Die Ernestine – ein ungewöhnlicher Lern- und Erfahrungsort.
Ein Schiff ist seit jeher eine Metapher für elementare Bedürfnisse wie Geborgenheit und Gemeinschaft in der Verbundenheit und in Konfrontation mit den Kräften der Natur. Die Nähe, mit der man sich auf einem Schiff begegnet, weitet sich beim Blick über das Meer zu einem gemeinsamen Horizont und stärkt den Zusammenhalt unter den Menschen, die sich hier gemeinsam „über Wasser halten“.
Alle sitzen in einem Boot, sind herausgefordert, über sich selbst hinaus einem gemeinsamen Ganzen – dem Schiff – zu dienen und sich den Urkräften von Wind und Wasser zu stellen, ausgeliefert und doch geborgen im Bauch des Schiffs. Nur durch das Zusammenwirken aller kann ein Schiff sicher durch Sturm und Flaute geführt werden. Diese elementare Lebenserfahrung kann sich zu einem roten Faden in uns verdichten und den Blick über das Ego hinaus für ein größeres Ganzes öffnen. Wann werden wir heutzutage auf diese Art und Weise gefordert? In einer Gesellschaft, die zunehmend sozial verarmt, ist es wichtig, neue Werte von Leben und Zusammenleben zu finden, und wir brauchen Räume, in denen wir das Vertrauen entwickeln können, danach zu handeln.
Mit Jugendlichen auf dem Wasser
In diesem Sommer ergab sich eine solche Möglichkeit auf einem erstaunlichen Schiff: der gut hundertjährigen See-quatze „Ernestine“. Eine „Quatze“ ist ein Fischtransporter, der zu Zeiten, als noch unter Segeln gefischt wurde, im zum Meer hin offenen Schiffsbauch frischen Fisch in die Hansestädte transportiert hat. Heute ist die Ernestine die Attraktion des Hafenstädtchens Lassan in Ostvorpommern und wird von der Europäischen Akademie der Heilenden Künste e.V. als Seminarschiff betrieben.
In Berlin, 200 Kilometer südlich von Lassan, gibt es seit 1991 den Jugendhilfeverbund der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH. Mit zahlreichen Projekten werden Kindern, Jugendlichen und deren Familien Hilfen angeboten, um schwierige Lebenssituationen zu meistern. Es geht um Jugendliche, die oft über Jahre hinweg Misstrauen im Umgang mit anderen, Gefühle von Wertlosigkeit, aggressives Verhalten gegen sich selbst oder andere entwickelt haben, was längst zu Problemen wie sozialer Isolation, Drogenkonsum und Delinquenz geführt hat.
Abenteuer Gemeinschaft
Immer schon gehörte es zu den Grundgedanken der beiden Skipper der Ernestine, Nele Hybsier und Tilmann Holsten, auch benachteiligte Kinder und Jugendliche erfahren zu lassen, was es heißt, den Kräften von Wind und Wasser zu begegnen. Also fügten wir nur zusammen, was schon zusammengehörte. Im März 2006 vereinbarten wir als Berliner Jugendhilfeverbund mit den beiden Skippern eine Zusammenarbeit und begannen mit den ersten Konzeptentwürfen für ein solches, für beide Seiten neues Experiment: Angedacht war eine Tour mit vier Jugendlichen über die Ostsee, ausgehend von Lassan entlang dem Peenestrom über Wolgast bis nach Rügen und zurück. Es sollten Jugendliche mitfahren, die wir im Rahmen einer vom Jugendamt finanzierten Betreuung bereits kennengelernt hatten und ein wenig einschätzen konnten. Das Jugendamt wurde einbezogen, und wir dachten uns auch ein Vorgehen aus, mit der sich die Fahrt auswerten und ihr Erfolg ermitteln ließe. So sollte ein Konzept entstehen, das wir auch anderen Jugendhilfeprojekten empfehlen konnten.
Wir rechneten damit, dass es den Jugendlichen nicht leicht fallen würde, auf ihre großstädtischen Vertrautheiten zu verzichten, und waren gespannt, was das sinnliche Erleben einer natürlichen Umwelt, die manchen so ja kaum bekannt ist, bewirken würde. Dabei stellten wir uns durchaus auf heftige Reaktionen ein, ausgelöst z.B. durch eine schwer zu ertragende Stille und Langsamkeit beim Segeln, den fehlenden festen Boden, das unüberwindliche Wasser um uns herum und eine dämmernde Klarheit, mit anderen in einem Boot zu sitzen und nicht ausweichen zu können.
Bei allem, was auf dem Boot zu tun ist, ging es darum, die Jugendlichen selbst mit Hand anlegen zu lassen, ob es sich um das Hissen der Segel, das Vertäuen der Leinen, die Zubereitung des Essens unter Deck handelte oder das Herrichten der Kojen zur Übernachtung auf See im Rumpf des Schiffs.
Vor der Reise hatte es bereits Gelegenheiten gegeben, bei denen sich alle schon einmal kennenlernen und an die Vorstellung gewöhnen konnten, miteinander drei Tage auf See zu verbringen. Bis zur letzten Minute vor unserer Abfahrt zur Ernestine blieb es allerdings spannend, wer nun wirklich, wirklich mitfahren würde. Offenbar gehörte viel Mut dazu, sich zu so einer Fahrt aufzuraffen. Die größten Befürchtungen betrafen Konflikte untereinander, denen wir uns dann nicht würden entziehen können. Es war klar, dass wir aufeinander angewiesen sein würden. Die Erwartungen waren bei allen gleich: etwas Tolles zu erleben und Spaß zu haben.
Durch Suchtprobleme einiger Jugendlicher spielte der Umgang mit Drogen während der Fahrt in den Vorbereitungsgesprächen von Anfang an eine wichtige Rolle. Und letztlich hielten sich alle Jugendlichen an unsere gemeinsam getroffenen Absprachen, was für einige nicht einfach war.
Gemeinsam Krisen bewältigen
Endlich war es soweit. Vier Jugendliche hatten den Mut, sich mit zweien ihrer Betreuer aufzumachen. Bei insgesamt wenig Wind aber sonnigem Wetter legten wir in Lassan ab und landeten am ersten Abend im Hafen der Insel Ruden, einem Naturschutzgebiet mit seltenen Vögeln in der Mündung des Peenestroms. Am zweiten Tag kamen endlich alle Segel zum Einsatz, mussten gehisst, vertäut und wieder eingeholt werden. Wir kreuzten bis in die Bucht von Gager auf Rügen, wo wir vor der Küste ankerten, und dann nach dem Essen bis spät in den Abend hinein Karten spielten, Musik machten und unter dem Sternenhimmel an Deck Gespräche führten. Am dritten Tag nahmen wir wieder Kurs auf Lassan, konnten noch im Meer schwimmen und erreichten am Abend dann den Heimathafen.
Das Miteinander, die Unausweichlichkeit und die Langsamkeit, die diese drei Tage prägten, führten einerseits zu vertraulichen Gesprächen und andererseits auch zu Auseinandersetzungen und Krisen an Bord. Genau diese Erfahrung, Krisen auch aus eigener Kraft doch überwinden zu können, hatten wir uns gewünscht. Denn die Erinnerungen an so intensive Begegnungen bleiben lebendig, und noch heute, viele Monate nach der Fahrt, wirken sie in der Zusammenarbeit mit den Jugendlichen nach. Auf unserem Nachtreffen werteten die Jugendlichen die Fahrt als Erfolg, eine tolle Erfahrung, sie waren von der Natur beeindruckt, und sogar die Ruhe hatte ihnen gefallen. Für alle ist deutlich geworden, wir sehr Gemeinschafts- und Naturerfahrungen das Leben von Menschen prägen können. ´
Christoph Klein arbeitet als Sozialpädagoge im Jugendhilfeverbund der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH, www.pfefferwerk.de.Informationen zum Schiff: www.ernestine-segeln.de, www.eaha.org.
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