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Cyborg Park
erschienen in Ausgabe 148  PDF-Version (165.81 KB)
Dritter und letzter Teil: Gandalf Lipinsky plädiert für einen Technikeinsatz mit Maß.

Im letzten Teil der Serie setzt Gandalf Lipinski die globalen Dimensionen der elektronischen Welt mit dem Alltag in Beziehung und konfrontiert sie mit jener Instanz, die im Umgang mit jeder Technologie allesentscheidend ist: mit unserem Bewusstsein.


Die Plastikkarten von den Finanzinstituten sind selbstverständlich völlig harmlos, sie erleichtern den Alltag, und es gab sie schließlich schon vor dem Internet. Außerdem setzt das Kaufen, Verkaufen und Stehlen von -Kundendaten in der Absicht, damit auf bestimmte Kundenprofile zugeschnittene Werbemanipulationen (die zum Teil an Betrug grenzen) anzufertigen, selbstverständlich immer noch eine gewisse kriminelle Energie voraus. Aber wie lange soll das noch gehen? Die Grenzen zwischen individueller Kriminalität, unlauterem Wettbewerb und völlig legalem Über-den-Tisch-Ziehen werden zunehmend durchlässig. Und technisch wird die Manipulation unserer Daten immer einfacher, effektiver und schwerer nachweisbar.
Was spricht eigentlich dagegen, wenn so ein Handy – außer uns zu rasieren – nun bald fast alles kann? Wenn wir mal den ganzen Psychostress des Mythos von der ständigen Erreichbarkeit (wie auch andere, eher „weiche“ Themen dieses Komplexes) beiseite lassen, dann sollten uns doch mindestens die technischen Aspekte dieser „Erreichbarkeit“ interessieren, die wir schon in mancher Tatort-Folge bewundern konnten: Denkt man Handy und Datenbanken zusammen und kombiniert dies noch mit der heutigen Rechtslage, die Provider verpflichtet, ihre Daten sechs Monate lang gegebenenfalls einem polizeilichen Zugriff zur Verfügung zu stellen und sie dann erst zu löschen (Wer kann das wie kontrollieren?), so macht dies die potenzielle Peilsender-Funktion des -Handys deutlich, über die man (auch in ausgeschaltetem Zustand!) den Aufenthaltsort des Handyträgers weitgehend problemlos ermitteln kann. Die amerikanische Praxis elektronischer Fußfesseln für Gefangene und andere zu kontrollierende Personen nimmt sich fast niedlich aus, wenn bald jeder von uns freiwillig seinen persönlichen Peilsender mit sich trägt. Natürlich sind in den Filmen die Handybenutzer oft die Bösen und die Ermittler die Guten. – Nur, wer garantiert uns, dass es in der Wirklichkeit bei dieser Rollenverteilung bleibt? Und wenn wir über das Internet bald Zugriff auf die ganze Welt haben, könnte dann nicht auch umgekehrt der Zugriff …? – Aber lassen wir das vorerst. Wir wollten ja die harmlosen Dinge des Alltags betrachten.
Auch die elektronische Datenverarbeitung bei der Bahn ist an sich eine enorme Arbeitserleichterung. Aber anscheinend sind einige DB-Rechner sogar schon von der Rolle als Werkzeug zum Entscheidungsträger aufgestiegen. Auf meine Frage, warum ein Anschlusszug bei Verspätung nicht mehr wie früher gewartet habe, wurde ich von Mitarbeiterin zu Mitarbeiter hilflos weitergereicht, bis ich endlich an jemanden geriet, der mir den innersten Kern der neuen Wirklichkeit mit dem Odium eines seinem Gotte voll ergebenen Hohepriesters offenbarte: „Der Computer“, der nun offenbar den Fahrdienstleiter abgelöst hatte, „sieht das leider nicht mehr vor!“ – Und ich dachte, die Science-Fiction-Gestalt des „Robotregenten“ (siehe Teil 2) sei reine Phantasie!

„Vielen Dank für Ihr Verständnis!“

Da wir gerade bei der Bahn sind: Wer heute mit Bargeld eine Fahrkarte kaufen will, muss viel Zeit mitbringen. Billiger ist es per Internet ja sowieso schon. Und schneller ist dran, wer seine Plastikkarte in den Fahrscheinautomaten steckt. Wenn ich mich aber weder von dem einen noch von dem anderen Netz erfassen lassen will, muss ich z.B. im Bahnhof Kiel 30 bis 60 Minuten schlangestehen. Mit gut trainierter, aber merklich verzweifelter Freundlichkeit bedanken sich dann die wenigen noch ansprechbaren echten Menschen am Schalter für mein „Verständnis“. Es nutzt dem Bahnkunden, dem guten Service von gestern und den Mitarbeitern, die ihre Jobs aktiv mit abbauen müssen, wenig, wenn sie erfahren, dass mir bei der Sparkasse Ähnliches widerfährt und auch hier so manches Gesicht und mancher hilfreiche direkte Kontakt nach und nach verschwindet.
Und wieder spüre ich nun förmlich den -spontanen, aber eben nicht zu Ende gedachten Einwand: Das alles sind doch bekannte Folgen der Globalisierung. Dem Finanzkapital geht es eben um Profite, da bleibt das Menschliche auf der Strecke, und das alles könne man doch nicht an der Informationstechnologie festmachen! Aber kann man das wirklich nicht? Ist zum Beispiel das Projekt „gläserner Kühlschrank“, in dem Verpackungschips und entsprechende -Module in einem „intelligenten“ Kühlschrank unabhängig von einer bewussten Kaufentscheidung meinerseits „für mich“ Bestellungen aufgeben und Einkaufslisten erstellen, ohne elektronische Vernetzung denkbar?
Ich sage es immer wieder: Es geht mir nicht um die Dämonisierung einer Technologie. Nicht die technische Möglichkeit ist das Problem, sondern die gesellschaftliche Akzeptanz solcher (Fehl-)Entwicklungen. Unser Bewusstsein, mein individuelles und das unserer Gesellschaft, das entscheidet, ob alles technisch Machbare auch ethisch vertretbar und gesellschaftlich erwünscht ist, ist im Begriff, sich von der dienenden Ebene der Automaten aushebeln zu lassen.
So begrüßenswert es zum Teil war und grundsätzlich ist, dass technischer Fortschritt viele harte, ungesunde und gefährliche Arbeiten zu den Maschinen hin verlagert hat, so fragwürdig ist es andererseits, wenn in den Bereichen des direkten menschlichen Miteinanders die Maschinen, statt als Werkzeuge zu dienen, nun die Menschen ersetzen sollen. Die genannten Beispiele sind zuerst aus der Kundenperspektive gesehen. Aber auch aus der Perspektive der dort (noch) arbeitenden Menschen ist zu sagen, dass nun mal nicht jeder zum Genie, Künstler oder Manager weitergebildet werden kann. Einfache Mensch-zu-Mensch-Tätigkeiten wird es immer brauchen.

Visionslosigkeit macht stumm

Technischer Fortschritt, künstliche Intelligenz und die Transformation unseres Bewusstseins sind in diesen Fragen derart miteinander verwoben, dass jeder, der gelernt hat, ein bisschen in Zusammenhängen zu denken, die hier angesprochenen Tendenzen nicht einfach vom Tisch wischen kann. Als Hauptgrund für das eklatant fehlende gesellschaftliche Problembewusstsein vermute ich daher zur Zeit folgendes: die völlige Abwesenheit alternativer Visionen!
Bei der Gentechnologie war es relativ leicht, sich mit gesünderen, ökologischeren und -ganzheitlicheren Vorstellungen zu verbinden. Ein Ausstieg aus der Medienkonsumgesellschaft dagegen scheint für viele so undenkbar wie eine Rückkehr ins Mittelalter. Wenn wir nun aber mal ganz unbefangen weder dem Technikfetischismus noch der als weltfremd und altmodisch diskriminierte Fundamentalopposition das Wort reden wollen, so scheinen doch auch folgende Kompromisse für das eigene Handeln denkbar:
• Die Möglichkeit, hin und wieder ein Handy bei sich zu haben, wenn man ausnahmsweise mal nicht in Reichweite eines Festnetzanschlusses ist und dennoch unbedingt erreichbar sein will.
• Die Möglichkeit, hin und wieder ein Auto zu benutzen, weil auch das beste öffentliche Verkehrsnetz nicht alle Reisewünsche optimal bedienen kann.
• Die Möglichkeit, ab und zu in den Fernseher zu schauen, eine Waschmaschine zu benutzen oder am PC zu arbeiten.
All diese Dinge sind genauso denkbar und machbar wie etwa die Möglichkeit von Firmen, Universitäten oder Gemeinschaften, größere Datenmengen auch mal elektronisch austauschen zu können.
Ich kann mir vorstellen, dass in einer Gemeinschaft oder Gemeinde die Fachleute eines -Medienzentrums allen Bewohnern die technischen Möglichkeiten moderner Kommunikation als Service anbieten und sie technisch und menschlich beraten. So bräuchte niemand auf einen Netzzugang zu verzichten, genausowenig wie auf die Möglichkeit, ein Auto, einen Fernseher, ein Handy oder eine Waschmaschine zu benutzen. Die Frage ist doch, ob wir diese Dinge ständig zu unserer -alleinigen Privatverfügung und in unseren intimsten Wohnbereichen brauchen. Beim Internetzugang käme hinzu: Wer, außer ausgesprochenen Fachleuten oder Grenzerleuchteten, kann denn mit allen Aspekten der Sache -wirklich kompetent und vor allem selbstbestimmt umgehen, ohne von den großen Manipulateuren hinter den Kulissen über den Tisch gezogen zu werden? Muss wirklich jeder ein Fachmensch werden? Wenn wir als normale Individuen der globalen „Kundenfreiheit“ ohne die schützende Membran einer funktionierenden Gemeinschaft ausgesetzt sind, so gleichen wir Schneemännern in der Sahara, die dem Werbebombardement sämtlicher Sonnencreme-, -brillen- oder -schirmhersteller der Welt ausgesetzt sind – die sich aber nie überlegen, ob sie überhaupt am richtigen Platz sind.
Klar produzieren und benutzen wir heute zu viele technische Geräte. Tatsächlich ruinieren wir damit nicht nur unseren Planeten sondern auch unsere Gesellschaft. Und selbstverständlich bräuchte niemand auf die wirklichen Vorteile dieser Errungenschaften zu verzichten, wenn wir lernten, diese maßvoll und zu unserem wirklichen Nutzen einzusetzen.
Freilich höre ich auch jetzt schon wieder den Einwand: Aber das setzt ja eine ganz andere, viel intelligentere soziale Organisation, eine andere Gesellschaft voraus. – Ja natürlich tut es das!
Das Internet – Nervensystem der neoliberalen Globalisierung – ist nicht mit technischen Rafinessen in den Griff zu kriegen. Wir kommen nicht darum herum, unsere soziale Intelligenz zu aktivieren und genauer zu beschreiben, wie wir wirklich leben wollen, wenn wir die Errungenschaften moderner Technologie als unsere Werkzeuge nutzen und uns nicht ihren Bedingungen als quasi vergöttlichten Sachzwängen fraglos unterwerfen wollen. ´


  Autoren

Lipinski, Gandalf

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