Die Bedeutung einer dichten Kind-Erwachsenen-Beziehung.
Welche Wirkung hat das Aufwachsen in Gruppen Gleichaltriger auf unsere Kinder? Dagmar Neubronner macht sich Gedanken zur Bedeutung der Erwachsenen-Kind-Beziehung und reflektiert dabei eine Analyse des kanadischen Psychologen Gordon Neufeld.
Manche Schulen führen jetzt -Schuluniformen ein. Coole, mit Kapuzenpullovern. Als Begründung wird angegeben, man wolle das Wir-Gefühl stärken und vor allem das „Abziehen“ unattraktiver machen, bei dem Kinder und Jugendliche ihren Schulkameraden hochwertige Markenkleidungsstücke wegnehmen. Jedes dritte Grundschulkind (!) gibt an, schon einmal auf dem Schulweg oder in der Schule bedroht worden zu sein. Dieses Phänomen ist so häufig, dass wir es geradezu als normal empfinden, obwohl es mit Sicherheit eine wichtige Rolle bei den Bauchschmerzen spielt, mit denen viele Kinder sich morgens auf den Weg machen.
Was ist überhaupt los mit unseren Kindern und Jugendlichen? Wie kommt es, dass so viele Kinder und Jugendliche heute in einer anderen, für Erwachsene nahezu unzugänglichen Welt leben? Die meisten von uns sind überzeugt, dass sich echte Freundschaften und Beziehungen nur unter Gleichaltrigen entwickeln können und dass Erwachsene dabei einfach „stören“. Gleichzeitig nimmt die Brutalität unter Jugendlichen in den Industrieländern weltweit dramatisch zu.
Papa, wann ist endlich Montag?
Manchmal sind schon kleine Kinder so auf ihre Gleichaltrigen fixiert, dass sie sich am Wochenende mit ihren Eltern langweilen und übellaunig den Montag herbeisehnen, wenn sie endlich wieder in den Kindergarten gehen können. Noch verrückter: Der Vater einer Dreijährigen, der mir dies berichtete, war stolz und froh darüber, wie wohl seine Tochter sich mit ihren Altersgenossen fühlte, und nahm ihre unfreundliche Ablehnung mit lächelndem Kopfschütteln hin. Aber kann sich die Kleine unter ihren Altersgenossen im Kindergarten so geborgen und angenommen fühlen wie zu Hause? Haben die anderen Dreijährigen ein so großes Interesse daran, dass sie sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickelt, wie die Eltern des Mädchens? Erwachsene sprechen gern von den „Freunden“ ihrer Kinder, auch wenn wirkliche Freundschaft eine gewisse Reife voraussetzt und meist der alte Begriff „Spielkameraden“ das Verhältnis besser träfe.
Coole Kids
Kinder können bekanntlich sehr grausam sein – sie wissen es eben oft noch nicht besser und sind oft nicht in der Lage, eine liebevolle, verlässliche Rolle füreinander zu spielen. (Das schaffen ja selbst Eltern nicht immer, aber sie haben wenigstens die denkbar größte Liebe und Motivation für das Gedeihen ihres Kindes.) Jedes Kind wird also gelegentlich mit unreifem Verhalten von Gleichaltrigen konfrontiert, und wenn die anderen Kinder in der Schule oder im Kindergarten, mit denen sie die meiste Lebenszeit teilen, wichtigere Bezugspersonen geworden sind als die Eltern, kann das extrem schmerzhaft sein. Das Kind schützt sich, indem es einen dicken Panzer um sein Herz legt und sich möglichst anpasst, um nicht aufzufallen und ausgegrenzt zu werden.
So kommt es zu den „coolen Kids“, die keinerlei Gefühlsregungen mehr zeigen und sich nur noch für das interessieren, was in ihrer Gleichaltrigengruppe gerade „in“ ist. Kleidung, Sprechweise, Musikgeschmack – alles wird stromlinienförmig angepasst. Gleichzeitig stoßen die Eltern mit ihren Bitten und Weisungen, sofern sie den Forderungen der Peers (gleichaltrige Kumpel) zuwiderlaufen, plötzlich auf taube Ohren – ihr Kind hat sich umorientiert und sucht im Zweifelsfall nicht mehr die Liebe und Zustimmung seiner Eltern, sondern der Gleichaltrigen. Es hat die Eltern fallengelassen wie eine abgelegte Liebe. Die Folge sind verletzende Kälte und völliges Desinteresse an allen Anliegen der Eltern.
Umgekehrt ist die Bindung zu den Eltern ein starker Schutz: „Mein Fünfjähriger wollte in den Fußballverein. Beim ersten Training machten ihm ein paar ältere Kinder das Leben schwer. Ich wollte gerade einschreiten, als ich sah, wie Braden mit ihnen fertig wurde. Er hatte sich in seiner ganzen Größe aufgerichtet, die Hände in die Hüften gestemmt, und mit vorgeschobener Brust hörte ich ihn sinngemäß sagen: ‚Ich bin kein kleiner, dummer Trottel! Mein Papa sagt, ich bin ein Fußballer.‘ Und damit schien die Sache erledigt.“ Bradens Vorstellung davon, was sein Vater von ihm dachte, schützte ihn wirksamer, als der Vater ihn durch direkte Intervention je hätte schützen können. Das Bild, das sein Vater von ihm hatte, versetzte ihn in die Lage, die Beleidigungen der anderen abzuwehren. Ein Kind, das sich an Gleichaltrigen orientiert und sein Selbstwertgefühl nicht mehr von Erwachsenen bezieht, ist ohne einen solchen Schutz.
Je wichtiger Gleichaltrige im Leben unserer Kinder sind, desto verheerender wirkt sich deren unsensibles Verhalten aus, wenn unsere Kinder es nicht schaffen, dazuzugehören. Dies bestätigt die steigende Zahl von Berichten über Kinderselbstmorde, die durch das ablehnende und tyrannisierende Verhalten Gleichaltriger ausgelöst wurden. Die Selbstmordrate unter Kindern hat sich in Nordamerika seit 1950 in der Altersgruppe der 10 bis 14-Jährigen vervierfacht. Diese Gruppe weist allein in den Jahren 1980 bis 1992 mit 120 Prozent den bisher größten Zuwachs bei den Selbstmordraten auf. (aus: Gordon Neufeld, Unsere Kinder brauchen uns!)
Wie hängt dies alles zusammen? Der kanadische Psychologe Gordon Neufeld bietet eine Erklärung an, die mir so spannend erscheint wie ein Krimi und zugleich vielfältige Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Deshalb hier ein Einblick in die Aufklärung des „Bindungs-Krimis“.
Der Bindungs-Krimi
Wie viele gesellig lebende Säugetiere und Vögel kommen auch Menschenkinder mit einem ausgeprägten Bindungsinstinkt zur Welt: Sie suchen jemanden, von dem sie lernen können, wie das Leben auf diesem Planeten funktioniert. In zunächst völliger Abhängigkeit als Säugling und Tragling erweckt das kleine Menschlein mit seinem Lächeln, seinem anschmiegenden Vertrauen und dem großäugigen Blick auch unseren Bindungsinstinkt: Wir erhöhen unsere Stimmlage, reißen ebenfalls die Augen auf, heben und senken nickend den Kopf („ja wo ist er denn?!“) und halten dem Kind den Finger hin. Der Säugling bindet sich an uns, indem er z.B. unseren Finger fest umklammert oder später als Antwort auf unsere ausgebreiteten Arme ebenfalls die Ärmchen ausstreckt, um sich aufheben zu lassen.
All dies sind instinktive Verhaltensweisen, die seit Hunderttausenden von Jahren das Überleben sichern. Wie viele andere ist auch dieser uralte Instinkt für ein naturnahes Leben in kleinen Sippen entworfen: Im steinzeitlichen Normalfall bindet sich das Kind an Mutter, Vater, ältere Geschwister und Verwandte. Wenn diese abhandenkommen, überträgt es den Bindungsinstinkt woandershin – so wie das frisch geschlüpfte Entenküken, das, wenn die Mutter fehlt, vertrauensvoll der Bäuerin, dem Hofhund oder einem Spielzeugauto nachläuft. Es fühlt sich in Gegenwart seines Bindungsobjekts beruhigt und sicher, auch wenn es auf diese Weise weder schwimmen noch fliegen lernt und die Bäuerin es irgendwann in den Kochtopf stecken wird.
Auch Menschenkinder unterscheiden nicht, ob das Objekt, auf das sie ihren Bindungsinstinkt richten, überhaupt in der Lage und geeignet ist, für ihre gedeihliche Entwicklung zu sorgen. Dieser Umstand war in den letzten Jahrhunderttausenden lediglich eine Unschärfe, die es ermöglichte, dass Kinder sich notfalls auch in völlig fremder Umgebung an völlig anderen Personen wieder einleben und orientieren konnten. Doch in den letzten fünfzig bis sechzig Jahren haben sich die Lebensabläufe in den Industrieländern so rapide geändert, dass der Bindungsinstinkt immer häufiger fatale Folgen hat.
Schulen als Mobbingfabriken
Der Bindungsinstinkt ist hierarchisch organisiert: Wenn wir uns binden, übernehmen wir entweder die dominante Rolle des Beschützenden, Fürsorglichen (oder Beherrschenden) oder die untergeordnete Rolle desjenigen, der umsorgt und geleitet (oder tyrannisiert) wird. (In Beziehungen unter reifen Erwachsenen tauschen wir diese Rollen beständig, so dass – zum Beispiel in der Ehe – insgesamt eine Ausgewogenheit entsteht.) In der klassischen „Rudelstruktur“ von Großfamilie oder Dorfgemeinschaft findet jedes Kind mühelos seinen Platz, ordnet sich Älteren unter, passt auf Kleinere auf. In großen Gruppen Gleichaltriger ist diese „Hackordnung“ extrem schwierig zu klären, weil die Unterschiede an Können, Reife, Wissen und Kraft minimal sind. So muss in einer Schulklasse oder Kindergartengruppe jedes Kind sich jeden Tag neu seinen Platz erkämpfen. Dies fordert den Großteil der Zeit und Kraft, und der Stress, sich zu behaupten, steht entspanntem, kreativem Spielen, das die eigene Persönlichkeit reifen lässt, im Weg. Zudem erleben sich Kinder immer wieder in ein und derselben Rolle, nämlich als Immer-nur-Opfer oder Immer-nur-Tyrann. Jahrgangsgemischte Gruppen mildern diesen Effekt, und bei Kindern, die aufwachsen, ohne sich täglich in großen Gruppen Gleichaltriger bewegen zu müssen, kommen Phänomene wie Mobbing, „Abziehen“ und körperliche Gewalt praktisch nicht vor, wie Studien an frei lernenden „Homeschool“-Kindern aus Großbritannien und den USA zeigen.
Wie das erwähnte Entenküken spürt auch das gleich-altrigen-orientierte Kind nicht, dass es einem ungeeigneten Orientierungsgeber hinterherläuft, es fühlt sich sicher, solange die Objekte seiner Bindung nahe sind, auch wenn es von ihnen nur lernt, cool abzuhängen oder gar Schlimmeres. Das verzweifelte Streben, „dazuzugehören“, lässt keinen Raum für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und wenig Platz zum Lernen, denn Rechnen, Deutsch und Biologie, selbst Malen und Musizieren sind uninteressant – sofern sie nicht helfen, „in“ zu sein.
Was können Eltern tun, um es nicht so weit kommen zu lassen? Die Antwort ist nach dem Bisherigen eigentlich klar: Pflege der Beziehung, damit das Kind gar nicht erst in eine Bindungslücke fällt.
Stellen Sie sich vor, Ihr Partner oder Ihre Partnerin fängt plötzlich an, sich merkwürdig zu verhalten: Er oder sie schaut Ihnen nicht mehr in die Augen, wehrt körperliche Nähe ab und ist einsilbig und gereizt. Stellen Sie sich nun vor, dass Sie bei Ihren Freunden oder Freundinnen Rat suchen. Würden diese zu Ihnen sagen: „Hast du mal versucht, ihm oder ihr eine Auszeit zu verordnen? Hast du ihm oder ihr deine Erwartungen klar gemacht und Grenzen gesetzt?“ Zwischen Erwachsenen wäre jedem klar, dass Sie es nicht mit einem Verhaltens-problem, sondern mit einem Beziehungsproblem zu tun haben. Und wahrscheinlich würde als erstes der Verdacht aufkommen, dass Ihr Partner oder Ihre Partnerin eine Affäre hat. Was uns bei Erwachsenen so klar wäre, verwirrt uns, wenn es zwischen Eltern und Kind auftritt.
Wie soll man damit umgehen, wenn man sein Kind bereits an dessen Altersgenossen „verloren“ hat? Nun, hier gibt es nur einen Weg: Gewinnen Sie das Herz Ihres Kindes zurück. Kein leichter Weg, und Sie werden einiges an Zurückweisung einstecken müssen, aber es lohnt sich: Denn abgesehen von den oft sehr problematischen Verhaltensweisen gleichaltrigenorientierter Kinder kann Ihr Kind echte erwachsene Reife nur im Schutz sicherer, verlässlicher Beziehungen und Vorbilder entwickeln, wie Kinder sie sich untereinander nur in den seltensten Fällen bieten können.
Immer nur Mama und Papa?
Heißt das nun, dass ein Kind immer bei Mama und Papa sein, nicht mit anderen Kindern spielen und keine anderen Erwachsenen sehen sollte? Nein, selbstverständlich nicht – Sie sperren ja auch Ihren Partner oder Ihre Partnerin nicht zu Hause ein, damit er oder sie sich weiter an Ihnen orientiert. Aber Sie achten darauf, regelmäßig schöne Zeiten miteinander zu verbringen, Sie zeigen ihm, dass Sie ihn lieben und bereit sind, ihn in seinen Anliegen zu unterstützen, Sie zeigen sich von Ihrer besten Seite und nehmen Anteil an den Interessen des anderen. Sie interessieren sich für seine Freunde und fördern die Entstehung eines gemeinsamen Freundeskreises.
In Bezug auf Erwachsene ist Ihnen das klar, aber wie ist es mit Ihren Kindern? Sie wissen, dass Sie Ihr Kind bedingungslos lieben, aber weiß das auch Ihr Kind?
Gordon Neufeld nennt in seinem Buch ein Beispiel, in dem ein hochintelligenter und sensibler, neunjähriger Junge das Gefühl hatte, seine Eltern würden so unablässig an ihm herumnörgeln, dass er sich vorstellte, sie besuchten abends Kurse darüber, wie man Kindern das Leben schwermachen kann. Wenige Kinder würden ihre Gefühle so dramatisch zum Ausdruck bringen, aber viele haben das Gefühl, dass ihre Eltern einfach nicht auf ihrer Seite stehen.
Unter diesem Blickwinkel scheint der Kontakt zwischen den Eltern und den Betreuern und Lehrern im Kindergarten von zentraler Bedeutung. Wenn Sie dafür sorgen, dass diese eine wirkliche Beziehung zu Ihrem Kind aufbauen und ihnen erklären, warum Sie das wichtig finden, stellen Sie sich auf die Seite Ihres Kindes. Neufeld legt seinen Lesern dringend nahe, nicht in Konkurrenz zu den anderen Menschen im Leben Ihres Kindes zu treten, sondern eine „dorfähnliche Bindungsgemeinschaft“ aufzubauen, die aus Menschen aller Altersstufen besteht. Stellen Sie z.B. Kontakt zu den Eltern der Freunde Ihres Kindes her, laden Sie alle zusammen ein, lassen Sie ein Beziehungsnetz entstehen!
Die alten Socken
Ein weiteres Beispiel: Wenn es Sie nervt, dass Ihr Partner immer seine alten Socken herumliegen lässt, was halten Sie für wirksamer und beziehungsfördernder?
Sie bauen sich mit der alten Socke in der Hand vor ihm auf und schreien in Ihrem frischen Zorn auf ihn ein, dass Ihnen diese Socke und überhaupt alles stinkt, und wenn Sie noch einmal eine alte Socke woanders finden als in der Wäsche, ist der gemeinsame Ausflug am Wochenende gestrichen!
Oder: Wenn Sie das nächste Mal gemütlich und entspannt mit ihm auf dem Sofa sitzen, bitten Sie ihn gelassen und mit einem echten Lächeln auf den Lippen, sich Ihnen zuliebe die Mühe zu machen und die Socken wegzuräumen, weil Sie zwar im Prinzip alles an ihm mögen, aber die Socken doch irgendwie nicht ganz so sehr.
Tja, unter Erwachsenen ist uns das klar, auch wenn uns die zweite Variante nicht immer gelingt. Aber Kinder sind auch Menschen – und keine Meerschweinchen. Kluge Wissenschaftler haben nämlich an Meerschweinchen und Ratten erforscht, dass die Reaktion auf ein Verhalten möglichst sofort erfolgen müsse, damit ein Lerneffekt eintritt. Das mag bei Ratten unter den grausamen, für das Tier vollkommen unbegreiflichen Laborbedingungen so nachweisbar sein, gilt aber mit Sicherheit nicht für Menschen, die gern verstehen möchten, warum sie etwas tun sollen. Doch die sogenannte Verhaltensforschung behandelt Tiere wie seelenlose Automaten und überträgt die Ergebnisse dieses Tuns dann auf Menschen. Und deswegen schreien wir unsere Kinder spontan und augenblicklich an, versuchen sofort eine Verhaltensänderung aus blindem Gehorsam zu erzwingen und entziehen ihnen zur Strafe für ihr Fehlverhalten unsere Gegenwart. Zuerst ist das für ein Kind eine existenzbedrohende Angstsituation, denn sein starker Bindungsinstinkt sagt ihm, dass es bei seiner Bezugsperson sein möchte. Später wundern wir uns dann, wenn unser Kind uns nur noch den Stinkefinger zeigt. Denn wenn wir unsere Liebe und Zuwendung wie eine Opfergabe behandeln, die wir widerwillig-gnädig gewähren und bei Fehlverhalten sofort entziehen, stoßen wir damit die Liebe unseres Kindes immer wieder zurück. Wir verlassen uns darauf, dass es sich nie von uns abwenden wird, doch da wir es gleichzeitig jeden Tag viele Stunden in großen Gruppen Gleichaltriger sich selbst überlassen, sucht es irgendwann ersatzweise bei diesen Trost und Halt – mit den fatalen Folgen, die wir alle spüren.
In vielen Familien müssen heute beide Eltern arbeiten, von der wachsenden Zahl der Alleinerziehenden ganz zu schweigen. Wir können die Uhr nicht zurückdrehen und uns in eine idealisierte Vergangenheit zurückwünschen, in der Kinder in das Alltagsleben der Erwachsenen nahtlos integriert waren. Trotz unserer kulturellen Realitäten müssen wir aber sicherstellen, dass unsere Kinder starke Bindungen zu den Erwachsenen aufbauen, denen wir sie anvertrauen.
Was muss sich also in unseren Kindergärten und Schulen ändern? Die Krux sind nicht die gesellschaftlichen Strukturen an sich, sondern ein fehlender Ausgleich für die Veränderung von dörflichen Lebensgemeinschaften hin zum modernen Alltag. Wenn wir die Aufgabe der Erziehung unserer Kinder mit anderen teilen, müssen wir den Kontext dafür herstellen, indem wir eine „dorfähnliche Bindungsgemeinschaft“ aufbauen: fürsorgliche Erwachsenenbeziehungen.
Die Bindung zum Lehrer
Heute können wir uns die Erwachsenen – zum Beispiel die Lehrer –, denen wir unsere Kinder anvertrauen müssen, in den meisten Fällen nicht aussuchen. In diesen Situationen besteht die Herausforderung darin, dafür zu sorgen, dass zwischen unseren Kindern und den für sie Verantwortlichen eine Verbindung entsteht. Durch bestimmte Vorbereitungen lässt sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es zum Aufbau einer Bindung kommt. Häufig tun wir das ganz instinktiv, um herzliche Verbindungen zwischen Geschwistern oder zwischen unseren Kindern und ihren Großeltern zu fördern. Von diesem instinktiv angewandten Bindungstanz müssen wir beim Aufbau unserer dorfähnlichen Bindungsgemeinschaft ganz bewusst Gebrauch machen. Manchmal binden sich Kinder spontan an die Verantwortlichen, an Erzieher, Lehrer, Babysitter oder Großeltern. Ist dies jedoch nicht der Fall, können wir vieles tun, um eine funktionierende Beziehung zwischen unserem Kind und demjenigen, der unsere Stelle einnimmt, zu fördern. Menschen, die sich darauf verstehen, Verbindungen zwischen Erwachsenen herzustellen, haben normalerweise eine ganze Reihe von Tricks auf Lager. Ist uns das Ziel erst einmal klar, wird der Rest überraschend einfach.
Mit am wichtigsten ist, dass wir das Kind und den Erwachsenen miteinander bekanntmachen, bevor wir es allein lassen. Der erste Kontakt bietet die Gelegenheit, positive erste Eindrücke zu schaffen. Dabei können wir der entstehenden Bindung auf natürliche Art unseren Segen geben. Unser Kind muss uns in freundlicher Interaktion mit dem Menschen sehen, dem wir gleich den Staffelstab übergeben werden, sei es eine Erzieherin, eine Kinderpflegerin, ein Klavierlehrer, eine Skilehrerin, die Schulleiterin oder der Klassenlehrer. Wichtig ist, dass wir beim Kennenlernen die Initiative ergreifen und es übernehmen, Kind und Begleiter miteinander bekanntzumachen.
In einer Welt, die sich im Einklang mit dem natürlichen Entwicklungsmuster befände, würden zunächst Eltern und Lehrer freundliche Verbindungen zueinander aufbauen, und danach würden es die Eltern gemäß ihrer angestammten Rolle übernehmen, Kind und Lehrer miteinander bekanntzumachen. Schulische Veranstaltungen zum gegenseitigen Kennenlernen würden, anstatt Kinder mit ihren Altersgenossen zusammenzubringen, die Interaktion innerhalb des aus Erwachsenen bestehenden Bindungsteams fördern. Wir müssen solche Strukturen zur Vorbereitung einer reibungslosen Übergabe unserer Kinder aus der Obhut eines Erwachsenen in die eines anderen heute bewusst aufbauen.
Positive Signale verstärken
Eine andere wichtige Methode, um für eine Verbindung zwischen zwei Menschen zu sorgen, besteht darin, dass wir die beiden noch verbindungslosen Parteien bei der jeweils anderen beliebt machen. Egal, ob wir dabei Komplimente weitergeben oder auf Zeichen der Anerkennung hinweisen – das Ziel besteht darin, es den beiden leicht zu machen, einander zu mögen. Zu oft überspringen wir als Eltern diesen Schritt und fangen sofort an, unsere Bedenken und das, was falsch gelaufen ist, zu diskutieren. Die Beziehung ist der Kontext, um mit dem Kind zu arbeiten, und hat deshalb Priorität. Sie muss zuallererst etabliert werden, und erst dann können wir uns um das kümmern, was nicht gut läuft.
Ein Lehrer, der eine gute Beziehung zu einem Schüler hat, verfügt über die Macht, als Vermittler den Aufbau von Beziehungen zu anderen für das Kind verantwortlichen Lehrern und Mitarbeitern zu fördern – zur Bibliothekarin, der Aufsicht auf dem Schulhof, der Schulleiterin, der Schulpsychologin, besonders aber der Lehrerin für das nächste Schuljahr. Lehrer können einen großen Unterschied bewirken, wenn sie die Macht ihrer bestehenden Bindung nutzen, um das Entstehen guter Beziehungen zwischen ihren Schülern und anderen Erwachsenen, in deren Abhängigkeit sie sich begeben müssen, zu fördern!
Absurderweise werden heutzutage Kinder, die eine gesunde Bindung zu ihren Eltern haben und das Spiel der Gleichaltrigen-Bindung intuitiv nicht mitmachen, schnell zu Außenseitern, weil sie nicht wie der Rest des Kinderrudels „funktionieren“. Das kann auch ein Grund sein, warum die Schule für sie zum Horror wird und sie lieber ohne Schule lernen wollen – nicht weil sie vor Gleichaltrigen Angst hätten, sondern weil sie eben gerade nicht einem ungesunden psychologischen Mechanismus unterliegen. ´
Literatur: Gordon Neufeld: „Unsere Kinder brauchen uns“, 330 Seiten, ISBN 3-934719-20-1, Genius-Verlag, Oberstaufen 2006. Ebenfalls im Genius-Verlag ist die gleichnamige DVD erschienen mit einem Vortrag von Gordon Neufeld in deutscher Voice-over-Übersetzung.
Seminare mit Gordon Neufeld in Deutschland: www.genius-verlag.de, Tel. (0421) 6263989.
Dagmar Neubronner ist Verlegerin und Therapeutin. Ihre beiden Söhne lernen eigenständig zuhause im Kreis einer „dorfähnlichen Bindungsgemeinschaft“.
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