Heilungsgruppen sind keine Utopie.
Kontinuierliche Gruppenmeditationen sind ein geeignetes Mittel, um noch immer wirkende Wunden der Weltgeschichte zu erlösen, meint Werner Binder.
Eine kurze Utopie: 2015 In diesem Jahr waren wieder viele neue Heilgruppen, auch außerhalb Europas, entstanden. Seit etwa drei Jahren waren Ansätze zu einer merklichen Trendwende feststellbar. Der Ruf nach raschen, messbaren und rational erklärbaren Erfolgen aus der Zeit zwischen 1980 und 2010 hatte der Einsicht Platz gemacht, dass nachhaltige Entwicklungen Zeit, Geduld und auch einen liebevollen und ausdauernden Einsatz erfordern. Es war erstaunlich, dass Worte wie Geduld, Zuneigung und Liebe auch in der Tagespresse wieder vereinzelt verwendet wurden. Politik und Heilungsarbeit wurden neuerdings nicht mehr als zwei unvereinbare Bereiche angesehen im Gegenteil!
Die Heilkreis-Bewegung hatte sich im Jahre 2010 verstärkt. Sie schien einem wachsenden Bedürfnis vieler Menschen zu entsprechen, angesichts der zahlreichen globalen Katastrophen Verantwortung für den Zustand des Planeten zu übernehmen.
Die Stürme, Überschwemmungen und Dürren hatten inzwischen ein erschreckendes Ausmaß erlangt. Die Hoffnung, die Auswirkungen der Klimakatastrophe nur mit Geld und Symptombekämpfungsmaßnahmen lösen zu können, war verflogen. Die Spannungen in den neuen verarmten Bevölkerungsgebieten flammten zu immer neuen Bürgerkriegen auf, und die Zusammenbrüche hochdiffiziler, vernetzter elektronischer Stromerzeugungs- und Nachrichtensysteme häuften sich.
Als Neonazis und andere rechtsradikale Gruppierungen sich in Deutschland steppenbrandähnlich rasch ausbreiteten, bildeten sich im Lande einige Heilgruppen, die es sich zum Ziele gesetzt hatten, die unerlöste Vergangenheit in der Zeit vor und während des zweiten Weltkriegs zu vergegenwärtigen, insbesondere die Vernichtungspolitik gegenüber Juden, Zigeunern, Homosexuellen und Widerstandskämpfern. Die Mitglieder der Heilkreise bemühten sich, den Opfern wie auch den Tätern Einfühlung und Licht zukommen zu lassen. Viele gingen so weit, stellvertretend den verdrängten und vergessenen Schmerz über das Grauen jener Epoche hochkommen zu lassen.
Im Jahre 2014 zeigte es sich, dass die Ausbreitung rechtsradikaler Gruppen nicht nur gestoppt, sondern rückläufig war. Es ließ sich natürlich nicht beweisen, ob die Heilgruppen-Bewegung zu dieser Entwicklung beigetragen hatte, viele Menschen jedoch hielten das für durchaus möglich.
Zurück ins Jahr 2006. Während der letzten Holon-Tagung wurde mir einmal mehr bewusst, dass die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer intensiv an den weltweiten Entwicklungen und Katastrophen Anteil nehmen und sich von ihnen berühren lassen. Es sind Menschen, die sich fast durchwegs mit sich selbst auseinandergesetzt haben zum Beispiel in Psychotherapien, Lern-Gruppen und Wohngemeinschaften. Sie sind motiviert, ihre Erfahrungen und ihr Einfühlungsvermögen auszudrücken.
Viele sehen aber ihre Stärke weniger darin, sozia-le Institutionen aufzubauen oder umfangreichere Hilfsprojekte in die Welt zu setzen. Sie vermissen eine ihnen adäquate Form des Engagements in Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Viel eher sehen sie ihr Potenzial darin, auf subtiler Ebene hilfreich einzuwirken. Diese Beobachtung war ein Glied in der Kette der in mir allmählich auftauchenden Einsicht, dass wir Menschen die Schatten der Vergangenheit in Form von Heilkreisen erlösen sollten. Ich stellte mir vor, dass sich die verschiedenen Heilgruppen jeweils einem spezifischen Schatten-Bereich (z.B. Flüchtlinge) widmen würden.
Schatten des kollektiven Unerlösten
Manchmal setzt die Zeit nach schwer erkennbaren Mechanismen Schatten frei. Schwarzem Rauch ähnlich treten diese an die mitunter glänzende Oberfläche und erschrecken.
Früher oder später kehren alle verdrängten und verleugneten Traumata an die Bewusstseinsoberfläche zurück: Völkermorde, Massen-Vergewaltigungen, Waffenhandel, großräumige Vergiftung von Natur, Folter etc. Wer heilt all diese Wunden? Heilt die Zeit wirklich alle Wunden? Genügt das? Kann sich die Menschheit entwickeln, ohne die Wunden zu heilen, die sie sich, den Pflanzen und Tieren und der Erde als Ganzer geschlagen hat? Ist Reifung möglich, ohne sich der eigenen Schatten bewusst zu werden und ohne den Willen, ein ganzer, integraler Mensch zu werden? Wer fühlt sich für kollektive Heilungsarbeit verantwortlich?
Es gibt zwar Einzel- und Gruppenpsychothera-pien, es gibt sporadische Lichtheilungsmeditationen an energetisch ausgelaugten Plätzen, an Orten, wo Krieg und Grauen herrscht; ich weiß auch von Heilungs- und Versöhnungsreisen, von kontemplativen Gebetsgruppen, die ausdrücklich Mitgefühl mit der Welt verwirklichen. Aber mir sind keine langjährigen, kontinuierlichen Heilungsarbeiten in Gruppen bekannt, in denen nachhaltig an bestimmten traumatischen, kollektiven Ereignissen gearbeitet wird.
Vielleicht gibt es Menschen, die meinen, dass es Unsinn sei, alte Wunden zu heilen. Dazu sollte man sich vor Augen halten, dass die Wunden der Verstorbenen in uns weiter wirken und Verdrängtes und Abgespaltenes in der Gegenwart genau jetzt! wirkt. Nichtverstandenes und Nichterkanntes verschwindet nicht dadurch, dass man es verleugnet. Im Gegenteil, durch Verleugnung breitet es sich untergründig aus, so wie ein Tropfen Gift einen ganzen See zerstören kann. Hinzu kommt: Vergangenheit ist eine relative Größe. Wer sagt denn, dass die Wesen, denen wir uns zuwenden, nicht in anderer Form anwesend sind?
Es gibt esoterische und spirituelle Heiler, die absolute Heilung und Transformation von Grauen binnen weniger Tage versprechen. Ich halte das für spiritualisierten Narzissmus. Nachhaltige, tiefwirkende Heilung benötigt Ausdauer, Geduld und regelmäßiges, behutsames und liebevolles Dranbleiben. Dabei verbinden wir uns miteinander und mit liebenden und heilenden Wesenheiten. Wie in meiner Utopie anfangs skizziert, wird sich die Einsicht womöglich durchsetzen, dass ausdauernde und kontinuierliche energetische Hilfe nachhaltiger und letztlich rascher wirkt, als es kurze Aktionen tun können. Wenn wir uns selbst heilen, ist das auch ein Beitrag der Heilung des Menschheitskörpers und umgekehrt: Wenn wir andere und Anderes heilen, wird dies sowohl eine heilende Rückwirkung auf uns selbst wie auch eine Aufhellung des Gesamtorganismus Erde zur Folge haben.
Die Bildung von Heilkreisen
Eine Heilgruppe besteht aus Menschen, die eine starke Affinität zu einem kollektiven, gegenwärtigen oder äußerlich zurückliegenden Thema der Menschheitsgeschichte haben, das offensichtlich und spürbar nicht aufgelöst und geheilt ist. Diese Verbindung zum Thema kann sowohl eine verwandtschaftliche und biologische als auch eine innerseelische sein.
Es gibt zweifellos zahlreiche innere und äußere Gründe, die dazu führen können, dass sich Menschen etwa für die Würde der Tiere einsetzen möchten. Menschen mit einem ähnlichen Heilanliegen können sich zusammenschließen, weil es ihnen gut tut, mit ähnlich Fühlenden in Beziehung zu kommen in dem Wissen, dass sie mehr bewirken können, wenn sie ihr Engagement und ihre Fähigkeiten in Ergänzung bringen. Es bleibt der Menschheit weder die Zeit, alles alleine, vereinzelt zu tun, noch der Luxus des gegenseitigen Ausspielens von Frau und Mann.
Das Unerlöste sucht die Erlösung
Heilgruppen treffen sich über einen langen Zeitraum z.B. ein- oder zweimal monatlich an einem dazu geeigneten Ort, um an der Heilung eines unerlösten Bereichs der Wirklichkeit mitzuwirken. Die Gruppen arbeiten auf der Basis von spiritueller und psychologischer Erfahrung. Sie lassen sich vom Wissen leiten, dass sich jedes Geschöpf danach sehnt, gehört, gesehen, erkannt und verstanden zu werden. Die Heilenden wollen also durch das Dunkle des Verdrängten hindurchschauen, um wieder mit dem abgetrennten, schmerzenden Teil Menschheit oder der Erde in Kontakt zu kommen.
Das Wiedererkannte, das wieder ins Bewusstsein Findende, soll integriert werden. Und Reintegration geschieht durch Wiedererkennen in Liebe und Mitgefühl. Das Abgeschnittene sehnt sich danach, wieder in Beziehung mit dem Gesamtorganismus zu kommen. Der verlorene Mensch möchte wiedergefunden werden, der Missbrauchte möchte getröstet werden und seine Zugehörigkeit erleben. Im Grunde genommen wissen wir alle sehr genau, was heilt aus eigener Erfahrung.
Dennoch möchte ich auf eine im Buddhismus bekannte Heilweise in aller Kürze hinweisen: Das Tonglen. Wichtig ist, dass die Methode des Tonglens gut vorbereitet und eingeleitet wird. Bevor die Heilenden diese transformatorische Atemarbeit aufnehmen, ist es wichtig, dass sie die Vertikale, das heißt den Kontakt zu Erde und Himmel, stabil aufgebaut haben, in stiller Meditation versunken sind und sich, zum Beispiel mit Hilfe eines Mantras, seelisch gereinigt haben. Die Meditierenden müssen auf die große, all-umfassende Liebe konzentriert sein, auf das Eine, den Großen Geist. Das gibt ihnen beim Tonglen wie bei allen anderen Heilweisen den nötigen Schutz und das Wissen um die Verbundenheit allen Seins. Nun wird der unerlöste Stoff (der etwa als dunkler Rauch vorgestellt werden kann) in den strahlenden Tempel des Herzens eingeatmet, in dessen Licht und in dessen Liebe, Güte und Wärme umgewandelt in ein heilendes und regenerierendes Licht, das beim Ausatmen etwa als weiß, golden oder rosarot imaginiert werden kann. Dieses Licht als Ausdruck und Manifestation heilender Liebe wird jenem unerlösten, dunklen Bereich zugeatmet, der sich im Zentrum unseres Bemühens befindet. Je hingebungsvoller und ausdauernder wir uns der Heilungsarbeit zuwenden und im steten Bemühen die Absicht lauter halten, desto eher kann sich unsere Heilkraft entwickeln.
Den Gruppenmitgliedern hilft es, wenn sie ab und zu einen der verwundeten Orte besuchen, wo sich die Tragödie entwickelt hat (z.B. Auschwitz, wenn es sich um den Holocaust handelt). Wir können auch Räume (Meditationsräume, Kapellen, Heilgärten) unserem Heilungsanliegen widmen. Diese Arbeit werden wir umsonst tun. Wir weigern uns, diese Arbeit in irgendeiner Weise zu kommerzialisieren. ´
Wer an der Gründung eines Heilkreises interessiert ist oder auf einen bereits bestehenden Heilkreis aufmerksam machen möchte, kann sich an den Autor wenden: Werner Binder Rebbergstraße 53, CH-804 Zürich, werner.b@sebil.ch
Derzeit ist eine Heilgruppe, die sich mit den problematischen Themen der Vergangenheit Deutschlands befassen möchte (Fokus Reichsprogromnacht), in Vorbereitung.
Kontakt: heilung.0911200@bluewin.ch
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