Ein Grundsatzpapier der Konzeptgruppe Wirtschaft von Dynamik5 Schweiz, Teil 9 und Schluss
Die Konzeptgruppe Wirtschaft von -dynamik5 Schweiz hat in über drei Jahren einen Entwurf einer neuen kooperativen Wirtschaftsordnung erarbeitet. Wir stellen ihn hier in einer mehrteiligen Serie vor. Wir betrachten den Text ausdrücklich als Baustelle, auf der man Teile im Dialog entfernen und hinzufügen kann. Der Entwurf ist wie folgt gegliedert: 1. Begründung, 2. Werte, 3. Reformen, 4. Umsetzung und 5. Schlussbemerkungen.
5. Schlussbemerkungen
Wir sind uns bewusst, dass die Umsetzung -unseres Modells für die meisten Menschen eine große Umstellung und für kleine privilegierte Minderheiten herbe Verluste an Macht, Besitz und Einkommen mit sich bringt. Gewöhnungsbedürftig ist auch, dass unser Modell mit wichtigen, durch Imitation, -Suggestion oder sogar Indoktrination erworbenen und durch Gewöhnung „als normal betrachteten Verrücktheiten“ bricht. „Normal“ bedeutet in diesem Zusammenhang alles, was von der derzeitigen Bevölkerungsmehrheit als richtig erachtet wird oder zu dem es scheinbar keine Alternative gibt. „Verrücktheit“ meint alles, was der Gesamtheit mehr Schaden als Nutzen bringt. Solche „normale Verrücktheiten“ sind insbesondere
@die Dominanz der Interessen der Produktionsmittelbesitzer (der sogenannten Arbeitgeber) über diejenigen der sogenannten Arbeitnehmer: Diese ist besonders unter der Bedingung wachsender Arbeitslosigkeit und damit sinkender Alternativen am Stellenmarkt mit einer – je nach persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten sanfteren oder brutaleren – Halbsklaverei der Arbeitenden verbunden;
@die Konzentration von Einkommen, Besitz und Macht bei wenigen Besitzreichen als Folge der leistungslosen Einkommen aus Besitz mit ihrer Kehrseite wachsender Verschuldung sowie Kaufkraftminderung von Staaten, Unternehmen und den übrigen Privaten;
@der eliminative Wettbewerb mit der tendenziell zunehmenden Ausgrenzung von Menschen vor allem durch Lohndumping, Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit ist in dreifacher Hinsicht „verrückt“: als Leidbringer für die betroffenen Individuen, als Verschwendung von Arbeitskraft und als antidemokratisches Disziplinierungs- und Unterdrückungsmittel gegenüber den Arbeitnehmern;
@das Bankgeheimnis und der Steuerwettbewerb: Sie dienen hauptsächlich dazu, dass sich besitz- und einkommensreiche Bürger durch Steuerhinterziehung und Steuerflucht vor einer angemessenen Mitfinanzierung der Gemeinwesen drücken können, was zu einer finanziellen Ausblutung derselben führt;
@der Menschen und Natur verschleißende „Wachstumszwang“: Dessen Ursachen sind nicht nur menschliche Gier und der eben erwähnte -eliminative Wettbewerb, sondern auch die zunehmende Verschuldung von Gemeinwesen, Unternehmen und Individuen. Sie bewirkt, dass ein immer größerer Teil des Volkseinkommens für die leistungslosen Kapital-Einkommen abgezweigt wird. Damit der Lebensstandard der davon nicht profitierenden großen Mehrheit der Bevölkerung einigermaßen erhalten werden kann, muss das Volkseinkommen der Zunahme dieser Kapital-Einkommen entsprechend wachsen. Dies bereitet in den letzten Jahren in vielen Ländern immer größere Schwierigkeiten, weshalb es – trotz laufend steigender Produktivität - zu Reallohneinbußen und Reduktionen sinnvoller staatlicher Leistungen kommt;
@die fortschreitende Beschädigung unserer Lebensgrundlage Natur: Sie ist eine Folge mangelnder Sensibilität für den Wert und die Bedürfnisse der Natur sowie des erwähnten Wachstumszwangs. Sie ist aber auch bedingt durch den wachsenden Stress großer Teile der Bevölkerung unter dem Druck des immer schärfer werdenden kapitalistischen Wettbewerbs sowie durch die Ressourcen übersteigenden Konsum;
@die Neigung vieler Menschen, auf emotionales Unwohlsein mit Kampf um mehr Status und Steigerung des materiellen Konsums zu reagieren. Dieses ineffiziente und anachronistische Verhalten aus mangelnder emotionaler Kompetenz ist ein wichtiger Faktor bei all den eben erwähnten Verrücktheiten.
Zu den „normalen Verrücktheiten“ gehören aber auch systemstützende Halb- und Unwahrheiten, die aktiv verbreitet und von großen Teilen der Bevölkerung geglaubt werden, was sie zu überzeugten oder resignierten Mitläufern macht. Solche Halb- und Unwahrheiten sind z.B.
@„Der Kampf um Herrschaft und Vorteile ist unsere Natur und darum unvermeidlich!“ oder „In der Natur überleben auch nur die Stärksten, warum soll das bei uns Menschen anders sein?“ (Das ist eine ziemlich beschränkte Sichtweise unserer Möglichkeiten.)
@„Einer muss befehlen, sonst bricht das Chaos aus.“
@„Je deregulierter der Markt, desto mehr Wachstum und damit Wohlstand für alle.“ (Diese Aussage ist unhaltbar, denn je freier der Markt ist, das heißt, je weniger er durch die Fairness des Handels sichernde Regeln zivilisiert wird, desto mehr ermöglicht er beim heutigen Entwicklungsstand vieler Menschen freie Fahrt für die wirtschaftlich Stärkeren zu Fremdbestimmung, Ausbeutung und Ausgrenzung der wirtschaftlich Schwächeren. Allerdings gibt es auch unfaire Regeln, die Sonderinteressen schützen.)
@„Wenn jeder konsequent seinen eigenen Vorteil sucht, ist allen am besten gedient.“ oder „Die unsichtbare Hand des Marktes zaubert aus vielen Egoismen das größtmögliche Wohl für alle hervor.“ (Diese für Gemeinwohl-uninteressierte Menschen sehr praktische Hypothese ist von vorneherein sehr unwahrscheinlich; ihre Falschheit hat sich längst erwiesen.)
@„Geld kann und soll arbeiten.“ (Haben Sie schon mal gesehen, wie es das tut? Geldrendite ist die Aneignung der Früchte von anderer Leute Arbeit!)
@„Ich profitiere ja auch von den Renditen meiner Kapitalien.“ (Für mindestens 80% der Bevölkerung stimmt diese Aussage nicht. Sie zahlt direkt und indirekt mehr Kapital-Renditen als sie erhält.)
@„Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und Reichtum wird durch harte Arbeit verdient.“ (Große materielle Vermögen entstehen nur zu einem kleinen Teil durch produktive Arbeit. Zum großen Teil werden sie durch Erbschaft und/oder die Nutzung kapitalistischer Umverteilungsmechanismen erworben.)
@„Vollbeschäftigung ist leider nicht mehr möglich.“ (Sie ist unter kapitalistischen Bedingungen tatsächlich schwer herstellbar, wird aber von mächtigen Interessen auch gar nicht energisch angestrebt, weil Arbeitslosigkeit ein fast perfektes Mittel zur Disziplinierung der Arbeitnehmer ist.)
@„Arbeitslose und Arme sind faul und selber schuld.“ (Diese Aussage ist ebenso ignorant wie arrogant, solange es wesentlich mehr Stellensuchende als offene Stellen gibt. Und wie steht es mit dem Fleiß jener Leute, die leistungslose Einkommen aus Besitz beziehen?)
@„Es gibt kein besseres System als den Kapitalismus.“ (Stimmt nur solange, wie wir kein besseres erfinden.)
Schließlich sind da noch die bequemen Ausreden, mit denen sich die Leute selber vor der notwendigen Veränderungsarbeit drücken, wie z.B.
@„Wir Menschen sind halt so, wie wir sind.“
@„Alles halb so schlimm, solange es mir einigermaßen gut geht.“
@„Die andern müssen ihr Verhalten (zuerst) ändern.“
@„Gegen die Mächtigen dieser Welt können wir ja doch nichts ausrichten.“
@„Die Wirtschaft ist so kompliziert, dass sie ein gewöhnlicher Sterblicher sowieso nicht versteht.“
@„Politik und Wirtschaft sind nicht sexy und interessieren mich darum nicht.“
Die Abkehr von diesen „normalen Verrücktheiten“ und den Vollzug der in unserem Entwurf beschriebenen inneren und äußeren Veränderungen halten wir nun aber nicht nur für unentbehrlich für den Erhalt eines lebenswerten Planeten Erde, sondern auch für möglich angesichts unseres Entwicklungspotenzials. Wir erwarten von dieser Umorientierung die Entstehung einer kooperativen Gesellschaft mit den folgenden neuen Qualitäten:
1) Eine größere individuelle Reife eines großen Teils der Menschen, beinhaltend
@Selbständigkeit betreffend die eigene materielle, emotionale und mentale Grundversorgung,
@Akzeptanz und Verarbeitungsfähigkeit auch gegen-über schwierigen Erfahrungen,
@eine Verbindung mit inneren Quellen von Freude, Kraft und Inspiration,
@die Fähigkeit, die eigenen Herzenswünsche zu fühlen und ihnen nachzugehen,
@das Bedürfnis und die Fähigkeit, mit anderen Menschen fair zu teilen,
@Wertschätzung und Sorgfalt gegenüber der Natur.
2) allen nützende gesellschaftliche Regelungen. Insbesondere meint das
@Selbstbestimmung jenseits von Fremdbestimmung durch Verfügung über die eigenen Lebensgrundlagen,
@Leistungsgerechtigkeit jenseits von Ausbeutung durch Abschaffung leistungsloser Einkommen,
@Bedürfnisgerechtigkeit jenseits von Ausgrenzung durch Sicherung des Grundbedarfs für alle.
3) den daraus resultierenden Folgen
@Individualität und Verbundenheit aller Teile der Gesellschaft,
@gemeinsame Selbstbestimmung der Betroffenen in allen Lebensbereichen,
@Freiheit von materieller und emotionaler Not und damit starker Rückgang von Gewalt/Kriminalität und stressbedingten Krankheiten,
@am Wohlbefinden aller orientierte Forschung,
@allen gemäß Interessen, Fähigkeiten und Engagement zugängliche Bildung,
@enorme Einsparungen von Zeit, Energie und materiellen Ressourcen insbesondere in den Bereichen Geldwesen, Sicherheit vor Gewalt und Kriminalität, Arbeitslosenversicherung, Fürsorge, Gesundheitswesen und Werbung,
@Entwicklung ohne inneren und äußeren Wachstumszwang und nur soweit es mit dem Gedeihen aller Beteiligten und der Natur vereinbar ist,
@eine nährende, weil gehegte und geschätzte Natur,
@eine wohltuende und ästhetische, weil dem Herzen entspringende Kultur und insbesondere Architektur,
@mehr freie Zeit und Energie, um zu leben, was wir lieben. ´
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