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Was tun? Womit beginnen?
erschienen in Ausgabe 148  PDF-Version (164.06 KB)
Lara Mallien und Christine Wawra stellen die Umwelt-Unternehmer Gundula Oertel und Andreas Fußer vor.

Bexbach im Pfälzer Wald, Herbst 1982: Ein paar junge Leute schlüpfen morgens durch ein Loch im Zaun des fast fertigen Kohlekraftwerks. Zwei Sportkletterer aus dem Team besteigen den hundert Meter hohen Turm des Kraftwerks und befestigen in schwindelnder Höhe ein großes Transparent mit der Aufschrift „Baumkiller“ – das Kraftwerk sollte als Alt-anlage genehmigt werden, so dass mit überhöhten Schwefeldioxidemissionen zu rechnen war. Kurz darauf steht Andreas Fußer als Mann für Öffentlichkeitsarbeit in einer nahegelegenen Telefonzelle und informiert -Presse, Funk und Fernsehen. Das Echo ist erfreulich, denn zeitgleich findet die erste politische Konferenz zum Thema Waldsterben im Schwarzwald statt. (Die -Aktion hat zwar die Inbetriebnahme des Kraftwerks nicht verhindert, aber die Zeit bis zur Nachrüstung auf eine sauberere Technik verkürzt.)
Heute sieht man Andreas Fußer den langhaarigen Umweltaktivisten der 80er-Jahre nicht mehr an. Aber dem Engagement für die Umwelt ist er als Unternehmensberater an der Schnittstelle zwischen Ökonomie und Ökologie treu geblieben.
Berlin, Januar 1993: Im Rahmen des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit Nr. 17 soll die Havel als Wasserschiffahrtsstraße ausgebaggert und begradigt werden. Seltsame Gestalten nähern sich dem Büro der Wasserschifffahrtsdirektion. Frau Havel persönlich hat sich aus ihrem Bett gewälzt: Mit wallenden blauen Kleidern, blauen, schilfbekränzten Haaren und mit einem Wassereimer in jeder Hand, begleitet von Trommlern, die Steeldrums voller Schilfhalme bearbeiten, schwappt sie in die Behörde und lässt vor laufenden Kameras verlauten, womit sie ganz und gar nicht einverstanden ist. – -Gundula Oertel erinnert sich noch mit Vergnügen an ihre Fluss-Identität. Als Mitarbeiterin des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hatte sie die Aktion mit der Schauspielertruppe vom „Büro für ungewöhnliche Maßnahmen“ organisiert. Auch dieser Einsatz hat sich gelohnt – Projekt Nr. 17 ist zwar noch nicht vom Tisch, aber das Engagement gegen die Zerstörung der Havel geht ungebrochen weiter.
Gundula Oertel ist eine Berliner Powerfrau, die man sich mit ein bisschen Fantasie gut als Frau Havel vorstellen kann. Auch ihr Leben wird nach wie vor vom Thema Naturschutz bestimmt: Vor kurzem hat sie mit ihrem Kollegen Andreas Fußer ein Projekt gestartet, das Spenden an Umweltorganisationen einsammelt und den Spendern Tierstimmen als Handyklingeltöne anbietet.
Der Weg der beiden kreuzte sich in Bonn, wo beide für den BUND arbeiteten . Die Strecken, die sie zu dem gemeinsamen Kreuzungspunkt in ihrer Biografie geführt haben, waren recht unterschiedlich.

Die Zeit der Bürgerinitativen

Andreas Fußer ist jemand, von dem man früher gesagt hätte, dass er „nie etwas wird, weil er ja nichts gelernt hat“. Nachdem er in Frankfurt Ende der 70er-Jahre einige Semester Politik studiert hatte, floh er aus dem Universitäts- und Großstadtgetriebe zurück in den Pfälzer Wald, wo er nahe der französischen Grenze in einem winzigen Dorf aufgewachsen war, und eröffnete mit seinem Bruder eine Kneipe. Das Kellnern war aber nicht sein Lebensinhalt, den fand er in einer Freundesgruppe, die sich politisch engagierte und die Zeitschrift „Der Hinterwäldler“ herausgab. Hier wurden gesellschaftlich relevante Themen im Pfälzer Wald diskutiert, wie beispielsweise die drohende Landschaftszerstörung durch den Bau einer Autobahntrasse bis hin zu anarchistischen Gedanken. Sprache und Kommunikation hatten Andreas Fußer schon immer fasziniert, so dass er sich in seiner Arbeit mit den „Hinterwäldlern“, sei es beim Protest gegen den Bau eines Stausees oder das einzige Giftgaslager in Europa, das im Saarland liegt, zunehmend als Öffentlichkeitsarbeiter professionalisierte.
„Irgendwann geht einem aber die Arbeit in Bürgerinitiativen auf den Geist, weil man sich dauernd mit ungeklärten organisatorischen Fragen beschäftigen muss“, erinnert sich Andreas an diese Zeit. „Deshalb hatten wir uns entschlossen, uns in einen gefestigten organisatorischen Rahmen zu begeben und uns dem BUND anzuschließen.“ Auch wenn es in den Reihen des BUND gegen die Fraktion der Langhaarigen durchaus Bedenken gab, merkte man doch bald, welchen Gewinn engagierte Quereinsteiger wie Andreas für eine solche Organisation bedeuten.
Im Jahr 1984 sollte eine Müllverbrennungsanlage in der Pfalz gebaut werden, die eine wahre Dioxinschleuder gewesen wäre, wenn nicht Bürger den Einsatz einer saubereren Technik eingefordert hätten. In diesem Zusammenhang machte sich Andreas Fußer zum Experten in Sachen Entsorgung, zettelte Debatten in der Lokalzeitung zum Thema Müll an und wurde Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten in Bonn, der an neuen Abfallwirtschaftsgesetzen arbeitete. Während dieser Zeit übernahm er immer weitere ehrenamtliche Funktionen beim BUND, und schließlich fragte man ihn, ob er in die Bundesgeschäftsstelle nach Bonn kommen wolle, um dort den Bereich Mittelbeschaffung aufzubauen. „Zunächst war das eine Ein-Mann-Abteilung, aber bald kamen weitere Mitarbeiter dazu, und nach ein paar Jahren war ich Geschäftsführer für den Bereich Kommunikation innerhalb des BUND – eine Arbeit, die großen Spaß gemacht hat und auch sehr erfolgreich war.“
Eine der neuen Mitarbeiterinnnen dieses Bereichs war Gundula Oertel. „Ich lernte Andreas zunächst in Form eines großen Aktenstapels kennen, durch den ich mich durcharbeiten musste. Einer der Ordner war dekoriert mit den Lenin-Zitaten ‚Was tun?‘ und ‚Womit beginnen?‘“ In der Praxis ihrer Zusammenarbeit zeigte sich, dass Gundula und Andreas einiges zusammen tun, beginnen und in Bewegung setzen konnten.

Beruf und Berufung finden

Gundula Oertel wusste schon als Kind, dass sie etwas mit Natur zu tun haben wollte. „Mami, ich will Zoofrau werden!“ hat sie immer mit Entschiedenheit verkündet. Wenn sie mit ihren Eltern in der Natur unterwegs war, war sie in ihrem Element, kundschaftete alles aus und probierte auch alles, was es im Wald an Beeren und Pilzen zu kosten gab – sehr zum Entsetzen ihrer Umgebung. Aus dem Traum der Zoofrau wurde ein Biologie-Studium, zunächst mit dem Ziel, Gymnasiallehrerin für Biologie zu werden. Später kam noch als Fach Deutsch hinzu. Damit wäre sie dem Berufsweg ihrer Eltern gefolgt, die beide Lehrer waren. Sie fühlte sich aber nie als die geborene Lehrerin und war daher nicht traurig, dass sie keine Stelle fand.
Zunächst landete sie in einem Programm, das arbeitslose Biologielehrer und Mediziner als sogenannte Aids-Schoolworker in Schulen schickte, um über den HIV-Virus, dessen rasante Ausbreitung man im Jahr 1987 befürchtete, aufzuklären. In dieser Zeit erschloss sie sich viele Kompetenzen, die für ihren späteren Weg wichtig waren, beispielsweise im Austausch mit einer Kollegin, die Gestaltpsychologin war und später den Ansatz der Gestaltpädagogik weiterentwickelte. Wenn sie heute Marketing-Seminare gibt, spielt das Denken in Bildern und „Gestalten“ immer noch eine wichtige Rolle. Dass sie sich beruflich in den Bereichen Management und Marketing entwickeln wollte, spürte sie deutlich, suchte aber nicht nach konventionellen Ausbildungs-wegen, sondern gezielt kreative Seminare. An zwei erinnert sie sich als besonders eindrucksvoll und prägend: Es ging um „Verhandeln als Kunst zwischen Kampf und Kooperation“ und um das Thema „Führung“, das in der Arbeit mit Islandpferden lebendig erfahrbar wurde.
Die wesentlichen Lernprozesse fanden aber in der Praxis statt, und diese entwickelte sich im Rahmen des BUND, wo sie in Berlin von 1993 an hauptamtlich tätig war. Damals suchte der BUND Leute für die Öffentlichkeitsarbeit rund um die Problematik des Ausbaus der Havel zur Schifffahrtsstraße für große Güterschiffe. Der eher brave Stil der Öffentlichkeitsarbeit des BUND passte aber nicht zu Gundula. Sie suchte nach spielerischen Aktionsformen, die mit eindrucksvollen Bildern nachhaltige Wirkungen hinterlassen, und so kam es zur Frau Havel und vielen anderen Aktionen. Die aktive Frau im Berliner Landesverband des BUND fiel schließlich der Geschäftsstelle in Bonn auf, so dass sie in die Kommunikations-Abteilung von Andreas eingeladen wurde.

Wege in die Selbständigkeit

Neben der kreativen Zusammenarbeit tauschten sich die beiden auch intensiv über die Problematik aus, die entsteht, wenn Verbandsstrukturen den eigenen Zielen und Visionen entgegenstehen. Andreas entschied sich im Jahr 1999 für den Ausstieg aus dem BUND. „Nach zehn Jahren hauptamtlicher anspruchsvoller Arbeit hat es gereicht. Streckenweise hatte ich eine starke Über-identifikation mit dem Verein, deshalb war es sehr gut, jetzt einen eigenen Weg zu gehen.“ Bevor sich Andreas 2004 selbständig machte, war er als Marketingleiter zum Vertrieb von Ökostrom in der NaturEnergie AG tätig. Daraus erklärt sich sein jetziger beruflicher Schwerpunkt: Er berät in erster Linie Unternehmen in der Energiebranche zu politischen und ökologischenFragen.
Gundula Oertels Weg führte vom BUND zur Organisation „foodwatch“. „Das ist sozusagen „Greenpeace fürs Essen“. Das Thema Essen war immer schon wichtig für mich – wie und was wir essen ist so entscheidend für die Lebensqualität und beeinflusst das Gesicht unserer Welt enorm. Die Lebensmittelindustrie ist ein gigantischer Koloss, der weltweit die größten Umsätze macht. Zu meinen Leidenschaften gehört auch guter Wein. Ich kümmere mich um das Sortiment einer Weinhandlung, organisiere Weinproben und bringe dort meine Marketing-Kenntnisse ein.“ Auch bei foodwatch stößt Gundula Oertel aber an Grenzen, die Verbände eben mit sich bringen. Heute ist sie sich sicher, dass sie sich nicht mehr ausschließlich für einen Verband oder Verein engagieren kann, so wie sie auch keiner Partei oder bestimmten religiösen Richtung angehören will, sondern dass zu ihr nur die Selbständigkeit passt. „Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht auch als Teil einer Gemeinschaft empfinden kann“.
Einen entscheidenden Impuls für ihre Selbständigkeit waren für sie die Ideen von Günter Faltin, der den englischen Begriff des „Entrepreneurship“ ins Deutsche transportiert und darauf hingewiesen hat, dass dies etwas anderes meint, als den klassischen Unternehmensführer. „Faltin sieht einen Entrepreneur in erster Linie als jemanden, der etwas Neues in die Welt bringen möchte. Mögliche Unternehmensgründer sind dann nicht nur Leute, die an Business-Plan-Wettbewerben der Wirtschaftsverbände teilnehmen, sondern z.B. auch Künstler, junge Leute oder jeder, der aus einer Idee etwas Schöpferisches entwickeln und sich Partner suchen kann, um das auf den Boden zu bringen“.
Aus diesem Verständnis heraus ist ihr aktuelles Projekt, „nature-rings.de“ entstanden. „Ich habe beobachtet, wie mein kleiner Neffe zusammen mit meinem Vater begeistert eine CD mit Vogelstimmen gehört hat, und da ich mich gerade über das schrille Kreischen meines neuen Handys geärgert hatte, bastelte ich so lange, bis ich eine Vogelstimmenaufnahme in eine Klingeltondatei verwandelt hatte. Dann kam mir die Idee, dass die Humboldt-Universität in Berlin eines der größten Tierstimmenarchive der Welt besitzt, und dass man dieses Potenzial ja im Sinne des Naturschutzes nutzen könnte. Auf der Internetseite www.naturerings.de kann man deshalb keine Klingeltöne kaufen, wie das sonst üblich ist, sondern erhält sie als Dankeschön für eine Spende, die dem Naturschutzbund Deutschland e.V. zugute kommt.“
Handys und Umweltschutz – wie passt das zusammen? Gundula Oertel lacht: „Ja, mit dieser Frage haben wir oft zu tun. In den meisten Umweltorganisationen wettert man gegen die schädliche Strahlung der Mobilfunksender, aber fast jeder dort hat ein Mobiltelefon. Ich bin kein Purist und kein Technikfeind, sondern bin der Meinung, dass wir saubere Technik entwickeln sollten. Das gilt für Autos wie für die Mobiltelefone.“
Verbissener Öko-Fundamentalismus ist Gundula wie Andreas wesensfremd. Für beide ist wichtig, das Leben genießen zu können, und das müsse ja keineswegs bedeuten, dem Konsumismus zu verfallen. Wenn man sich selbst zugestehe, so zu sein, wie man ist, und ein schönes Leben zu führen, gehöre dazu auch die Achtung vor anderen, auch vor der Natur. Insbesondere Freundschaft ist für sie eine wichtige Basis für ein „gutes Leben“. Auch ihre geschäftliche Zusammenarbeit ist Ausdruck ihrer Freundschaft. Beide verbindet nicht nur das Interesse an Politik und Umweltthemen, sondern auch an Sprache, Literatur, Musik und nicht zuletzt an gutem Essen und Trinken. Die Idee für ihr neues Projekt ist bei einem gemeinsamen Essen entstanden.
Kurz vor unserem Interview war Andreas auf einer Konferenz zum Thema Klimaschutz. Sein Leben ist immer noch bestimmt davon, sich selbständig Fachwissen in verschiedensten Bereichen zu erarbeiten, damit er eine fundierte Beratung bieten kann. Hat sich sein Lebensgefühl im Vergleich zur Aktivisten-Zeit der 80er-Jahre stark gewandelt? „Es ist weniger von einer Endzeitstimmung geprägt,“ meint er. „Früher konnten Themen wie die atomare Bedrohung das Gefühl auslösen, dass morgen schon alles zu Ende sein könnte. Heute ist zwar die Lage ernster denn je, aber ich lebe mit dem Gefühl, dass wir vielfältige Handlungsmöglichkeiten haben, den Lauf der Welt aktiv zu beeinflussen. Ich sehe heute die Auswirkungen vieler langfristiger Trends, beispielsweise dass sich Unternehmen gesellschaftspolitisch relevanten Fragen der Zeit wie dem Klimawandel aktiv stellen.“ Dennoch scheint ihm die Bevölkerung weniger politisch motiviert zu sein, oder vielmehr kaum systempolitisch engagiert: „Bürger machen sich eher außerhalb des Politischen für ihre Lebensbereiche stark. Aber all diese Aktivitäten wirken stark fragmentiert, wie sich auch unsere gesamte Gesellschaft stark fragmentiert hat. Es wird spannend sein, zu beobachten, ob aus diesen vielen Einzelimpulsen in den nächsten Jahren politisch wirksame Bewegungen erwachsen werden.“ ´

http://www.nature-rings.de


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Mallien, Lara

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