Wie die Kreditausreichung durch Banken in der Praxis vor sich geht.
Das Thema „Geldschöpfung“ wird derzeit in Kreisen, die dem global herrschenden Wirtschaftssystem kritisch gegenüber-stehen, kontrovers diskutiert. In der Tat ist es ein zentraler Vorgang in unserer Welt, den aber kaum jemand recht zu verstehen scheint. Der Bank-fachmann Gernot Schmidt ist auch Experte für regionale Währungskomplemente. Er fühlte sich von Eberhard Hierses Beitrag „Der Trick mit dem Geld“ in der letzten Ausgabe von KursKontakte herausgefor-dert, Stellung zu nehmen. Wir bringen seinen Beitrag in der Hoffnung, damit die wichtige Regiogeld-Debatte weiter zu befördern, und werden demnächst weitere Experten zu Wort kommen lassen.
Nur wenige werden sich noch an die englische Fernsehserie „Catweazle“ erinnern. Bei Catweazle handelte es sich um einen mittelalterlichen Zauberer, der, verfolgt von schwerbewaffneten Häschern, vom Burgfried sprang, um vermittels eines Zauberspruchs fliegend der meuchelnden Horde zu entfliehen. Im Eifer des Gefechts verwechselte er jedoch die magische Formel mit einer folgenreicheren und landete, statt zu fliegen, nicht nur im Burggraben, sondern samt seiner Kröte Kühlwalda im 20. Jahrhundert. Hier freundete er sich mit einem Jungen an, folgte diesem in dessen Heim und entdeckte, dass, wenn man einen Schalter an der Wand umlegte, ein Licht mitten im Zimmer aufleuchtete. Der Junge erklärte dem zunächst verängstigten Zauberer die Zusammenhänge. Er sprach von Kraftwerken, Transformatoren, Überlandleitungen und so weiter, bis die Elektrizität per Hausanschluss im Zimmer ankomme. Catweazle schnappte, ob der Informationsfülle überfordert, lediglich das Wort „Elektrik“ auf und blieb dabei, den Jungen wegen dieses „Elektriktricks“ für einen mächtigen Magier zu halten, worauf der Junge die naturwissenschaftlich-technischen Erklärungen endlich resigniert unterließ.
An diesen Catweazle wurde ich erinnert, als ich den Artikel „Der Trick mit dem Geld“ von Eberhard Hierse in KursKontakte 148 las, nur, dass hier nicht mittels „Elektriktricks“ Erleuchtung erfolgte, sondern dem Leser die Entstehung des Geldes durch Ausführungen über einen angeblichen Trick, einen Catweazleschen „Bilanztrick-Trick“ der Banken verdunkelt wurde. „Bilanztrick-Trick“, weil zu Beginn seiner Überlegungen ein postulierter „Bilanztrick“ in Form einer Bilanzverlängerung steht, die dann durch einen verschleiernden Trick dem Bewusstsein des Publikums entzogen wird. Allerdings: Glauben Sie, es gäbe Bankenpleiten, wenn Banken per „Bilanztrick-Trick“ mithin „aus dem Nichts“ Geld schaffen und sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen könnten? Sind notleidende Banker bloß zu dumm, um den Bilanztrick-Trick anzuwenden?
Oder, wenn Hierse recht hätte: Warum stellt sich nicht jede Bank solche Türme hin wie die Banken in Frankfurt? Um den Bilanztrick mit der Behauptung, es müsse gespart werden, verschleiern zu können? Um dann im passenden Moment die Weltherrschaft zu ergreifen?
Solcherlei Phantastereien – und um mehr handelt es sich meiner Ansicht nach nicht – zu befördern, dazu sind Bilanzen, Buchungssätze und statistische Zahlen aus dem Blickwinkel des Laien zugegebenermaßen durchaus geeignet. Falsch ist jedoch die Annahme, dass je komplizierter und undurchschaubarer eine Angelegenheit ist, desto einfacher die Erklärung ausfallen müsse. Wir kennen das aus dem Fernsehen, wenn z.B. Politiker in fünf Sekunden die Welt erklären sollen. Insoweit mag die „Trick-These“ auch verständlich erscheinen, zumal sich die wesentlichen Vorgänge hinter verschlossenen Türen in den Glasalästen der Banken abspielen. Wahrscheinlich wird die Mystifizierung aber vor allem deshalb gefördert, weil niemand über die Geldentstehung spricht. Und das aus gutem Grund! Nicht etwa weil hier eine Verschwörung stattfände. Nein, es ist ganz einfach so, dass die „Entstehung des Geldes“ von komplexen Mechanismen und daraus resultierenden, noch komplexeren Wechselwirkungen begleitet ist, so dass die ganze Angelegenheit nicht in einem Satz erklärt werden kann. Zudem ist das Thema, wenn man sich damit beschäftigt hat, selbst für Leute aus dem Bankfach eher langweilig. Medienwirksamer sind Börsenkurse und dergleichen, nicht aber die Arbeit der Erbsenzähler im sogenannten Backoffice.
Die Entstehung des Geldes
Wie Geld im historischen Ablauf entstanden ist, soll nicht diskutiert werden. Gleichwohl greife ich auf ein Beispiel aus der Geldgeschichte zurück, nämlich auf das der Londoner Goldschmiede, die Gold für Kunden einlagerten sowie Wechsel und Staatsanleihen diskontierten und ihnen ein per Indossament (Dokument zur Übertragung von Rechten an Wertpapieren, Anm. d. Red.) weiterreichbares Dokument oder ein Inhaberpapier ausstellten, das die Schmiede verpflichtete, dem Inhaber dieses Papiers die vermerkte Summe Geldes oder Goldes auszuhändigen. Selbstverständlich kursierten diese Scheine als Zahlungsmittel. Schnell merkten die Goldschmiede, dass sie mehr dieser Scheine ausstellen bzw. Kredite vergeben konnten, als sie an Einlagen zur Verfügung hatten, weil nur ein Teil der Noten auch wieder eingelöst wurde (Bodensatztheorie). Wenn nun doch sämtliche Papiere auf einmal zurückgenommen werden mussten, griff der Goldschmied auf sein eigenes Kapital zurück. War es aufgebraucht und waren noch -weitere Gläubiger zu bedienen, ging es ab in den Schuldturm … Ähnlich, aber vor allem nachhaltig erfolgreich, verfuhr man übrigens seit dem ausgehenden Mittelalter bis 1875 in Hamburg, obwohl zwischenzeitig einmal die Zahlung hatte eingestellt werden müssen.
Heutzutage drängt sich insoweit eine Parallele zu jener Zeit auf, als die Banken für gewöhnlich ein Mehrfaches ihrer haftenden Eigenmittel als Kredite ausreichen. Zudem könnte es Argwohn erregen, dass die Einbuchung eines Kredits zu einer Verlängerung der Bankbilanz führt. Und so könnte man durchaus fragen, ob das nicht eine Geldvermehrung aus dem Nichts, mithin jener ominöse „Bilanztrick-Trick“ sei.
Kreditausreichung
Geld als Tauschmittel ermöglicht die Abwicklung von Geschäften zwischen Kaufleuten. Verfügt ein Kaufmann nicht über die erforderlichen Tauschmittel, fragt er um einen Kredit nach. Das kann zunächst bei seinem Lieferanten sein. Da der Lieferant aber seinerseits Vorprodukte und Löhne zahlen muss, hilft ihm das Versprechen des Käufers zumeist wenig, seine Schulden nach und nach – je nach Erfolg seiner Absatzbemühungen – die per Lieferantenkredit finanzierte Summe in monatlichen Raten oder endfällig abzuzahlen. So kommt die Bank als Kreditgeberin ins Spiel. Nehmen wir, ohne auf Einzelheiten einzugehen, an, die Prüfung des Falls durch die Bank endet positiv, und ein Kreditvertrag wird unterschrieben. Intern bucht die Bank per „Kreditkonto (Aktiva) an Girokonto (Passiva)“. Dadurch verlängert sich die Bankbilanz in Höhe des Kredits und des analogen Guthabenbetrags. Wer jetzt aber meint, dieses „Spiel“ könnte unbegrenzt fortgesetzt werden, der täuscht sich; denn die genannte Buchung zieht nunmehr einen Rattenschwanz an Folgewirkungen nach sich:
@ Durch die Einbuchung der Kundenforderung (Kredit) erhöhen sich die Risikoaktiva, die mit Eigenkapital unterlegt werden müssen. Berechnet wird dies im sogenannten Grundsatz I. Daraus folgt: Mit jeder Kreditausreichung verringert sich das „freie Eigenkapital“ und damit die Möglichkeit, weitere Kredite auszureichen.
@ Durch die Einbuchung der Verbindlichkeit (Passiva) erhöht sich der Liquiditätsbedarf der Bank, der vorgehalten werden muss. Grundsätzlich wird nämlich nicht nur angenommen, sondern per definitionem gesetzt, dass dieses Giroguthaben entweder bar abgehoben wird oder an eine andere Bank abfließt. Das wird im Fachjargon „Liquiditätsrisiko“ genannt. Deshalb muss die Bank den Grundsatz II erheben, der dieses Risiko anschaulich macht. Dabei werden Aktiva und Passiva in definierten Laufzeitbändern gegenübergestellt und eine Liquiditätskennziffer ermittelt, anhand der beurteilt wird, ob die Bank genügend liquide ist. Hier wird durch den Zwang, Liquidität vorhalten zu müssen, die Kreditausreichung begrenzt, da sowohl der Kredit als auch die Liquiditätsposition Aktiva darstellen. Kurz: Die Bank kann nur dann Kredite ausreichen, wenn sie über genügend flüssiges Geld verfügt. Durch Hereinnahme von längerfristigen Kundeneinlagen (Passiva) kann die Bank z.B. ihre liquide Position aufbessern. Eigene bzw. Interbanken- Kreditgeschäfte sind hierfür nicht unbedingt geeignet, da dadurch wieder die Grundsätze belastet werden und diese Geschäfte teuer sind. Eine Zwischenfinanzierung durch Verpfändung eigener Wertpapiere wäre auch möglich, sofern sie im Rahmen betriebswirtschaftlicher Überlegungen sinnvoll erscheint.
@ Daneben muss die Bank natürlich noch eine Mindestreserve bei der Bundesbank halten. Dieses Instrument dient heutzutage aber eher der Geldmengensteuerung als der Liquiditätsreserve.
@ Nur der Vollständigkeit halber, jedoch nicht weiter ausführlich, sollen betriebswirtschaftliche Aspekte erwähnt werden, die innerhalb der genannten gesetzlichen Regeln und Begrenzungen auf ein – je nach Bankentyp – zumindest ausreichendes Geschäftsergebnis abzielen.
Exkurs: Die Annahme, eine Bank brauche etwa für den Bau eines eigenen Geschäftsgebäudes einfach nur Geld zu schöpfen, ist falsch. Zwar wird – stark vereinfacht – per „Gebäude an Girokonto Bauunternehmer“ gebucht. Allerdings wird die Bank nun genauso gestellt, als habe sie selbst einen Kredit aufgenommen. Die Punkte 1 bis 4 finden hierbei ebenfalls Anwendung.
Wo bleibt das Geld?
Kommen wir zurück zum Beispiel. Der Kunde überweist nun von seinem Girokonto den entsprechenden Rechnungsbetrag an seinen Lieferanten, der bei einer anderen Bank Kunde ist. Für diesen Fall musste die Bank unseres Kunden Liquidität vorhalten, die nunmehr abfließt. Und so verbleibt lediglich der Kreditvertrag zwischen dem Kunden und der Bank, der den Kunden verpflichtet, die Kreditsumme plus Zinsen zurückzuzahlen. Dies erlaubt ihm der erhoffte Ertrag aus dem kreditierten Geschäft. Der Privatmann, der ein Auto über eine Bank finanziert, muss analog einen Teil seines künftig eingehenden Gehalts als Rate ableisten.
An dieser Stelle wird klar, was der Volksmund in diesem Zusammenhang unter „Rückwärtssparen“ versteht. Würde das Auto angespart, müsste der Privatmann monatlich eine Rate auf sein Sparbuch zurücklegen. Im Unterschied zum Kreditkauf bekäme er Zinsen von der Bank, müsste aber auf sein Auto warten.
Gleichgültig, wie der Kredit letztlich zurückgezahlt – im Bankenjargon: „bedient“ – wird, der gewährte Betrag erscheint letztlich nicht mehr in der Bilanz der Bank. Was bedeutet das für die Bank? Zahlt der Kunde den Kredit zurück, steigen die Kreditausreichungsmöglichkeiten der Bank wieder. Denn das Geld auf dem Girokonto des Kunden wird auf das Kreditkonto gebucht, und der Kreditbetrag sinkt ebenso wie das Giroguthaben. Das bedeutet einerseits, dass die Risikoaktiva abnehmen und andererseits die Liquiditätsposition kleiner ausfallen kann. Guthaben (aus den Geschäftserträgen) und Kredit „verschwinden“ mit der letzten Rate (Bilanzverkürzung). Geht der Kreditnehmer pleite, dann muss die Bank nach der Verwertung von Sicherheiten den Restbetrag aus dem eigenen Gewinn bedienen.
Egal wie der Kredit zurückgeführt wurde, der Kreditbetrag ist am Ende ebenso verschwunden wie das Guthaben des Kreditnehmers. Man könnte nun meinen, das Geld habe sich in eben jenes Nichts aufgelöst, aus dem es scheinbar gekommen ist. Wo ist aber das an den Lieferanten überwiesene Geld geblieben?
Ganz einfach: Ob der Käufer das Geld zuvor gespart oder von der Bank als Kredit erhalten hat – der Lieferant jedenfalls ist nunmehr im Besitz eines geldlichen Gegenwerts, der als Preis für das von ihm produzierte Gut vereinbart wurde, und weitgehend frei in der Verwendung der Geldmittel. Diese Geldsumme ist als monetäres Äquivalent für das produzierte und verkaufte Gut anzusehen. Daraus folgt makroökonomisch, dass die durch den Kreditierungsakt „geschaffene“ -Geldmenge der Wertschöpfung entspricht. Irving Fisher hat diesen Zusammenhang in seiner Verkehrsgleichung in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zusammengefasst, die, obwohl reichlich banal und empirisch wie auch wissenschaftstheoretisch eher zweifelhaft, noch heute bei der Geldmengensteuerung Anwendung findet, weil es (noch) keine bessere Theorie gibt.
Letztlich müssen, um Geldwertstabilität zu gewährleisten, umlaufende Geldmenge und bepreistes Produktionsvolumen übereinstimmen. Die oben dargestellten bankinternen Steuerungsinstrumente, deren Ergebnisse von der Bundesbank laufend überwacht werden, stellen in diesem Zusammenhang einen integralen Bestandteil der Geldmengensteuerung der Europäischen Zentral-bank dar. Das heißt letztlich, dass jeder Euro, der vermittels Kreditgeldschöpfung entsteht, von dieser „genehmigt“ bzw. „gewollt“ ist, da er als Äquivalent zur Wertschöpfung angesehen wird.
„Geldschöpfung aus dem Nichts“ ist also eine Mär, und noch nicht einmal eine gute. Denn sie enthält nicht einmal einen wahren Kern. Das heißt aber nicht, dass keine Kritik am Monetarismus, der die Balance zwischen bepreistem Transaktionsvolumen und umlaufender Geldmenge behauptet, geäußert werden dürfte. Aber wenn man sich auf die Thematik einlässt, um zu den wirklich interessanten Fragen zu gelangen, dann sollte zumindest das betriebs- und volkswirtschaftliche Grundlagenwissen dazu vorhanden sein.
Catweazle glaubte trotz der Erklärungsversuche seines jungen Freundes weiterhin an einen magischen „Elektrik-Trick“. Irgendwann fiel dem Zauberer wieder die magische Formel ein, und er reiste mitsamt seiner Kröte Kühlwalda in seine Zeit zurück. Das war dann in der Tat phantastisch. Und selbst in den Augen eines mit überschäumender Phantasie ausgestatteten Kindes letztlich doch sehr unrealistisch. So unrealistisch eben, wie die Behauptung, Geld entstünde aus dem Nichts. ´
Gernot Schmidt ist Bankkaufmann und Diplomkaufmann. Er beschäftigt sich mit Wirtschaftsförderung und setzt sich mit den verschiedenen Sichtweisen auf das Phänomen Geld auseinander.
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