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Cyborg Park
erschienen in Ausgabe 147  PDF-Version (319.15 KB)
Teil 2: Im Netz der Spinne? Gandalf Lipinski ruft zu einer differenzierten Betrachtung des Internets auf.

Nach dem Einstieg über die Ebene des persönlichen Erlebens vermeintlicher Segnungen des Netzzeitalters ist der zweite Teil des Artikels von Gandalf Lipinski den globalen, politischen und ökonomischen Dimensionen des Themas gewidmet.


Als Jugendlicher habe ich die Science-Fiction-Serie Perry Rhodan gelesen. Da wurde unsere Milchstraße beherrscht vom uralten Reich der menschenähnlichen Arkoniden. Doch eigentlich herrschten die Arkoniden gar nicht mehr selbst. Sie lebten in materiellem Überfluss in geschützten Zonen, wo sie in degeneriertem Nichtstun von der Versklavung der anderen Galaxisbewohner profitierten. Das eigentliche Zentrum der Macht war der „Robotregent“ auf Arkon, eine riesige, hochentwickelte Großrechenanlage, die ursprünglich dienend im Namen der Arkoniden und später selbstherrlich die Entscheidungsgewalt ausübte. Der Robotregent war in diesem Szenario die oberste Instanz rationaler Autorität und Gewalt in der gesamten Milchstraße.
Erst in diesem Sommer stieß ich dann in der Zeitschrift Info3 auf die Besprechung des Films I, Robot. In der Story übernimmt ein Elektronenrechner, wohl ursprünglich von der UNO als Überwachungshilfe im Sinn einer Gewaltprophylaxe installiert, schließlich ebenfalls selbst die Macht. Er begründet diese Machtübernahme sehr logisch mit der Unreife der Menschheit, deren Sicherheit ihm ja anvertraut worden sei.

Fiktion oder schon Wirklichkeit?

Bis in die 80er-Jahre gab es (vor allem in der Linken) eine ausgeprägte Sensibilität allen Tendenzen gegenüber, zu viele Daten über zu viele Menschen für den Einzelnen nicht mehr überprüfbar in zu fernen Zentralen zu sammeln. Man denke hier zum Beispiel an den breiten Widerstand gegen die letzte Volkszählung. Die gleiche Wachsamkeit einer kritischen Öffentlichkeit bewährte sich auch in der Einschätzung anderer technischer Errungenschaften. Sowohl in der Frage der Energiegewinnung aus Atomkraft wie auch beim Thema Genmanipulation funktionierte die kritische Öffentlichkeit noch. Zwar mussten auf beiden Feldern die Kritiker auch zahlreiche Niederlagen hinnehmen, doch ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein relativ breit vorhandenes Gefahrenbewusstsein in der Gesellschaft bis heute den allzu forschen Siegeszug derer, die diese Technologien um jeden Preis durchsetzen wollen, zumindest nachhaltig bremst.
Im Bereich der Informationstechnologie ist die gleiche kritische Öffentlichkeit bis heute allerdings seltsam still geblieben. Bei den meisten von uns haben die Hauptargumente für die „friedliche“ Nutzung der Atomenergie eben nicht verfangen, weil wir -genauer hingeschaut und weitergedacht haben. Und trotz einer fast undurchschaubaren Mixtur aus wissenschaftlichen und politischen Fakten, Theorien und Behauptungen zum Themenfeld Genmanipulation ist in uns eine fast intuitive Instanz wachgeblieben, die auf die unabsehbaren Folgen dieser Technik hinweist. Wieso aber schweigt dieselbe innere Prüfungsinstanz bei den meisten, wenn es um das Thema Informationstechno-logie – oder besser: Informationsproduktion und Informationshandel – geht, so auffällig?

Eingelullte Kritiker bleiben stumm

Werden diesmal die Pro-Argumente einfach geglaubt? Jedenfalls werden sie mir von denselben Leuten, die vormals in der Atom- und Genomfrage noch äußerst kritisch reagierten, mit ziemlich identifiziertem Engagement vorgehalten. Die zunehmende Monopolisierung unserer Kommunikationsformen durch das Internet sei eben wirklich effektiver, schneller und billiger, sie entlaste die Umwelt, spare uns Unmengen an Zeit, Arbeit und Papier. Die gleichen Argumente, die man den Atomkraftbefürwortern noch als grobe Manipulation zurückschleuderte, werden nun im Garten der eigenen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten als „einfache Wahrheiten“ angepflanzt!
Es geht hier nicht um die pauschale Ablehnung realer Arbeitserleichterungen. Wer früher seine Texte immer wieder überarbeiten und dann in die Schreibmaschine hämmern musste, weiß die Erleichterungen durch den PC sicherlich zu schätzen. Mir geht es um das völlige Ausblenden der möglichen gesellschaftlichen Folgeerscheinungen einer sich zunehmend auf das Internet reduzierenden Medienkultur.

Droht die Kommunikations-Monokultur?

Aus der Ökologie wissen wir, dass die Artenvielfalt ein wesentlicher Faktor der Gesundheit eines Biotops ist. Aus psychologischer, anthropologischer und geistiger Menschenkenntnis wissen wir um die schier unendliche Komplexität lebendiger menschlicher Kommunikation und um die psychischen Deformationen, wenn diese dauerhaft zu linear und zu rational eingeschränkt wird. Aus den Politik-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften haben wir differenziert zu (hinter-)fragen gelernt: Wie funktioniert dieser oder jener Mechanismus (z.B. Telefon, Motoren, die ohne Benzin laufen, Atombomben oder Gaskammern)? Und zugleich: Wem nutzen sie, wem schaden sie, wer verdient daran, und – wollen wir sie wirklich?
Besonders bedenklich stimmt mich der fehlende Wille zur Kritik an der neuen Informationstechnologie, weil deren mögliche negative Folgen zwar nicht so spektakulär und messbar daherkommen wie ein Atom-GAU, die Auswirkungen einer global sich auf das Internet verengenden Kommunikationskultur auf unser Bewusstsein, und damit auch auf die politische Reife einer Gesellschaft, sich dafür langfristig umso verheerender auswirken können.
Sie mögen sich nun fragen: „Das ist ja alles noch relativ unkonkret und wenig greifbar; wovor will er denn nun eigentlich warnen?“ – In der Tat, die Ahnung möglicher Fehlentwicklungen sind bei den wenigen Kritikern noch so vage, dass man sich kaum traut, sie auf den Punkt zu bringen. Ein Aspekt ist sicherlich die Gefahr einer unheimlichen weltweiten Überwachungsinstanz. Dabei könnte man zwar Orwells „1984“ zitieren, aber so eins zu eins übertragbar ist dieses Bild eines weltumfassenden Polizeistaats auf unsere heutige Situation eben nicht. In der Romantrilogie The Fourth Realm („Das vierte Reich“) stellt John Twelfe Hawks die zeitgenössischere Variante von „1984“ dar. Da sind es eben nicht durchgeknallte, perverse Individuen oder machthungrige Cliquen, die die Weltherrschaft anstreben, sondern durchaus rationale Bestrebungen, Ordnung zu schaffen und zu bewahren. Wie in I, Robot wird auch hier die Freiheit mit dem Argument strikter Rationalität erdrosselt. Die allzu irrationale Haltung der meisten Menschen mache die Kontrollübernahme durch -verlässlichere Kräfte – Maschinen oder wie Maschinen denkende Menschen – zum Wohle der Menschheit unausweichlich. Die entsprechende Instanz im Film I, Robot beschließt die Erklärung ihrer Machtübernahme mit dem Satz: „Meine Logik ist unbestreitbar“.

Cyborgs – einfach zuverlässiger!

Ein zweiter Aspekt ist aber hier wie auch schon in der Atomdiskussion die Möglichkeit des Missbrauchs nicht nur durch die Staatsebene und Konzerne sondern durch private Kriminelle oder Terroristen. In meinen Alltag bereits eingedrungen ist der illegale Handel mit Kundendaten, bei dem die einmalige Zahlung per Kontokarte in einem Kaufhaus das Spam-Mail-Bombardement von Pseudo-Lotterieanbietern zur Folge hat, die in Wirklichkeit Zeitungsabos verkaufen.
Nur am Rande dazu: Wer weiß denn heute, wem eigentlich das Internet „gehört“? Die US-Organisation ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) kontrolliert die technische Struktur, Verwaltung und Weiterentwicklung des weltweiten Datennetzes. Und die ICANN ist durch Verträge dem US-Handelsministerium unterstellt. Die UNO hat sich jüngst ein lediglich beratendes Mitspracherecht erkämpft. Natürlich sind wir nicht so naiv, zu glauben, dass eine Regierung, nur weil sie die amerikanische ist, nun auch tatsächlich die oberste Kontrolle über das Ganze habe. Und wenn wir davon ausgehen, dass auch die mächtige US-Regierung nur die Exekutive des dahinterstehenden Finanzkapitals ist, so bekommt die scheinbar naive Frage „Wem gehört denn eigentlich das Internet?“ – oder noch wichtiger: „Wer kontrolliert es in Wirklichkeit?“ – eine andere Brisanz.
Übertriebene Schwarzmalerei? Dann lasst uns doch mal ein paar von den Puzzleteilen genauer anschauen, die zugegebenermaßen erst in der Übersicht und aufeinander bezogen ihre Harmlosigkeit verlieren und den wirklichen Charakter dieser „schönen neuen Welt“ ganz enthüllen. ´


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Lipinski, Gandalf

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