Wolfram Nolte stellt das neu erschienene Buch von Dolores Richter vor: „Die Liebe ist ein soziales Netzwerk“
Wenn bald 50 Prozent aller Ehen geschieden werden und bei den übrigen im Lauf der Jahre Lust und Liebe an Schwindsucht kränkeln, dann kann etwas mit unserer Vorstellung von Liebe und Sexualität nicht stimmen. Neben den herkömmlichen Empfehlungen zur Wiederbelebung der Lust in der Ehe wird von Therapeuten immer mehr anerkannt, dass der Seitensprung zum Liebesleben von Männern wie von Frauen gehört. Im Magazin „Stern“ (39/2006) war von Therapeuten zu hören, dass immer mehr Paare, die schon länger zusammenleben und zusammenbleiben möchten, sich beraten lassen, wie sie Außenbeziehungen in ihre Partnerschaft integrieren können. In den USA ist dieses Phänomen bereits ein heißes Medienthema und kursiert unter dem Marktbegriff „New Monogamy“. Wirklich neu daran ist, dass die emotionale Treue wichtigergenommen werden soll als die sexuelle Treue. Das wäre tatsächlich die Überwindung eines jahrtausendealten patriarchalen Tabus und die Ermöglichung einer Kultur, in der die Liebe nicht mehr in sexuellen Konflikten aufgerieben wird.
Aber dazu bedarf es einer umfassenden und tiefergehenden Kulturarbeit. Denn eine so befreite Liebe ist viel mehr und etwas ganz anderes als Polygamie oder ein Affärenkarussell. Dolores Richter, Gründungsmitglied des ZEGG und Liebesforscherin, sieht in ihr ein soziales Kunstwerk. In mehreren öffentlichen Vorträgen hat sie seit einigen Jahren die Grundgedanken zu diesem Thema kontinuierlich weiterentwickelt. Dabei haben ihr die Erfahrungen im ZEGG gewiss geholfen, ein neues Liebesbild zu entwickeln, das zu einem freieren Leben passt.
Freie Liebe, das betont sie immer wieder, bedeutet primär, lieben zu dürfen ohne Angst und Verstellung; sich zu befreien von äußeren Ge- und Verboten; auf die innere Stimme zu hören und zu lernen, die ganz eigene Sehnsucht ins Leben zu bringen. Zu leicht geraten wir dabei allerdings – so warnt die Autorin – in die Sackgasse der romantischen Liebe. Das Schöne und Verführerische an dieser Liebe sei, dass die Sehnsucht in ihr allen Raum bekommt. Aber wenn sie dann ganz auf den einen oder die eine gerichtet wird, ist die Enttäuschung programmiert. Die Liebenden brauchen eine weiterreichende Identifikation als nur das Miteinander. Sie brauchen eine geistige, spirituelle Ausrichtung auf etwas Größeres hin, das sie verbindet. Auch sozial brauchen sie einen reicheren Beziehungsraum, wo die verschiedenen Bedürfnisse von mehreren Menschen befriedigt werden können, so dass die Liebesbeziehung nicht überlastet wird. Nachbarschaften, Freundeskreise und Gemeinschaften, die einen offenen emotionalen Austausch unterstützen, würden das geeignete Umfeld für eine gelingende Partnerschaft bilden. Eine solche Kulturarbeit an der Liebe verändere die Kultur selbst und schaffe so die seelische und vitale Basis für eine Kultur des Friedens.
Es tauchen natürlich bei den Lesern noch konkretere Fragen auf, wie eine solche Liebe lebbar ist, wie mit Ängsten und Eifersucht umgegangen werden kann etc. Dolores Richter hat kein Therapie- oder Handbuch geschrieben, sie zeigt aber die Dimensionen des Themas auf, gibt eine geistige Orientierung und setzt Maßstäbe, was zukünftige Bücher zur Paarberatung beachten müssen. ´
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