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Besuch beim Wolkenmaler
erschienen in Ausgabe 148  PDF-Version (124.83 KB)
Ein Vierzehnjähriger macht sich auf den Weg zu sich selbst.

Das nicht jeder junge Mensch in das Raster einer Schule passt, ist eine unbestrittene Tatsache. In Ermangelung zulässiger Alternativen bleibt vielen Betroffenen nur, sich mit lebenslanger Verbiegung oder dem lebenslangen Gefühl des Versagens abzufinden. Einer, der dazu nicht bereit war, ist Joachim Till Bark, heute Mitte sechzig. Als Vierzehnjähriger beschloss er, sich heimlich von der Schule abzumelden. In einem anrührenden Buch berichtet er über sein selbstorganisiertes Lernen. Wir bringen einen Auszug:

Ich blieb am Abend jenes Tages, an dem ich mich von der Volksschule abgemeldet hatte, besonders lange in der Küche meiner Großeltern. Der flackernde Schein des Ofenfeuers an der Wand beruhigte mich, und die Geschichte, die meine Großmutter erzählte, nicht minder. Ich tauchte ab in eine andere Welt. Dennoch war ich nicht ganz bei der Sache. Ängste und Sorgen wogen noch zu schwer. Als ich mich hinlegte, konnte ich keinen Schlaf finden. Mir wurde klar, dass ich am nächsten Morgen durch ein Tor gehen würde – in eine ganz andere Welt, die ich mir noch nicht richtig vorstellen konnte. Ich würde mich herumtreiben, per Anhalter unterwegs sein. Ich würde mal in Städten, mal in Dörfern auftauchen. Die Fahrkarte würde ich nicht nutzen. Nicht einmal in die Kleinbahn würde ich einsteigen, sondern mit dem Rad bis Voldagsen fahren, es dort abstellen und mich zur Straße begeben …
Mit Herzklopfen begann ich zu winken und erschrak, als ein riesiger Lkw mit Anhänger mit quietschenden Bremsen hielt. Die Dinger hatten damals noch eine vorgestülpte Schnauze, worin der sicherlich riesengroße Motor untergebracht war. Ein großer, dicker Mann im weißen Unterhemd empfing mich oben im Führerhaus. Er hatte eine Zigarette zwischen den Lippen, sah mich kurz an und fuhr gleich los. Er mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt sein. Sein schwarzes Haar war glatt nach hinten gekämmt. Es glänzte fettig. Er war unrasiert. »Wohin?« schrie er. Und ich schrie: »Nach Hildesheim«. In Hildesheim setzte mich mein Fahrer in der Innenstadt ab, und ich lief gleich in die Almsstraße. Dort betrat ich zum ersten Mal im Leben ein Kaufhaus. Die vielfältigen und bunten Waren blendeten mich. Vor allem die Artikel aus Kunststoff ließen mich staunen. Da gab es Eimer und Schüsseln und Schalen aus diesem neuen, wundersamen Material. Ich hatte derartiges noch nie gesehen. Ich wusste nicht, was in mich gefahren war. Aber ich vermutete wohl richtig, dass mein Sprung in eine verbotene Welt alle meine Sinne reizte und Purzelbäume schlagen ließ. Die Farben und Formen überwältigten mich. Es war wie ein Rausch. Ich war hellwach und nicht nur für die Außenwelt sensibilisiert. Da saß etwa ein Bettler mit nur einem Bein am Wegesrand. Ich blieb eine Weile in seiner Nähe stehen und empfand tiefes Mitleid mit ihm.
Zu meiner Freude entdeckte ich in der Nähe des Hildesheimer Doms noch einige unversehrte Fachwerkstraßen, die den Zauber einer mittelalterlichen Stadt atmeten. Sonst war ja in dieser Stadt mancher Straßenzug im Weltkrieg radikal zerstört worden, und man sah allenthalben Ruinen oder Zahnlücken zwischen bereits neu gebauten Häusern, die mir längst nicht so gut gefielen wie diejenigen aus den früheren Epochen.
Gegen Mittag schaute ich noch in den Riesenwartesaal, den ich ja bereits gut kannte. Die vier Kellner waren wieder an den gedeckten Tischen im Einsatz, und an manchen der rohen Tische sah ich wieder Schulschwänzer hocken, zu denen ich nicht mehr gehörte. Wo war ich nun einzuordnen? Ich hatte das Gefühl, noch viel Zeit zu haben, darauf eine Antwort zu finden.

Um vierzehn Uhr wollte ich zu Hause sein. Also begab ich mich um dreizehn Uhr wieder an die Bundesstraße eins und baute mich in der Nähe einer Tankstelle in Anhaltermanier auf. Zwei Minuten später saß ich bereits in einem noblen, beige-farbenen Borgward, und mein Fahrer, ein kleiner, dicker Geschäftsmann, plauderte gleich munter darauf los. Er wollte nicht einmal wissen, wohin ich wollte. Er redete ununterbrochen von Waschmaschinen, Kühlschränken und Staubsaugern, die er in der letzten Zeit probiert oder gekauft hatte. Er ließ mich in Hemmendorf aussteigen. Die letzten beiden Kilometer bis Voldagsen ging ich zu Fuß. Allerdings benutzte ich einen Feldweg. Endlich stieg ich auf mein Rad und richtete es so ein, dass ich um fünf vor zwei zu Hause ankam.
Meinen ersten neuen Schultag hatte ich erfolgreich absolviert. Er war gleichzeitig ein Einstieg in eine neue, größere und buntere Welt, die mich täglich das Wundern und Staunen lehrte. Da ich mich mit niemandem darüber austauschen konnte, war ich ständig mit der Aufarbeitung meiner Erlebnisse beschäftigt. So saß ich zwischendurch immer wieder auf Bänken, sei es auf Bahnhöfen oder Parks oder mitten in der Innenstadt. Da hatte ich Zeit, nachzudenken.
Meine Eltern und Geschwister taten mir zwar insofern leid, als ich sie belog, und vor allem meinem Vater gegenüber tat es mir leid, dass ich ihm keinen reinen Wein einschenkte, aber ich konnte nicht anders. Ich hatte mich in eine neue Welt hineingerettet, die ich nun um keinen Preis verraten und verlieren wollte. Ich hatte gerade mal einen Happen dieser neuen Welt geschmeckt, aber der schmeckte mir bereits derartig gut, dass ich schon süchtig auf dieses Fleisch war und mehr davon haben wollte. Mein Vater hatte mir ja auch Geld für die neuen Schulbücher und für Hefte gegeben. Also kaufte ich sie, aber sie waren natürlich jetzt nur noch verlogenes und scheinbares Material.
Abends schlüpfte ich voller Begeisterung in die Welt eines Andersen-Märchens und zwar in die des »hässlichen Entleins«. Ich spürte: Dieses war jetzt ganz meine eigene Welt. Das hässliche Entlein hatte den verhassten Entenhof verlassen, in dem es immer nur gehänselt, gepiekst, geschubst und verspottet wurde. So hatten es manche Lehrer und Schüler und Dorfjungen mit mir auch getan. Es hatte die enge Welt dieses Hofes also verlassen und lag nun versteckt im Schilf bei einem See. Die Jäger tauchten auf und schossen. Sogar ein Jagdhund kam direkt ins Schilf gestürmt, doch dem Entlein geschah nichts. Es konnte sich retten. Es war auf der Flucht, aber es war auch auf dem Weg in ein großes Abenteuer. Am Ende würde es sich selber finden.
Ich war überzeugt davon, dass mir meine Eltern mein jetziges Leben und Treiben später verzeihen würden. Ich dachte, sie würden nachvollziehen können, dass es Kostbarkeiten für mich barg. Sie würden aber auch vermuten, dass ich eines Tages davon mündlich und vielleicht sogar schriftlich berichten würde. Und diese Aussicht würde ihnen wohl nicht schmecken. Es würde ihnen peinlich sein, dass ihnen entgangen war, wie ihr Sohn unter ihren Augen ein Doppelleben führte. Es würde sie auch traurig stimmen, denn -Verständnis von seiten dieser Welt würden sie nicht erwarten können.
Ich schrieb meine erste »Klassenarbeit« im Wartesaal des Voldagsener Bahnhofs. Man brauchte dort nichts zu bestellen, doch um den Wirt sanft zu stimmen, bestellte ich mir eine Limonade und holte dann meine Schreibsachen heraus. Es war gegen zehn Uhr. Ich mochte heute erst später Unterricht haben. Der kleine, etwas bucklige Wirt mit dem Seehundsgesicht schaute mich neugierig an. Ich schrieb eine Rechenarbeit. Gottseidank hatte ich das Schulbuch, in dem es unten am Seitenrand immer Beispielaufgaben gab. Die waren vorgerechnet. Und das Ergebnis stand dabei. Es war für mich nun nicht schwer, solch ein Modell zu übernehmen und Fehler einzubauen. Denn solche erwartete man von mir in diesem Fach. Ich kreuzte sie langsam und bedächtig an und schrieb mir schließlich eine Zensur unter das Machwerk. Auch die Unterschrift des Rektors, die ich nie gesehen hatte, musste mit aufs Papier. Ich schrieb sie schwungvoll hin. Eine Drei minus gab ich mir. Das war unverfänglich. Eine Fünf hätte Sorgen bereitet, ein glatte Zwei vielleicht Verdacht ausgelöst.

Heute machte ich eine einzigartige Bekanntschaft. Es war wieder in Voldagsen, aber nicht auf dem Bahnhofs-gelände, sondern in dem traumhaft schönen Schloss-park, der eine Viertelstunde Fußmarsch vom Bahnhof entfernt in einer Senke lag. Ich schlenderte bei herrlichem Wetter durch den Park und genoss das Konzert der Vögel dort. Endlich setzte ich mich ans Ufer des großen Schlossteichs. Das Sonnenlicht glitzerte auf dem Wasser. Ich saß weich und gut und dachte eine Weile an gar nichts. Es war einfach ein Zauber da. Und der kam zum Tragen. Denn auf einmal hatte ich das Gefühl, dass sich drüben, auf dem anderen Ufer zwischen den hohen Rhododendron- und Azaleenbüschen etwas bewegte. Beide Büsche standen in voller, prächtiger Blüte da, weiß und apfelrot. Ja, tatsächlich, aus den Büschen heraus schälte sich eine Gestalt. Es war ein Mann, das wusste ich sofort, ein großer, schlanker, dennoch alter und weißbärtiger Mann. Im gleichen Moment wusste ich, dass ich ihn in einem Tagtraum wahrnahm. Der Mann trug etwas. Ich wusste auch gleich, was es war. Eine Staffelei kam zum Vorschein. In der anderen Hand trug er einen Eimer. Darin hatte er Farben und Pinsel. Er war ein Maler. Er baute die Staffelei am Rand des Teichs auf. Er mischte sich Farben auf einer hölzernen Palette zurecht, und er begann zu malen. Was malte er bloß? Ich wusste auch auf diese Frage sogleich eine Antwort. Er malte die Wolken ab, die hoch über dem Teich standen. Es waren große, fantastisch geformte Cumuluswolken, die sich richtig auftürmten und vielleicht ein abendliches Gewitter versprachen. Er malte eine ganze Weile.
Doch dann raschelte es plötzlich, und dieses Geräusch war ganz in meiner Nähe. Ich schreckte hoch. Natürlich war mein Wolkenmaler gleich weg. Ich bemerkte einen Radfahrer, der etwa zwanzig Meter von mir entfernt auf einem sandigen Weg entlangfuhr. Er hatte mich nicht bemerkt. Ich atmete tief durch, nahm wieder meinen alten Platz ein und starrte hinüber auf den Platz, auf dem gerade noch meine einzigartige Bekanntschaft gestanden hatte. Denn kennenlernen tat ich ihn doch, den Wolkenmaler. So nannte ich ihn gleich. Sein richtiger Name war – Heini. Ich taufte ihn Wolkenheini. Mein Tagtraum ging tatsächlich noch weiter. Ich versenkte mich und sah nun mit geschlossenen Augen, wie der Maler mit seinem fertigen Bild durch den Park ging, und ganz am Ende des Parks sah ich eine Blockhütte. Das war seine Behausung. Er hatte sie selber gebaut. Wolkenheini ging hinein und legte das Bild auf einen großen Tisch. Er nahm einen kleinen Pinsel und malte oder schrieb mit schwarzer Tusche einen Spruch unter das Bild. Es war ein weiser Spruch. Ich vergaß ihn gleich wieder, weil ich ihn noch nicht verstand. Aber eines Tages, das wusste ich voraus, würde ich diesen Spruch richtig zu verstehen lernen. Wolkenheini winkte mir zu, ich solle hereinkommen, ihn besuchen. Das tat ich. Da erklärte er mir, dass er jeden Tag an jenen Teich komme und immer die Wolken des jeweiligen Tages male. Wären keine da, erfände er sich welche. So entstünde im Lauf des Jahres ein Wolkenkalender. Jedes Blatt war bemalt und mit einem schönen Spruch beschrieben und stand für einen Tag. Eine große Kostbarkeit. Er zeigte mir einen ganzen Stapel bereits fertiger Wolkenkalender. Die Welt sei für solche Schätze noch nicht reif, erklärte er mir. Sie verachte eher Weisheiten und andere Köstlichkeiten. Dieser Wolkenheini, dachte ich noch, ist ein wunderbarer Mensch. Warum bloß gibt es ihn nur in einem Tagtraum? Ich rieb mir die Augen, kam wieder zu mir und empfand große Dankbarkeit. Ich war reich beschenkt worden und wusste: Wolkenheini war von jetzt an eine feste Größe in meinem Leben.

In den Städten blubberten an manchen Ecken die Presslufthämmer. Und es gab neuerdings Bratwurstbuden, von denen ein schwarzblauer, wohlriechender Dampf aufstieg. Die Leute standen oft Schlange davor. Haben und Genießen standen hoch im Kurs. Um Moral und Ethik oder Religion schien sich niemand zu kümmern. Überhaupt hatte ich den Eindruck: Die meisten Leute lebten dahin, als würden sie nie sterben müssen. Sterben und Tod waren mitten im Wirtschaftswunder jedenfalls kein Thema. Für mich schon. Im Andersen-Märchen »Die Nachtigall« konnte ich dieses Dilemma genau wiedererkennen. Zuerst wurde die natürliche Nachtigall ihres wunderbaren Gesangs halber verehrt. Aber dann wurde eine künstliche Nachtigall angefertigt. Die natürliche vergaß man. Die künstliche Nachtigall machte das Rennen. Immerhin: Als der König sterbenskrank auf dem Bette lag, erschien die verschmähte echte Nachtigall und vermochte es, mit ihrem Gesang den König zu heilen. Die Leute sind von der materiellen Welt geblendet oder verblendet, dachte ich. Sie nehmen wohl nur noch Künstliches wahr. ´

Auszugsweise entnommen aus: Joachim Till Bark, Besuch beim Wolkenmaler, Drachen Verlag 2006, 120 Seiten, ISBN 3-927396-23-3; 16,80 Euro.
www.drachenverlag.de

Joachim Till Bark, ehemaliger Zeitschriftenredakteur, beschäftigt sich heute vor allem mit Märchen, Mythen und pantheistischen Religionen.



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Bark, Joachim Till

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