|
| Das Feuer der Baba-Jaga |
|
|
Buchbesprechung
„Matriarchales Urwissen als Chance/Die geheimen Botschaften in russischen Märchen“ – so ist das Buch der österreichischen Radiomoderatorin Petra Schönbacher untertitelt. Auf dem Cover sind zwei schöne junge Frauen abgebildet, doch auf den Seiten zwischen den Deckeln geht es vielmehr um die gar schrecklich anzusehende russische Märchengestalt der uralten Baba-Jaga. Diese haust – umgeben von Todessymbolen – in einer Hütte auf Hühnerbeinen im tiefen dunklen Wald und wer sich zu ihr wagt und ihre Aufgaben nicht erfüllen kann, den verschlingt sie mit Haut und Haar (um anschließend nur noch die Knochen auszuspucken). Und diese hässliche Hexe soll uns etwas über die alten matriarchalen Zeiten Osteuropas erzählen können? – Ja, das kann sie, beziehungsweise Petra Schönbacher kann das: Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die Baba Jaga nämlich als die auf ihren schwarzen Aspekt als greise Winter- und Todesgöttin reduzierte (und somit dämonisierte) Muttergöttin aus der vorpatriarchalen Epoche Europas. Während der langen mündlichen Tradierung der Märchen über die Jahrhunderte scheint einiges vom ursprünglichen Gehalt des Jaga-Mythos verlorengegangen bzw. mehr oder weniger absichtlich uminterpretiert worden zu sein, um ihn an das patriarchale Paradigma anzupassen. Die Autorin zeigt überzeugend auf, dass zum Beispiel sehr viele der überlieferten Baba-Jaga-Märchen auf den in matriarchalen Gesellschaften üblichen Brauch deuten, die jungen Leute an der Schwelle zum Erwachsenenleben (und hier insbesondere die Mädchen) auf eine Initiationsreise zu schicken. Gleichzeitig erfährt man, dass das verschüttete Initiations-Motiv jedoch ebenso in den bekannten Grimm’schen Märchen „Dornröschen“, „Aschenputtel“,„Hänsel und Gretel“, „Schneewittchen” oder „Goldmarie und Pechmarie“ zu finden ist. Diese Deutung vermag auch endlich solche immer wiederkehrenden rätselhaften Märchenmotive wie die „böse Schwiegermutter“ oder die „böse Hexe“ zu erklären, die ganz einfach Missverständnisse (oder absichtliche Dämonisierungen) darstellen: patriarchale MärchenerzählerInnen konnten irgendwann einfach nicht mehr verstehen, warum jemand seine Tochter im Winter auf eine (spirituelle Initiations-) Reise in den Wald schicken sollte …
Ich hatte an dieser Stelle bereits vor einigen Monaten Heide Göttner-Abendroths wunderbare Neu- bzw. Rückinterpretation des alteuropäischen „Frau Holle“-Mythos vorgestellt. Im Vergleich zu diesem Buch vermisste ich beim „Feuer der Baba-Jaga“ ein bisschen die historisch-kulturelle Einbindung in den Erläuterungen der Märchen. Doch das mag vielleicht auch daran liegen, dass die Baba-Jaga-Episoden möglicherweise einfach nicht soviel zu den Verhältnissen während der entscheidenden kulturellen Umbruchphase vom Matriarchat zum Patriarchat hergeben. Ich möchte auch nicht behaupten, dass das Buch den zugrundeliegenden kulturellen Hintergrund vergessen würde – ganz im Gegenteil: Petra Schönbacher gibt dem Leser „ganz nebenbei“ eine recht umfassende Einführung in die Ergebnisse der Modernen Matriarchatsforschung, bevor sie ihr Anliegen der Verbreitung matriarchalen Wissens schließlich in einem dreißigseitigen Anhang („Das Matriarchat gestern und heute“) ausführt. Die Kenntnisse der Autorin zu ihren Themen sind dabei wirklich beeindruckend und das mit Quellenangaben reichlich unterfütterte Buch ist wirklich zu empfehlen! – Allein: An die spannender zu lesende Bearbeitung des Frau-Holle-Stoffes durch Heide Göttner-Abendroth reicht „Das Feuer der Baba-Jaga“ nicht heran.
Petra Schönbacher: „Das Feuer der Baba-Jaga – Matriarchales Urwissen als Chance … oder die geheimen Botschaften in russischen Märchen“, Edition Roesner, Maria Enzersdorf, 2006, 242 Seiten, ISBN 3-902300-20-5, 22,90 Euro
|
| |
Autoren |
|
Schilk, Jochen
|
|
|
Partner
|
|
|