Die Philosophin Jutta Gruber portraitiert den Wissenschaftsautor Marco Bischof.
Auf den ersten Blick scheinen Bücher der Stoff zu sein, aus dem die Welt dieses Mannes besteht. In der Tat: Falls es auf diesem Planeten eine wandelnde Enzyklopädie für sämtliche Grenzgebiete der Wissenschaften gibt – ihres aktuellen Forschungsstands wie auch ihrer Geschichte – ist sie männlich und heißt Marco Bischof.
Möglichst viel Wissen anzusammeln, ist für ihn aber kein Selbstzweck, sondern in all seinem Tun – seien es deutsch-, englisch- oder gar tschechisch- und ungarischsprachige wissenschaftliche und wissenschaftsjournalistische Publikationen, Vorträge und Seminare im In- und Ausland, Gutachtertätigkeiten oder die Initiation innovativer Forschungsprojekte – geht es ihm um ein Ziel, das auf den ersten Blick gar nicht wissenschaftlich erscheint: der eigenen, subjektiven Wahrnehmung zu neuer Anerkennung zu verhelfen. „Schon als Kind hatte ich immer das Gefühl, dass die Realität viel mehr ist, als das, was ich darüber gelehrt bekam, und auch mehr, als die Mehrheit der Menschen wahrnimmt. Die eigentliche Motivation für alles, was ich tue, besteht im Grunde genommen darin, den Menschen aus meiner eigenen Erfahrungstiefe heraus Hinweise auf die tiefere Realität, die wirklichere Wirklichkeit zu geben, in der alles mit allem verbunden ist.“
Wie viele seiner Generation hatte sich der 1947 in der Schweiz geborene und heute in Berlin lebende Wissenschaftsautor und Atemtherapeut in jungen Jahren gegen seine bürgerliche Herkunft aufgelehnt: „Von meinem Vater, er war Naturwissenschaftler, grenzte ich mich vehement ab. Für meine Mutter und meinen jüngeren Bruder – mit dem ich übrigens zur Zeit an einem Grundlagenbuch über Atemtherapie schreibe – war ich wohl eine ziemliche Zumutung. Ich litt damals sehr unter der typisch bürgerlichen Kommunikationslosig-keit. Meine Leidenschaft für die Literatur und das Schreiben hielt mich lange seelisch über Wasser. Ich war ein echter Bücherwurm, verfasste ziemlich fantastische Science-Fiction-Geschichten und Gedichte, verdiente erste Honorare als Kulturjournalist für Tageszeitungen. Aber als ich 16 Jahre alt war, wurden die unausgelebten Aggressionen und unausgesprochenen Leidenszustände in meiner Familie so unerträglich für mich, dass ich mein Elternhaus verließ. Einige Zeit später schmiss ich kurz vor dem Abitur die Schule und besiegelte damit den endgültigen Ausstieg aus meiner bürgerlichen Vergangenheit. Ich beschloss, ein ganz neues Leben anzufangen, wurde Hippie und schloss mich, mittlerweile langhaarig und bärtig, so wie es sich damals gehörte, 1971 den ‚Bärglütli‘ an.“ Diese grün-alternativ-spirituell orientierte Lebensgemeinschaft existiert heute noch. Ihr Ziel war, verlassene Bauernhöfe und Dörfer wieder zu besiedeln und neue Lebensformen auszuprobieren: „In dieser Zeit erfuhr ich zum ersten Mal, dass andere meine Ideen schätzen. Aber ich merkte auch, dass mir immer noch irgendetwas Wesentliches fehlte, und dieses Wesentliche, so ahnte ich, könnte ich nur ganz in meinem Innersten finden.“
Auf der Suche
So verließ Marco Bischof auch diese selbst gewählte Gemeinschaft, verbannte alles Intellektuelle aus seinem Leben und begann, sich intensiv mit seinem Körper und dessen Wahrnehmungspotenzialen zu beschäftigen. Er ließ sich von Ilse Middendorf zum Atemtherapeuten und von Gerda Boyesen in Biodynamischer Psychologie ausbilden, ging nach Indien und wurde Schüler Bhagwans, der dabei war, für Westler besonders geeignete körperorientierte Therapieformen zu entwickeln: „In diesen Jahren entdeckte und verstand ich den Unterschied zwischen nur gelerntem, nachplapperndem Kopfwissen und dem ganz eigenen Wissen, das man daran erkennt, dass es mit dem Körper, mit Gefühlen verbunden ist. Wahrscheinlich war es notwendig, für eine gewisse Zeit alles ganz anders zu machen, um zu erkennen, dass ich eigentlich schon intellektuell arbeiten möchte, aber eben in dieser neu entdeckten, ganzheitlichen Form, in der Körper und Geist verbunden bleiben.“
Mit dieser neuen Einsicht kehrte Marco Bischof in die Schweiz zurück, holte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach und entschied sich, inzwischen 34-jährig, für das Studium der Religionswissenschaften und Ethnologie an der Universität Zürich. Diese – von den Eltern finanziell abgesicherten – Jahre nutzte er aber vor allem als Möglichkeit, daran zu arbeiten, seinen Lebensunterhalt zukünftig als freier Schriftsteller bestreiten zu können. Es interessierten ihn jetzt vor allem Themen, in denen sowohl wissenschaftliche Aspekte als auch die eigene Wahrnehmung eine Rolle spielen. Erste Publikationen erschienen Anfang der 80er-Jahre, unter anderem im mittlerweile legendären „Sphinx Magazin“. 1985 erschien die Anthologie „Unsere Seele kann fliegen“, die in diesem Jahr im Drachen Verlag neu aufgelegt wird.
Als junger Mann hatte er die Weissagung eines Kartenlegers, er würde sich einmal mit Wissenschaft beschäftigen, noch weit von sich gewiesen. Mittlerweile ist Marco Bischof Vorstandsmitglied etlicher wissenschaftlicher Vereinigungen – teilweise mit eigens für ihn, der keinen Hochschulabschluss vorweisen kann, geschaffenen Sonderregelungen – und wird von unbelehrbaren Veranstaltern gern als Religionswissenschaftler oder Professor der Biophysik vorgestellt.
Seine Entscheidung, keine klassische akademische Karriere anzustreben, hat er – der immer davon geträumt hat, Sänger zu werden – bis heute nicht bereut: „Auch wenn es oft zermürbend ist, keine sichere Anstellung zu haben, nicht über Forschungsgelder zu verfügen, manchmal nicht zu wissen, wovon ich meine Miete zahlen soll, ist mir meine Freiheit letztlich doch lieber. Ich bezweifle sogar, dass ich ohne die Notwendigkeit, mich ständig existenziellen Belangen stellen zu müssen, meinen Themen so konsequent nachgegangen wäre. Im Zweifelsfall habe ich mich immer – beruflich wie privat – dafür entschieden, meinen eigenen Weg zu gehen.“
Die Reaktionen auf seine Arbeiten bewegen sich von höchster Anerkennung bis hin zum absoluten Unverständnis: „Manche halten mich sogar für einen Scharlatan.“ So scheint er in viele Schubladen zu passen oder eigentlich in gar keine. Er erfüllt damit nicht nur die klassischen Kriterien der Kulturkreativen, er war auch einer der ersten, der mit seinem untrüglichen Spürsinn für alles Neue die Bedeutung von Paul Rays Entdeckung dieser soziologischen Gruppe erkannt und in Deutschland kommuniziert hat.
Der Anlass, sich derart beharrlich im Eigenstudium in die naturwissenschaftliche Forschung einzuarbeiten, dass er heute vielen Wissenschaftlern ein ebenbürtiger Gesprächspartner ist, war zunächst ein sehr persönlicher: „Während meiner Hippiezeit habe ich mich natürlich auch mit diversen Drogen beschäftigt, unter deren Einfluss ich immer wieder bestimmte Lichterscheinungen hatte. Ich sah, wie Licht aus mir und aus der Welt um mich herum austrat. Diese Wahrnehmung hat mich so beeindruckt, dass ich herausfinden wollte, ob ich mir dieses Licht nur eingebildet hatte oder ob die Wissenschaft dazu etwas zu sagen hat.“
Die Antwort gab er 1995 in seinem auf der Forschung von Fritz-Albert Popp basierenden und bis heute fast 40000 mal verkauften Buch „Biophotonen – Das Licht in unseren Zellen“: „Dieses Buch war für mich nicht nur der Durchbruch als Wissenschaftsautor, sondern auch eine immense Durchhalteprobe und eine gewaltige Schwelle zu etwas Neuem. Wahrscheinlich verdanke ich es vor allem meiner Sturheit, dass ich dieses Projekt zum Abschluss gebracht habe, und das, was ich wirklich will, eigentlich immer schaffe, selbst unter großen, auch finanziellen Opfern. Für das Buch brauchte ich oft Stunden, um die Bedeutung einzelner Worte der wissenschaftlichen Literatur von Popp und anderen zu verstehen und die dahinterliegenden Konzepte zu erfassen. Bis ich den Inhalt so formuliert hatte, dass ihn auch normale Menschen verstehen können, vergingen neun Jahre, in denen ich das Buch dreimal komplett umgeschrieb. Mir wurde in dieser Zeit auch klar, wie gut mich das jahrelange körperorientierte Training, mich selbst und andere Menschen besser wahrnehmen zu können, auch darin geschult hatte, mich in bestimmte Themen besser einfühlen zu können.“
Den Blick aufs Ganze richten
In seinen Beiträgen weist Marco Bischof immer wieder auf den bevorstehenden Wandel in der Wissenschaft hin: „Genau genommen befindet sie sich eigentlich immer im Wandel. Jede Gesellschaft hat ja die Politik, die Bildungspädagogik, die Wirtschaftsform und eben auch die Wissenschaft, die sie ‚verdient‘. Ändert sich die Gesellschaft, ändert sich auch die Wissenschaft und umgekehrt. Unsere moderne Wissenschaft entstand aus dem aufklärerischen Bedürfnis, sich aus sämtlichen dogmatischen Begrenzungen zu befreien, und man dachte, es sei eine gute Idee, sich konsequent nur mit dem zu beschäftigen, was für alle erkennbar oder zumindest messbar ist. Doch dadurch verlor alles, was diese Kriterien nicht erfüllt, die Existenzberechtigung. Hier wurde ganz klar das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, und es ist allerhöchste Zeit, den Blick wieder aufs Ganze zu richten.“
Dass dem subjektiven Erleben in der wissenschaftlichen Forschung mehr Bedeutung beigemessen werden sollte, ist Marco Bischof mehr als ein philosophisches oder gar religiöses Anliegen, ihm ist es eine sehr konkrete Notwendigkeit: „Denken wir nur mal an die durch Elektrosmog Geschädigten. Die Reaktionen auf elektromagnetische Felder sind sehr unterschiedlich. Manche fühlen gar nichts, andere reagieren auf solch geringe Einflüsse, dass kein Messinstrument sie überhaupt je erfassen kann. Da sich die Politiker in ihren Entscheidungen auf wissenschaftliche Gutachten stützen, wird, solange Wissenschaftler das subjektive Empfinden der Menschen nicht ernst nehmen, sich für die Betroffenen nichts zum Besseren wenden. Erschwerend kommt hinzu, dass man natürlich auch die Industrie nicht verärgern will, und das schon gar nicht, wenn gar kein ‚richtiger‘ Grund vorliegt.“
Dass es nicht nur für Wissenschaftler schwierig ist, der subjektiven Wahrnehmung der eigenen inneren Wirklichkeit mehr Aufmerksamkeit zu widmen, sondern auch für den Privatmenschen, dessen Lebenszeit nicht selten leidenschaftslos und gefrustet vor dem Fernseher oder in der Eckkneipe verrinnt, obwohl er noch nie von der Cartesianischen Trennung der res extensa (materielle Welt) und der res cogitans (geistige Welt) gehört hat, ist für Marco Bischof durchaus nachvollziehbar: „Anlässlich der Internationalen Konferenz über Komplementär- und Alternativmedizin in Oslo im April 2005 sprach ich vor Ärzten darüber, dass es nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für unsere Gesellschaft, für jeden Einzelnen von uns verheerend ist, dem Subjektiven keinen Stellenwert einzuräumen. Es erstaunte mich eigentlich nicht, dass sich nur wenige von ihnen dieses Problems, das in den Geistes- und Kulturwissenschaften unter dem Stichwort Entfremdung schon längst erkannt ist und diskutiert wird, bewusst waren. Im Grunde kann ich die Vorbehalte gegen eine stärkere Auseinandersetzung mit der subjektiv erfahrbaren inneren Realität verstehen. Sich als unabhängig von dem, was uns umgibt, zu begreifen, gibt einem ja eine gewisse Sicherheit. Das ist zwar ein Irrtum, aber die Angst vor dem Unbekannten ist oft so groß, dass wir uns selten auf Neues einlassen. Dennoch gehe ich davon aus, dass jeder Mensch, also auch der Wissenschaftler, in der Tiefe seines Herzens um die umfassendere Realität weiß. Und ich hoffe sehr, dass die Sehnsucht nach mehr Tiefe und gefühlter Verbundenheit immer mehr Menschen bewusst wird und uns zu einer ganzheitlichen Forschung und Lebensweise führt.“
In der Menschheitsgeschichte, so Bischof, ist die Sehnsucht nach Einheit in eigentlich allen Lebensbereichen und besonders stark auch in zwischenmenschlichen Beziehungen als wesentliche Triebfeder erkennbar: „In meinen Partnerschaften war es immer die Sehnsucht nach Einheit, nach Verbundenheit, die mich geleitet hat. Oft hat sich in diesen Zeiten aber auch eine Angst gezeigt, die mit der Erfahrung, mich als Individuum aufzulösen, mich emotional zu verlieren, zusammenhängt. Es fiel mir immer sehr schwer, die richtige Balance zwischen Verschmelzung und Selbstbehauptung zu finden und zu halten. Sicherlich habe ich auch deshalb überwiegend als Einzelgänger gelebt. Eigentlich habe ich mich, seit ich von zu Hause abgehauen bin, lange Zeit nicht mehr so richtig irgendwo zu Hause gefühlt.“
So erstaunt es nicht wirklich zu erfahren, dass Marco Bischof, dessen Leben doch eigentlich reich an Abenteuern, Begegnungen und Ehrungen war und ist, die längste Zeit seines Lebens unter einer eher unglücklichen oder gar verzweifelten Grundstimmung litt. Dies hat sich erst vor etwa fünf Jahren schlagartig geändert: „Damals bin ich einer Einladung dieser mich nach wie vor zutiefst in ihrer Weisheit und Authentizität beeindruckenden weiblichen Yogis, die der spirituellen Vereinigung ‚Brahma Kumaris‘ vorstehen, zu einer Veranstaltung in England gefolgt. Dort begegnete ich während einer Meditation erstmals so etwas wie meinem inneren Glückskern und erlebe seitdem immer wieder tiefe Gefühle von Gottverbundenheit, Ekstase und Wonne. Selbstverständlich nagen auch heute manchmal Sorgen an mir, aber mein Grundgefühl ist jetzt ein fundamental anderes. Ich glaube, es ist nicht entscheidend, sich ununterbrochen glücklich zu fühlen, sondern zu wissen, wie sich Geborgenheit und Verbundenheit anfühlen und dass man zu dieser Erfahrung Zugang hat.“
Damit die Seele wieder fliegen kann
Auch mit seinem nächsten Buch über zwischenmenschliche Felder, das thematisch direkt an sein letztes Buch‚ „Tachyonen, Orgonenergie, Skalarwellen. Feinstoffliche Felder zwischen Mythos und Wissenschaft“, anschließt, wird Marco Bischof, der demnächst seinen 60. Geburtstag feiert, zeigen, dass die Errungenschaften unserer westlichen Welt teuer erkauft sind: „Es ist ja eben nicht nur die Wissenschaft, die den Menschen zu einem Objekt macht. Wir selbst nehmen uns ja auch nicht mehr als lebendige Wesen wahr, haben die Verantwortung für unsere Psyche den Therapeuten, die für unseren Körper den Ärzten, die für unser Rechtsempfinden den Anwälten und so weiter übergeben. Unsere eigene Wahrnehmung wurde durch unseren kulturellen Kontext sicherlich nicht sonderlich gefördert, aber es ist möglich, unsere Sinne, die körpergebundenen und die eher feinstofflichen, wiederzubeleben. Sie sind ja nicht verloren, sondern nur etwas verkümmert. Gerade auch weil ich diese Erfahrung selbst gemacht und auch durchlitten habe, möchte ich zeigen, dass und wie wir es lernen können, uns selbst und die Verbundenheit mit allem, was ist, sinnlich und bewusst zu erfahren, ohne dass es uns Angst macht. Auch wenn man dafür die uns allzu liebgewordene Kontrolle ein wenig aufgeben muss, ist der Gewinn diesen Preis auf jeden Fall wert.“
Auch in seiner aktuellen Seminarreihe zu den Grenzgebieten der Wissenschaft erlebt Marco Bischof, dass die Erfahrung gefühlter Verbundenheit sehr viel leichter anzunehmen und zu integrieren ist, wenn man ein besseres Verständnis auch der wissenschaftlichen und insbesondere auch der wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhänge hat: „Nicht wenige, die solche Erfahrungen gemacht haben, verschweigen das ja tunlichst, um von den anderen, die vielleicht genauso schweigen, nicht für verrückt gehalten zu werden. Sobald sie verstehen, dass sie mitnichten verrückt sind, sondern einfach nur eine bessere Wahrnehmungsfähigkeit haben als andere, fällt oft eine große Last von ihren Schultern.“
So kann man der Welt nur wünschen, dass mehr Menschen den Mut haben, den eigenen, geheimnisvollen Weg zu gehen – und darüber auch zu sprechen – und dass die Seelen der Menschen wieder fliegen lernen. ´
Jutta Gruber ist Philosophin und Vorstandsmitglied der Deutschen transpersonalen Gesellschaft in Berlin, www.transpersonal.de.
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