meinung, dass diese Städte, wenn sie weiterhin so wachsen, über kurz oder lang an ihren sozialen Problemen zugrundegehen werden. Schließlich wird sich die seelische Verarmung der Menschen in Gewalt entladen. Ich sehe eigentlich nur zwei Alternativen – das sage ich jetzt beschreibend und nicht wertend: dass diese Städte nach innen zusammenbrechen, was ja schon teilweise geschieht, oder dass sich diese Moloche nach außen hin in Regionen auflösen. Die heute bekannte Stadtkultur wird nicht mehr lange in dieser Form bestehen, denn sie repräsentiert die feindlichste Lebensform gegenüber der Biosphäre; die millionenfach geballten Bedürfnisse der Städte saugen die umliegenden Regionen aus und zerstören sie. Wenn ich in meinem Modell von Regionen spreche, meine ich nicht nur dörfliche Strukturen, es kann schon kleinere Städte von, sagen wir, drei- oder fünftausend Einwohnern geben. Ich kenne das etwa von matriarchalen Regionen in Nordwestindien, wo es in den Kasi-Bergen kleine Städte gibt. Wichtig ist dabei, dass es sich um -Ackerbaustädte handelt, die sich von ihrem eigenen Umland jeweils selbst ernähren. Solche Städte können nur soweit wachsen, wie dies die umliegende Region mit ihren in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen tragen kann.

Hier sehe ich ein großes Problem. Wir denken über eine ansprechende matriarchale Vision für die heutigen Menschen nach, müssen aber einem Großteil der Erd-bevölkerung sagen, dass sie nicht mitmachen können, weil ihr urbaner Lebensstil damit nicht kompatibel ist.

Nun, es geht ja nicht ums Mitmachen, sondern darum, den Menschen klarzumachen, wie verschwenderisch und zerstörerisch dieser Lebensstil ist. Ich würde aber niemandem in der Stadt sagen: „Du lebst verkehrt.“ Überzeugen kann man nur durch positive Vorbilder, und es werden ohnehin immer mehr Menschen merken, dass es so nicht mehr weitergeht. Wenn Schiffbrüchige von einem Luxusdampfer ins Meer springen, werden sie sich auch über ein kleines Boot freuen, das sie rettet, und nicht über den mangelnden Luxus in diesem Boot klagen. Diese Situation ist vergleichbar mit der jetzigen Gesellschaft und den kleinen Gemeinschaften, von denen die Menschen mehr erfahren müssen. So viele ziehen noch immer in die Städte und meinen, dass eine andere Lebensweise gar nicht möglich ist. Ich glaube aber, dass langfristig nichts anderes möglich sein wird als eine naturbezogene, eher ländliche und genügsame matriarchale Lebensweise.

Welche Aspekte des Anarchismus kann eine Bewegung für ein zeitgemäßes Matriarchat übernehmen?

Um darüber eine qualifizierte Aussage zu machen, müsste ich die Literatur genauer kennen, aber ich vermute, dass die Matriarchatsforschung die Ansätze des Anarchismus heute bereits überschreitet. Was mich in Ihrem letzten Beitrag über Anarchismus interessiert hat, war die Aussage, dass in der spanischen Revolution ganz Barcelona anarchistisch organisiert wurde. Ich denke ja, wie gesagt, dass die Megastädte aufgelöst werden müssen. Aber das geht freilich nicht so einfach. Vielleicht kann der Anarchismus Ideen für die Bewältigung der Übergangsphasen geben. Die Städte müssen sich insbesondere aus dringenden ökologischen Gründen in die Regionen hin auflösen, nicht nur aus sozialen Gründen. Die soziale Organisation ließe sich in Großstädten wahrscheinlich sogar kreativ lösen.

In dieser Hinsicht sollte man vermutlich einmal hören, was für Ideen ökologische Stadtplaner haben.

Richtig. Zum Beispiel war zur Zeit der spanischen Revolution die Ökologie noch kein allgemeines Problem, deshalb müssen wir heute ganz andere Fragen stellen als in den 30er-Jahren. Aus meiner Sicht müsste man die Frage der Städte so schnell wie möglich lösen, denn die Städte sind, ökologisch gesehen, wie wuchernde Krebszellen. Ich habe selbstverständlich kein Patentrezept, etwa wie verhindert werden könnte, dass die Riesenstädte zusammenbrechen und viele Menschen daran zugrunde gehen. Die Katastrophe ist immer die schlimmste Lösung!

Beim Stichwort „Katastrophe als Lösung“ denke ich auch an mögliche Strategien für den Wandel. Die Anarchisten sind ja bislang gescheitert. Gibt es überhaupt eine Chance, aus einem Herrschaftssystem heraus eine herrschaftsfreie Gesellschaft zu schaffen? Oder fordert das Neue erst den völligen Zusammenbruch des Systems?

Das ist die entscheidende Frage. Ich höre oft: „Wir müssen auf den Zusammenbruch warten, erst dann kommt der Paradigmenwechsel.“ Aber ein Zusammenbruch schafft nur noch mehr Zerstörung. Wir wissen ja nicht einmal, ob aus dem großen Zusammenbruch überhaupt noch etwas lebend hervorgeht.
Ich habe diesem Szenario deshalb die „She-volution“ – von Englisch: she – entgegengestellt. Es geht hier um eine sanfte, nachhaltige Revolution, die – wenn noch genug Zeit ist – über Generationen dauern kann. Das hat jedoch nichts mit Evolution zu tun, denn diese „She-volution“ läuft auf einen revolutionären Paradigmenwechsel hinaus, der insbesondere von Frauen getragen wird. Sich geistig in ein völlig neues Paradigma zu begeben, ist der revolutionäre Schritt. Die Umsetzung dieser Revolution verläuft jedoch nicht so, wie das bislang im patriarchalen Herrschaftssystem gedacht wurde, sie ist sanft und vollzieht sich in kleinen Schritten. Wenn ich viele kleine Schritte mache, ohne ein neues Paradigma im Kopf zu haben, werden diese Schritte letztlich im alten System versanden und davon absorbiert werden. Es existieren viele traurige Beispiele für solche reformistische Ansätze.
Denkt man hingegen in einem neuen Paradigma, ist jeder kleine Schritt, den Menschen gemeinsam gehen, ein richtiger und revolutionärer Schritt. Zum Beispiel der Schritt, aus der Vereinzelung der Städte auszusteigen und sich einer ländlichen Gemeinschaft anzuschließen: Das ist sanft und friedlich, aber es kann durchaus Revolutionäres in Gang setzen, wenn man das übergeordnete Anliegen verfolgt, das Gemeinschaftsleben als eine neue Form der Gesellschaftsordnung mitzugestalten. Ob sich Menschen für diese kleinen Schritte gewinnen lassen, hängt nicht zuletzt auch von einer guten Bildung ab, um das neue Paradigma immer genauer erkennen und artikulieren zu können.
Wenn ich solche Ideen öffentlich vorstelle, kommt meist der Einwand: „Ja, aber das dauert ja alles so lang!“ Diese Auffassung teile ich nicht, denn die wachsende Krise haben wir bereits, die Probleme galoppieren. Je schneller dieser Prozess verläuft, umso eher werden die Menschen genötigt, sich anders zu orientieren.

Wie ist der Anarchismus aus der Sicht der Matriarchatsforschung einzuordnen? Bildet er eine Ausnahme unter den patriarchalen „Ismen“?

Wenn es „Anarchismus“ heißt, dann ist er wohl ein „Ismus“; doch vielleicht ist er nicht wirklich patriarchal. Zunächst gibt es tatsächlich viele Überschneidungen zwischen beiden Richtungen: die Entbehrlichkeit des Staates, die Anordnung in kleinen Einheiten, die sich kreativ entwickeln, das kreative Chaos, die offenen Strukturen. Aber auch die Unterschiede sind aufschlussreich. Der erste Eindruck, den ich vom Anarchismus hatte, ist, dass er gute Ideale hat, die wir in der Matriarchatsforschung teilen. Aber Ideale sind zu allgemein, als dass man daraus eine Gesellschafts- oder auch nur eine Sozialform entwickeln könnte. So weiß ich zum Beispiel nicht, ob sich konkrete anarchistische Regeln des Zusammenlebens entwickelt haben. Möglicherweise gab es das überhaupt nicht, weil das Regeln-Aufstellen nicht zu den anarchistischen Idealen gehört: Dezentralität, Vernetzung, Interaktion, Selbstorganisation, gegenseitige Hilfe, Vielfalt, Kollektivität …

Das sind so die Schlagworte. Aber in den einzelnen anarchistischen Experimenten in der Geschichte ist es natürlich auch durchaus konkret geworden, wobei manchmal mehr Regeln aufgestellt wurden und manchmal weniger. Es gab unzählige kleinere Experimente in einzelnen Gemeinschaften, Polit-Gruppen oder eben auch Regionen und Städten wie zum Beispiel in Barcelona vor genau siebzig Jahren.

Dazu kann ich mich nicht äußern, weil ich das nicht kenne. Ich kenne aber aus der Geschichte verschiedene theoretische Utopien, bei denen es immer so gewesen ist, dass man mit seinen Ideen beim Nullpunkt begann und sich bei der praktischen Umsetzung alles neu ausdenken zu müssen meinte. Da läuft man immer Gefahr, mit sehr vielen Problemen und Rissen konfrontiert zu werden. Das Gemeinschaftsleben in matriarchalen Kulturen funktioniert einfach gut – und zwar seit sehr langen Zeiträumen! Wir brauchen gar keine Theorien und Experimente, denn wir haben hier ja die Vorbilder, die uns lehren können – und ich kenne deren Regelwerk bis ins Detail. Deswegen würde ich von dem allgemeinen Rahmen gerne auch mal ins Detail gehen und prüfen, was das eigentlich für uns heißen könnte, was dieses Wissen bewirken könnte! Aus den frühgeschichtlichen Gesellschaften haben sich auch matriarchale Kulturen weiterentwickelt, die heute zum Teil sehr viel komplexer sind, als wir glauben. Vor allem verfügen diese Gesellschaften über ganz geschickte Strategien, um das Patriarchat bis heute zu vermeiden. Die tradierten Erfahrungen dieser Menschen sind ein ungeheurer Schatz. Ich meine deshalb, dass die Matriarchatsforschung möglicherweise eher die Anarchisten inspirieren könnte als umgekehrt.

In meinem zweiten Mama-Anarchija-Beitrag steht: „Bei allen Übereinstimmungen ist zu bedenken, dass der Anarchismus eine Struktur für gesellschaftliche Organisation darstellt, authentische matriarchale Lebensweise aber eine umfassende Kultur bedeutet – eine Kultur, die nicht zuletzt auf einer sich von patriarchalen Religionen fundamental unterscheidenden Spiritualität beruht. Matriarchat beinhaltet eine an-archische Organisationsstruktur, aber Anarchismus ist nicht gleich Matriarchat.“

Das stimmt, das bringt es auf die Formel. Ich denke auch, dass die matriarchale „Vision“ umfassender ist, weil sie kulturelle und spirituelle Aspekte aufweist und damit mehr ist als eine bloße Organisationsstruktur. Ich kann das hinsichtlich des Anarchismus nicht beurteilen, aber wenn man nicht kulturell-weltanschauliche oder spirituelle Dinge einbezieht, müssen reine Organisationsstrukturen zu kurz greifen, weil sie dann zu technisch werden. Wenn ich über das Matriarchat spreche, fange ich immer mit der ökonomischen Seite an, gefolgt von der Sozialordnung und der Politik – Aber eigentlich müsste man vom spirituellen Selbstverständnis dieser Gesellschaften ausgehen. Denn das ist das Umfassende: wie sich die Menschen in Kosmos und Erde eingebettet sehen. Von daher entwickeln sie ihre Prinzipien und die Symbolik des Lebens, alles, bis hin zu organisatorischen Dingen. Und das unterscheidet diese Gesellschaften wohl auch vom Anarchismus. Der Anarchismus stellt eben einen sehr rationalen Weg dar, während die Matriarchatsforschung eine Lösung sucht, in der das Kulturelle, Spirituelle, Seelische als das Wesentliche inbegriffen ist.

Man muss wohl in Betracht ziehen, dass sich der Anarchismus im 19. Jahrhundert in einer Phase entwickelt hat, in der Kirche und Religion Teil des Unterdrückungsapparats waren. Deswegen hat er von Anfang an eine starke materialistische Färbung angenommen.

Man hat zu dieser Zeit erst einmal den ganzen Herrschaftsapparat angegriffen und unterlaufen. Vor allem gab es damals auch nicht die umfassende Kulturforschung, auf die wir heute zurückgreifen können. Hier hat sich in der jüngeren Geschichte der Horizont doch stark erweitert.

Die frühen Anarchisten hatten keine Chance, die Matriarchatsforschung kennenzulernen.

Wenn man das bedenkt, erhält man einen gerechteren Blick auf die Sache. Auch der Anarchismus hat einen enorm wichtigen historischen Schritt getan, aber die Entwicklung ging weiter, und wir stehen nun an einem anderen historischen Ort. Die moderne Matriarchatsforschung kann anarchistische Prinzipien integrieren, aber sie geht etliche Schritte darüber hinaus.
Ich würde den Anarchismus aus folgendem Grund nicht als patriarchal bezeichnen: Oft sind in der europäischen Geschichte solche Werte wie Egalität oder Brüderlichkeit etc. als oppositionelle Werte aufgeflammt. Ich denke, dass sie sich aus einem unterschwelligen und größtenteils unbewussten matriarchalen Strom speisten, dem man historisch Gerechtigkeit widerfahren lassen muss. So hatte der Sozialismus anarchistischer Prägung auch seine historische Berechtigung und war in dieser Hinsicht auch durchaus erfolgreich.
Man hat damals zuvorderst einen materialistischen Ansatz verfolgt, weil zunächst eine materielle Basis für Menschen, die verhungern und verwahrlosen, geschaffen werden musste.

Die vielfach betont rational-materialistische Seite des Anarchismus scheint mir dennoch ein deutliches patriarchales Erbe zu sein.

Das würde ich nicht so sagen. Der marxistische Staatssozialismus war und ist patriarchal, weil er ein Herrschaftssystem darstellt. Das Patriarchat ist schon von seiner Entstehungsgeschichte her immer Herrschaft in den verschiedensten Formen. Der Anarchismus durchbricht dieses Muster, weshalb man ihn von seiner Grund-idee her nicht mehr als patriarchal beschreiben kann. Patriarchal bedeutet aber auch nicht einfach „männerzentrierte Gesellschaft“, sondern Herrschaft durch eine Elite von Männern über alle anderen Menschen. Man kann deshalb den Anarchismus meiner Auffassung nach nicht pauschal als patriarchal beschreiben – obwohl er freilich noch patriarchale Elemente enthält. Die ungelöste Gender-Frage im Anarchismus ist zum Beispiel noch patriarchal, denn man war noch nicht an dem Punkt angelangt, über die traditionell festgeschriebenen Rollen der Geschlechter nachzudenken.

Doch, in den verschiedenen anarchistischen Bewegun-gen und Strömungen gab es in dieser Hinsicht immer wieder progressivere Ansätze.

Es mag sein, dass die Gender-Frage in den linken Bewegungen aufgebracht wurde, aber teilweise hat man sie dort auch wieder degradiert. Es gibt diese wichtige Erkenntnis von Riane Eisler, wonach der Grad der Freiheit und Kultiviertheit einer Gesellschaft, das heißt ihre sozialen Tugenden und ihre soziale Offenheit, immer an der Stellung der Frauen in ihr abgelesen werden kann. Im marxistisch geprägten Sozialismus und vermutlich auch im Anarchismus wurde die Frauenfrage zwar auf den Tisch gebracht, dann jedoch zu einem Nebenwiderspruch degradiert, und das ist bereits theoretisch falsch. Frauen waren im Realsozialismus beliebt als Ingenieurinnen oder Maschinenfahrerinnen, aber das hatte überhaupt nichts damit zu tun, dass ihre Lebens- und Denkwelt sehr unterschiedlich sein kann. Man hat die Frauen zu „kleinen Männern“ gemacht, die an allem teilnehmen konnten – und das sollte die Befreiung sein. Sie wurden im Rahmen einer vorgegebenen patriarchalen Struktur in die Berufswelt hereingelassen, aber sie konnten gar nichts an den grundsätzlichen Strukturen ändern. Dies führt letztlich aber nur zu einer Verdoppelung des Patriarchats.
Wie sah das denn im Anarchismus aus, können Sie mir dazu etwas sagen?

Ich denke, man muss zwischen den proletarisch-anarchistischen Gewerkschaftsbewegungen, bei denen die Geschlechterfrage weniger progressiv angegangen wurde, und den „bohèmehaften“ Anarchokreisen, wo das eher diskutiert und auch ansatzweise gelebt wurde, differenzieren. Allerdings waren die klassischen anarchistischen Theoretiker eben zu mindestens 95% Männer. Ich kenne da vom Namen her eigentlich nur die berühmte Anarcho-Feministin Emma Goldmann.

Es geht nicht darum, ob und wieviele Frauen oder Männer dabei waren oder sind. Auch Frauen können ein patriarchales Bewusstsein haben und genauso schreiben und handeln wie die Männer. Aber wenn eine Bewegung überwiegend theoretisch und auch praktisch von Männern initiiert ist, dann passiert das, was in der europäischen Denkgeschichte – vor allem der Neuzeit – immer passiert: Man spricht von „den Menschen“ und setzt dabei unbewusst den Mann mit seinen Bedürfnissen und seiner Lebenswelt als Norm. Wir finden in der europäischen Philosophie überall immer nur den Menschen. Dabei wird – unbewusst und ohne böse Absicht – verwischt, dass die Menschheit aus zweien besteht. Folglich kommt niemandem in den Sinn, dass man einen Gender-Diskurs führen müsste, um herauszufinden, wie die Menschheit zweigeteilt denkt. Diese typisch europäische Denkfigur durchzieht alles, von der philosophischen Theorie über die politische Theorie bis zu den Wissenschaften. Luce Irigary hat das auf den Punkt gebracht, indem sie hinsichtlich des europäischen Diskurses der Neuzeit bis zum heutigen Tag feststellte: La femme n’existe pas! (die Frau existiert nicht). – Wenn aber die weibliche Hälfte der Menschheit für sich das Bewusstsein hat, dass es sie als etwas Eigenständiges gar nicht gibt, hat das natürlich auch seine Auswirkungen: Die Frauen gleichen sich den Männern theoretisch und praktisch an – was, wie gesagt, zur Verdoppelung des Patriarchats führt.
So vermutlich auch im Anarchismus: Die Theorien wurden mit der besten Absicht von Männern erdacht, aber es wird über allgemein Menschliches gesprochen, und die Männer denken immer für die Frauen mit. Dieser Verhalt beginnt sich jetzt erst langsam in der Gesellschaft zu ändern, weil sich Frauen in der jüngeren Vergangenheit das Recht erkämpften, bessere Ausbildungen und akademische Berufe zu haben. Darum reden sie jetzt mit eigenen Lebens- und Gesellschaftsentwürfen mit!
Das war zu den Hochzeiten des Anarchismus noch gar nicht möglich. Die Anarchisten standen in der europäischen Tradition, dass Männer für alle Männer und Frauen denken. Aus der Geschichte heraus ist das ein patriarchales Element.

Da wäre es lohnend, sich einmal anzusehen, was Emma Goldmann in den 20er-Jahren zu den spezifischen Bedürfnissen der Frauen gesagt und geschrieben hat.

Ja, das klingt interessant! Eine Marxistin hat mir auch einmal geraten, Rosa Luxemburg zu lesen. Sie erwähnte, dass Rosa Luxemburg ein paar neue Elemente aus Frauensicht in den Marxismus einbringen wollte, die dann jedoch belächelt wurden. Das ist der Ansatz zu einem anderen Diskurs – nur hatte sie damals keine Chance. Vielleicht ist das bei Emma Goldmann auch ähnlich, das müsste man sich einmal anschauen.

Sie haben matriarchale Gesellschaften als hilfreiche Vorbilder für die Spielregeln des guten Zusammenlebens genannt. Inwieweit kann eine Initiative für eine zeitgemäße matriarchale Vision vom matriarchalen Protomodell abweichen? Gibt es Aspekte, die verzichtbar erscheinen?

Freilich gibt es die. Zur modernen Matriarchatsforschung gehört immer auch die „Übertragungsdiskussion“, welche die Frage aufgreift: Was können wir aus diesen traditionellen matriarchalen Gesellschaften lernen, und was ist daran historisch überholt und nicht übertragbar?
Man kann nicht aus einer vergangenen Gesellschaftsform auf zukünftige Formen schließen, das würde im Fundamentalismus enden. Wenn wir historisch denken, müssen wir immer in Prozessen denken. Ich bin ja als Forscherin seit langem intensiv mit der Frage beschäftigt, was die Wurzeln der historischen matriarchalen Gesellschaften waren und was unsere Wurzeln heute sind. Obwohl ich die sozialen, politischen und kulturellen Regeln traditioneller matriarchaler Gesellschaften gut finde, stehen wir heute nicht mehr auf der ökologischen und technologischen Stufe der Jungsteinzeit, sondern leben in einer Hightech-Gesellschaft. Wir stehen an einem völlig anderen Ausgangspunkt, weil unser Wissensstand seit der Frühgeschichte unermesslich erweitert wurde. Dazu gehört auch, dass uns nun ja das Patriarchat bekannt ist. Wir durchschauen seine destruktiven Muster heute auf allen Ebenen und könnten eigentlich bewusst anfangen, Herrschaftsmuster aufzulösen und ihrer Neubildung entgegenzuwirken. Außerdem denke ich, dass das matriarchale Modell der Blutsverwandtschaft antiquiert ist. Zukünftige Clanstrukturen werden mindestens teilweise auf Wahlverwandtschaften beruhen. Unverzichtbar scheint mir hingegen das Konsensprinzip, dessen Regeln die Menschen für ihre Entscheidungsfindung wieder erlernen müssen.
Was die spezifisch matriarchale Spiritualität betrifft, so sehe ich diese in der Form einer neuen Liebe zur Natur und der neuerlichen Hinwendung zur Gemeinschaft bereits wieder stark im Kommen.

Könnten Gesellschaften aus kleinen, dezentralen Einheiten den heutigen Stand der Technik überhaupt aufrechterhalten?

Wir sind technologisch stark überentwickelt und müssen die Technologie vielfach erst einmal in ökologischer Hinsicht um- oder zurückbauen. Dabei gelten zwei unerlässliche Kriterien: Inwieweit dient eine Technologie den Bedürfnissen der Menschen, und inwieweit ist sie naturverträglich? Auf ein etwas sanfteres Niveau zurückgeschraubt, lassen sich alle modernen Technologien – einschließlich der Computertechnologie – in Regionen herstellen, denn Regionen sind klein genug, um menschliche Zusammenhänge aufrechtzuerhalten, und groß genug, um eine dezentrale technologische Entwicklung zu ermöglichen. Was dem heute allein entgegensteht, sind die Monopolstellungen einzelner Großindustrien. Wenn wir diese Technologien dezentralisieren, ist Hightech-Herstellung mit der heute üblichen gegliederten Arbeitsteilung auch in größeren Regionen machbar.
Für dezentrale, lokale und regionale Arbeitsteilung existieren bereits interessante Denkansätze.

Ja, beispielsweise Frithjof Bergmanns Idee der „Neuen Arbeit“. Aber auch die Anarchisten behaupten, dass man unsere Ökonomie dezentral und auf den entsprechenden ökologisch-nachhaltigen Grundlagen organisieren könnte.

Wobei es in dieser Hinsicht doch ein paar Technologien gibt, die wegfallen, weil die Menschheit sie eigentlich nicht braucht. Zum Beispiel die Atomkraftwerke, Waffentechnologien und andere Industrien, die man nur dafür betreibt, um einen Hegemonialanspruch aufrechtzuerhalten, wie ihn die USA über die ganze Welt ausdehnen. Computer benötigt man aber wahrscheinlich als Medium zur weltweiten oder auch nur landesweiten Vernetzung der Regionen.

Ja, die positiven Aspekte der Globalisierung sollten schon erhalten bleiben.

Es ist die Region, die relevant ist für die politischen, sozialen und ökonomischen Muster. Aber das Kulturelle kann und soll global werden. Die Kommunikationswege in bestehenden matriarchalen Gesellschaften reichen auch erstaunlich weit, das Leben und Wohnen jedoch ist lokal und regional. Wenn das heute überall geschehen würde, käme es einer Globalisierung von unten gleich. ´




Heide Göttner-Abendroth hat in Philosophie und Wissenschaftstheorie promoviert. In dreißigjähriger Forschungsarbeit wurde sie zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung. Sie leitet „Matriarchale Mysterienfeste“ im Rahmen der Akademie HAGIA.
http://www.hagia.de


  Autoren

Heide Göttner-Abendroth, Jochen Schilk

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