Das Jahresrad als Symbol für Kontinuität und Entwicklung
In der keltischen Kultur nahm man Übergänge besonders wahr. Im Titel von Marion Zimmer- Bradleys Bestseller „Die Nebel von Avalon“ schwingt es sehr deutlich mit. Im zwanzigsten Jahrhundert sind mehr Titel zum Artus-Stoff veröffentlicht worden als in allen Jahrhunderten zuvor, doch kaum ein anderer Titel drückt so unübertroffen diese Faszination von den Übergängen zwischen den Welten aus.
Der Nebel, die Uferlinie eines Sees, der Waldrand einer Lichtung, all diese Bilder sprechen vom Zauber der Ränder, an denen sich verschiedene Welten berühren. Aber nicht nur die Ränder von Orten und Welten, auch die Übergänge verschiedener Zeiten stehen im Zentrum des keltischen Bewusstseins. Die Dämmerung, der Wechsel in den Phasen des Mondes, von der aufsteigenden zur niedersinkenden Sonnenbahn und schließlich die Übergänge von einer zur anderen Jahreszeit, all diese Rhythmen bestimmten das Bewusstsein unserer Vorfahren viel intensiver als es heutige Zeitmessungen oder ein rein lineares Zeitverständnis erfassen können.
Im naturreligiösen Zusammenhang finden Sätze wie „Tod gibt Leben“ oder „Ohne Vergehen kein Neuanfang“ eine breite Zustimmung. Vor das Neue, die Wiedergeburt, die Neuentstehung des Lichtimpulses hat diese Weltsicht nicht ohne Grund auch das Dunkel, die Nacht und den Tod gesetzt und gefeiert.
Die keltische Stundenzählung beginnt mit der ersten Stunde der Nacht, also der Zeit des „Nicht-Tages“. Und ebenso beginnt das alte keltische Jahr mit dem ersten Monat der Kälte und Dunkelheit. Die Nacht zum ersten November ist das alte Fest des Jahreswechsels. Nun beginnt das „Nicht-Jahr“, und dieses geht erst Anfang Februar in das neue Jahr über.
Wenn wir uns eine Achse durch das Jahresrad vorstellen, deren eines Ende Beltane, der große Aufbruch in die helle Jahreshälfte, symbolisiert, dann ist deren anderes Ende Samhain, die Nacht des Übergangs in die Dunkelheit. Die Achse Beltane–Samhain ist die wichtigste Achse im keltischen Jahresrad. An beiden gilt der Schleier zur „Anderswelt“ als durchlässig. Verirrungen, ja Entführungen und andere Begegnungen mit den Mächten der anderen Wirklichkeit sind meistens zu diesen Zeiten überliefert.
Der Kontakt zu den Ahnen, die Durchlässigkeit zur Totenwelt, ist schließlich das Kernthema zu Samhain. Gruselfilme und kommerzielle Versuche, Halloween als „geile Kürbisparty“ zu verkaufen, stehen heute neben den christlichen Überformungen von Allerseelen und Allerheiligen. Ursprünglich jedoch bedeutete „Hexenneujahr“ nicht Gruselschauer, sondern Versöhnung mit Tod und Sterblichkeit genauso wie Integration individueller und kollektiver Identität durch bewusste Rückbindung an die eigenen Ahnen. „Wer seine Vergangenheit nicht ehrt, hat keine Zukunft“, heißt es im indianischen Kontext, den wir getrost aber auch unseren europäischen Ahnen unterstellen können.
Kontakt zu den Ahnen aufzunehmen heißt nicht, der starren Zelebration eines Totenkults zu erliegen, sondern Verantwortung und Kompetenz zur eigenen kulturellen Identität zu entwickeln. Und gerade in Deutschland wäre es Teil einer umfassenden Heilungsarbeit am kollektiven Schatten, den Abgrund zwischen 1933 und 1945 nicht zu vergessen, zu verdrängen oder zu historisieren. Gerade wir, die wir in Gemeinschaftsprojekten, ganzheitlicher Spiritualität, ritueller Neuentdeckung und neuer Politik unterwegs sind, täten gut daran, uns derer wieder zu erinnern, die auf der anderen Seite des geschichtlichen Abgrunds stehen. Unsere Ahnen aus der „Lebensreform“-Bewegung aus der Zeit vor der Nazi-Barbarei haben uns heute weit mehr zu geben, als die meisten von uns ahnen.
Noch haben die (Kern-) Kulturell Kreativen nicht wieder jene Vitalität und geistig-geschichtliche Komplexität erreicht, die unsere Vorläufer auszeichnete. Weder an Zahl der Aufbruchsprojekte noch an innerer Entschlossenheit, den fälligen Paradigmenwechsel jetzt und selbst zu gestalten, können wir uns an diesen messen. Die große braune Perversion aller berechtigten und grundsätzlichen Kritik der immer materialistischer, rationaler und kapitalabhängiger werdenden Mainstream-Kultur hat uns bis heute Fesseln angelegt. Auch wenn die Nazi-Barbarei mit ihr überwunden wurde – ihre unmittelbaren Folgen engen uns jetzt noch ein: Jeder, der in Deutschland das System aus ganzheitlicher, tiefenökologischer oder gar spiritueller Sicht fundamental in Frage stellt, gerät unter Verdacht. Dass wir uns aber vor der Hitlerei in der Geschichte der Jugendbewegung, der Wandervögel, zahlreichen Kommuneprojekten und anderen Formen der Sozial-reformer wiederfinden können, wird ein Schlüssel sein für die Zukunft. Nur wer weiß, wie die erste „New-Age“-Bewegung kaputt gemacht wurde, wird aus ihren Fehlern lernen können.
Sich mit den Ahnen zu verbinden, hieße für uns heute und politisch gesehen: Die innere Größe des damaligen Aufbruchs der Lebensreformbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und auch die Schwachstellen, an denen man sie erdrosseln konnte, zu erkennen und schließlich uns selbst als Nachkommen und Erben zu begreifen. ´
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