Das Jahresrad als Symbol für Kontinuität und Entwicklung.
Weihnachten steht vor der Tür, die Wintersonnenwende, das Julfest und die Rauhnächte, die dunkle Zeit zwischen den Jahren. In den verschiedenen naturreligiösen Traditionen ist dies schon immer die Zeit gewesen, um die Aktivitäten herunterzufahren, sich Muße und Selbstreflexion zu gönnen, in der Stille oder mit Freunden das eigene Leben und die Vorhaben für das nächste Jahr in Ruhe zu betrachten und das Vergangene zu prüfen.“
Mit diesen Worten haben wir vor einem Jahr die Serie zum Jahresrad begonnen. Damals lautete der Titel „Wandel und Stille“. Und da das Rad des Jahres sich kontinuierlich dreht, ist nun beim Wiedererreichen des Ausgangspunkts nicht das Ende, sondern das Weiterdrehen unserer Betrachtungen angesagt.
Die Freunde des linearen Zeitbegriffs haben dem älteren zyklischen Zeiterleben oft vorgehalten, dass in ihm kein Entwicklungspotenzial angelegt sei, da es ja auf immerwährender Wiederholung basiere. Wir sind nun im Holon-Zusammenhang ja mitten in der Transformation vom Entweder-Oder zum Sowohl-als-Auch. Daher sei an dieser Stelle ganz klar darauf hingewiesen: Ja, wir wiederholen uns, wir schauen nun den gleichen Prozess noch einmal an! – Aber daneben gilt eben auch: Wir tun es mit anderen Augen, weil wir andere geworden sind. Vielleicht schauen wir heute etwas anders in die Welt als noch vor zwölf Monaten und betonen nun andere Aspekte. In der Wiederholung liegt auch die Chance zur Vertiefung.
Vor einem Jahr haben wir die Wintersonnenwende direkt angeschaut. Heute sei der Blick auf die Zeit davor und danach gerichtet, auf die Adventszeit und die Rauhnächte. Als die christliche Kultur begann, das alteuropäische Fest der Lichtgeburt zum Winterbeginn mit eigenen Themen zu überformen, wurde natürlich auch die sensible Zeit davor besonders wahrgenommen. Ähnlich wie die Zeit vor der Sommersonnenwende ist diese durch eine intensive Spannung zwischen kosmischem und Erdgeschehen gekennzeichnet. Wärend alles auf den kürzesten Tag und die längste Nacht zusteuert und danach das Licht langsam wieder zunimmt, geht der real erlebte Winter ja nun erst richtig los. Die Divergenz dieser Energien erleben sensible Menschen oft auch im eigenen Leben. Wer aber die Hintergründe im kosmischen und irdischen Geschehen nicht bewusst wahrnimmt, neigt dazu, die Gründe für das Erleben von Erwartung, Unsicherheit, bevorstehendem Wandel und dergleichen allein im persönlichen Leben zu suchen.
Die Kirche hat die Energie dieser Tage sehr klug mit der frohen Erwartung der Geburt des Heilands verbunden und damit die Kräfte der großen Naturzyklen in die Thematik des Kirchenjahres integriert. Und völlig unabhängig davon, ob wir uns als Christen, Atheisten oder Anhänger anderer religiöser Wege bezeichnen, sind wir alle, die wir in Europa aufgewachsen sind, von mindestens 1500 Jahren christlicher Kultur geprägt, die der Adventszeit ihren ganz eigenen Zauber gab.
Die besondere Aufmerksamkeit dieser Zeit für das Kommende und die Vorfreude der Kinder auf Weihnachten äußerten sich über lange Zeit im eher stillen und besinnlichen -Charakter der Adventszeit. Heute hat nach der christlichen längst eine konsumistische Überformung stattgefunden, die sowohl die christlichen als auch die älteren religiösen Impulse mit großem Aufwand und Materialeinsatz und mit Hektik überlagert. Die ursprünglich stille Zeit der inneren Vorbereitung ist in ihr Gegenteil umgekippt. – Niemandem, der das wirklich genießen kann, soll es missgönnt sein. Wer allerdings die geweihte Nacht, den Niedergang und schließlich die Wiedergeburt des Lichts, den sich ankündigenden Beginn eines neuen Jahres im Außen bewusst erleben und mit eigenen Prozessen im Inneren verbinden möchte, dem sei angeraten, dem Trubel, wo es geht, zu entfliehen und die Adventszeit eher still zu genießen.
Ähnliches gilt für die Zeit direkt nach dem eigentlichen Umkehrpunkt der Wintersonnenwende, die sogenannten Rauhnächte. Die zwölf Nächte und Tage dieser Zeit galten unseren Vorfahren als ganz besondere und eigentlich weder dem alten noch dem neuen Jahr zugehörig: „die Zeit zwischen den Jahren“. Farbe und Charakter der Sonnenaufgänge, die Träume in jeder der zwölf Nächte und anderes galten als Hinweise auf die Ereignisse der kommenden zwölf Monate. Vieh und Kinder wurden zur energetischen Reinigung mit Reisigbündeln abgestreift (und wir haben allen Grund zur Annahme, dass die „Rute“ des Weihnachtsmanns für die „unartigen“ Kinder hier ihren Ursprung hat). In dieser Zeit wurden keine wichtigen Entscheidungen gefällt, es wurde beraten, innegehalten, sortiert und abgewogen. Die Zeit des Innehaltens tat – und tut! – der Seele gut.
Ich möchte nun jene Sätze wiederholen, mit denen wir auch vor einem Jahr in die stille Zeit gingen:
Begehen Sie die zwölf Tage und Nächte im Anschluss an den 21. Dezember doch einmal in folgender Weise: Alles, was an äußeren Aktivitäten reduzierbar ist, in dieser Zeit zurückfahren, allein oder mit guten Freunden oder Verwandten sein, ohne schlechtes Gewissen so wenig wie möglich „erledigen“ und täglich eine gewisse Zeit nach innen lauschen. ´
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