Die herrschaftsfreie Gesellschaft – Eine Utopie mit tiefen Wurzeln. Teil 2
In der vergangenen Ausgabe war an dieser Stelle eine Einführung in die faszinierende gesellschaftliche Utopie des Anarchismus zu lesen. Darin habe ich angedeutet, dass heute neben der eher marginalisierten anarchistischen Bewegung noch eine andere Gruppe als Fürsprecherin einer herrschaftsfreien Gesellschaft auftritt: die überdisziplinär arbeitende wissenschaftliche Matriarchatsforschung, deren Erkenntnisse aus Ethnologie, Archäologie, Etymologie, vergleichender Mythologie und Religionswissenschaft schlüssig belegen, dass die Wurzeln der heutigen Zivilisationen in eben solchen herrschaftsfreien Gesellschaften („Ausgleichs-“ bzw. „Partnerschaftsgesellschaften“) liegen. In der Zusammenführung des Wissens aus der Matriarchatsforschung mit den Erfahrungen und Visionen der anarchistischen Bewegung liegt meiner Ansicht nach ein ungenutztes Potenzial für vielfältige Synergien, die dazu führen könnten, den wichtigen Botschaften beider Forschungsbereiche in der öffentlichen Diskussion über nachhaltige Gesellschaftsstrukturen endlich gebührend Gehör zu verschaffen.
Die Zusammenführung beider Strömungen könnte uns ermutigen, völlig neue Wege zu beschreiten und die überdimensionierten und zentralisierten hierarchischen Gesellschaftsformen, die weder dem Wesen des Menschen noch der Natur seines Heimatplaneten gerecht werden, hinter uns zu lassen. Bei meinen bisherigen Bemühungen, den Dialog zwischen Anarchismus- und Matriarchatsforschung zu beleben, stoße ich durchaus auf offene Ohren und gegenseitiges Interesse, das dieser Artikel weiter bestärken möchte. Die Begründerin der modernen Matriarchatsforschung, Heide Göttner-Abendroth antwortete mir z.B. in einem Brief im Oktober 2003: „Das Verhältnis Anarchie und Matriarchat bräuchte dringend eine eingehende Klärung. In meinen Augen ist der Anarchismus nichts anderes als ein geistiges und praktisches Wiederaufleben matriarchaler Werte, welche patriarchale Gesellschaften noch lange unterschwellig durchziehen und in vielen Varianten und Verkleidungen im Widerstand von unten aufflammen. Matriarchat ist die Wurzel, historisch und geistig.“
Begriffsverwirrung auf allen Seiten
Nicht wenige Menschen zeigen sich außerordentlich fasziniert, wenn sie von historischen (und noch mehr von zeitgenössischen) Matriarchaten oder von der Geschichte der anarchistischen Bewegungen erfahren. Doch nur wenige scheinen mit beiden Phänomenen zugleich vertraut zu sein, auch nicht die Expertinnen und Experten beider verwandter „Fachrichtungen“. So schreibt die Patriarchatskritikerin Claudia von Werlhof zur verbreiteten Fehlinterpretation des Begriffs Matriarchat als „Frauen-Herrschaft“:
„In matriarchalen Gesellschaften gelten Herrschaftsansprüche als unsozial und die Gemeinschaft gefährdend, als überflüssig und lächerlich, als dumm und kontraproduktiv für das Leben in Gemeinschaft. Es ist daher kein Zufall, dass, obwohl Frauen-Herrschaft nirgendwo in der Geschichte entdeckt worden ist, die Diskussion um die matriarchalen Gesellschaften immer verwirrend ist, solange unter Matriarchat Frauenherrschaft verstanden wird, so wie unter Patriarchat lediglich Männer- oder Väterherrschaft. Damit fällt dann aber auch gleich die Denk-Möglichkeit einer nicht herrschaftlichen (früheren oder zukünftigen) Gesellschaftsorganisation ganz weg, weil dafür dann kein Begriff mehr zur Verfügung steht.“1
Diese Aussage, es gäbe keinen passenden Terminus für „eine frühere oder zukünftige nicht-herrschaftliche Gesellschaftsorganisation“, wirkt irritierend, zumal die Autorin auf der folgenden Seite ihres hier zitierten Artikels den Begriff „Anarchie“ sogar selbst verwendet, jedoch ohne einen Zusammenhang mit ihren Thesen herzustellen:
„Das Rätsel um Matriarchat und Patriarchat beginnt sich zu lösen, wenn man sich mit der Etymologie beschäftigt. Das Wörtchen arché (Matriarchat, Patriarchat, Hierarchie, Anarchie, Architektur, archaisch etc.) bedeutet zunächst keineswegs Herrschaft, sondern Anfang, Beginn, Ursprung, Uterus. Demnach hieße Matriarchat ganz einfach: am Anfang die Mütter (vgl. Göttner-Abendroth 1989), oder die Mütter als Anfang, was zunächst nichts anderes bedeutet, als dass alles neue Leben von Müttern kommt und diese sich um diese Tatsche herum organisiert haben.“1
Ich zitiere hier etwas ausführlicher, weil mit diesen Aussagen gleich zu Beginn einigen begrifflichen Missverständlichkeiten vorgebeugt wird und die Radikalität der Herrschafts- und Staatskritik der Patriarchatsforschung anklingt. An anderer Stelle nennt Claudia von Werlhof weitere denkbare Ausdrücke für den Zustand gesellschaftlicher Organisation ohne Herrschaft.
„Kein patriarchales System möchte im Prinzip auf den Krieg verzichten, gar auf Herrschaft bzw. den Staat, die Herrschaft als System. Eine Rückkehr zur Egalität oder Direktdemokratie erscheint als utopisch oder naiv. Die Diktatur gilt als verständlicher denn die Herrschaftslosigkeit (A-kratie). Unterdrückung ist in allen Patriarchaten Normalität, ebenso wie Ausbeutung in ihren verschiedenen Formen und Kombinationen, für die sich besonders die bisher letzte Phase, der Kapitalismus, geeignet hat, vereint er doch in seiner Geschichte und Entwicklung alle Formen der Ausbeutung.“2
Der bereits in der letzten Ausgabe von KursKontakte erwähnte anarchistische Autor Horst Stowasser wiederum nennt zwar an verschiedenen Stellen seines Buchs „Freiheit Pur – Die Idee, Geschichte und Zukunft der Anarchie“ den Begriff des Matriarchats, aber es bleibt klar, dass er keine Gelegenheit hatte, dessen wahre Bedeutung kennenzulernen, denn auch er übersetzt Matriarchat fälschlicherweise mit Frauenherrschaft:
„Nun will der Anarchismus natürlich kein Matriarchat, sondern ein Anarchat. Niemand soll herrschen, auch keine Frauen, selbst, wenn sie es ‚besser‘ könnten. In diesem Sinne aber wird das antike Matriarchat von den meisten Anarcha-Feministinnen auch nicht verstanden – eher als eine Quelle der Inspiration und Kritik, als Trümmerfeld verschütteter femininer Tugenden, von denen wir einige heute vielleicht bitter nötig hätten.
Die Kritik am Patriarchat ist deshalb mehr als nur ein ‚interessanter Aspekt‘ oder eine ‚anregende Bereicherung‘ des anarchistischen Standpunktes. Sie ist radikal und global; … Die Kritik am Patriarchat ist fraglos ein leistungsfähiges Mikroskop. Mit seinen Bildern können wir nicht alles, aber einiges interpretieren, was bisher mit Erfolg verdrängt wurde.“3
Wenn hier auch nicht die tiefere Kenntnis der Ergebnisse der zeitgenössichen Matriarchatsforschung zum Ausdruck kommt, versteht Stowasser doch den Wert der Patriarchatskritik für die Analyse dessen, was im gesamtgesellschaftlichen System seit „vielen tausend Jahren“, wie er es an anderer Stelle ausdrückt, falsch läuft. Er scheint zumindest intuitiv zu ahnen, dass vor der Zeit der „staatlichen Konkurrenzethik“ eine Epoche stand, in der Macht oder Konkurrenz unter den Menschen unbekannt gewesen sein müssen. Doch leider lässt er sein Buchkapitel über anarchistische Frühformen erst mit der Antike beginnen. Das Matriarchat ist zwar im Gegensatz zum Anarchismus und anderen Gesellschaftsentwürfen kein theoretisches Konzept (kein „Ismus“), sondern eine Jahrtausende lang praktizierte Gemeinschaftsorganisation und Kultur. Dennoch wäre die Tatsache, dass die Menschheit den Gutteil ihres Bestehens in herrschaftsfreien Gesellschaften verbracht hat, in einem anarchistischen Geschichtsabriss zumindest eine kurze Erwähnung wert gewesen. Die historische Tatsache einer lange andauernden frühgeschichtlichen „matriarchalen Weltkultur“ (Werlhof) ist ja auch für Anarchisten von einigem Belang. Sie entkräftet nämlich den Standardeinwand, der anarchistische Traum sei zwar schöne Theorie, die Verhältnisse ließen sich aber leider nicht verändern. Der Mensch sei nun einmal – quasi von Natur aus – hauptsächlich gewalttätig und herrschsüchtig, und das sei schon immer so gewesen …
Sowohl die anarchistische Bewegung als auch die Matriarchatsforschung leiden seit Anbeginn ihres Bestehens unter einer verbreiteten Falschdeutung ihrer Begriffe. So wie Matriarchat in der Öffentlichkeit als bloße Umkehrung patriarchaler Verhältnisse – also als „Frauenherrschaft“ – aufgefasst wird, so wird Anarchie landläufig als Synonym für „Chaos“ verwendet. Beide Falschinterpretationen haben in der Vergangenheit die Verbreitung der dahinterstehenden Ideen stark erschwert, und es wird in Zukunft zuerst darum gehen, den Makel von den Begriffen zu nehmen, bevor die zugehörigen Inhalte diskutiert werden können. Das gilt an dieser Stelle auch für das gegenseitige Kennenlernen von Anarchistinnen und Matriarchatsfürsprechern.
Dass Matriarchat tatsächlich einen Zustand der Herrschaftslosigkeit bezeichnet, keinesfalls jedoch „Frauenherrschaft“, wurde bereits verdeutlicht. Und dass Anarchie eben nicht „Chaos“ meint, zeigt die griffige Kurzdefinition von Anarchie aus Horst Stowassers Buchkapitel „Alles Chaos oder was?“: „Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Gewalt und Herrschaft!“ (Eingehender wurde dieses Thema bereits in KursKontakte 143 behandelt.)
Matriarchatsforschung im Aufbruch
Die Begründerin der modernen Matriarchatsforschung, Heide Göttner-Abendroth, hat im September 2003 unter der Überschrift „Gesellschaft in Balance“ den ersten internationalen Kongress dieses Forschungszweigs unter der Schirmherrschaft der luxemburgischen Frauenministerin organisiert. Etwa 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren gekommen, davon die allermeisten Frauen – was zeigt, wie sehr das Thema Matriarchat noch immer als reines Frauenthema rezipiert wird, obwohl es in gleichem Maß die männliche Menschheit betrifft (und begeistern könnte)! Auch ich hatte das Vergnügen, der Veranstaltung beiwohnen zu können, und ich war erstaunt, wie kämpferisch sich die Anwesenden gaben. Allen, die sich in Luxemburg versammelt hatten, schien klar zu sein, dass sich das spätpatriarchalische System des globalisierten Kapitalismus über kurz oder lang zu Tode siegen wird und dass die faszinierenden wie hoffnungsvollen Ergebnisse der Matriarchatsforschung nach gesellschaftlichen Konsequenzen förmlich schreien. Die Erkenntnisse über matriarchale Gesellschaften bergen zuviel revolutionäre Kraft, als dass sich dieses Wissen auf einen bloß akademischen Wert reduzieren ließe. Erst wer von friedlichen Formen menschlichen Zusammenlebens (in Vergangenheit und Gegenwart) Kenntnis hat, begreift in vollem Umfang das Maß der Dunkelheit, in dem sich die Welt zu Beginn des 3. Jahrtausends befindet. Dieses Wissen macht zugleich Wut und gibt Mut: Wut über die zerstörerische Kraft einer als patriarchalisch identifizierten Unkultur – und Mut zu einer Vision, in der die Prinzipien matriarchal-herrschaftsloser Organisationsformen und ihrer Ethik den Anforderungen der modernen Massengesellschaften angepasst sind. Claudia von Werlhof sprach in ihrer Kongressrede diese Zukunftsperspektive auch an:
„Vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der heutigen Globalisierung trete ich dafür ein, unsere Gesellschaftsordnung als inzwischen prinzipiell weltweites Patriarchat zu verstehen, das sich über eine Periode von ungefähr 5000 bis 7000 Jahren entwickelt hat und jetzt an seine Grenzen stößt. Damit steht historisch zum ersten Mal global die Frage auf der Tagesordnung, welche Alternativen zum Patriarchat gefunden werden können. Die Matriarchatsforschung ist heute aufgerufen, sich dazu zu äußern, inwiefern neo-matriarchale Verhältnisse eine solche Alternative darstellen (würden), denkbar sind und konkret gestaltet werden können.“
Anarchismus als Inspirationsquelle neo-matriarchaler Visionsfindung
An dieser Stelle wäre es nun konsequent, wenn sich die „revolutionären“ Matriarchatsforscherinnen mit den Ideen und Erfahrungen der anarchistischen Bewegung(en) der letzten 160 Jahre beschäftigen würden. Die Matriarchatsforschung ist bislang aus naheliegenden Gründen tendenziell historisch orientiert bzw. auf kleine, noch existierende (ländliche) Stammesgesellschaften fixiert. Wenn sie das dort gefundene wertvolle Wissen in eine realistische Zukunftsvision für eine Welt mit mittlerweile 6,5 Milliarden Menschen (die Hälfte davon in Städten lebend) integrieren möchte, so muss sie ihre Überlegungen zum Umbau der modernen Gesellschaft stark intensivieren. Dabei hat sie das Glück, an die Gedanken mehrerer Generationen von Anarchisten anknüpfen zu können, so dass sie bei dieser komplexen Herausforderung nicht ganz von vorne anzufangen braucht. Was haben nun die Anarchisten an konkreten Lösungsansätzen zu bieten?
Kurz gesagt: Der Anarchismus fordert eine Aufgliederung der unnatürlich überdimensionierten Gebilde namens „Staat“ in kleine, übersichtliche, sich selbst nach basisdemokratischen Prinzipien organisierende, dezentrale Einheiten. Diese Struktur in Kombination mit freien, sozialistischen Prinzipien sei Voraussetzung für die Entstehung einer Ordnung ohne Herrschaft von Menschen über Menschen, ohne Gewalt, Chaos, Ausbeutung und Umweltzerstörung. Um die Relevanz dieser Überlegungen für die Matriarchatsforschung aufzuzeigen, nachfolgend ein Zitat von Heide Göttner-Abendroth, die in dem von ihr und Kurt Derungs herausgegebenen Buch „Matriarchate als herrschaftsfreie Gesellschaften“ fragt: „[Oder] gelingt es uns in diesem extremen Prozess, die zerstörerischen patriarchalen Herrschaftsmuster aufzulösen und überall, auch in Europa, zu kleineren Gebilden mit einer lebensfreundlicheren Sozialordnung zurückzukehren?“
Es gibt noch weitere, teilweise ins Detail gehende Überschneidungen der anarchistischen und der matriarchalen Vision. So spricht Heide Göttner-Abendroth vermutlich den Verfechtern anarchistisch-basisdemokratischer Grundprinzipien (Rätesystem, Konsens) aus der Seele, wenn sie feststellt:
„Auf der Ebene der politischen Entscheidungsfindung ist das matriarchale Konsens-Prinzip für eine egalitäre Gesellschaft unverzichtbar. … Zudem ist es das eigentlich demokratische Prinzip, denn es löst ein, was die formale Demokratie verspricht, aber nicht hält.“
Bei aller Übereinstimmung ist zu bedenken, dass der Anarchismus eine Struktur für gesellschaftliche Organisation darstellt, authentische matriarchale Lebensweise aber eine umfassende Kultur bedeutet – eine Kultur, die nicht zuletzt auf einer sich von patriarchalen Religionen fundamental unterscheidenden Spiritualtiät beruht. Matriarchat beinhaltet eine anarchische Organisationsstruktur, aber Anarchismus ist nicht gleich Matriarchat.
Neben der anfangs angesprochenen allgemeinen Missinterpretation der Begriffe Anarchie und Matriarchat besitzen beide Phänomene noch eine weitere – nicht eben der Verbreitung ihrer Ideen förderliche – Gemeinsamkeit: Sie kommen in der offiziellen Geschichtsschreibung so gut wie nicht vor. Die viele tausend Jahre währende matriarchale Epoche wird gänzlich geleugnet, das gesamte vorpatriarchale Zeitalter als vermeintlich unzivilisierte „Prä“-Historie abgewertet, wie Heide Göttner-Abendroth beklagt:
„Wie groß dieses Ausmaß an Pathologie in den patriarchalen Gesellschaftsformen ist, können wir ablesen am Ausmaß von Kriegen, Gewalt, Aufständen und Revolutionen, schnell entstehenden und zerfallenden Weltreichen und dem daraus folgenden, nicht enden wollenden sozialen Chaos, das ihre Geschichte durchzieht. Diese Verhältnisse aber werden uns in den Geschichtsbüchern als die Geschichte der Menschheit weisgemacht, unter Auslassung des zeitlich größeren Teils und der friedlicheren Formen der menschlichen Kulturentwicklung. … [Herrschaft] ist nicht alt und ewig in der Geschichte, sondern … relativ jung und neu.“4
An anderer Stelle führt sie aus:
„[Matriarchate] wurden durch die traditionelle Geschichtsschreibung, die seit ihrem Beginn vor ca. 3000 Jahren bis heute tendenziösen Charakter trägt, in die Vergessenheit gedrängt. Patriarchatskritische Forschung im Gebiet der Universalgeschichte heißt damit, eine tiefgreifende Korrektur und Umwertung der gesamten bisher bekannten politischen Geschichte und Kulturgeschichte durch die Entwicklung einer wissenschaftlich fundierten Theorie des Matriarchats zu unternehmen.“4
Die hier geforderte „Korrektur und Umwertung der Geschichte“ sollte dann auch die faszinierenden anarchistischen Episoden einbeziehen, die in Stowassers Buch immerhin die eine Hälfte des 400 Seiten starken Werks in Anspruch nehmen.
Zukunftsperspektiven
Abschließend noch zwei Zitate von Seiten der Matriarchatsforschung, die dem bisher Gesagten eine weitere Perspektive verleihen. Den Anfang macht dabei noch einmal Heide Göttner-Abendroth in ihrem Redebeitrag zum Kongress „Gesellschaft in Balance“: „Matriarchate waren in ihrer langen geschichtlichen Epoche und sind in ihren letzten, heute noch existenten Beispielen Gesellschaften, die ohne Herrschaft, ohne Hierarchie und ohne kriegerische Veranstaltungen als organisiertes Töten ausgekommen sind. Sie kennen insbesondere keine Gewalt gegen Frauen und Kinder, von der die patriarchalen Gesellschaften auf der ganzen Erde voll sind. Das hat mich zunehmend dahin geführt, dem Wissen von matriarchalen Gesellschaftsmustern für die Gegenwart und für die Zukunft einen hohen Stellenwert beizumessen. Denn die matriarchale Gesellschaftsform ist, im Gegensatz zu rein philosophischen Gesellschaftsentwürfen, keine abstrakte Utopie. Solche Utopien haben sich in der menschlichen Geschichte niemals umsetzen lassen. Sondern die matriarchale Gesellschaftsform ist über die längsten Zeiträume der Kulturgeschichte gelebte, praktische Erfahrung und gehört damit zum kulturellen Wissen der Menschheit. Ihre Regeln zeigen, wie das Zusammenleben bedürfnisorientiert, friedlich, gewaltfrei, schlicht human, organisiert werden kann. Deshalb ist es wichtig, die politische Aktualität matriarchaler Muster als Anregungen für die Lösungen heutiger Probleme zu erkennen.“
Und Claudia von Werlhof schreibt in ihrem Kongressbeitrag „Perspektive eines Wahns“:
„In allen alternativen Entwürfen, selbst wenn sie sich nicht als matriarchal bezeichnen, wird weltweit von matriarchaler Egalität, Subsistenz, Gegenseitigkeit und Lebensbejahung ausgegangen und die Kooperation untereinander und mit der Natur in den Mittelpunkt neuer gesellschaftlicher Verhältnisse gestellt. Die Alternativen zum globalen Patriarchat sind weltweit verschieden, folgen aber ähnlichen Grundregeln. Der Wahn des Patriarchats wird wie ein Spuk von der Erde verschwinden. Die Frage ist nur, wie der Übergang so gestaltet werden kann, dass nicht noch mehr zerstört wird, materiell, seelisch und geistig, als es jetzt schon der Fall ist. Die Matriarchatsforschung kann dabei helfen, der Perspektive einer herrschaftsfreien Existenz wieder den Weg zu ebnen.“
Was lässt sich mit all diesen Informationen zu vergangenen und zukünftigen herrschaftsfreien Gesellschaften anfangen? Auf der individuell-praktischen Ebene bedeuten Anarchismus und auch Matriarchat zunächst die Rückbesinnung auf kleine Einheiten, Basisdemokratie und vor allem Selbstorganisation in möglichst vielen alltäglichen Belangen, die hinführt zu einer echten Subsistenz(d.h. Bedarfs-)wirtschaft. Viele Lebensgemeinschaften, Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen, Netzwerke, Kommunen und Arbeitskollektive haben sich bereits auf diesen Weg gemacht und in den kommenden Jahren wird sich mit den zunehmenden größeren und kleineren systemimmanenten Krisen sicherlich zeigen, wie richtig er ist. Aus diesen Ansätzen werden zunehmend politisch wirksame Kräfte entstehen. Meine eigene Lebenswirklichkeit in der quasi anarchisch organisierten Gemeinschaft einer Wahl-Großfamilie überzeugt mich jeden Tag von der Machbarkeit und den vielen Vorteilen solcher Strukturen. In der Praxis geht es immer zuerst darum, aus der Vereinzelung auszubrechen und das Leben gemeinsam in die eigenen Hände zu nehmen – das allein ist schon viel:
Insofern kann jeder sofort damit anfangen, Anarchismus in die Tat umzusetzen. „Für Anarchisten ist Politik nicht nur die Kunst des Regierens, die nur Berufspolitiker (angeblich) beherrschen, sondern die Kunst des Zusammenlebens in der Gesellschaft.“ schreibt Horst Stowasser.5 Wir können uns selbst dabei beobachten, wie wir im Alltag über andere Macht ausüben, und erkennen, wie sich die Welt um uns verändert, wenn es uns gelingt, nicht mehr nach diesem kulturell tief verwurzelten Muster zu denken und zu handeln. Was geschieht in unserem täglichen Leben, wenn wir die Verschiedenheiten von anderen akzeptieren? Was passiert, wenn wir „Freiheit pur“ leben und dabei die Freiheit der anderen akzeptieren?
Die Systemkritik und die Visionen der Matriarchatsforscher und Anarchistinnen sind es wert, endlich Gegenstand einer breiten Diskussion zu werden. Dazu braucht es einerseits mehr Menschen mit Kenntnissen auch zum theoretischen Hintergrund des Anarchismus und der Matriarchatsforschung, aber auch mehr Mut, eine herrschaftsfreie Lebenspraxis im Selbstexperiment zu erforschen und zu erproben.
Insbesondere die Vertreterinnen des politisch engagierten Zweigs der Matriarchatsforschung stehen vor der Herausforderung, ihre bislang nur vagen Forderungen nach einer neuen herrschaftsfreien Kultur zu konkretisieren und eine realistische Vision zu entwickeln. Diese müsste für jeden Mann und jede Frau begreifbar machen, welche Chancen eine matriarchale Gesellschaftsordnung mit sich bringt und wie jeder und jede konkret ihre Prinzipien im eigenen Leben umsetzen kann. Bei dieser Herausforderung – der -Entwicklung eines an das historische Matriarchat angelehnten, zukunftsweisenden Gesellschaftsmodells samt einer Strategie dahin – können die Matriarchatsverfechter auf den reichhaltigen Erfahrungsschatz und die Ideen der anarchistischen Bewegung zurückgreifen zu können, die seit mindestens eineinhalb Jahrhunderten für die herrschaftsfreie Gesellschaft streitet. Da die Anarchistinnen seit den Zeiten, als ihre Ideen Millionen von Menschen mobilisierten, keinesfalls ausgestorben sind, bietet sich selbstverständlich auch eine -konkrete Zusammenarbeit an: Bis zum heutigen Tag wirken Menschen an der Aktualisierung der anarchistischen Vision mit – auch auf deren Werk und Erfahrung kann aufgebaut werden. Die matriarchal-anarchische Matrix einer besseren Art des Zusammenlebens harrt nun ihrer Wiederentdeckung. ´
Die zitierten Redebeiträge von Claudia von Werlhof und Heide Göttner-Abendroth sind im Internet-Artikelarchiv von KursKontakte in der Rubrik „Matriarchale Perspektiven“ in voller Länge wiedergegeben.
Horst Stowassers anarchistische Einführung „Freiheit Pur – Idee, Geschichte und Zukunft der Anarchie“ kann als ausdruckbare Datei auf http://www.Mama-Anarchija.net heruntergeladen werden.
Literaturtipps und einführende Texte in beide Gebiete finden sich auf http://www.Mama-Anarchija.net
Verwendete Literatur:
(1) Claudia von Werlhof, in: Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung, edition amalia, 2003 Bern,
(2) Claudia von Werlhof; „Perspektive eines Wahns“, KursKontakte Nr. 132
(3) Horst Stowasser: Freiheit Pur, Eichborn, 1995
(4) Heide Göttner-Abendroth: Matriarchate als herrschaftsfreie Gesellschaften, edition amalia, Bern 1997
(5) Horst Stowasser, Leben ohne Chef und Staat – Träume und Wirklichkeit der Anarchisten, Kramer, Berlin 2003
|