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Monte Cerro: Start geglückt
erschienen in Ausgabe 147  PDF-Version (270.67 KB)
Leila Dregger berichtet von großen Friedensexperiment in Portugal

Im Frühjahr 2004 kündigte die Friedensforschungsgemeinschaft Tamera im Süden Portugals ein dreijähriges Gemeinschaftsexperiment an. Mitmacherinnen und Mitmacher wurden gesucht. Im Mai 2006 startete das Projekt auf dem 134 Hektar großen Gelände des Monte Cerro. Die Friedensjournalistin Leila Dregger reflektiert die ersten Monate.

In der Projekterklärung des Tamera-Gründers Dieter Duhm hieß es: „Die 200 Teilnehmer des Experiments sollen drei Jahre lang zusammen leben, zusammen arbeiten, zusammen denken. Dabei sollen alle Fragen des Zusammenlebens – soziale Organisation, Geschlechterrollen, Ökologie, Ethik etc. – neu betrachtet werden. Es dreht sich um die Frage: Wie erzeugen wir reale Lebensstrukturen ohne Angst und Gewalt?“
Für mich war diese Ankündigung faszinierend. Ein Gemeinschaftsexperiment, bei dem jedes auftauchende Problem, jeder Konflikt in dem Bewusstsein angegangen wird, dass es sich um ein globales Thema handelt – seien es Themen wie Wasser oder Energie, wie Ökonomie oder die Liebe. Wenn wir davon ausgehen, dass sich alle globalen Probleme auch in einer repräsentativen Gemeinschaft wiederfinden, dann können sie theoretisch hier exemplarisch gelöst werden. Wenn Friede unter 200 Menschen möglich ist, dann ist er im Prinzip auch global möglich. Die Ergebnisse eines solchen Projekts könnten Wissen für den Aufbau von globalen Friedensdörfern in Konfliktregionen, für UN-Projekte oder für die Einrichtung von Friedenszonen liefern.
Ein solches Experiment journalistisch zu begleiten, war verlockend. Ich packte meine Koffer und zog vor zweieinhalb Jahren nach Portugal, um bereits bei der Vorbereitung dabeizusein. Im Rückblick erscheint mir diese Zeit – die Vorbereitung und die ersten Monate von Monte Cerro – wie ein „Kurs im Wundern“.

Die Vorbereitung – Teil des Experiments

Es ist noch Nacht, der Vollmond taucht das unter mir liegende Tal von Tamera in ein sanftes Licht. Von meinem Wohnwagenplatz im „Bergdorf“ habe ich einen Blick über den Steinkreis und das Taldorf, den Werkhof mit dem Solar-Village-Gewächshaus. Ganz unten liegt der Permakulturgarten, dahinter – nicht zu sehen von hier aus – der Campus, der Jugendplatz, die Pilgerherberge und der Platz der Kinder. An einigen Stellen brennt schon Licht. Immer wieder staune ich, wie beliebt das Frühstudium von 5 bis 7 Uhr bei vielen ist. Markus, ein langjähriges Gemeinschaftsmitglied und Mitarbeiter der Schreinerei: „Ich studiere die wissenschaftlichen und spirituellen Grundlagen, die mich daran erinnern, dass ich, indem ich mich selbst verändere, zu einer positiven Veränderung der Welt beitragen kann.“ Grinsend setzte er hinzu: „Ein in einem solchen Bewusstsein gelebter Tag kann zu einem Abenteuer werden!“
Ich selbst nutze heute die Zeit des Frühstudiums für meine Zwischenbilanz. Schon die Vorbereitung von Monte Cerro war Teil des angekündigten Experiments. Wie sollte eine Gemeinschaft von knapp hundert Menschen den Sprung in eine globale Größenordnung machen? Zwar war das Projekt von Anfang an als globales Modellprojekt gedacht. Aber jetzt musste alles in kurzer Zeit professionalisiert werden: die Schulung neuer Gruppen- und Studienleiter, der Aufbau der Infrastruktur, die Öffentlichkeitsarbeit, die globale Netzwerkarbeit, das Wissen über Heilung und Liebe, die Ökonomie und die Treue zum spirituellen Wissen – Manchmal schien es zu viel zu werden. Die normale Reaktion an dieser Stelle wäre Sorge. Mit einigem Entsetzen nahm ich wahr, dass man in Tamera eine andere Strategie pflegt: Man lehnt sich quasi zurück und beschäftigt sich mit ganz anderen Dingen.
Statt zu malochen bis zum Umfallen, was einem linearen Geist wie mir notwendig schien, gab es einen mehrwöchigen Kunstkurs für die ganze Gemeinschaft mit Kind und Kegel. Auf einmal war wochenlang die ganze Aufmerksamkeit auf das malerische Einfangen des portugiesischen Sommers gerichtet. Später schienen die Hunde in der Nachbarschaft das wichtigste Thema zu sein: ihnen Wasser zu bringen, wenn sie an der Kette lagen, unmittelbare Hilfe zu leisten, wenn ein Tier schlecht behandelt wurde.
Dann kam der Hilferuf eines bedrohten Friedensdorfs in Kolumbien. Selbst fast ohne Geld, mit viel zu wenig Arbeitskräften für ihre eigenen Vorhaben, brachte die Gemeinschaft einen großen Einsatz auf, um San José zu schützen. Schließlich die Pilgerreise „Grace“: Ein halbes Jahr vor Monte Cerro geleiteten 25 Menschen aus Tamera eine internationale Gruppe durch Israel und die Westbank, um mit einer Meditation an der Mauer ein Friedenszeichen zu setzen und Verbündete für ein Peace Research Village im Nahen Osten zu finden.
Jeder normale Projektplaner hätte alle Manpower, alle Ressourcen nur auf das eine Ziel gebündelt. Nicht so die Träger von Monte Cerro: „Let God do, nicht aus eigener Kraft“, lautete eine Devise, die die beiden Gründer, Sabine Lichtenfels und Dieter Duhm, immer wieder ausgaben. Tatsächlich hatte jeder dieser „Zufälle“ und „Umwege“ das Vorhaben auf eine Weise bereichert, wie es mit linearem Vorgehen kaum geschehen wäre. Der gemeinschaftliche Kunstkurs vermittelte die Vision eines erträumten Lebens und integrierte auf organische Weise neue Menschen; die Hilfe für die Tiere vertiefte das Konzept für ein Tiersanktuarium; und durch die Friedensarbeit in Kolumbien und im Nahen Osten entstanden verbindliche Kontakte mit engagierten Friedenskräften, wie man sie sonst kaum bekommen hätte. Die Verwirklichung von Monte Cerro schien einem „anderen“ Prinzip zu folgen. Ich bekam allmählich das Gefühl, auf einem Schiff zu sitzen, das den Kurs schon gespeichert hatte. Manchmal schlugen die Wellen hoch, es gab Ausein-andersetzungen und Widerstände. Manchmal schien niemand zu wissen, wie die nächste Entscheidung aussehen würde. Und dennoch ging nie das Vertrauen verloren, dass Monte Cerro stattfinden würde. Das Motto „Let God do“ schaffte Raum für Hilfe von außen, für Wunscherfüllung – und ja: für Wunder.

Kurs im Wundern: Die Realisierung

Der große Gong ertönt. Gleich wird die Sonne aufgehen. Um sieben Uhr trifft sich die gesamte Gemeinschaft in der -neuen Aula zur Morgenandacht. Für mich sind es zehn Minuten Fußweg zum Campus, vorbei am Steinkreis von Tamera.
Die Aula, der Steinkreis, das Solar-Village-Gewächshaus, der Permakulturgarten, die Pilgerherberge – diese Einrichtungen sind mittlerweile Alltag. Aber keine von ihnen gab es vor der Planung von Monte Cerro. Allein der Steinkreis ist mehr als ein Ritualplatz. Er ist ein Wissensspeicher für intuitives Friedenswissen. Jeder Stein steht für einen Aspekt: z.B. für Heilung, für die Integration des Feindes, für die Aufforstung Portugals, für die Auflösung der Mauer von Israel-Palästina. Wenn hier, im Gebet und in der Vision, eine Heilung im geistigen Gefüge geschehen ist, dann kann sie in der materiellen Wirklichkeit leichter folgen. Die Erfahrung hat das oft bestätigt. So unwahrscheinlich das Beispiel klingt: Die Ratten verschwanden tatsächlich aus den Vorratskammern, nachdem hier am Ratten-Stein im Gebet ein anderer Platz vorgeschlagen wurde …
Und dann die Aula: 30 Meter lang und acht Meter hoch, mit einem graugrünen Grasdach, ragt der Holzständerbau in die Höhe. Seine blauen Blechwände geben ihm zwar noch einen gewissen Favela-Charme, werden aber noch in diesem Jahr durch Strohballenwände ersetzt und mit Lehm verputzt. Seit dem 1. Mai dient die Aula bereits als Vortragssaal, Meditationshalle und Gemeinschaftstreffpunkt. Fünf Monate vor Monte Cerro gab es keinen Bauplan und keinen Verantwortlichen, ein Jahr vor Monte Cerro noch keinen Pfennig Geld, nur eben die Einsicht, dass ohne eine Versammlungshalle für 200 bis 300 Menschen Monte Cerro kaum möglich wäre.
Was würde ein Manager tun, um das Geld zu bekommen? Geld verdienen, Anträge schreiben, Kredite aufnehmen? Nicht so Sabine Lichtenfels. Die Mitgründerin von Tamera, ging pilgern. Ihre Reise „zur Humanisierung der Gelder“ begann mit dem Aufruf: „Mit dem Geld, das andere für einen einzigen Panzer ausgeben, könnten wir ein ganzes Friedensforschungsdorf realisieren!“ Sabine ging viele Monate durch Europa bis nach Israel, ohne Geld, schlief, wo man sie einlud, aß, was man ihr schenkte. Sie sprach, wo sie eingeladen wurde, auch mit Presse und Fernsehen, und alles Geld, das man ihr schenkte, schickte sie nach Tamera. Bis zum Baubeginn der Aula kamen tatsächlich über 170000 Euro zusammen. Zur gleichen Zeit hatte sich in Tamera ein Team gefunden, das den Bau plante und vorbereitete. „Zufällig“ waren gerade Spezialisten nach Tamera gekommen, darunter Gernot Minke, von Beruf Lehmbau-Professor in Kassel. Der Tamera-Neuling Janos Valder, ein Zimmermann, übernahm die Verantwortung für den Gesamtbau.

Ein neuer Generationenvertrag

Vor Monte Cerro hatten Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels angekündigt, sich aus der direkten Leitung zurückzuziehen. Keine charismatische Einzelperson wurde nun als Nachfolger gesucht, sondern eine kommunitäre Leitung, die Mut zu ungewöhnlichen Lösungen hatte, ein Team, in dem Erfahrung und Routine zusammenkamen mit Wissen-Wollen, Begeisterung und Experimentierlust. Es ging, mit anderen Worten, um einen neuen „Generationenvertrag“.
Die in der Gemeinschaft aufgewachsenen Jugendlichen sind inzwischen über 20 Jahre alt. Am 1. Mai hieß die 22jährige Vera in einem Eröffnungsvortrag die Studenten und Teilnehmer willkommen. Schlicht und mit authentischer Kraft berichtete sie über die Zeit der Vorbereitung und die Ziele des Experiments. Seit vielen Monaten haben sie und andere ihrer Altersgruppe eine große Verantwortung für die Ausbildungsinhalte von Monte Cerro übernommen. Fast alle sichtbaren Bereiche werden mittlerweile von jungen Nachwuchskräften geleitet. Ihre Ausbildung bestand neben praktischen Fächern vor allem im Gemeinschafts- und Vertrauens-aufbau, im Theoriestudium und in der Einübung einer spirituellen Lebenspraxis. „Wir jungen Menschen haben hier eine sinnvolle Perspektive für unser Leben und Antworten auf die intimen Fragen in der Liebe gefunden, ohne die übliche Doppelmoral“, sagt Silke, „deshalb ist das Projekt so überzeugend für uns.“

Zwei „Non-Negotionables“

Es ist in Monte Cerro nun auch möglich, an einzelnen Semestern teilzunehmen. An der sechswöchigen Intensivzeit nahmen 70 Menschen teil, wovon sich die Hälfte für einen direkten Studieneinstieg entschied. Mustafa und Deeb Shibli, zwei junge Beduinen stammen aus dem Norden Israels. Weil Mustafa während des Krieges täglich mit seiner Familie telefonierte, war die StudentInnengruppe ständig mit dem Thema Krieg konfrontiert. „Als Araber in Israel kenne ich Gewalt von klein auf“, berichtet Mustafa. „Ich suche aber den Weg des Friedens, deshalb bin ich hier.“ Die beiden Männer lernten mit Begeisterung beim Bau des experimentellen Solar-Lehmhauses, wie ein Solardorf im Nahen Osten aufgebaut werden könnte. Ab dem nächsten Semester werden mindestens drei weitere Teilnehmer aus Israel an Monte Cerro mitmachen.
Blass waren die Gesichter der Israelis, die direkt aus einem Land im Krieg nach Tamera kamen. Die palästinensischen Teilnehmer durften gar nicht erst ausreisen, da ihnen kurzfristig die Visa verweigert wurden. Uri Ayalon, ein junger Anarchist aus Israel, deutet rückblickend auf seine Landsleute: „Schau dir an, wie schön sie alle in diesen Tagen geworden sind. Wir haben richtig auftanken können. Wir haben uns wieder als Menschen wahrgenommen, nicht als Juden, Araber oder Deutsche. In den zehn Tagen haben wir vielleicht zwei Minuten über Politik gesprochen.“ Wenn nicht über Politik, über was denn, frage ich ihn. „Vielleicht klingt es verrückt, aber obwohl wir alle gerade aus einer extremen Zeit kommen, ging es im Forum vor allem um die Themen Liebe und Sexualität. Die Studenten haben uns angesteckt, wir haben viel studiert und gelesen. Dabei haben wir wohl alle tief verstanden, wie als letzte menschliche Realität hinter dem Krieg der ungestillte Hunger nach Liebe steht.“
Was denkt ein Vertreter einer so anderen Kultur wie der arabischen zum Thema Wahrheit und Transparenz in der Liebe? Mustafa: „Es ist doch so; wenn mein bester Freund und ich uns hier in dieselbe Frau verlieben würden, gäbe es Krieg. Die Vorstellung wäre schrecklich für mich. Also muss ich mich mit dem Thema freie Liebe beschäftigen.“
Der Leiter des Nahost-Projekts Benjamin von Mendelssohn rief zwei Non-Negotionables aus, zwei Punkte also, über die nicht mehr verhandelt wird: „Erstens die Einsicht in die Notwendigkeit, Heilungswege für Liebe und Sexualität zu finden. Und zweitens die Einsicht der Notwendigkeit, globale Friedensforschungsdörfer aufzubauen, als Modelle für gelebte Gewaltfreiheit.“

Vision eines globalen Campus
Die Tamera-Sommeruniversität im August war der bisherige Höhepunkt von Monte Cerro. Starke Friedenskräfte kamen aus aller Welt zusammen in einer Atmosphäre der Verständigung und der gemeinsamen Visionsbildung. Sami Awad, Direktor des Holy Land Trusts in Bethlehem, sagte: „Tamera erinnert mich an diesen verrückten Mann, der den Menschen vor zweitausend Jahren beibrachte, sich zu lieben und zu versöhnen. Als Lehrer für Gewaltfreiheit möchte ich palästinensische Dörfer dazu inspirieren, sich auf ihre gewaltfreien Traditionen zu besinnen. Die Idee, Friedensforschungsdörfer aufzubauen, ist für uns sehr wertvoll; ich möchte mithelfen, dass das nächste in Palästina entsteht.“
Noch habe ich nichts über das Solar Village geschrieben,das ab kommendem Jahr aufgebaut werden soll, und nichts über die Ökologengruppe, die 16000 Bäume pflanzte und einen großen Permakulturgarten anlegte. Kein Wort bislang über den Kunstplatz, den Jugendplatz und den Platz der Kinder. Nichts über das Thema Heilung, über das Forum, über den Pferdehof, über die Schule für Friedensjournalismus. Alles dies sind Bereiche für Ausbildung und Friedensforschung.
Ich danke für die Möglichkeit, diesen Artikel zu schreiben, der mir bewusst gemacht hat, wie viele Teile des Gesamttraums tatsächlich schon realisiert wurden. Möge es so weitergehen!´


Leila Dregger war Herausgeberin der Zeitschrift „Die weibliche Stimme“. Ihr derzeitiges Projekt ist der Aufbau einer Schule für Friedensjournalismus.


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Dregger, Leila

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