Worum geht es eigentlich bei der Konkurrenz? Und was bedeutet sie für die Branche der Komplementärmedizin?
Das Lateinische con-currere bedeutet „zusammen laufen, mitlaufen“. Das kann man mit dem Bild eines Wettlaufs verbinden, bei dem mindestens zwei ohne Beziehung nebeneinander in dieselbe Richtung laufen. Sie wollen festzustellen, wer von beiden schneller ankommt. Nicht das Ziel ist dabei von Bedeutung und auch nicht, wessen Lauf besser ist, sondern einzig die Überlegenheit. Leistung wird vergleichbar gemacht und der „Bessere“ als Gewinner ermittelt. Der Grund für so ein Bedürfnis mag darin zu finden sein, dass sich über das Schnellersein und Bessersein die eigene Identität aufbauen oder steigern lässt.
Eine so verstandene Konkurrenz als Wettkampf macht aber nur dann Sinn, wenn alle daran Beteiligten die gleichen Ausgangsbedingungen haben und dasselbe tun. Ein Wettlauf zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten wäre völlig ohne Sinn. Auch das Ziel muß für alle dasselbe sein, denn die Individualität von Bedürfnissen und Zielen ermöglicht keine Konkurrenz.
Der Beste in diesem Spiel ist derjenige, der das vorgegebene Ziel am schnellsten erreicht. Daraus leitet sich auch der Zweck der Konkurrenz in unserem sozialen System ab, die von uns verlangt, der einzige, größte, bekannteste, preiswerteste und anerkannteste Anbieter am Markt zu sein. Es geht darum, dieses Ziel vor allen anderen zu erreichen. Wenn sich daran etwas ändert, sind es selten die Ziele, sondern die Vorgehensweisen zum Erreichen des Ziels. Daran mag man nichts auszusetzen haben, wenn es um den Verkauf von Regalen, Autos oder Konfektionsware geht. Man darf sich jedoch erlauben, sich nicht mit dem Konkurrenzprinzip abzufinden, wenn es um beratende Angebote auf dem „freien Gesundheitsmarkt“ geht (wobei die Annahme, man hätte es in diesem Bereich der Bedürfnisse mit einem „Markt“ zu tun, bereits abwegig ist).
Alle gegen Alle?
Die philosophische Voraussetzung für das paradigmatische Konkurrenzverhalten im sozialen Feld stammt von Adam Smith: „Wenn jeder Mensch ausschließlich seinen egoistischen Interessen folgt, wird daraus für alle das Bestmögliche entstehen.“
An der Richtigkeit dieser Theorie darf gewiss gezweifelt werden. Konkurrenz, Wettkampf, Kampf. Worum wird eigentlich gekämpft? Nun, es geht um den Kampf der Lebewesen um knappe materielle (oder auch ideelle) Güter, die an diesem Kampf beteiligten Akteure und die Art und Weise, wie dieser Kampf ausgetragen wird.
Die Evolutionstheoretiker sagen uns, dass das rüde Gegeneinander, bei dem sich der Einzelne oder die Gruppe um jeden Preis gegen den oder die anderen durchzusetzen versucht, ein natürlicher Zustand sei. Der größere und stärkere Affe beißt den kleineren und schwächeren Affen von Futter und Weibchen weg. Doch kann man in der Natur auch etwas ganz anderes finden: Ein soziales und fürsorgliches Miteinander, bei dem die Selbstdurchsetzung zugunsten der Gruppe zurücktritt.
Vielleicht ist es vor diesem gedanklichen Hintergrund nicht uninteressant, einige allzu simplifizierte Vorstellungen über die Evolution zu hinterfragen, die mit den Gedanken Spencers zu einem unheilvollen Brei vermengt worden sind. Mit diesem Brei werden wir gefüttert, um groß und stark zu sein für das vermeintliche Survival of the Fittest. Obwohl der Überlebenskampf bei den einzelnen Lebewesen oder einer Gruppe situationsbedingt durchaus realistisch ist, so scheint es dennoch keineswegs angemessen, ihn als Leitgedanken der Evolution zu propagieren. Lebende Systeme zeigen uns einerseits ihr Bemühen zu überleben, doch sie zeigen uns darüber hinaus aber auch Adaption, Kooperation und Lernen. Wenn die Fähigkeit zu lernen eine in der biologischen Wirklichkeit angelegte Möglichkeit ist, die entwickelt und entfaltet werden kann, dann ist es unlogisch anzunehmen, dass dieses Lernen von der Maxime des „Survival of the Fittest“ dominiert würde. Genügend Beispiele zeigen uns das Gegenteil.
Konkurrenz als Mittel zur Lebenserhaltung des Einzelnen oder einer Gruppe hat nichts mit Kultur zu tun. Deshalb müssen wir uns als Menschen an dieser Stelle fragen: Verstehen wir uns als „natürliche“, oder (auch) als „kultürliche“ Lebewesen? Verstehen wir uns als domestizierte Raubaffen oder sind wir daran interessiert, zu etwas Menschlichem zu mutieren?
Leben wir tatsächlich in einer Welt, die es unbedingt erfordert, erbarmungslose Konkurrenz-Strategien anzuwenden? Ist es wirklich „natürlich“, seine Mitmenschen als Konkurrenten zu betrachten? Ist es tatsächlich so, dass sich ein Konkurrenzverhalten von den Affenmännchen über die Steinzeit bis in unsere Gegenwart herleiten lässt? Man mag sich dafür die passenden Gründe aussuchen. Man kann es aber genausogut bezweifeln und gegenteilige Hinweise finden. Es gab andere Kulturen, in denen Männlichkeit etwas anderes bedeutet hat, als schneller und stärker zu sein als der Nachbar.
Ist der Konkurrenzkampf wirklich ein naturgegebenes Fundament für soziales Zusammenleben? Wer über Adam Smiths Theorie nachdenkt, wird zu dem Ergebnis kommen, dass das nicht stimmen kann.
Kooperatives Verhalten ist erlernbar
Wie aber sieht der gegenteilige Pol von Konkurrenz und Wettkampf aus? Dort stünde gegenseitiges Verstehen, sich anerkennen sowie Mitgefühl. Dabei geht es nicht um die Frage, ob diese Tugenden vom Affen hergeleitet werden können oder nicht. Es ist völlig ausreichend zu wissen, dass uns im Verlauf der Geschichte Menschen immer wieder vorgelebt haben, dass so etwas möglich ist.
Es ist ganz offenbar nicht besonders sinnvoll, dorthin zu rennen, wo alle anderen auch hinwollen, nur um zu sehen wer der Schnellste und Erste ist. Darin entfaltet sich nicht die Kreativität des individuellen und sozialen Lebens. Selbstverständlich würde es auch niemandem nutzen, so zu tun, als würde es das Gegeneinander nicht geben. Es scheint folglich sehr sinnvoll, sich um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kooperation und Konkurrenz zu bemühen. Je nach Situation mag das eine dem anderen vorzuziehen sein.
Die Psychologie der sogenannten männlichen Tugenden lässt sich in unserer Gesellschaft auf das Muster der Konkurrenz zurückführen. In einer Top-Down-Psychologie der Macht erfährt das „Männliche“ seine Selbstidentität über den Konkurrenzkampf.
Die Psychologie sogenannter weiblicher Tugenden entwickelt sich hingegen über Zustimmung, Kooperation, Austausch und Übereinstimmung.
Wir verändern die Welt, indem wir die biologischen, psychischen und geistigen Möglichkeiten des Lebens entfalten und so das Menschliche im Menschen kultivieren. Dabei brauchen wir den Freiraum, in dem wir uns zwischen Konkurrenz und Kooperation entscheiden können.
Immerzu wird uns suggeriert, dass sozial-darwinistische Konkurrenz Ausdruck von Freiheit sei, für deren Aufrechterhaltung man kämpfen müsse. Genau besehen ist Konkurrenz jedoch das Gegenteil von Freiheit, nämlich ein Gefangensein im irrationalen Zwang, als erster am Ziel sein zu müssen. Es gehört zu den Regeln dieses gesellschaftlichen Spiels, dass der bzw. diejenigen, die am gierigsten und geizigsten sind, das Spiel gewinnen, weil jeder, der weniger gierig und geizig ist, auf der Strecke bleiben muss. Dieser Mechanismus beeinflusst nachhaltig das Verhältnis der Menschen zueinander und behindert eine Kultivierung ihrer Beziehungen. Diese Überlegungen führen uns zum Lernen als soziale und Kultur-bildende Anlage des Menschen. Kein Mensch wird nämlich mit Konkurrenzdenken und den damit verbundenen Spielregeln geboren – und auch nicht mit Kooperationskultur. Beides muss erst erlernt werden.
Die weiterführenden gedanklichen Schritte, die ich den gesundheitsfördernden Berufen wünsche, sollten in Richtung der Kooperation führen. Konkurrenz macht den Menschen krank. Sie hält ihn im Zustand seiner domestizierten Raubaffennatur fest und verhindert seine Vermenschlichung, die sich in mitfühlender Teilhabe entfaltet. ´
Otto Hanus ist erster Vorsitzender des Forums A.K.T. e.V. (Forum für Analytische und Klinische Kunsttherapie) in München, Leiter der Privaten Akademie für Bildsprache und Kommunikation.
Kontakt: hanus@kunsttherapie.com
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