Jochen Schilk würdigt den Natur- und Menschenfreund Kurt Kretschmann.
Einer Anregung des Holon-Redakteurs Gandalf Lipinsky aufgreifend will ich zukünftig an dieser Stelle immer wieder aufzeigen, dass die typischen kulturkreativen Themen und Herangehensweisen vielfach schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts – und nicht erst seit den 1960er-Jahren im Westen – entwickelt worden sind. Ein wunderbares, lebendes Beispiel für die tieferen historischen Wurzeln der Kulturkreativen liefert der DDR-Naturschutzpionier und Gartenbauforscher Kurt Kretschmann, dessen außergewöhnliches Leben und Werk ich diesmal vorstelle. Der Beitrag darf dabei gerne als Fortsetzung der „Andere Welten“-Subserie „Community Gardens“ (Ausgaben 132 bis 136, siehe Artikelarchiv unter www.kurskontakte.de) gelesen werden.
Immer noch behaupten starke politische Kräfte, dass ökologische Erwägungen in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten reiner Luxus seien. Dementsprechend schwer haben es trotz aller dramatischen Prognosen die Umwelt- und Klimaschützer.
Als Kurt Kretschmann im Jahr 1948 den Posten eines Kreis- und später des Landes-Naturschutzbeauftragten für Brandenburg angetragen bekommt, hat Deutschland sich noch kaum von den fatalen Folgen des Krieges erholt. Angesichts dieser unvergleichlich härteren Voraussetzungen als heute ist es umso erstaunlicher, dass es dem neuen Amtsinhaber sehr oft gelingt, die ums Überleben kämpfenden Menschen von der Notwendigkeit seines Anliegens zu überzeugen. Die bescheidene Funktionärskarriere Kurt Kretschmanns beginnt mit der Durchführung der ersten Naturschutzausstellung nach dem Krieg in Deutschland. Mit dem Fahrrad erkundet er das ihm unterstellte Gebiet, fragt Bauern, Imker und Wilddiebe nach Besonderheiten in Flora und Fauna. Als einziger Laie unter fünfzehn Naturwissenschaftlern wirkt er 1954 am Entstehen des Naturschutzgesetzes der DDR mit. In dem Gremium kann Kretschmann neben einem auf langen Wanderungen erworbenen umfangreichen Naturwissen lediglich eine Volksschulausbildung vorweisen.
Vom Arbeiter zum Eremiten
Mit neunzehn Jahren arbeitet der geborene Berliner als Zuschneider in einem Herrenkonfektionsladen, als die frisch gewählten Nazionalsozialisten die Produktion von Uniformen verlangen – für Kurt, der seit seinem zwölften Lebensjahr Pazifist und seit fünf Jahren zudem überzeugter Vegetarier ist, Grund genug, seine Anstellung zu kündigen und dem bürgerlichen Leben und dem faschistischen Staat den Rücken zu kehren. Einige Zeit zuvor hatte er auf seinen Wanderungen in den Wäldern um Berlin den gleichaltrigen Herbert Marquart kennengelernt, der dort zurückgezogen in einer kleinen Hütte ein sehr einfaches, aber freies Leben als Imker führt. Auf Anhieb fühlen die beiden jungen Männer eine starke Geistesverwandtschaft, und Herberts spürbare Naturverbundenheit imponiert Kurt so sehr, dass das Stadtkind bald dessen Einsiedler-Leben zu teilen beginnt – zunächst nur am Wochenende, und nach der Machtübernahme Hitlers für mehrere Jahreszyklen am Stück. Seine 1941 verfassten „Erinnerungen an meinen im Hitler-Krieg gefallenen Freund Herbert Marquart“ (2002 im Eigenverlag erschienen) geben ein zutiefst bewegendes Zeugnis von der kurz bemessenen Zeit dieser außergewöhnlichen Freundschaft. Wichtigster Beweggrund der beiden ist es, „aus dem Kapitalismus auszusteigen“, um Zeit für die wesentlichen Dinge zu haben: Naturbeobachtungen, sportliche Betätigung wie Laufen, Schwimmen und Klettern, Sonnenbaden, Bienenhaltung, Austausch über (verbotene) sozialistische und lebensreformerische Literatur, musikalische Betätigung und auch erste Versuche gärtnerischer Selbstversorgung – ein Aspekt, der Kurts Leben von nun an immer prägen wird. Sie sammeln Kräuter, Beeren und Pilze, und das wenige Geld, das sie für zusätzliche Nahrungsmittel oder auch zum Kauf der Werke von Hesse, Tolstoi, Gandhi oder Thoreau („Walden“!) benötigen, verdienen sie sich mit Gelegenheitsjobs. Wie manche Stellen in Kurts Aufzeichnungen belegen, gewährt ihnen das einsame Leben inmitten des Natur – zeitweilig geteilt mit einem fiedelspielenden Zigeuner und später mit einem „deutschen buddhistischen Mönch“ – tiefe Einblicke in die Mysterien der kosmischen Ordnung (siehe Kasten).
Ein Pazifist im Krieg
Doch die idyllische Einsiedelei 30 Kilometer vor Berlin ist nur eine Insel im barbarischen Nazi-Deutschland, das sich besessen zum Krieg rüstet. Konnte Kurt Kretschmann sich 1935 noch durch intensives Fasten einer Einberufung in die Wehrmacht entziehen, so muss er nach der nächsten Musterung im Jahr darauf die militärische Ausbildung antreten. Weil ihn jedoch sein Vegetarismus und seine vorgetäuschte Unfähigkeit bei Schießübungen verdächtig machen, wird er als „gefährlich für den Geist der Truppe“ entlassen. Die gewonnene Freiheit nutzt der in seiner Überzeugung nun noch mehr gestärkte Pazifist zu ausgedehnten Wanderungen durch Deutschland, die Schweiz und Italien, wobei er rund 12000 Kilometer zurücklegt. Mit dem deutschen Angriff auf Polen zieht die Wehrmacht seinen Freund Herbert zum Frontdienst heran, und auch der subversive Kurt wird zur Zwangsarbeit verdonnert. Aller verzweifelten Hoffnung der – inzwischen mit Kurts zukünftiger Frau zum Trio gewachsenen – Freunde zum Trotz müssen Kurt und Erna im Spätsommer 1941 die Nachricht von Herberts „Heldentod“ in Russland aufnehmen. Und es kommt noch schlimmer: Kurt wird ebenfalls eingezogen, verbringt später zwei grauenvolle Jahre als Sanitäter in den Hauptkampflinien des Ostens. Ein Fluchtversuch misslingt, und nur ein neuerlicher Angriff der russischen Truppen verhindert die Vollstreckung des bereits verhängten Todesurteils. Nach einer Verwundung erhält Kurt Kretschmann im Winter 1944 endlich einige Wochen Heimaturlaub. Zum ersten Mal bekommt er seinen Sohn Friedhart zu Gesicht und darf nach drei langen Jahren wieder seine per Fernheirat angetraute Ehefrau in die Arme schließen, die sich mit Friedhart und zwei Kindern aus erster Ehe in Bad Freienwalde an der Oder durchschlägt.
Nunmehr zu allem entschlossen, nutzt Kurt die Zeit zur Vorbereitung seiner Desertierung. Unter der Gartenlaube eines befreundeten Antifaschisten gräbt er sich eine „sarggroße“ Vertiefung in die gefrorene Erde, ausgestattet lediglich mit einigen Decken und Lebensmitteln. Mit dem Ende des Fronturlaubs Anfang Februar 1945 verabschiedet er sich von allen Menschen – und legt sich in sein eiskaltes Versteck. Nur in tiefer Nacht, wenn Erna ihn unter eigener Lebensgefahr mit Essen versorgt, traut er sich für eine halbe Stunde an die Oberfläche. Nach zehn Wochen wird praktisch direkt über ihm ein Flak-Geschütz zur Luftabwehr aufgebaut, und es ist nur dem beherzten Täuschungsmanöver des Laubenbesitzers zu verdanken, dass der Deserteur unerkannt in ein anderes Versteck wechseln kann, wo er bis zum Einrücken der Roten Armee ausharrt. Es folgt die Kriegsgefangenschaft, die jedoch aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands nicht allzu lange währt. Spätestens als ihr dreijähriger Sohn Friedhart in der Nachkriegsnot an Diphterie stirbt, schwören sich die Kretschmanns, fortan nur mehr für das Leben und gegen die Gewalt des Krieges zu arbeiten.
Naturerlebnis – Naturerkenntnis – Naturschutz
Nach der Errichtung einer Blockhütte – deren bauliche Konzeption heute vermutlich als „-permakulturell“ bezeichnet würde – widmen sich Erna und Kurt konsequent ihrem alten Herzensanliegen, dem Umweltschutz. Weil Kurt sich beim ehrenamtlichen Wiederaufbau des Freienwalder Schlossparks hervortut und seine Kompetenzen auf dem Feld der Ökologie bekannt werden, erhält er den eingangs erwähnten Posten eines Kreis-Naturschutzbeauftragten. Als vorrangige Aufgaben versteht er dabei die Umweltbildung der Bevölkerung, viel Pressearbeit sowie die Erfassung und Unterschutzstellung von Naturdenkmälern. Berühmt geworden ist seine stilisierte Waldohreule auf gelbem Grund, die er in jener Zeit als Kennzeichnungssymbol für erhaltenswerte Bäume, Lebensräume und Steine in der DDR einführt und die nach der Wende sogar als gesamtdeutsches Naturschutz-Piktogramm übernommen wird.
1953 ist Kurt Kretschmann Referent für Naturschutz an der Ostberliner Landwirtschaftsuniversität, da bekommt er einen alten Bauernhof inmitten des 5000 Hektar großen Schutzgebiets der Mecklenburgischen Seenplatte als Ort für eine Bildungseinrichtung angeboten. Mit großem Engagement und minimalen Mitteln bauen die Kretschmanns den „Müritzhof“ zum weltweit ersten Naturschutzzentrum aus. Nur durch Mundpropaganda werben sie in sechs Jahren Tätigkeit über 1200 Teilnehmer für ihre Lehrgänge zum praktischen Naturschutz (darunter auch den späteren alternativen Nobelpreisträger Michael Succow, der als Stellvertreter des DDR-Umweltministers 1990 in seiner letzten Amtshandlung 7 Prozent der Fläche Ostdeutschlands als Natio-nalparks oder Biosphärenreservate auswies und damit einen alten Traum seines Mentors Kretschmann wahrmachte). Immer gibt es für die begeisterten Besucher in der unmittelbaren Umgebung des Zentrums Gänse, Reiher, Rohrweihen, Enten, Rehe oder Wildschweine zu sehen, und manch einer erinnert sich noch heute, dass die vom Ehepaar angebotenen Ganztags-exkursionen ins „Paradies“ eigentlich Meditations-Wanderungen waren. Der Müritzhof trägt so maßgeblich dazu bei, dass sich bald tausende Bürger ehrenamtlich und mit viel Idealismus für die Erhaltung der Natur engagieren und die DDR – dem nur schwach entwickelten staatlichen Naturschutz zum Trotz – im Lauf der Zeit über 900 Schutzgebiete erhält.
Anfang der sechziger Jahre kehren die Kretschmanns schließlich in ihr Freienwalder Blockhaus zurück, um eine weitere Idee zu verwirklichen: Haus und Garten sollen einer breiten Öffentlichkeit Beispiel dafür geben, wie man die Natur pflegen, schützen und sinnvoll gestalten kann. Sie hoffen, dass das Beispiel Schule macht und weitere „Häuser der Naturpflege“ in den Dörfern und Städten entstehen. Vorbild geben die Kretschmanns zum einen durch ihren antikonsumistischen und engagierten Lebensstil sowie durch die Gestaltung ihres weitläufigen Gartens, der aufzeigt, wie sich vermeintliche Gegenkräfte integrieren lassen: Natürlich wollen sie unter keinen Umständen den „Krieg gegen die Natur“, so wie ihn etwa die DDR-Großraumlandwirtschaft praktiziert – aber auch „ein Naturschutz, bei dem alle Blumen und Tiere gedeihen, und nur eines stört: der Mensch“, scheint ihnen nicht erstrebenswert.
Obwohl das Ziel, Nachahmungsprojekte zu inspirieren, nicht gelingt, ist die Bilanz des von den Kretschmanns bis 1984 geleiteten „Hauses der Naturpflege“ beachtlich: Um die 100000 Besucher suchen im Lauf der Zeit die berühmteste Blockhütte von Bad Freienwalde auf. Reimar Gilsenbach, ehemaliger Redakteur der Zeitschrift „Natur und Heimat“, findet in einer Laudatio anerkennende Worte: „In der tiefsten DDR gelingt es zwei Naturschützern, ihr privates Haus zu einer öffentlichen Institution zu erheben! Obwohl sie das im Inter-esse der Gesellschaft getan und es nie anders verstanden haben, war ihre Tat, das eigene Haus der Natur zu widmen, irgendwie gegen den realsozialistischen Strich gebürstet. Für Polit-Naturschützer waren die Kretschmanns ein rotes Tuch.“ Gilsenbach erinnert sich an eine Episode, als das Fernsehen im Haus der Naturpflege drehte und der Interviewer fragte, warum die Kretschmanns kein Auto, „nicht einmal einen Trabant“ hätten. Ohne zu zögern habe Kurt auf den Baum vor seinem Haus gezeigt und gesagt: „Aber ich habe eine Eiche!“ Weil jedoch die DDR-Bürger kraft eines Parteitagsbeschlusses dem Götzen Wohlstand – repräsentiert durch das eigene Auto – hinterherlaufen sollten, wurde der Film über die nonkonformen Selbstversorger prompt zensiert …
Anders besser Leben – in Ost und West
Die 2001 verstorbene Erna Kretschmann sagte rückblickend auf die Jahre in der Einfachheit der Blockhütte: „Dieses Haus verkörpert unsere Lebenseinstellung, unsere Weltanschauung […] Wir fühlten uns wohl. Nicht wie viele Leute, die nur mit ihrer Wohnung und ihrem Auto beschäftigt sind. Uns war ein anderer, ein tieferer kultureller Lebensraum wichtiger.“ Sie hätten keinen Fernseher gehabt, nur ein Radio, viele Bücher und immer Gäste, mit denen sie viel diskutierten, arbeiteten und zusammen musizierten. „Unser Leben war ausgefüllt und spannend. […] Wir wollten dieses offene, freie Leben [mit den vielen tausend Besuchern]. Damit zeigten wir auch, dass man ganz anders leben kann. Wir vertreten eine einfache Lebensweise, nicht nur, weil wir wenig verdienen, sondern weil wir der Meinung sind, dass viele Weltprobleme lösbar wären, würden sich mehr Menschen mit einer einfacheren Lebensweise bescheiden. […] Es gibt so viele Alternativen, nur die Menschen müssen bereit sein, zu natürlicheren Lebensformen zurückzufinden!“
1993 wird Kurt Kretschmann für seine Leistungen der Europäische Umweltpreis verliehen; aber auch mit 80 Jahren forscht der Öko-Pionier noch weiter nach anderen Wegen. Eine erstaunliche Entdeckung Kurt Kretschmanns dürfte es vielen Leuten leichter machen, sich auf die gute Alternative eines Selbstversorger-Gartens einzulassen: Mit der politischen Wende stiegen die Bewässerungskosten für den Garten rapide an. Kurt, der schon immer möglichst sparsam mit künstlicher Bewässerung umgegangen war, sinnt auf Abhilfe und beginnt fortan nicht nur, wie üblich, den Boden um junge Bäume und Sträucher mit organischem Material abzudecken, sondern nun auch sämtliche Beete samt angrenzenden Wegen zu mulchen. Es zeigt sich bald, dass mit dieser Methode nicht nur der Wasserbedarf halbiert werden kann, sondern zudem die Bodenfruchtbarkeit von Jahr zu Jahr steigt und sogar das Jäten entfallen kann (siehe Kasten). Die Erde ist heute in so vielen Regionen von Verwüstung bedroht; allein für den Nordosten Deutschlands prognostizieren Klimawandel-Forscher heute einen Rückgang der Niederschläge um 30 Prozent! Das könnte eine Vermutung Kretschmanns bestätigen, der angesichts des unvorhergesehenen Erfolgs seiner Methode ganz gegen seine bescheidene Natur in seinem Mulchgarten-Buch (1994) vom „Garten der Zukunft“ sprach. – Welch wertvolles Vermächtnis eines erfüllten Lebens in Einfachheit! ´
Literatur: • Kurt Kretschmann, Rudolf Behm: Mulch total – Der Garten der Zukunft, ISBN 3922201180. • Marion Schulz: Ein Leben in Harmonie. Kurt und Erna Kretschmann, 1999; ISBN 3-93360-302-1 (leider vergriffen). • Kurt Kretschmann: Erinnerungen an meinen im Hitler-Krieg gefallenen Freund Herbert Marquard (verfasst 1941, Eigenverlag 2002, 120 Seiten, 10,– Euro, sehr empfehlenswert! Bezug: verein@haus-der-naturpflege.de)
Internet: www.haus-der-naturpflege.de; www.nabu.de
Kurt Kretschmann lebt heute 92-jährig als Ehrenbürger in Bad Freienwalde in einem Altersheim.
Kasten 1:
Ein brandenburgischer Einsiedler erzählt
Die Begegnung mit seinem offenbar charismatischen Freund Herbert Marquart war für Kurt Kretschmann wegweisend für sein ganzes Leben. Einige Passagen aus Kretschmanns „Erinnerungen“ an den 1941 gefallenen Freund geben einen Eindruck vom freien Leben der beiden in den Jahren von 1933 bis 1936:
„Wir lagerten dann im Grase, sprachen wenig, lauschten der schwingenden Musik und waren die glücklichsten Menschen unter der Sonne. Der süße Honigduft der Blüten, die Fruchtbarkeit, der Immengesang, des Himmels Leuchten und die erwachenden frühlingsgrünen Wälder machten uns froh und jubelnd über die Schönheit unserer Heimat und der ganzen Welt. In dem immer häufigeren Zusammensein mit dir [Herbert] wandelten sich auch in mir die Gedanken und Empfindungen. Allmählich ergriff mich das Blühen, Wachsen, Gedeihen und Vergehen, und ich erlebte so wie du den gewaltigen kosmischen Prozess als tiefe innere Offenbarung. Das Rauschen des Windes, das Ziehen der Wolken, die hellen Wiesen, der braune Acker mit dem lichten Birkensaum – all das Herrliche, Große nahm auch mich gefangen. Die sich ewig wandelnde Welt gab meinem Dasein eine neue Richtung. Auch ich schmiegte mich näher an die Natur und wurde mit offenen Armen begrüßt.“
„Wenn wir dann heimgingen, durch enge Schneisen und auf schmalen Wegen, schworen wir, niemals in die graue Stadt zurückzukehren, aus der wir beide gekommen waren. Wir hätten die Erde umarmen mögen – einfach aus Dankbarkeit und froher Kraft.“
„Unsere Stellung zur Natur wurde noch inniger. Bald verstanden wir, warum die alten Völker und Stämme eine heilige Achtung vor der Schöpfung empfunden hatten und sie mit ihren Riten und symbolischen Handlungen verehrten. Die vielen Tage und Nächte, welche wir im Freien verbrachten, ließen auch uns das Weben und Wirken des Alls empfinden, das keine Überlegung ergründen und erklären kann und als eine Gnade des Himmels, als Offenbarung der Ewigkeit hingenommen werden will. […] Wir liebten -alles – -alles was war! Den Sturm wie den Sonnenschein, den grauen Nebel und die klare Frostnacht ebenso wie die Frische des Frühlings und die betäubende sommerliche Wärme. Unsere Verbundenheit mit dem All suchte und fand die Zweckmäßigkeit und den Zusammenhang der Erscheinungen. Wir fühlten uns als ein Teil des Ganzen und näherten uns der gütigen Mutter Erde nicht, um sie zu beherrschen und auszubeuten, sondern um sie zu lieben.“
„Während dieser Zeit, im ersten Sommer, beschäftigten wir uns stark mit den von mir herbeigeschleppten Büchern. Wir wollten unsere geistige Entwicklung vorwärtstreiben und diskutierten Tag und Nacht über das Gelesene. Weit lieber hätten wir uns noch mit wissenden, reifen Menschen ausgesprochen. Sie fehlten aber. Wer verstand zwei junge Burschen, die das Wirtshaus und die Mädels mieden, im Walde wohnten und allerhand ‚verrückte‘ Ideen hatten?”
„Wir dachten aber nicht daran, die auf diesem Gebiete gewonnenen biologisch-reformerischen Anschauungen zu verleugnen. […] Wer uns nicht wollte, wie wir waren, in Bluse, Hemd und kurzer Hose, braun, frisch und gesund, der sollte es bleiben lassen. Wir bauten unbekümmert weiter an einem besseren Lebensstil und zertrümmerten lachend die alten Ansichten und Gewohnheiten.
Mit den äußeren Dingen ging auch eine innere Umstellung Hand in Hand. Wir verließen die Begriffe von Raum und Zeit und lösten uns langsam aus den überkommenen Vorstellungen einer sogenannten ‚Ordnung‘, die häufig nur ein totes, vom Zwang diktiertes Schema war.“
„Die östlichen, der modernen europäischen Welt entgegengesetzten Ideen wurden uns bald vertraut. Sie sind weder wirklichkeitsfern noch extrem zu nennen und könnten, wenn eine Verbindung mit der von technisch-wirtschaftlichen Vorstellungen bestimmten europäischen Geisteswelt zustande käme, eine für Frieden und Freiheit des zukünftigen Menschengeschlechts bedeutungsvolle Rolle spielen.“
Kasten 2:
Zitat Kurt Kretschmann
„Ich habe mich niemals bemühlt, viel Geld zu verdienen; … aber ich habe versucht, das, was ich richtig fand, durchzusetzen … Ich habe keine Aufträge gehabt … Ich habe nicht einen Beruf gehabt … Ich habe eine Lehrstätte für Naturschutz gegründet, die war die erste in der Welt. Das war für meine Frau und mich eine Notwendigkeit, aber das war keine Anweisung vom Bezirk oder von der Regierung. Und so haben wir alle möglichen Sachen gemacht, basierend auf der einfachen Lebensweise, die wir hatten. Dadurch konnten wir uns viel erlauben … Wir streben nach innerem Reichtum. Inneren Reichtum hat nur der Mensch, der über sich selbst hinaus Arbeiten macht und sich einsetzt … für die Natur …, für die Tierwelt oder sonst etwas. Wenn er sich für solche Dinge einsetzt, wird er innerlich reich, und wenn er das nicht macht und nur sich selbst sieht und nur sein Einkommen, seinen Wohlstand, dann wird er von der Seite aus verkümmern. Das ist ein Lebensgesetz …“
Kasten 3:
Mulch total
Seine Methode des konsequenten Mulch-Gartenbaus hat sich Kurt Kretschmann von der Natur und insbesondere von den Wäldern abgeschaut: Bäume werfen sich im Herbst ihr eigenes Mulchmaterial um den Stamm und kreieren sich auf diese Weise selbst ein gesundes Bodenleben – Kretschmann zufolge der wichtigste Aspekt beim Gärtnern: „Wer viele Regenwürmer, Springschwänze, Tausendfüßler, Asseln, Milben, Insektenlarven, Spinnen und Millionen Bakterien, Pilze, Einzeller und Algen in seinem Boden wünscht – denn sie sind die Erzeuger der natürlichen Bodenfruchtbarkeit –, der muss ihnen ständig Nahrung zuführen. Gleichzeitig schützt eine Mulchbedeckung vor intensiver, austrocknender Sonneneinstrahlung und Wind, vor Erosion durch starke Regenfälle und vor Frost. Das Mulchen mildert die Extreme und hat viele günstige Wirkungen. Die weiche, poröse und Nährstoffe liefernde Zudecke verlängert das Bodenleben, speichert und verteilt die Feuchtigkeit, bietet Unterschlupf für viele Tierarten, verhindert oder verringert den Krautwuchs und führt zu einer beachtlichen Arbeitseinsparung.“ Schließlich hat die Bodenbedeckung bei der sogenannten Flächenkompostierung einen großen Einfluss auf die Erzeugung hochwertiger – d.h. reichhaltiger, schmackhafter, gesunder, und lagerfähiger – Ernteprodukte. Ohne herkömmliche Kompostwirtschaft, Gründüngung, Bodenwendung und ohne Maschineneinsatz, aber natürlich auch ohne die Bodenverschlimmbesserung mit mineralischen, chemischen oder tierischen Düngern erzielte das Ehepaar Kretschmann seit Beginn ihrer Mulch-experimente 1990 auf brandenburgischem Sandboden in zunehmendem Maß ganz erstaunliche Ernteerträge: 20 bis 36 (!) neue Knollen aus einer einzigen Pflanzkartoffel oder sechs Kilo schwere Kohlköpfe dürften auch Zweifler überzeugen. Es zeigte sich außerdem, dass der Bedarf für künstliche Bewässerung im Mulch-Garten etwa die Hälfte eines Gartens mit offenliegenden Beeten beträgt. Als Material zur Bodenbedeckung verwendet Kretschmann zu etwa 70% mit der Sense geschnittenes Gras und Wildkräuter, zu 10% die extra für diesen Zweck angebaute großblättrige (Heil-)Pflanze Comfrey (Beinwell) und die Süßkartoffel Topinambur sowie zu 20% Laub. Der flächendeckende Einsatz von vermeintlichen „Unkräutern“ als Mulchmasse ruft dabei selbst bei gutwilligen Bio-Gärtnern oft mindestens ein ungläubiges Staunen hervor. Der Naturbeobachter Kretschmann weiß jedoch, dass die Wildkräuter einen „tausendjährigen Überlebenskampf hinter sich haben. Ihre unglaublichen Kräfte bewirkten, dass sie widerstanden und nicht ausgerottet werden konnten.“ Deshalb betrachtet er Franzosenkraut, Brennnessel & Co. „in ihrer Wuchsdynamik und Anspruchslosigkeit als den besten Dünger, den es gibt“. Probleme mit der unerwünschten Aussaat dieser Pflanzen in den Beeten kennt Kretschmann nicht: „Wo der Boden gemulcht ist, bleibt er krautfrei.“
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