Anna Schenkluhn auf der Suche nach einer Antwort.
Die für 2007 und 2008 geplante GrenzTritt--Karawane scheint gut zur Sinnsuche der Verfasserin zu -passen. Soll sie sich der Karawane anschließen?
Als ich im Juni erstmals von der Karawane GrenzTritt hörte, dachte ich mir nicht viel dabei. Aha, eine Trekkingtour, eine Reise mit Packtieren durch Osteuropa. Das Projekt werde auf der Permakultur-Sommer-akademie vorgestellt, erzählte mir ein Freund, das sei doch was für mich. Ich aber konnte mir eine zweijährige Reise mit abgebrühten Abenteurern nicht vorstellen. Dann aber las ich im Programm der Sommerakademie von den interessanten Workshops der Karawane. Survival, Feuermachen mit Feuerbohrer, Wildkräuter und Wildgemüse sammeln und zubereiten, Bau von Lehmöfen …
Nach dem Abbruch meines Studiums der Freien Kunst vor einigen Monaten hatte ich mich in einer Krise befunden. Nun schien eine Phase der Neuorientierung anzufangen.
Das Konzept überzeugt
Angezogen vom Workshopangebot fuhr ich zur Permakultur-Sommerakademie, ohne zu wissen, was Permakultur eigentlich ist. Dort begegnete ich Lebenskonzepten, die genau meinen Träumen entsprachen. Die Karawane war eines davon: Sie verbindet Naturbegegnung, Kreativität, Leben und Lernen in einer Gemeinschaft, Spiritualität und inneres Wachstum mit dem Anspruch, Ideen für eine nachhaltige bessere Zukunft weiterzutragen.
Die Karawane ist eine buntgemischte Gruppe von Permakulturstudenten, -designern und anderen. Sie wird als reisende Gemeinschaft durch Teile Europas ziehen, zu Fuß, mit Lastensulkys und mit Packpferden. Unterkunft und Zentrum der Gruppe ist eine von den Karawanistas selbstgefertigte Jurte. Diese wird unterwegs auch als Seminar- und Versammlungsraum dienen, denn die Karawane versteht sich als reisende Akademie. Unterwegs wollen die Karawanistas gemäß ihrem breitgefächerten Fähigkeitenpool öffentliche Workshops anbieten. Anfang Mai 2007 treffen alle Teilnehmer in der Niederlausitz zusammen, um nach einem ersten Workshop gemeinsam aufzubrechen. Über Ostdeutschland, Tschechien und die Slowakei wird die Reise in die geografische Mitte Europas führen: in die Buchenurwälder der Waldkarpaten.
Mit den Zielsetzungen des Programms konnte ich mich sofort identifizieren: Gemeinsam machen wir uns auf die Suche nach Perspektiven, die der Zerstörung unseres Lebensraums entgegenwirken. Wir wollen gemeinsam mit den Menschen, denen wir begegnen, an Entwürfen für eine friedliche Welt arbeiten. Dabei ist die unmittelbare Naturerfahrung und das Wildniswissen wichtiger Bestandteil unseres Lernprozesses. Durch Besuche von sozialen und ökologischen Projekten hoffen wir, den Austausch solcher Projekte untereinander zu beleben.
Herausforderungen als Chance
Anfangs verwirrte mich, dass es keinen Verantwortlichen gab, der alle Fäden der Organisation in den Händen hielt. Stattdessen verteilt eine Planungsgruppe die Verantwortung für die einzelnen Bereiche wie Ausrüstung, Zelte, Küche und Lebensmittel, Achtsamkeit für Mitte/Heilung/Schönheit, Scouting, Finanzen und Pferde. Auf diese Weise hängt das Gelingen des Projekts von allen gleichermaßen ab, und gegenseitige Unterstützung spielt eine große Rolle. Skeptisch war ich zunächst auch gegenüber der Abmachung, alles im Kreis nach dem Konsensprinzip zu beschließen, denn ich befürchtete endlose Diskussionsrunden ohne Resultate. Aber so wie es organisiert wurde, ging es gut.
Für jeden Tag der Reise und die Zeit der Planungstreffen wird ein „Chief“ gewählt, der oder die für diese Zeit den Fokus auf den Gesamtablauf richtet, in komplizierten Situationen selbständig entscheidet und im Notfall entsprechend schnell das Notwendige veranlasst. Eine Teilnahme hieße also für mich, Verantwortung zu übernehmen – für eine Truppe von um die 13 Personen! Auch wenn das Projekt mich immer mehr begeisterte, schloss ich eine Teilnahme an der Karawane lange Zeit aus. Allein schon die Vorstellung, mehrere Monate unterwegs zu sein, ein Zelt mit einem Dutzend Leute zu teilen, mit einem Minimum an Ausrüstung, die jeder mit dem Sulky selbst transportieren soll, scheint mir eine große persönliche Herausforderung. Schaffe ich so eine körperliche Belastung? Und bin ich nicht eher eine, die viel Zeit für sich allein braucht? Was wäre, wenn meine persönlichen Bedürfnisse mit denen der Gruppe kollidierten? Denn es wird Krisen geben, wenn z.B. zu wenige Lebensmittel vorhanden sind, der richtige Weg nicht gefunden wird, die Pferde durchgehen, Streit, Krankheit oder einfach das Auf-der-Pelle-Hocken die Gruppe demoralisiert. Das bedeutet nicht nur eine äußere Herausforderung, sondern für jeden der Karawanistas wird es eine Zeit der persönlichen Entwicklung sein. Es wird viel Toleranz, Respekt und Mitgefühl gefordert sein, um die Gemeinschaft zusammenzuhalten.
Aber ich sehe mein Leben ja als Aufgabe, ständig zu lernen und geistig und spirituell zu wachsen. In der Karawane finde ich die passende Schule für mein inneres und äußeres Wachstum.
Und wenn die Gruppe sich entzweien sollte, weil Uneinig-keit zu offenem Streit führt? Für jeden gibt es die Möglichkeit, Probleme im Kreis zu lösen. Jede Meinung und jede Person bekommen dort ihre Wertschätzung, solange gegenseitiger Respekt, Ehrlichkeit sowie Offenheit herrschen. Wenn Probleme so geklärt werden, wächst die Gruppe häufig wieder zusammen oder ist sogar neu inspiriert.
Jede noch so schöne Vision kann an finanziellen Fragen scheitern. Wir finanzieren uns persönlich erst einmal selbst, jeder ist für die Deckung der laufenden Kosten zu Hause verantwortlich wie auch für den persönlichen Bedarf unterwegs. Dafür bemessen wir einen bestimmten Tagessatz. Wer nichts hat, wird von der Gemeinschaft darin unterstützt, diesen Mangel zu verändern. Unterwegs erzielen wir Einnahmen aus Workshops, und wir bieten Interessierten gegen Bezahlung an, uns eine Weile zu begleiten, um an unseren Erfahrungen und unserem Wissen teilzuhaben. Unsere Erfahrungen wollen wir zudem in Berichten und mittels verschiedener Medien veröffentlichen. Der Routenverlauf kann auf unserer Internetseite verfolgt werden, und auch Kommentare und Berichte darf dort jeder hinterlassen.
Meine Entscheidung
Mittlerweile habe ich mich entschlossen, für drei Monate mit der Karawane mitzugehen. Meine Zweifel und sogar Ängste bestehen weiterhin. Doch sehe ich in diesem Projekt ein so großes Lernpotenzial, dass ich einfach daran teilhaben muss. Mir persönlich geht es gerade um den direkten und intensiven Kontakt mit der Natur. Ich möchte öko-soziale Projekte kennenlernen und mit und an unserer Gemeinschaft wachsen. Ich suche Heilung und Klarheit für meinen weiteren Weg. Und ich hoffe, dass wir mit unseren Visionen die Herzen vieler Menschen erreichen können, dass wir Samen ausstreuen, aus denen neue Denkansätze, neue Projekte, und damit letztlich Hoffnung für das Leben auf unserem Planeten erwachsen kann. ´
Anna Schenkluhn (26), interessiert sich besonders für Malerei, Theater, Musik und die Wildnis.
www.karawane-grenztritt.de
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