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Aktive Region
erschienen in Ausgabe 148
Gandalf Lipinski besuchte eine bemerkenswerte Bürgerkonferenz im Lassaner Winkel in Ostvorpommern.

Was kann man tun in einer Region in extremer Randlage, wo die Entfernung von den kulturellen und wirtschaftlichen Metropolen, hohe Arbeitslosigkeit und das fast völlige Fehlen ökonomischer Impulse Zweifel aufkommen lassen, ob man denn noch dazu gehört zur reichen ersten Welt?
Die Bürgerkonferenz „Aufschwung für den Lassaner Winkel“ am 21. Oktober in Klein Jasedow zeigte eine charmante Alternative zu Abwanderung, Alkoholismus oder Rechtsextremismus auf: Die Menschen der Region nehmen ihr Leben selbst in die Hand und schaffen sich eigene – auch wirtschaftliche – Strukturen, um so zu leben und zu arbeiten, wie sie es wirklich wollen. Das hört sich fast banal an und ist vor allem nicht so schnell getan wie gesagt. Um dieser Vision zum Durchbruch zu verhelfen, hatten die Kongressausrichter, die „Europäi-sche Akademie der Heilenden Künste“ und die „Akademie für nachhaltige Entwicklung“ einiges aufgefahren: Experten waren eingeladen worden, die in ihren jeweiligen Fachgebieten zu den besten gehören: Frithjof Bergmann zum Thema „Neue Arbeit – Neue Kultur“, Margrit Kennedy zum Thema „Regionales Wirtschaften“ und Heide Göttner- Abenroth zum Thema „Gesellschaft in Balance“. Während wir bei den ersten beiden Themen gleich nicken, wenn es um nachhaltige Regionalentwicklung geht, so weist die die Vertiefung der Diskussion durch Heide Göttner-Abendroth nun aber auf den ganz speziellen Charakter und Impuls eben dieser Bürgerversammlung: Es geht nicht nur um die Umsetzung von ein paar anderswo schon recht erfolgreichen Ideen zum Aufbau eines regionalen Wirtschaftskreislaufs, sondern es geht um die Wurst! Oder vielmehr um das Eigentliche, warum und wie wir unser Leben so in die eigenen Hände nehmen, dass nicht Geld oder Staat uns bestimmen!
Nicht nur die bekannten Namen der Referenten sondern auch das Ambiente und die gleichermaßen liebevolle wie professionelle Ausrichtung der ganzen Veranstaltung gaben dem Ereignis den richtigen Kick. Es waren weniger die herausragenden Beiträge Einzelner als ein für uns als Gäste angenehm spürbarer Teamgeist, der die Konferenz von innen trug. Selten habe ich eine Gemeinschaft erlebt, die gleichermaßen familiär wie auch als „Tagungsfirma“, und gleichermaßen inspirierend und moderierend wie auch unterstützend und tragend zusammenwirkte wie die Klein-Jasedow-Familie. Sei es der Empfang, das Essen, die Konferenzleitung oder auch die dezenten musikalischen Zeitzeichen – es passte alles sehr gut zusammen.
Eine Gemeinschaft, die sich nicht nur um sich selbst dreht, sondern eine -Aufgabe annimmt, die über sie hinausweist, wirkt äußerst integ-rierend. Und wie die über hundert Menschen (gut die Hälfte davon aus der Region) angesprochen und ins Open-Space-Verfahren der Konferenz integriert wurden, das machte uns Gästen schnell klar: Hier haben die Gastgeber auch schon gute Vorarbeit geleistet.
Die Lassaner und die angereisten Gäste waren dann auch die ersten, die zu Wort kamen, ihre Fragen und Anliegen artikulierten, mal plenar, dann wieder in informellen Gesprächen zusammenkamen. Ich glaube, wir waren schon rund drei Stunden zugange, bevor schließlich die Experten zu Wort kamen. Sie hatten sich die ganze Zeit Notizen gemacht und erhielten nun jeweils eine halbe Stunde, um aus ihrem Blickwinkel ein Licht auf den ganzen Themenwust zu werfen.
Und sie muteten ihrem Publikum einiges zu. Frithjof Bergmann ließ kaum Zweifel daran aufkommen, dass die Ära des ohnehin „absterbenden Jobsystems“ zu Ende geht. Das Gruseln beim Gedanken an eine sich noch radikaler steigernde strukturelle Massenarbeitslosigkeit wurde aber schnell relativiert durch das Zentralmotiv der Neuen Arbeit. Da tut man nämlich das, was man eigentlich und „wirklich, wirklich“ will! Was in Teilen der Gemeinschaftsbewegung ein wichtiges Motiv ist, wird von Bergmann aus seinem Inselmilieu herausgeholt und in diejenigen Kreise der Mainstream-Gesellschaft hineingetragen, die bereit sind, sich dem gesellschaftlichen Wandel selbstverantwortlich und konstruktiv zu stellen.
Und selbstverständlich brauchen wir für solche mehr oder weniger selbsterzeugten und -gesteuerten Austauschkreisläufe von Produkten und Dienstleistungen auch ein selbstbestimmteres Geld als Tauschmittel. Margrit Kennedy machte allen unmissverständlich klar, dass der Grundwiderspruch zwischen Ökonomie und öko-sozio-kultureller Nachhaltigkeit in unserem gegenwärtigen Finanzsystem liegt. Die Überwindung des Zinseszinsprinzips ist eine Grundbedingung bei der Entwicklung eines passenden regionalen Finanzsystems für eine nachhaltig funktionierende Regionalwirtschaft.
Heide Göttner-Abendroth geht mit ihrer „Ökonomie des Schenkens“ noch einen Schritt weiter. Wer sich in allen Lebensentscheidungen nur auf die „krankmachende Arbeit und das Krebsgeschwür Geld“ fokussiert, der wird wirklich arm! Doch um aus dem Kreislauf der falschen Wirklichkeiten auszusteigen, braucht es eine Vision. Und um herauszufinden, wie man wirklich leben will, kann es hilfreich sein zu erfahren, dass es Kulturen gab (und noch gibt!), in denen vieles, was wir heute für notwendig oder erstrebenswert halten, verwirklicht war. Hier kann nicht die Matriarchatsforschung dargestellt werden, aber der Aspekt, den Heide Göttner-Abendroth in Klein Jasedow herausgestellt hat, wirft ein bezeichnendes Licht auf unsere gegenwärtige Ökonomie: Die Basis der Gesellschaft sind weder das Geld noch die Arbeitsplätze – sondern die Kinder und die Nahrung! Arbeit am Menschen und an der Nahrung ist immer da. Diese lebensfördernde Arbeit wird heute zum allergrößten Teil (und meist von Frauen) nicht als Dienstleistung verkauft, sondern geschenkt. Wenn wir trotz dieses Riesenbergs geschenkter Arbeit nicht in einer Schenkökonomie leben, dann deshalb, weil sich oben auf dem Berg ein parasitäres Raubsystem festgesetzt hat, welches bestimmte Arbeiten privilegiert bzw. bezahlt und den Großteil geschenkter Arbeit ausbeutet.
Das alles sind keine Erkenntnisse, die nun in großen zentralstaatlichen Reformen das Schlechte ins Gute verwandeln könnten. Es braucht die kleinen Einheiten, Gemeinschaften, Gemeinden, Regionen und das Regiogeld (als Zwischenstufe), um den großen Teil der geschenkten Arbeit wieder in lebendige Beziehungen zu geben, statt in die Taschen der großen Absahner.
Bei so viel Weite und Tiefe im Blick auf Geschichte und Gesellschaft könnte man nun befürchten, das Ganze könnte zu abgehoben sein und nicht mehr an den Lebensfragen der Menschen anknüpfen. Die abschließende Diskussion auf dem Podium, bei der immer auch einige Plätze aus dem Plenum besetzt wurden, verwies eher auf das Gegenteil. Schließlich sind auch noch Bürger aufgestanden und haben sich als Verantwortliche für einzelne konkrete Vorhaben oder Arbeitsgruppen gemeldet, so dass man hoffen darf, dass hier Dinge ins Rollen gekommen sind, die Folgen haben werden.
Mir hat es gefallen, dass hier beim zentralen Punkt „Wie wollen wir wirklich, wirklich arbeiten und leben?“ die Wahrheit auf den Tisch kam und man nicht mit netten Unverbindlichkeiten und pädagogisch verdünnten „Halbeinsichten“ herumlaborierte. Wenn es stimmt, dass die „Bürger“ in Wirklichkeit viel intelligenter, unverstellter und konsequenter sind als -Politiker und Medien uns so gerne weismachen wollen, dann wird es auch in Zukunft Interssantes zu berichten geben aus dem Lassaner Winkel.

Gandalf Lipinski ist Redakteur der Holon-Seiten in KursKontakte.


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