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Neue Arbeit – Neue Kultur
erschienen in Ausgabe 147  PDF-Version (197.71 KB)
Das Potenzial gewollter Arbeit und regionaler Eigenfertigung. Eine konkrete Utopie von Frithjof Bergmann.

Menschen, die zum Kern ihrer Bedürfnisse und Wünsche vordringen und anstelle von fremdbe-stimmter Arbeit genau das tun, was sie mit Leidenschaft „wirklich, wirklich“ wollen, verändern ihre Welt fundamental. Sie entwickeln kreative Lösungen für nachhaltige Technologien und regionale Ökonomien, durch die man von den heutigen Gewinnern der Globalisierung unabhängig werden kann. Der Philosoph Frithjof Bergmann fördert das Wirklich-wirklich-Wollen von Menschen in aller Welt. Seine Ideen machen Mut, sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.


Wir leben heute im Spannungsfeld zwischen einem Entweder und einem Oder. Von Monat zu Monat schlittern wir dem Entweder immer schneller entgegen. Wir wissen, dass global die Kluft zwischen den immer extremer Reichen und der Unzahl derer, die in immer tieferer Armut versinken, noch dramatischer aufreißen wird, wenn es uns nicht gelingt, das Steuer am Schiff unserer Kultur richtungsändernd herumzuwerfen. Wenn wir uns weiter in der bisherigen Richtung treiben lassen, dann wird der Terrorismus auch in den bisher behüteten Oasen wie München oder Wien Züge in die Luft sprengen, so wie es schon in Madrid, in London und vor kurzem in Bombay passiert ist. Dann wird der bereits begonnene Krieg zwischen den Reichen und den Armen weiter eskalieren, bis er in ein universelles gegenseitiges Schlachten ausartet. Anders ausgedrückt: Das Symbol für das Entweder ist Jerusalem – nicht die Hoffnung, die Jerusalem einmal war, sondern die Stadt Jerusalem, so wie sie derzeit existiert; das Jerusalem, in dem weder palästinensische noch israelische Eltern wissen, ob die Kinder, die am Morgen zur Schule gehen, am Nachmittag wieder heimkommen werden.

Echter Wandel ohne Revolution

Ich bin bis in meine tiefsten Wurzeln davon überzeugt, dass es im Gegensatz zu diesem Entweder ein nicht nur erträgliches, sondern ein zum Feiern schönes Oder gibt. Weiterhin bin ich der Meinung, dass dieses Oder ohne Gewalt, ganz und gar ohne Revolution, im Gegenteil: einfach und leicht zu erreichen ist. Aus gutem Grund aber werde ich diese andere mögliche Welt nicht gleich schon hier zu beschreiben versuchen. Nichts brauchen wir weniger als eine weitere Aufzählung hoher Ziele, edler Absichten oder, noch schlimmer, -nichtssagender, aufgebauschter „Beschlüsse“. Man hat uns so oft versprochen, dass dies oder jenes halbiert oder bis zum Jahr 2007 oder 2015 um 30 Prozent reduziert sein wird, dass unsere Ohren regelrechte „Hörklappen“ gegen derlei Gerede entwickelt haben. Stattdessen möchte ich in diesem Beitrag die eher hausbacken anmutende Frage nach den Mitteln, nach dem Wie ins Zentrum stellen: Wie, mit welchen Schritten, durch welche Innovationen, durch das Erklimmen genau welcher Stufen könnte eine echte Wende hin zu einer grundsätzlich anderen Welt tatsächlich bewerkstelligt werden?
Wenn überhaupt, dann kann dies meiner Meinung nach nicht durch eine große Tat, sondern nur auf eine fast unscheinbare Art und Weise gelingen, nämlich – das wird Sie überraschen und erstaunen – durch die äußerst gezielte und mit aller Kraft verfolgte Weiterentwick-lung von zwei bereits bekannten und verbreiteten Ansätzen:
Die Wegautomatisierung von Millionen Arbeitsplätzen hat eine gewaltige Konsequenz mit sich gebracht: die Verschiebung der Arbeit nach oben, von den Händen und dem Rücken in den Kopf. Als weitere Folge davon wurden Begabungen, Intelligenz und Talente zunehmend wichtiger für die unterschiedlichsten wirtschaftlichen Erfolge. Diese enorm breite Aufwärtsverschiebung ist der erste der beiden Ansätze, die ich meine. Es stellt sich die Frage, wie man diesem bereits existierenden, deutlichen Trend eine Richtung geben kann, die nicht zu einer immer tiefer werdenden Spaltung zwischen Arm und Reich führt, sondern im Gegenteil zu einer Schließung dieser Kluft und weit darüber hinaus zu einer humanen, vernünftigen und sogar fröhlichen Kultur.
Hier sind sicherlich viele Wege denkbar. Ein besonders effektives Beispiel eines solchen Versuchs begann mit einem Vorschlag, den das erste „Zentrum für Neue Arbeit“ bereits im Jahr 1982 vorlegte, und zwar in der US-Automobilstadt Flint zu jener Zeit, als mit großer Plötzlichkeit Computer zu beiden Seiten der Fließbänder die menschlichen Arbeiter zu ersetzen begannen. Der Kern dieses Vorschlags bestand in einer Alternative zur Massenentlassung der Menschen: Die Arbeiter sollten wie bisher in den Fabriken tätig sein, allerdings nur noch sechs Monate im Jahr. In den übrigen sechs Monaten sollten sie nicht im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen den Rasen pflegen oder Papierfetzen aufheben; vielmehr würde das Zentrum für Neue Arbeit alle erdenklichen Anstrengungen unternehmen, um die Begabungen und Talente, aber auch die Werte und ganz besonders die tief verschütteten Wünsche der Arbeiter zutagezufördern. Finanzieren sollte das Experiment der Automobilhersteller, der auf diese Weise um die Zahlung von Entlassungsabfindungen herumkäme. Die Arbeiter würden sechs Monate lang ihre „alte“ Arbeit verrichten, aber in der anderen Jahreshälfte zur „neuen“ Arbeit aufsteigen – Arbeit, die sie wirklich, wirklich tun wollten.

Was wollen Sie wirklich, wirklich tun?

Viele schüttelten den Kopf. Unsere Antwort darauf war, dass sie das ruhig tun sollten, denn Kopfschütteln ist bekanntlich gut für den Kreislauf. Andere befürchteten, dass Menschen, die zwanzig Jahre lang am Fließband gestanden hatten, längst nicht mehr wüssten, was sie denn wirklich, wirklich wollten. Unsere Antwort darauf war, dass zwanzig Jahre am Fließband gar nicht nötig seien, um das nicht zu wissen – die meisten Menschen wüssten auch ohne Fließband nicht so ohne weiteres, was sie wirklich wollten; ja, dies nicht zu wissen sei sogar ein Kernphänomen der menschlichen Natur. Genau darin besteht deshalb eine der Hauptaufgaben der Neuen Arbeit: sehr viele, sehr unterschiedliche Menschen beim Ausgraben ihrer verschütteten Wünsche mit Geduld und mit Kompetenz zu begleiten.
Das haben wir nun seit über zwanzig Jahren in sehr vielen, sehr unterschiedlichen Projekten getan, etwa mit „schwierigen“, mehrfach vorbestraften Jugendlichen. Aber auch mit Senioren, die zu uns kamen, weil sie mit siebzig Jahren in ihrem ganzen Leben noch nichts von dem, was sie wirklich wollten, getan hatten. Sehr oft arbeiteten wir auch mit Managern, nicht selten aus renommiertesten Betrieben. Mehrmals waren wir bei Indianerstämmen hoch im Norden Kanadas, und selbstverständlich kümmerten wir uns intensiv um Langzeitarbeitslose und Arme, erst in den Innenstädten der USA und in den letzten zehn Jahren zunehmend in anderen Ländern: in Indien, in der Ukraine, in Deutschland und Österreich, in Japan, auf Haiti und seit dem Jahr 2000 in Afrika, in den letzten vier Jahren vor allem in Südafrika.
Zunächst bemerkten wir, dass viele Menschen tatsächlich Monate brauchen, um das, was sie wirklich, wirklich wollen, zu erkennen. Diese Schwierigkeit ist so gravierend, dass wir dafür zwei Ausdrücke prägten: Wir sprechen davon, dass viele an einer „Armut ihrer Begierde“ leiden und dass sie das „Flüstern ihrer tieferliegenden Wünsche“ nicht mehr hören.
Es mag überraschen, aber gewollte Arbeit ist im schärfsten Kontrast zu unserem gewohnten Denken über Arbeit – nicht ermüdend! Vielmehr stärkt sie uns, sie gibt uns Kräfte, von denen wir nichts ahnten, sie erfrischt uns, sie heilt uns und hilft uns tiefer in das Leben hinein.
So über Arbeit zu denken, mutet uns märchenhaft an, weshalb ich die Kraft dieser Art von Arbeit auch die „Münchhausen-Kraft“ nenne. Das Bild ist stimmig, einerseits wegen der Geschichte, in der der Baron sich und sein Pferd am eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht; aber mehr noch wegen der Episode, in der er mit Hilfe zweier Magneten zum Mond hinauf klettert, indem er immer einen Magneten höher hinaufwirft, so dass ihn dieser mitsamt dem anderen Magneten aufwärts zieht.
Das Sich-mit-zwei-Magneten-Hochschaukeln passt sogar noch besser, denn die „gewollte Arbeit“ ist ja auch etwas, was man über den eigenen Kopf hinaus hochwirft und was einen dann nach und nach in kleinen Schritten und wie auf Stufen nach oben trägt. Das vielleicht Wunderbarste an dieser Kraft ist die Tatsache, dass sie bis „ganz unten“ wirksam ist, bis hinunter zu denen, die am untersten Rand der Gesellschaft leben. Die wirklich gewollte Arbeit – so habe ich es erfahren – besitzt eine radikale Veränderungskraft, denn sie verwandelt alle gesellschaftlichen Schichten bis auf den Grund. Auch Köchinnen und Schlosser, Kinderbetreuer und Mechanikerinnen können Arbeit tun, die sie im Ernst verrichten wollen, und das ändert ihren Gang, die Art, wie sie ihren Kopf tragen, ihr Lächeln, den Ausdruck ihres Gesichts – tatsächlich ändert sich die Gesamtheit ihres Lebens.
Es liegt auf der Hand, dass man schon ganz junge Menschen – Kinder – darin bestärken kann, ihre wild durcheinandertummelnden Wünsche klarer und deutlicher zu hören. Das ganze System unserer Schulen könnte das genaue Gegenteil des Bisherigen tun: Nicht junge Menschen schleifen, bis sie glatt und schwach geworden sind und in die vorbereiteten Löcher der Gesellschaft hineinkullern, sondern stattdessen ihre Individualität wie ein Feuer nähren! Der Vergleich zur Ökologie- und zur Frauenbewegung liegt nahe: Genau so, wie man diese Bestrebungen auf hunderterlei Arten unterstützt hat, könnte man auch systematisch auf eine Gesellschaft hinsteuern, in der immer mehr Menschen ihre Arbeit nicht als bestenfalls „glimpfliche Krankheit“ erleben, sondern als ein lebensspendendes Elixier, von dem sie mit größter Lust trinken.
Am deutlichsten manifestiert sich der kraftvolle Schritt hinauf zu diesem Niveau, indem man neue Betriebe gründet, in denen Art und Weise der Neuen Arbeit vom Design und Ansatz her bereits grundlegend eingebaut sind. Im Kern bedeutet das die genaue Umkehrung der „alten Arbeit“: Nicht die Arbeit gegeben bekommen, sondern sie selbst erfinden und schaffen; nicht den Befehlen eines anderen gehorchen, sondern der eigenen Stimme, der eigenen Phantasie folgen.

Ein bewährtes Modell

Bemerkenswert ist, dass sehr viele, mitunter besonders erfolgreiche Betriebe diesem Grundmodell der Neuen Arbeit – zumindest zeitweilig – bedeutend näher waren als man vermuten würde. Berühmt ist das Beispiel von IBM, als es um den entscheidenden Durchbruch vom Mainframe-Computer zum Personal Computer ging. Der Konzern ließ ein Team auf genau -diese Art arbeiten – im eklatanten Kontrast zur sonstigen IBM-Kultur. Berühmt geworden sind auch die legendären „Garagen“ im Silicon Valley, wo man es sich in den Kindertagen der Computerindustrie erlaubte, auf diese Weise Neues zu erschaffen. Ich könnte viele andere Beispiele nennen, von den Bell Laboratories zu Edisons Zeiten über Duttweiler in der Schweiz bis hin zu Linux und der Open-Source-Bewegung. Es muss aber nicht bei diesen Einzelbeispielen bleiben, sondern – und das ist essenziell – man kann bewusst und systematisch genau diejenigen Bedingungen, welche die wirklich gewollte Arbeit möglich machen, in einer Ökonomie stärken und entwickeln.
Die Idee einer Arbeit, die wir wirklich aus vollem Herzen tun wollen, ist jedoch erst die eine Hälfte einer noch halbdunklen Ahnung von der Stufe, auf die wir jetzt hinaufsteigen könnten. Erst der zweite Ansatz, den ich meine, gibt uns eine wirkliche Vorstellung von den möglichen Veränderungen. Er ist im Grund so alt wie die Landwirtschaft.
Der Kern dieser anderen Option ist leicht misszuverstehen, denn es geht um das schwierige Thema der Technologie. So könnte dieser Ansatz mit der Anwendung von nachhaltigen oder auch „sanften“ oder „angepassten“ Technologien verwechselt werden. In der Tat bestehen hier Ähnlichkeiten, aber wir meinen dennoch etwas Grundanderes. Am deutlichsten kann ich den Unterschied durch eine Anekdote aus meinem eigenen Leben zeigen: Ich war noch sehr jung, als ich anfing, an der Universität von Princeton Philosophie zu unterrichten. Nach einem Jahr war ich mir jedoch gar nicht mehr so sicher, ob ich dieses Unterrichten wirklich, wirklich wollte. Ich gab meine Stelle auf und zog nach dem berühmten Beispiel Henry David Thoreaus in die Wälder von New Hampshire, um dort nur von dem zu leben, was ich selber anbauen würde. Mit voller Absicht hatte ich keine Motorkettensäge, sondern nur eine kleine Einhand-Bogensäge mitgenommen, und diese Säge wurde entscheidend für mein weiteres Leben, denn die Winter in New Hampshire sind grausig kalt. Es galt, lange Baumstämme mit der Hand kleinzusägen, um mich und meine Krautköpfe vor dem Erfrieren zu bewahren. Am Ende des zweiten langen Winters erkannte ich: Dieses Leben war nicht die von Thoreau versprochene Freiheit, sondern eine mir selbst auferlegte Sklaverei.
Der nächste Schritt bestand darin, mir eine Aufgabe zu stellen, an der ich seitdem zusammen mit sehr vielen anderen arbeite. Es geht dabei um eine andere Anwendung von Technologien oder, besser gesagt, um das Entwickeln von Werkzeugen, Materialien, Maschinen und Technologien, die die Sklaverei der Bogensäge ebenso wie die der Großkonzerne endgültig abschaffen sollen.
Wodurch oder wie soll das geschehen? Dadurch, dass man ein Mosaik von vielen Erfindungen zusammenfügt, damit eine Nachbarschaft oder auch ein Dorf sich nicht nur das eigene Kraut und die eigene Butter herstellen können, sondern darüber hinaus sehr vieles mehr.
Beim heutigen Stand einer Vielzahl von Technolo-gien sind wir nicht mehr weit davon entfernt, das eigene Haus, eigene Elektrizität und den mit dieser Elektrizität betriebenen, selbergemachten Herd herstellen zu können. Aber auch in einer kleinen, mobilen Fabrik hergestellte Möbel, selbergemachte Stoffe und Kleider, italienisch aussehende Schuhe, selbergemachte Kontaktlinsen und Brillen, Küchengeräte und Teller sowie den in einer Internet-Produktionshalle selbergemachten Kühlschrank und die selbergemachten Kosmetika und technische Schnickschnacks bis hin zum Walkman, zum Radio und Fernseher und sogar zum selbergemachten, allerdings viel einfacheren Handy scheinen heute durchaus im Bereich des Möglichen!

Kopfschütteln erlaubt!

Dass Kopfschütteln gut für den Kreislauf ist, -wurde erwähnt. Jetzt empfehle ich, dass Sie in den nächsten Leseminuten auf diese Art etwas für Ihren Kreislauf tun. Sie müssen mir aber gestatten, dass ich Ihnen gleichzeitig Schritt für Schritt Beispiele für meine Behauptungen nenne, in der Hoffnung, dass diese nach und nach Ihr Kopfschütteln in ein Kopfnicken überführen.
Zum Beispiel die sogenannte vertikale Agrikultur: Der Grundgedanke dieses Konzepts ist denkbar einfach. Man muss Kraut und andere Arten von Gemüse nicht wie bisher nur horizontal, auf ebener Erde anbauen. Wenn Land sehr teuer ist, wie in allen Städten und paradoxerweise auch in sehr vielen Slums, und außerdem auch das Wasser rar und kostbar ist, kann man mit Kompost gefüllte Behälter aufeinanderstapeln und die jungen Pflanzen in die vielen kleinen Löcher einsetzen, die sich an den Seiten dieser Behältertürme befinden. So lassen sich beeindruckende Ernten auf Dächern und Balkonen erzielen. Man darf sich dies aber nicht als eine isolierte Erfindung vorstellen – im Gegenteil, dies ist nur ein Baustein in einer weitverzweigten, sich entwickelnden Wissenschaft. Aus unserer Sicht ist neben vielen anderen Vorteilen dieser Anbauart einer ganz entscheidend: Man muss dabei die Erde nicht pflügen, kein Unkraut jäten und überhaupt nur ganz wenig arbeiten. Dieses Charakteristikum macht die Methode zu einem Stein in unserem Mosaik, das eine Eigenproduktion auf hohem Niveau – ohne den Schweiß der Bogensäge – realisieren will.
Ein zweites Beispiel sind die sogenannten monolithischen Kuppelbauten. An den allerunterschiedlichsten Orten, unter dem düsteren Himmel von Detroit ebenso wie auf Haiti oder in Südafrika, erhält man auf die Frage, was die in tiefer Armut Lebenden wirklich wollen, immer wieder die Antwort: „Einen Raum, eine große, weit ausladende Halle, in der man gemeinsam essen, singen, tanzen und auch gemeinsam beten kann“ (also ein schützendes Dach, unter dem sich die zerstörte Gemeinschaft vielleicht wieder aufbauen lässt). Nun ist eine solche Halle überraschenderweise gar nicht schwer zu bekommen. Die Technologie zu ihrer Errichtung ist sparsam, intelligent und regelrecht spitzbübisch-frech: Man verwendet eine flexible, belastbare, halbkugelförmige Kunststoffhaut. Diese bläst man auf wie einen Ballon und spritzt dann, ganz als wäre man die Feuerwehr, eine Mischung aus Lehm, Hanf und Zement darauf. Danach macht man eine drei Tage lange Pause und wartet, bis die so hergestellte Schale hart geworden ist. Gut ausgeruht erscheint man dann wieder und zieht den Stöpsel aus dem Ballon. Die Luft entweicht und die Haut fällt in sich zusammen, bis man sie schließlich vorne zur Tür herauszieht, ins Nachbardorf transportiert und dort für den Bau der nächsten Halle wiederverwendet.
Das Unternehmen Monolithic Domes aus Texas hat schon Tausende solcher Kuppeln gebaut (allerdings noch aus armiertem Beton). In diesem Fall passt sogar die Firma selbst in den Rahmen der Neuen Arbeit, denn ihr Angebot besteht unter anderem darin, die späteren Nutzer beim Selberbauen ihrer Kuppel anzuleiten.

Vom Segen des echten Fortschritts

Die monolithischen Kuppeln sind freilich nur eine von vielen sich schnell entwickelnden Techniken, intelligenter, billiger und vor allem selbständiger zu bauen. Wie bei der vertikalen Agrikultur handelt es sich keineswegs nur um eine zwar witzige, aber isolierte Idee, sondern um eine ganz neue Wissenschaft. Das Bauen mit Lehm ist hierfür ein besonders anschauliches Beispiel. Auf diesem Gebiet wird andauernd verbessert und entwickelt (z.B. im Zentrum für Neue Arbeit in Gotha). Ständig werden bessere kleine Maschinen konstruiert, mit denen man Lehmbauteile leichter, schneller und mit weniger Arbeitsaufwand herstellen kann. Im selben Tempo experimentiert man an vielen Orten mit neuen Mischungen von Lehm mit anderen Materialien. So weit zu kommen, dass man auch Dächer, die dem tropischen Regen standhalten, aus Lehm herstellen kann, wäre besonders in Afrika ein weiterer wichtiger Schritt.
Genug zum Essen zu haben – und nicht nur Gemüse, sondern auch Fische, Truthähne, Vogelstrauße, Pilze, Honig und mehr – und nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern vielleicht sogar zwei – ein kleines Privathaus und eine große Gemeinschaftskuppel – das könnte man sich wohl als gute Lebensgrundlage vorstellen. Es geht aber um einen weiteren Schritt, der auf einer bereits in Grundzügen etablierten Technik basiert:
Eine große Fabrikhalle, in der einhundert Roboter zu beiden Seiten eines Fließbands stehen, ist verschwenderisch, altmodisch und dumm. Jedem Kind würde bei einer Fabrikbesichtigung einfallen, dass es viel billiger und besser wäre, ein oder zwei Roboter zu haben, von denen jeder fünfzig oder auch hundert Arbeitsgänge ausführen kann anstatt monoton immer nur einen. An solchen Robotern, die kleinere Fabriken möglich machen, wird schon seit Jahren gearbeitet, auch in Deutschland, beispielsweise an der Technischen Universität in Chemnitz. Diese Entwicklung kann die „Neue Eigenfertigung“ mit einem gewaltigen Ruck auf ein höheres und komfortables Niveau anheben. Man kann sich leicht ein Dorf vorstellen, in dem man drei Wochen lang Altglas oder Altplastik sammelt. Wenn die Behälter voll sind, kommt eine kleine, mobile Fabrik ins Dorf und stellt aus dem alten Glas und Plastik eine Vielfalt von neuen Produkten her. Drei Tage lang arbeitet man wie wild, so wie man vor fünfzig Jahren noch auf dem Hof beim Dreschen gearbeitet hat, und dann ziehen LKWs die Fabrik hinüber zum Nachbardorf.
Unter den großen Entdeckungen der Neuzeit hatte vielleicht die der Elektrizität die größte Bedeutung für das alltägliche Leben. Und so bewundernswert wie Photovoltaikzellen auch sein mögen – in das Konzept des Selberherstellens passen sie bislang nicht, denn sie können nur mit sehr großen und teuren Anlagen produziert werden. Auch auf dem Gebiet der Stromerzeugung wird mit derselben erstaunlichen Energie wie beim Bauen und in der Permakultur weitererfunden und neu gedacht. Dass Elektrizität in der Zukunft jedenfalls dezentral erzeugt werden wird, ist durch die Entwicklung der Brennstoffzelle so gut wie sichergestellt. Aber auch die Brennstoffzelle ist noch zu teuer, weshalb es wahrscheinlich kleine, mobile Fabriken geben wird, die das gemeinschaftliche Selberbauen von Stirlingmotoren ermöglichen. (Stirlingmotoren brauchen nur Wärme zu ihrem Betrieb. Sie können z.B. mit Holz, Torf, Öl, Gas, trockenen Blättern oder Kuhmist betrieben werden– am einfachsten mit gebündelten Sonnenstrahlen.)
Das Konzept der kleinen, mobilen Fabrik, die natürlich mit raffinierten Maschinen und möglicherweise auch einem begabten Mentor an Bord tourt, kann fast beliebig vervielfältigt werden. Damit wäre schon eine ganze Menge von dem, was man zum Leben braucht, abgedeckt. Was in diesem Bild jedoch noch fehlt, ist etwas, das heute fast schon selbstverständlich ist, auch wenn es nicht aus dem Grund und Boden, sondern im Gegenteil aus dem Cyberspace kommt. In indischen Dörfern habe ich mit Dorfschulen gearbeitet, die über Internetanschluss verfügen. Der Unterschied zwischen einer Schule, in der die Kinder für den Lehrer einen auswendig gelernten Text heruntersagen, und einer anderen, in der jedes Musikstück, das je komponiert wurde, gehört und gespielt werden, jeder Film gezeigt, jedes Buch, jede Zeitung oder Zeitschrift gelesen werden kann, ist nicht in einem Satz zusammenzufassen. Wenn man in den entlegensten Dörfern fragt, was besonders die jungen Menschen wirklich wollen, dann lautet die voraussagbare Antwort: einen Computer. Der Wunsch verknüpft sich auf natürlichste Weise mit den monolithischen Kuppeln, die sich auch bestens zu Internet-Cafés eignen.

Weitere Erfindungen werden kommen

Selbstverständlich kann ich die beiden Ansätze im Rahmen dieses Beitrags nur andeuten. Viele Fragen zum „wirklich, wirklich Wollen“– etwa wie genau wir Menschen helfen, die Antwort auf diese Frage zu entdecken – sind nicht gestellt worden. Ebenso ließe sich der Ansatz der dezentralen Eigenfertigung noch mit vielen weiteren Beispielen konkretisieren.
Modellhaft und zusammenfassend gesprochen: Wir versuchen, im Namen der Neuen Arbeit in unterschiedlichsten Situationen auf eine neue Art Nachbarschaften, Dörfer und Gemeinschaften aufzubauen. In der ersten Phase wird sehr viel Ökologisches getan: bessere Wärmedämmung, bessere Dächer, Wasserfilter, Kompost-Toiletten etc. In der zweiten Phase erarbeiten wir die technologisch unterstützte Eigenfertigung. Der dritte Schritt ist die Ansiedelung eines mittelständischen kommerziellen Unternehmens. Die naheliegendsten Produkte, die die Basis dieser Unternehmen darstellen, sind natürlich die schon erwähnten Beispiele: bessere, kleine Maschinen zum Bauen mit Lehm, Ausrüstungen für die kleinen, mobilen Fabriken, Herstellung und Raffination von Biotreibstoffen und die Herstellung von all dem, was jetzt noch aus Erdölderivaten gemacht wird (z.B. Plastik) und sehr viel mehr …
Wenn sich die eigenfertigende Wirtschaft und die durch sie ausgelösten Kulturimpulse tatsächlich etablieren lassen, dann wird diese Wende unabsehbare Folgen haben. Mit etwas Geschick und Glück könnten die folgenden vier Konsequenzen darunter sein: die schrittweise Ausrottung der Armut, mehr Frieden und weniger Terrorismus, die Heilung der Monomanie des Wirtschaftswachstums und schließlich die Schaffung einer Kultur, deren Ziel nicht der Konsum, sondern die Menschwerdung ist. ´


Frithjof Bergmann, 1944 in Sachsen geboren und in Österreich aufgewachsen, hat an der University of Michigan, Ann Arbor, den Lehrstuhl für Philosophie sowie für Anthropologie inne und ist Gastdozent an der Universität Kassel. 1984 gründete er zusammen mit General Motors das erste Zentrum für Neue Arbeit in Flint in Michigan. Seitdem sind weltweit solche Zentren (u.a. auch in Deutschland) entstanden. New Work wurde zur Lebensaufgabe von Frithjof Bergmann. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen über ökonomische, politische und kulturelle Themen und berät Regierungen, Firmen, Gewerkschaften, Kommunen, Jugendliche und Obdachlose in Fragen der Zukunft der Arbeit und der Innovationsfreudigkeit. Seine Ansätze vertritt er in den USA und Europa, aber auch in den Ländern der Dritten Welt. Zur Zeit berät er die südafrikanische Regierung und wird in enger Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Wissenschaft und Technologie die Idee der Neuen Arbeit in Südafrika umsetzen.
www. neuearbeit-neuekultur.de



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Bergmann, Frithjof

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