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Editorial
erschienen in Ausgabe 149
Liebe Leserinnen,liebe Leser,

wieviel Führung braucht der erwachsene Mensch? Was muss ihm in schlichten Worten gesagt werden, damit er das Phänomen des Verstehens begreift und zu eigenem Denken gelangt? Was ist das: erwachsen? Wann sind wir’s?
In diesem Heft findet sich Erstaunliches: Die Crème der Gemeinschaftsbewegung lässt sich von einem „jungen Stern am Guruhimmel“ „Führung ohne Verführung“ angedeihen – ja, wohin wohl? Zurück zu sich selbst! Um „in der Gegenwart anzukommen“! Ja, war man denn nicht in der Gegenwart? Kann man es sich leisten, woanders zu sein? Woanders als mitten drin in seinem Leben? Mitten im Wirbel des Wandels, der diese Erde ergriffen hat – zu dem nicht nur unsere Eltern beigetragen haben, sondern den wir selbst noch weiter anheizen? Mitten in der Gegenwart der Neufindung tragfähiger Werte, die die morgige Gegenwart unserer Kinder so sichern sollen, dass sie in ihrem Erwachsensein keinen Grund finden, uns zu verfluchen …?
Erstaunlich, wie lang die „Gegenwart“ auf Zugang zu unseren Herzen warten muss. Von Zhuangzi bis Hübl, zweitausendfünfhundert -Jahre Gegenwartspredigt: Hat denn niemand zugehört? Muss alles zweimal gesagt werden? Ich fürchte: Solange wir auf Dinkel-spelz oder Plüsch thronende Menschenflüsterer brauchen, die lächelnd darauf hinweisen, dass man schließlich nicht darüber nachdenke, wie der Eimer zu halten sei, wenn das Haus brenne, sondern dass man das Richtige tue, weil es eben brenne, solange brennt unser Leben nicht. Wir nicken, sehen unser glimmendes Leben – und bleiben lau. Wie fangen wir zu brennen an? Wie entzünden wir uns selbst zu lichterloher Flamme, die nicht mehr erlischt, weil sie der unerschöpfliche Brennstoff der Liebe zum Ganzen nährt, der überreichlich aus unserem mitfühlenden Herzen strömt? „Ich will, dass ihr wach seid!“ – Wie oft schon ist das Wesentliche gesagt worden?
Kürzlich staunte ich über ein Experiment: Amöben entscheiden offenbar frei, ob sie einzelne Zellen bleiben oder gemeinsam einen Superorganismus bilden, der sich genau wie eine einzelne Amöbe verhält. Teilt man einen solchen Amöben-Superorganismus in kleine Stücke und legt diese in einen Irrgarten, fügen sie sich wieder zu einer Super-Amöbe zusammen, die alle Gänge ausfüllt. Legt man nun z.B. Hafer-flocken an Eingang und Ausgang des Irrgartens, so zieht sich die Super-Amöbe aus den Sackgassen zurück und bildet einen zusammenhängenden Wurm, der den kürzesten Weg vom Eingang bis zum Ausgang nimmt. Erstaunlich, nicht wahr? Vermutlich bilden wir Menschen ebenfalls einen Superorganismus: die Menschheit. Brauchen wir wirklich einen externen Versuchsleiter, der den richtigen Köder an den Ausgang unseres selbstgeschaffenen Irrgartens legt, damit unsere Superintelligenz erwacht und wir endlich gemeinsam ganz und gar gegenwärtig das Richtige tun?

Fragt sich Ihr
Johannes Heimrath


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Heimrath, Johannes

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