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Beobachtungen eines Reisenden in Monte Cerro
erschienen in Ausgabe 147  PDF-Version (270.67 KB)
Ein zehntägiger Monte-Cerro-Aufenthalt im Sommer 2006 gab Anlass für Martin Stengel, seine Beob-achtungen niederzuschreiben. Er war als Spezialist für Lehm- und Strohballenbau nach Tamera eingeladen. Selbst seit 14 Jahren in Gemeinschaft lebend – davon zehn Jahre im Ökodorf Sieben Linden –, kann er die Leistung der „Tameraner“ einschätzen.


Nach zwei Tagen bequemer Zugreise durch Großstädte und wilde Landschaften werde ich von einem „Tameraner“ mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt. Mein erster Eindruck ist die trockene und rote Erde überall. Das Gelände selbst ist groß und durch die Hügel und Täler nicht im Ganzen zu überschauen. An vielen Stellen entdecke ich liebevoll gepflegtes Grün, von neu gepflanzten Sträuchern und Bäumen bis zu alten Korkeichen. Das grüne „Heilungsbiotop“ der Zukunft ist zu spüren und zu erahnen, auch wenn es dafür wohl noch einen hohen Einsatz und Geduld brauchen wird. Die vielen, zu einem guten Teil improvisierten Gebäude liegen weiträumig verstreut in mehreren Siedlungsteilen und scheinen auf den ersten Blick keinem größeren Gesamtplan im Sinn eines Dorfbilds zu folgen. Die Bebauung ist vielfältig: von wenigen neuen Stein- bzw. Strohballen- und Lehmbauten über improvisierte Hütten, Wohncontainer und Caravans bis zu Großzelten und Hallen. Die Unattraktivität der vielen provisorischen Plastik- und Metallbehausungen wird durch Farbe und Gestaltung ausgeglichen, und auch deren Umfelder und Zuwegungen erfahren kreative Ausschmückungen. Ich sehe eine Freude an der Erschaffung von Schönheit, die sich nicht mit dem Mangel an finanziellen Mitteln aufhält. Und nach der ersten langen Führung erkenne ich die funktionale Logik des Ganzen und den Charakter der unterschiedlichen Plätze als wohlüberlegt und auf eine Vision für die Zukunft des gesamten Projekts hin ausgerichtet.
Die erste mir wohltuend auffallende Stärke dieser Gemeinschaft ist der Umgang mit Gästen. Gäste sind willkommen und werden professionell und verantwortungsvoll empfangen. Die Gemeinschaft widmet diesem Bereich eine große Aufmerksamkeit und viel Arbeitszeit. Eine Führung über das Gelände ist für Menschen, die sich länger hier aufhalten wollen, obligatorisch. Gäste wohnen zumeist in liebevoll gestalteten und gepflegten Zelten. Man wird ausführlich informiert über den Charakter des ganzen Projekts und aufgefordert, sich innerlich darauf auszurichten: „Die Bewohner dieses Ortes machen den Versuch, miteinander den Weg der Ko-Evolution und der Liebe zu gehen. Jedes neu ankommende Wesen kann an diesem Unternehmen teilnehmen. Bitte helft mit, dass die Arbeit gelingt!“ entnehme ich dem Infoblatt für Gäste.
Die Situation rund um das Essen für die Gäste und Studenten gefällt mir ausnehmend gut. Wir speisen auf einer höhergelegenen Terrasse unter leichten Schattendächern. Das Essen ist einfach, saisonal und regional und durchgehend ohne tierische Produkte zubereitet. Jede Mahlzeit wird begrüßt mit dem Klang einer Glocke im Kreis der Wartenden, mit Gedanken für den Tag und mit einer Stille während der ersten 10 Minuten des Essens. Es geht ruhig und gelassen zu, Zeit für den Genuss der Geschenke des Gartens und für Gespräche mit den Menschen.
In den nächsten Tagen wird mir mehr und mehr bewusst, wo die Qualitäten dieser Gemeinschaft und dieses Studien-orts für das Menschsein in Gemeinschaft liegen. Die morgendliche Einstimmung in der neuen Aula lädt ein, den ganzen Tag und jeden Moment zu nutzen, sich bewusst auf inneres Wachstum auszurichten. Eine persönlich gehaltene kurze Rede gibt neue geistige Impulse und berührt das Herz, ein „Kraftsatz“ soll den Tag begleiten, ein Lied die Menschen miteinander verbinden.
Ich selbst brauche immer wieder einen bewussten Blick durch die von mir als etwas befremdlich empfundene Heiligkeit, mit der das Ganze zelebriert wird. Gleichzeitig nehme ich dies als eine starke Inspiration des menschlichen Geistes wahr, dem mit befreienden Gedanken viel Energie und Raum und vor allem eine Gestalt gegeben wird. Eines Morgens heißt es zum Beispiel: „Glück ist Geborgenheit in Größerem. Du musst etwas Großes sehen, um nicht den Banalitäten des Scheinlebens anheimzufallen. Um dem Großen zu folgen, musst du an es glauben. Um ihm glauben zu können, brauchst du ein Wissen.“ Ein anderer Morgen ist dem Kraftsatz „Ich bin, der ich sein werde“ gewidmet. Es gibt hier einen tiefen Glauben daran, dass die Menschheit einen Weg aus der globalen Krise finden kann, die sich derzeit auf allen denkbaren Ebenen manifestiert. Der Ansatz, der sich mir hier immer wieder zeigt, ist, dass die Heilung der Außenwelt nur durch die Heilung der Innenwelt des Menschen zu erreichen ist. Über die Rückverbindung jedes einzelnen Menschen zur Natur und zur Schöpfung dieser Erde sowie in der Bewusstwerdung der vielen ungeahnten Kräfte und Fähigkeiten und deren verantwortungsvoller Nutzung liegt der Weg zur Heilung und zum Frieden der ganzen Welt. Dass dieser Weg für die Teilnehmenden an diesem Experiment ein Weg der tiefen Liebe zum Leben in jeder Form ist, begegnet mir hier täglich.

Ein Lernort für das Menschsein in Gemeinschaft

Und dieser Weg der Liebe gilt hier als ein universeller und gleichzeitig persönlicher. Es werden Gelegenheiten geschaffen, in denen jedes Individuum, das sich wirklich auf die Ziele des Experiments Monte Cerro einlassen und sich einbringen will, wahrgenommen werden kann. Einen großen Stellenwert hat dabei das „Forum“, eine Gruppengesprächstechnik bzw. Therapie, mit der im Projekt „Meiga“, aus dem Tamera und Monte Cerro hervorgegangen sind, schon seit Jahrzehnten gearbeitet wird. An der individuellen Entwicklung wird Anteil genommen, die Gemeinschaft soll als liebevoller und herausfordernder Spiegel dieser Entwicklung dienen. Hier soll niemand stecken- oder stehenbleiben. Menschliche Schwächen werden mit dem Blick auf das Entwicklungspotenzial wahrgenommen und dies grundsätzlich in dem Bewusstsein, dass jede/jeder hier Teil eines Ganzen ist. Die Welt braucht die Gemeinschaft der Einzelnen und umgekehrt. Jede persönliche Krise, Verwirrung, Unfähigkeit, Krankheit, in der Einzelne sich befinden, hat Auswirkungen auf das Ganze und kann genauso jeden anderen treffen. Wie sich das äußert? Mir fällt vor allem auf, dass die Menschen hier sich auch außerhalb des Forums Zeit nehmen für bewusste Begegnung und Gespräche. Das Reden über andere geschieht überwiegend in einer anerkennenden und unterstützenden Form, so gut wie nie jedoch durch Lästern oder Schlechtreden. Der Blick richtet sich auf die Zielgestalt der verschiedenen Personen, dorthin, wo die Potenziale liegen.
Kooperation ist ein weiterer auffälliger Punkt. Hier wird als Team gedacht und versucht, sich gegenseitig einzubinden und an den Platz zu stellen, an dem jede/jeder am besten und glücklichsten mitwirken kann. Es sind Menschen, die hier mit ihrer Arbeit leben und sich darin ausdrücken, keine Arbeitnehmer, die ihre Leistung abliefern. Die sogenannte produktive Arbeit fällt nach meiner Wahrnehmung damit mindestens an die zweite Stelle hinter der menschlichen Entwicklung. Als ein anders konditionierter Mensch, der sich sein ganzes Leben nach Leistung und Produktivität ausgerichtet hat, reagiert mein Inneres darauf mit Ungläubigkeit, Erstaunen und Interesse. Das Forum findet auch zwischen den Arbeitsphasen des Tages statt; die Studierenden des Projekts Monte Cerro arbeiten gar nur einen halben Tag auf Baustellen, im Garten und an anderen Stellen mit, um den größeren Teil der Tageszeit dem persönlichen Studium allein oder in Gemeinschaft zu widmen.

Practice what you preach!

Und die Kehrseite der Medaille? Natürlich kann ich bemängeln, dass hier nach all den vielen Jahren des Aufbaus noch soviel im Provisorium liegt und über Lehmbau jahrelang nur gesprochen wurde, bevor es endlich damit losging. Für ein Projekt, das sich der Heilung der Erde gewidmet hat, scheint mir hier ökologisch noch einiges zu tun zu sein: Wieso läuft ein Stromgenerator ohne Abwärmenutzung seit Jahren, wo Kraft-Wärme-Kopplung doch wirklich eine altbekannte Technik ist? Und wieso reisen praktisch alle BesucherInnen und Projektmitglieder mit dem Flugzeug? Die Auswirkungen des Fliegens auf die zerbrechliche Hülle dieses Planeten sind doch auch im Heilungsbiotop bekannt! Welche Bedeutung hat das gesprochene Wort für die Welt, wenn wir es nicht schaffen, die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln im gelebten Beispiel aufzuheben?
Ich selbst weiß nicht, welcher Weg zur Erlösung des Einzelnen und der Welt führen wird. Monte Cerro gibt eine kraftvolle Antwort auf den Zustand der Welt. Die vielen Ansätze und Gedanken zur Entwicklung einer neue Friedenskultur sind mir eine inspirierende Quelle für meine eigene geistige Ausrichtung. Viele sind mir bekannt und haben in diesem Projekt doch eine neue, reale Qualität. Was ich wahrnehme und was mich mit Respekt und Glück erfüllt, ist die hohe Aufmerksamkeit und der starke Wille in dieser Gemeinschaft. Hier erkenne ich viele positive Antworten auf die Fragen, die ich in meiner und anderen Gemeinschaften kennengelernt habe. Das Zusammenleben mit anderen Menschen wird in Tamera bewusst einladend gestaltet: Es macht Freude. Es erzeugt Lebenslust. Es macht Hoffnung. Es erfüllt mit Liebe. ´


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