Liebe Leserinnen,liebe Leser,
in dieser Ausgabe stieß ich auf den Begriff der „neuen Monogamie“ – im Kontext mit „freier Liebe“.
Was könnte an der Monogamie neu sein? Dass unsere Körper vom Fortpflanzungsdrang genauso bewegt werden wie von der Notwendigkeit zu atmen, zu essen und auszuscheiden, ist das eine, dass unsere Seelen nach tiefster Vertrautheit mit einem Du, nach größter komplementärer Erfüllung durch ein Du streben, das andere. Wie passt der „neue monogame Seitensprung“, der aus ersterem Drängen kommt, zu letzterem, das aus der Logik des Superlativs heraus bei einem finalen Kostbarsten anlangen will, das uns den Augenblick des Erkennens so restlos nahebringt, dass wir alle Angst fahren lassen und in Fausts Wette einschlagen: „Verweile doch! du bist so schön!“? Wie passt die Wandlungs-kraft solch radikal befreiender -Erkenntnis, in der sich Liebe manifestiert, zu einem biologischen Prinzip – mehr ist Monogamie nicht –, das viele Nebenwege der Triebabfuhr kennt? Zeugt nicht das Vorwörtchen „frei“ vor der „Liebe“ von Gedankenlosigkeit?
Liebe ist – anders als der Eros – ein Absolutum und implizit Freiheit. Was frei ist, sollte nicht einschränkend benannt, und was nicht frei ist, sollte nicht Liebe genannt werden. Wieviele tolle Wörter erfinden wir, um ein offenbar schwindendes Gefühl für Tugend (uncool?) schönzufärben – und so eine „neue“ Gesellschaft zu formen?
Vor kurzem habe ich in Nietzsches Vor--rede von 1886 zu „-Menschliches, Allzumenschliches“ eine Passage wiederentdeckt, die mich schon früher innehalten hat -lassen: Da spricht er von „jener reifen“ – dieses Wort hat Nietzsche selbst hervorheben lassen – „jener reifen Freiheit des Geistes, welche ebensosehr Selbstbeherrschung und Zucht des Herzens ist und die Wege zu vielen und entgegengesetzten Denkweisen erlaubt …“
Was für eine Windrose der Weisheit! Die „entgegengesetzten Denkweisen“ – das gilt auch für einander scheinbar widersprechende Richtungen des Fühlens und Wollens – kreuzen sich im Mittelpunkt des Herzens, das mit dem altmodischen Wort Zucht einen Halt bekommt. Auch diese sirrende Reibung aus Freiheit und Selbstbeherrschung – ein musikalischer Querstand, dessen Auflösung durch die Einführung der Reife als Fundament der Freiheit vorweggenommen ist: ein Goldkorn in jenem Gelege unheilvoller Eier, über dem sich seinerzeit das Ungeheuer -Geschichte bereits zu plustern begann, um die üblen Schatten des 20. Jahrhunderts zu erbrüten.
Warum bleiben wir nicht dabei, die -Dinge beim Namen zu nennen? Lust ist Lust, Gier ist Gier, Bedürfnis Bedürfnis – und -Biologie ist Biologie. Warum das große Wort -Liebe dorthin zerren, wo die damit -bezeichnete Seelen-, Geistes- und Herzenskraft allzu oft nur Nachsicht und Vergebung üben kann ob der mangelnden „Selbstbeherrschung und Zucht des Herzens“?
Nachdenklich, Ihr
Johannes Heimrath
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