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Forum: Mama Anarchija (Teil 4)
erschienen in Ausgabe 114  PDF-Version (229.98 KB)
Die herrschaftsfreie Gesellschaft – eine Utopie mit tiefen Wurzeln. Horst Stowasser und Gandalf Lipinski reflektieren die vorangegangenen Beiträge der Serie.

In den ersten beiden Artikeln der Serie „Mama Anarchija“ sprach ich die möglichen Vorteile herrschaftsfrei organisierter Gesellschaftsformen an, wie sie sowohl von der Matriarchatsforschung als auch von der anarchistischen Bewegung vertreten werden. Diese Beiträge können Sie ebenso wie das in der letzten Ausgabe abgedruckte Gespräch mit der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth unter www.kurskontakte.de oder auch unter www.mama-anarchija.net nachlesen.
Im vorliegenden vierten (und vorerst letzten) Teil der Mama-Anarchija-Folge greifen nun der Anarchismus-Kenner Horst Stowasser sowie der Holon-Redakteur Gandalf Lipinski in jeweils eigenen Forumsbeiträgen die bisherigen Ideen und Diskussionsansätze auf. Um eventuell vorhandene Berührungsängste im einen oder anderen Lager aufzulösen, wendet sich Stowasser hier vordergründig an die bestehende Anarcho-Szene.
(Jochen Schilk)


„Herrschaft ist unsozial, überflüssig und lächerlich, denn Herrschaft gefährdet jede Gemeinschaft. Und weil sie kontraproduktiv für das gesellschaftliche Leben ist, ist das Festhalten an Herrschaftsansprüchen ganz einfach dumm.“
Großes Preisrätsel für die Anarchistengemeinde: Von wem stammt diese Aussage? Gustav Landauer? Emma Goldman? Peter Kropotkin?
So kann man sich irren! Sie stammt von Claudia von Werlhof, und die hat, soweit ich weiß, mit „Anarchismus“ nichts am Hut. Claudia von Werlhof ist „Patriarchatskritikerin“ und lehrt an der Universität Innsbruck. Sie hat das auf einem internationalen Kongress zur Matriarchatsforschung gesagt, vor 400 Menschen: überwiegend Frauen und vermutlich keine „echten Anarchos“. Das Original-Zitat steht in KursKontakte 144 auf Seite 42; ich habe es nur leicht paraphrasiert.

Falscher Stallgeruch und Lagerdenken

Weltoffene Anarchos begegnen Aussagen von Nicht-Anarchos, die mit ihrer eigenen Überzeugung korrellieren, mit (freudigem) Erstaunen; engstirnige Anarchos mit (grimmiger) Skepsis. „Ja, aber …“ heißt es dann meistens, und schon beginnt die Suche nach den Unterschieden. Und die lassen sich natürlich schnell finden. Meistens läuft es irgendwie auf die Feststellung hinaus, dass der Stallgeruch nicht stimmt. Wie sollte er auch, wenn die Aussage aus einem anderen Lager stammt?
Aber hat denn der Anarchismus ein Monopol auf die Ablehnung der Herrschaft? Soll eine anarchistische Gesellschaft denn eine geschlossene Veranstaltung für überzeugte Anarchistinnen und Anarchisten sein? Und was geschähe dann mit dem Rest der Menschheit?
Lagerdenken ist stets ein Ausdruck gesellschaftlicher Schwäche und politischer Unsicherheit. Wer sie nicht überwinden kann, verschenkt Wertvolles: Anregung, Bereicherung, Inspiration und vor allem: die Chance, die eigenen Ziele auf einen breiteren gesellschaftlichen Konsens zu stellen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Offenheit keineswegs zum „Verrat an den Ideen“ führen muss. Im Gegenteil: Wer seine Überzeugung wirklich verinnerlicht hat, wird sich durch Anregungen von außen nicht verbiegen lassen – und stattdessen vielleicht eine Bereicherung erleben. Genau so ist es mir in den letzten Monaten ergangen.
Beim Thema Matriarchat dachte ich noch vor kurzem fast automatisch an Figuren wie Katharina die Große, Angela Merkel oder Maggie Thatcher: Als Anarchist, so mein Standpunkt, will ich mich von niemandem beherrschen lassen, auch nicht von Frauen. Und was die Theorien von längst versunkenen matriarchalen Kulturen anging, so war ich skeptisch und – wie ich offen gestehe – latent desinteressiert. Wie will man denn aus einem 10000 Jahre alten Haufen Schutt und Knochen ein „Matriarchat“ herauslesen!? Das sah mir allzusehr nach feministischem Wunschdenken aus und wollte partout nicht durch meinen ideologiekritischen Dogmatismusfilter hindurch (in dem übrigens auch schon so manche doktrinären Anarchomythen hängengeblieben waren). Matriarchatsforschung? Das roch für mich immer ein wenig nach wissenschaftlich verbrämter Rechtfertigungslehre, nach ideologischem Überbau für „Weiberherrschaft“.

Von Mama Anarchija wachgeküsst

Hätte ich mich doch schon früher schlau gemacht!
Aber manchmal braucht es halt einen sanften Stoß von außen. Und der kam, als ich Jochen Schilk kennenlernte. Und dessen ebenso verdienstvolles wie unermüdliches Anliegen, Matriarchatsforschung und Anarchismus miteinander bekanntzumachen.
Inzwischen habe ich mit dem Schlau-Machen begonnen. Habe die überaus spannenden und noch dazu verständlich geschriebenen Bändchen über „Das Matriarchat“ von Heide Göttner-Abendroth verschlungen. Bin mental nach Çatal Hüyük gereist und wieder zurück, um sodann mit Marija Gimbutas in die „Zivilisation der Göttin“ einzutauchen. Dabei habe ich von Dingen erfahren, von denen ich nichts wusste. Ich habe beeindruckende Zusammenhänge gesehen, die tief in meine Weltsicht eingedrungen sind.

Lieber spät als gar nicht

Manche werden nachsichtig lächeln: „Wissen wir doch alles schon, haben wir doch längst alles gelesen – wieso macht der Stowasser so ein Gedöns um seine eigene Ignoranz?“ Mag sein. Aber warum bin ich nicht neugierig geworden, als ich vor Jahren die „Regulierte Anarchie“ des Ethnologen Christian Siegrist gelesen habe, der bei Göttner-Abendroth ausführlich gewürdigt wird (kurioserweise als Neomarxist)? Und weshalb haben die Glocken nicht geklingelt, als ich seinerzeit die Gimbutas durchgeblättert habe? Eben darum: Ich hab’s nur durchgeblättert und nicht richtig gelesen. Und warum? Naja, das war halt „Archäologie“ oder „Ethnologie“ und nicht „Anarchismus“. Woran ich erkannt habe, wie sehr auch bei mir der richtige Stallgeruch die Rezeption beeinflusst.
Aber ich kann mir vorstellen, dass ich nicht der einzige bin, dem es so gegangen sein wird. Genau darum sag’ ich mir heute: Lieber spät dazulernen als gar nicht. Und gelernt habe ich in der Tat.

Atemberaubende Analogieschlüsse

Zum Beispiel: Dass das Matriarchat (zumindestens jenes, das von der hier erwähnten Matriarchatsforschung vertreten wird) ja überhaupt nichts mit „Weiberherrschaft“ zu tun hat. Nicht nur etymologisch gesehen, sondern vor allem im konkreten sozialen Leben: Wenn eine von matriarchalen Prinzipien geprägte Gesellschaft qua Wesensgehalt „Herrschaft“ an sich negiert, wäre es ein dummes Paradoxon, im Wort Matriarchat eine „Mutterherrschaft“ zu sehen. Im Anarchismus ist dieses Dilemma bekannt: „Wenn erst die Anarchie herrscht, wird alles gut …“ Klingt irgendwie paradox, gell?
Oder auch: Dass man aus archäologischen Funden sehr wohl eine Menge gesicherter Rückschlüsse auf Lebensweise, soziale Organisation und Herrschaftsverhältnisse ziehen kann. Dies anschaulich vermittelt zu bekommen, zählt für mich übrigens zu den großen Verdiensten jener Matriarchatsliteratur: Das kam so spannend rüber wie der Discovery Channel und so anschaulich wie die Sendung mit der Maus.
Das Entscheidende aber waren die Analogieschlüsse, die sich aus all dem ergaben, ja, geradezu aufdrängten: Wenn eine egalitäre und herrschaftsfreie, zumindest herrschaftsarme Gesellschaft über tausende von Jahren existiert und funktioniert hat; wenn sie zudem länger gedauert hat, wirtschaftlich erfolgreicher und sozial humaner war als die gesamte patriarchale Machtgesellschaft, wie wir sie seit den alten Sumerern als einzig existente historische Wahrheit gelehrt bekommen haben — wenn all das zutrifft, dann trifft auch zu: Die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft ist keine Utopie. Sie hatte ihren Topos, und der war überaus erfolgreich.
Wer diesen Gedanken weiterdenkt, wird früher oder später atemberaubende Analogieschlüsse ziehen: Wenn so etwas möglich war, warum sollte es nicht möglich sein? Wenn unsere hierarchische Gesellschaftsbilanz negativ ist, die an-archische aber positiv, dann – tja dann …!

Synergie, aber wie?

Kein Mensch wird das Rad der Geschichte bis nach Çatal Hüyük zurückdrehen wollen, darum geht es gar nicht. Es geht darum, Modelle für eine egalitäre und herrschaftsfreie Gesellschaft in unserem Jahrtausend zu entwickeln: einer arbeitsteiligen, hochtechnisierten Gesellschaft von 7 Milliarden Menschen. Und kein vernünftiger Anarchist wird das Matriarchat ideologisch vereinnahmen und ihm ein politisches Etikett namens „Anarchismus“ aufkleben wollen, auch darum geht es nicht. Es geht darum, aus dem Fundus tatsächlich gelebter Erfahrungen zwei Dinge zu schöpfen. Erstens: den Mut zur Utopie – vor dem Hintergrund, dass Herrschaftsfreiheit tatsächlich in großem Maßstab funktioniert. Und zweitens: die Inspiration zu zeitgemäßen Modellen – vor dem Hintergrund detaillierter Kenntnisse darüber, wie das im Einzelnen funktioniert hat.
Hierzu bringen beide, Matriarchatsforschung und Anarchismus, ihren eigenen Sack von Erfahrungen mit; der eine ist riesig groß, aber uralt, der andere ziemlich klein, aber ganz jung. Der Gedanke an Austausch zum Zwecke der Synergie liegt nahe. Aber wie könnte das geschehen angesichts unterschiedlicher Traditionen, szenespezifischer Empfindlichkeiten und möglicher Vereinnahmungsängste? Töricht wäre es, diese Erfahrungsschätze zu einem Brei zu verwursten und Unterschiede zu verkleistern; klug hingegen, sie in einen fruchtbaren und kritischen Dialog treten zu lassen – mit Blick nach vorn. Jochen Schilk hat dazu aufgerufen und das, was dabei wohl zu entdecken wäre, die „matriarchal-anarchische Matrix einer besseren Art des Zusammenlebens“ genannt. Ich finde, das hat er schön und treffend ausgedrückt, und ich finde, er hat seine Einladung zu dieser Entdeckungsreise zu Recht ausgesprochen.
Diese Reise könnte ganz unprätentiös begonnen werden: mit dem Verbreiten von Erfahrungen und Wissen in der jeweils anderen Szene. Ich will mich mit Freuden daran beteiligen und lade die Protagonistinnen und Protagonisten der Matriarchatsforschung ein, ihrerseits mit dem anarchistischen Diskurs ebenso zu verfahren. Vor zehn Jahren habe ich ein Buch über den Anarchismus geschrieben, das ich bisher für ein umfassendes Standardwerk gehalten habe. Der historische Abriss beginnt im antiken Griechenland; von dem Wissen um die frühen matriarchalen Gesellschaft steht darin kein Wort. Weil ich, wie Jochen Schilk ganz richtig vermutet, davon schlicht nichts wusste – und stattdessen die größeren Zusammenhänge nur „intuitiv ahnte“, wie er mir, durchaus treffend, konzidiert. In der nächsten Ausgabe des Buches wird selbstredend das „Ahnen“ durch „Wissen“ ersetzt sein …

Ja, aber …

Und was ist mit den Unterschieden? In der letzten Ausgabe von KursKontakte haben Heide Göttner-Abendroth und Jochen Schilk im Gespräch einige davon benannt. Spiritualität, zum Beispiel. Damit können die meisten Anarchos wenig anfangen, und vielen schwillt schon der Kamm, wenn sie bloß das Wort hören. Andere wiederum sind durchaus spirituell unterwegs und ich kenne sogar einen sehr sympathischen Anarchisten, der praktizierender Katholik ist. Aber was heißt das schon?
Widerspricht denn Spiritualität wirklich der Anarchie? Wohl kaum. Wenn, dann wohl eher dem Anarchismus. Der ist (zumindest im Mainstream), als ein echtes Kind der Aufklärung, natürlich antireligiös – präziser: antiklerikal. Anarchie hingegen ist ja im Grunde nichts weiter, als eine andere „Grammatik des Lebens“ – und die muss selbstverständlich Platz für alle Menschen bieten, egal, ob deren Lebensphilosophie den Anarchisten schmeckt oder nicht. Da es aber bei dem angeregten matriarchal-anarchistischen Dialog ja gerade nicht auf Vereinnahmung oder Verschmelzung ankommt, wäre es das Klügste, die Unterschiede erst einmal da stehenzulassen wo sie sind, und sich mit Neugier und Gelassenheit auf Entdeckungen einzulassen. Solange das neu Entdeckte nicht der Unterdrückung anderer Menschen dient, sollte hier eine alte anarchistische Kardinaltugend greifen: die Toleranz von Vielfalt und Andersartigkeit.
Im Zweifelsfall verlasse ich mich übrigens noch immer am liebsten auf meine eigene Lebenserfahrung. Als bekennender Atheist habe ich für Religiosität wenig übrig; klerikale Macht hingegen erregt in mir heißen Zorn. Spiritualität ist ein Begriff, der sich mir nicht recht erschließen mag, und die Begegnung mit esoterischem Verblödungsmarketing führt bei mir immer wieder zu fassungsloser Empörung. Jeder, der mich kennt, weiß das, denn ich pflege aus meiner Meinung kein Hehl zu machen.

Dein Weg, mein Weg, unser Ziel

Und dennoch habe ich etliche gute Frendinnen und Freunde, die ganz anders denken. Sagen wir ruhig: spirituell. Von ihnen werde ich geschätzt, gemocht sogar, obwohl sie vielleicht meine Seele für rettungslos verloren halten. Ich bin als der, der ich bin, in esoterisch oder spirituell angehauchten Projekten und Lebensgemeinschaften immer wieder zu Gast gewesen und gebe gerne zu, mich dort recht oft außerordentlich wohl gefühlt zu haben. Respekt und Interesse, Wärme und Menschlichkeit, Gastfreundschaft und Zuneigung habe ich dort bisweilen stärker gespürt, als in so manchen ultra--coolen Polit-Zusammenhängen. Vielleicht auch deshalb, weil diese Menschen gespürt haben, dass ich nicht so borniert bin zu glauben, dass sich die Welt, Leben und Gefühle allein durch kalte Rationalität erfahren, erklären und ertragen lassen.
Die Lehre, die ich aus dieser Erfahrung ziehe, ist -einfach – und für den angestrebten matriarchal-anarchistischen Austausch bedeutsam: Der Anarchismus hat das Wissen um den Weg, der zu an-archischen Tugenden führt, nicht gepachtet. Oder anders gesagt: Nichts ist schlimm daran, wenn andere Menschen zu meinem Ziel auf Wegen kommen, die nicht die meinen sind. ´


Horst Stowasser, Archivar der globalen anarchistischen Bewegung, wirkt zur Zeit an der Gründung eines selbstverwalteten Mehrgenerationen-Wohnprojekts mit. Sein Standardwerk „Freiheit Pur – Die Idee, Geschichte und Zukunft der Anarchie“ wird demnächnst neu aufgelegt.
Siehe auch http://www.mama-anarchija.net





Jochen Schilks „Mama-Anarchija“-Artikel gehören zum Besten, was ich seit langer Zeit zum Zusammenhang von Politik, Geschichte und Anthropologie gelesen habe. Am liebsten würde ich sie zur Pflichtlektüre machen für alle, die heute bei Dynamik5, den Violetten oder ähnlichen Zusammenhängen in Sachen nachhaltiger Gesellschaftsgestaltung unterwegs sind. Zwar geht es an der Oberfläche um den Vergleich zweier historischer Phänomene, die sich weniger äußerlich, mehr aber im Wesenskern berühren, doch ich sehe in der Bezugnahme einer neuzeitlich politischen Bewegung auf eine zeitlich sehr weit entfernte Kulturepoche der Menschheit und umgekehrt noch viel mehr:

Politik aus der Tiefe gestalten

Unter anderem geht es hierbei auch um eine Art Wiederversöhnung von historischem und politischem Denken. Eine zahnlos im politisch folgenlos bleibenden akademischen Raum vor sich hindümpelnde Geschichtswissenschaft trifft ja heute eher kaum auf die verschiedenen Ideen und Programme zur Lösung der aktuellen Probleme unserer Gesellschaft im politischen Raum. Und gerade in den politischen Zusammenhängen der Kulturell Kreativen würde ich mir wesentlich mehr historische Wahrnehmung wünschen. Es geht doch bei Geschichte und Politik letztlich um die Frage des Woher und Wohin! Und das Wissen um die Existenz einer mutterrechtlichen, vorpatriarchalen Kultur würde ich eigentlich zur notwendigen Grundkompetenz all derer zählen wollen, die heute sich daran machen, unsere Gesellschaft nachhaltig menschenwürdig zu gestalten.
Aber selbst die uns heute ja zeitlich viel näheren anarchistischen Strömungen sind vielfach schon so tief in die Vergessenheit geraten, dass das bewusst genährte Klischee „Anarchist = Terrorist“ leider auch unter gutmeinenden Uninformierten immer wieder Nach-beter findet.
Hier liegt das große Verdienst von Jochen Schilks Artikeln: Durch den Vergleich von anarchistischen Bestrebungen und mutterrechtlicher Kultur trägt er die Tiefendimension der Zeit in die aktuellen Diskussionen hinein, die ja alle um die Sehnsucht nach einem menschlicheren Miteinander, nach überschaubaren Zusammenhängen und nach einer der Natur und der menschlichen Gemeinschaft dienlicheren Wirtschafts-, Sozial- und Finanzordnung kreisen.
Auch in den scheinbar privatesten Zusammenhängen, etwa in der Frage, wie Frauen und Männer zusammenkommen können, bleiben wir ja erstaunlich fantasielos, wenn unsere Anschauung nur auf die Gegenwart oder unsere direkten Vorfahren fixiert ist – eine verkürzte Wahrnehmung, die nicht zuletzt auch die offizielle Politik beherrscht.
Das große Vergessen des Woher (wir kommen) beschneidet die Flügel unserer sozialen Fantasie! Politische Gestaltung und soziales Verhalten, das ständig nur auf Probleme reagiert, ohne in die tieferen Dimensionen unseres gemeinsamen Woher und Wohin eingebettet zu sein, gleicht in seiner Effizienz der üblichen Reaktion auf einen Mückenstich – wir kratzen uns eben mal und lamentieren vielleicht noch ein wenig.
Wenn sich unser historisches Bewusstsein auf die Abgrenzung von unseren Eltern reduziert, verlieren wir den Kontakt zu unseren kollektiven Wurzeln, zu unseren tatsächlichen Ahnen und zu den tieferen Quellen unserer inneren Wünsche. Die Geschichte der Menschheit nicht als Museumsinventar oder Kulisse für Unterhaltungsfilme, sondern als eine unabgeschlossene Suchbewegung zu begreifen, die in jedem von uns und auch kollektiv in unserer heutigen Gesellschaft stattfindet, kann unsere Identität, unser Selbstbewusstsein und unsere Zukunftsfähigkeit nur stärken.
Wenn wir verstanden haben, dass die historisch größte Annäherung an die hohen Ideale von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ eben nicht in der Französischen Revolution, sondern eher in jener großen mutterrechtlichen Kultur vor der Machtergreifung des Patriarchats stattgefunden hat, dann klärt das auch den Blick nach vorn. Wenn wir nicht mehr die Bombe oder den Revolver, sondern die generelle Infragestellung der Herrschaftsinstitution Staat als das Kernanliegen der Anarchisten begreifen, dann können wir auch moderne Forderungen nach Stärkung der Zivilgesellschaft tiefer verstehen und klarer entwickeln, als wenn sie nur aus einem vagen Unbehagen zwischen Scylla und Charybdis entstehen (das uns immer wieder befällt, wenn wir entscheiden sollen, ob in den wichtigsten Fragen eher die Wirtschaft oder der Staat das letzte Wort haben soll).
Die bewusste oder unbewusste Identifikation mit der patriarchalen Herrschaftsform Staat und ihrer Grundeinheit Kleinfamilie gerade auch bei vielen Linken oder Kulturell Kreativen sorgt nachhaltig dafür, dass bei aller Fassadenrenovierung prinzipiell gesellschaftlich alles beim Alten bleibt. Eine umfassendere Wahrnehmung jener alten mutterrechtlichen Kultur und der tieferen systemkritischen Ebene der Anarchiebewegung aber würde bei vielen Menschen die nach wie vor ungebrochene und tiefsitzende Identifikation mit den patriarchalen Herrschaftsstrukturen eher lockern und in Bewegung bringen als hundert noch so gut gemeinte Ideen zu nachhaltigen Steuer- und Familiengesetzen.
Gerade wenn man den Anspruch erhebt, Gesellschaft auch wieder aus dem Raum eines ganzheitlichen oder spirituellen Bewusstseins heraus zu gestalten, kann die historische Tiefendimension, die aus der vollen Wahrnehmung mutterrechtlicher Kultur und authentisch anarchistischer Bestrebungen entspringt, nicht hoch genug angesetzt werden. Die besten Strukturverbesserungsvorschläge werden in den Schubladen verstauben, wenn wir nicht auch dahin schauen, wo zumindest im kollektiven Unterbewussten das ganzheitliche Wissen und die Bilder von dem Leben, das man wirklich leben will, aufbewahrt sind.

Gemeinschaft als soziale Grundeinheit

Doch nicht nur die historische, staatsrechtliche und intellektuelle Selbstbeschränkung bei unseren politisch vorausschauenden Freunden sehe ich durch Mama Anarchija herausgefordert, sondern auch die Kräfte, welche sich in und um die sogenannte Gemeinschaftsbewegung scharen. So möchte ich Jochen Schilks Gegenüberstellung von mutterrechtlicher Kultur und Anarchiebewegung einen dritten Pol hinzufügen: Es scheint mir höchste Zeit dafür, dass die Bewegung zur Bildung neuer Gemeinschaften an die kulturrevolutionären Impulse der Kommunebewegung vor rund einhundert Jahren anknüpft und sich über ihren Charakter und ihre Bedeutung als Zukunftswerkstatt im Rahmen einer immer orientierungsloser werdenden Gesellschaft Klarheit verschafft. Neben den mutterrechtlichen und anarchistischen Erkenntnissen verdient es auch die wachsende Sozialkompetenz der heutigen Gemeinschaftsbewegung, von den in politischen Dimensionen Denkenden tiefer und umfassender als bisher wahrgenommen zu werden.
Meine tieferen Einsichten in Dynamik5 und auch meine ersten Erfahrungen mit den Violetten geben ein sehr ähnliches Bild: (Noch) unausgesprochen steht dort die grundlegende Frage nach der Beschaffenheit der sozialen Grundeinheit im Raum, auf der die von uns gewünschte Gesellschaft basieren soll. Doch all unsere sozialen, ökologischen, wirtschaftlichen, politischen und geistigen Reformideen ergeben nur dann einen Sinn, wenn wir auch einmal die Grundeinheit einer nachhaltig demokratischen Gesellschaft näher betrachten. Wenn wir es ernst damit meinen, weder neoliberalen Wirtschaftsideologien noch dem alten Zentralstaat die Oberhoheit über unser Leben einräumen zu wollen, so müssen wir dieses „Wir“ genauer definieren. Funktionierende Gemeinschaften als Fundamente einer herrschaftsfreien Gesellschaft werden letzten Endes unerlässlich sein, wenn wir den Perspektiven der Global Player und den zentralistischen Strukturen des alten Patriarchats menschenwürdigere Perspektiven entgegenstellen wollen.
Diejenigen Kräfte, denen daran gelegen ist, die alten Strukturen zu bewahren, beten gerne dieselbe alte Leier herunter: „Die Gemeinschaften, von denen ihr da träumt, hat es nie gegeben. Die kann es gar nicht geben, und die wird es auch nie geben. Denn erstens sind die Menschen anders, zweitens sind sie egoistisch … usw. usf.“ Deshalb bliebe nur die Wahl zwischen freier Wirtschaft oder starkem Staat. Im Übrigen sei doch der Staat die Gemeinschaft. – Es ist das große Verdienst der Matriarchatsforschung, diese Verschleierung aufgehoben zu haben. Vor ihrem Hintergrund kann man die Menschheitsgeschichte nun ganz anders lesen. Die Gleichsetzung von Staat und Gemeinschaft ist eine Lüge zur Aufrechterhaltung des Patriarchats.
Es ist das große Verdienst der Anarchisten gewesen, die Erinnerung an die Möglichkeit von Gemeinschaft wachgehalten zu haben, auch wenn es ihnen nicht vergönnt war, eine diesbezügliche Kultur zu entwickeln.
Und es ist das wichtige Verdienst der Gemeinschaftsbewegung und die aktuelle Chance für uns heute, die Frage nach der kleinsten Grundeinheit einer zukünftigen Gesellschaft immer wieder mutig im Selbstversuch und vor allem praktisch zu stellen.

Etwas konstruktive Kritik noch in einem Detail: Ich bin nicht damit einverstanden, jene Zeit der mutterrechtlichen Gesellschaft einfach „Matriarchat“ zu nennen. Mag es mit spitzfindigen etymologischen Windungen vielleicht hinkommen, aber die Bedeutung des Wortes im allgemeinen Bewusstsein vertuscht leider die wahre Geschichte. Allzu oft wird Matriarchat mit „Herrschaft der Mütter“ übersetzt und damit einfach als Spiegelung des Patriarchats verstanden.
Um keine unnötigen Verzerrungen und Feindbilder zu produzieren, würde ich den Realitäten in unserem Sprachgebrauch Rechnung tragen und daher vorschlagen, eher von einer „mutterechtlichen Sippengesellschaft“ zu reden. Obwohl klar ist, dass das soziale Zentrum einer Sippe von Müttern gebildet wurde – und wohl noch immer wird –, ist doch ihr entscheidendes Zentralspezifikum, dass sie eine Gemeinschaft war und kein hierarchisches Herrschaftssystem.


Der Theatertherapeut Gandalf Lipinski ist Redakteur der Holon-Seiten in KursKontakte und Gründungsmitglied der Konvergenz-Gesellschaft für ganzheitliche Wahrnehmung, Bewusstseinsentwicklung und Tiefenökologie e.V. Er ist Mitinitiator des Gemeinschaftsprojekts Sommerland.


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Horst Stowasser, Gandalf Lipinski

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