Teil 2: Inmitten des Heute spirituell leben.
Im ersten Teil dieser Artikelserie (KursKontakte 147) deutete ich an, wie mich die Dimension der meditierenden Gemeinschaft in meinen ersten Zen-Sesshins berührt hat. In mir entstand der Gedanke, dass es immer so sein könnte: Menschen leben zusammen mit dem Ziel, sich gegenseitig auf dem Weg zu einem höheren Bewusstseinszustand zu unterstützen, oder -besser: mit dem Ziel, das gemeinsame Wachsen in die Erleuchtung hinein zu genießen. Eine Gemeinschaft der spontanen, natürlichen, gelösten Liebe, die aus der geballten Kraft der Sammlung erwächst. Es war im Grunde die Freude des mönchischen Gemeinschaftslebens, die ich da kurz geschmeckt hatte. Als ich damals meinem Lehrer gegenüber ausdrückte, dass ich gerne in einer spirituellen Gemeinschaft leben würde, meinte er, dass dies nicht funktionieren würde. Ich hinterfragte diese Antwort damals nicht weiter.
Die Form des Zen-Sesshins, bei der man eine Woche lang zusammen meditiert und strenges Schweigen hält, stammt aus der Praxis des buddhistischen Mönchtums – eine Lebensform, die sich aus dem Bedürfnis entwickelte, ganz für die innere Erfahrung zu leben. Keiner der Teilnehmer in meinem damaligen Sesshin war Mönch. Wir kommen meist aus komplizierten Lebensalltagen, in denen Berufsleben und familiäre Beziehungen miteinander jongliert werden. Mönche haben alle diese Dinge hinter sich gelassen. Zen-Praxis ist im Grunde eine gezielte Praxis, um die letzten Schritte im Inkarnationszyklus zu gehen.
Die Bemerkung meines Lehrers damals hatte mir eine große Skepsis eingepflanzt. Ob für gut oder schlecht, das sei dahingestellt. Auf jeden Fall war mir danach das Thema spirituelle Gemeinschaft noch einige Jahre wichtig, und ich sah mir die eine oder andere Gemeinschaft an; der Enthusiasmus war jedoch niemals groß genug, mich einer von ihnen anzuschließen. Den spirituellen Weg versuchte ich ohnehin in den „natürlichen“ Kontexten zu gehen, in denen ich mich befand: als Student, später als Vikar in einer Kirchengemeinde und schließlich in der Familie. Das Bedürfnis nach einer eigenen, auf Dauer angelegten spirituellen Gemeinschaft ist heute kaum noch vorhanden. Was damals mitschwang, waren vielfach auch die ungeklärte soziale Identität: Wie lässt sich denn spirituelle Praxis, zumal eine, die, wie in meinem Fall, interreligiös angelegt ist, leben? Und auch die Frage nach der Sexualität: Will/soll ich denn wie ein Mönch zölibatär leben oder doch in einer Gemeinschaft, in der Sexualität gelebt wird? Diese Fragen haben sich nach und nach gelöst.
Das Zen, das wir hier im Westen leben, ist zum allergrößten Teil ein Laien-Zen. Viele suchen darin vor allem einen Ausgleich zu ihrem Alltagsstress. Oft kommt es vor, dass Menschen im ersten Sesshin, in der Unbedarftheit ihres „Anfängergeists“, eine tiefe Ersterfahrung haben. Wer schließlich dabei bleibt, leidet nach einigen Jahren oft unter der Einseitigkeit des strengen Schweigens und des langen Sitzens sowie unter dem Problem einer mangelnden Integration von Sesshin und Alltag. Was in dieser Phase bei mir zur Erdung und -Integration half, war die Gründung einer Familie, die sich aus dem zunächst eher unbewussten Wunsch nach sexueller Gemeinschaft ergab und die ich bald als Kontext meines spirituellen Wegs akzeptierte.
Der soziale Yoga
Die familiäre Gemeinschaft ist traditionell nicht in erster Linie eine spirituelle Gemeinschaft, sondern sozusagen eine „natürliche“, in der Sexualität, die Sorge um die Versorgung und Erziehung der Kinder und die Einbettung und Eingebundenheit in die weiteren -Kreise natürlicher, wirtschaftlicher und politischer Gemeinschaften die Basis bilden. Zumindest verstehen wir dies in unserer heutigen, in vieler Hinsicht verwirrten, materialistischen, gottvergessenen Kultur so. Was aber heute vielleicht die größte Herausforderung ist, ist ein sozialer Yoga, ein Yoga der Gemeinschaft, in der wir lernen, das Zusammenleben als Ort der spirituellen Entwicklung zu sehen.
Ein Beispiel dafür ist etwa das Buch „Mit Kindern wachsen“ von Jon und Myla Kabat-Zinn, in dem es darum geht, wie man spirituelle Praxis in der Familie üben kann. Die Autoren sagen, man habe mit den Kindern 18 Jahre lang einen persönlichen Guru im eigenen Haushalt wohnen, der einem eben 18 Jahre lang 24 Stunden am Tag die wunderbare Möglichkeit gibt, Achtsamkeit zu üben; dieser Guru würde einem mit großer Zielgenauigkeit die eigenen Schwächen aufdecken. Ja, die Verhältnisse des alltäglichen Lebens müssen tatsächlich in den weiteren Zusammenhängen spirituellen Lebens gesehen werden, das ja vor allem darauf zielt, das Ego zu überwinden – nicht indem man es abtötet, sondern indem man es veredelt und dahinter das große Ich -entdeckt.
Dazu braucht es freilich auch immer wieder den Freiraum, sich für Zeiten zurückzuziehen, um zu sich zu kommen und um aus der Tiefenerfahrung heraus Inspiration zu bekommen und auch eine Relativierung der weltlichen Zusammenhänge: eine Schau des großen Ziels bzw. des ewigen Grundes. Diesen Freiraum an Zeit hätten sich im Grunde unsere westlichen Gesellschaften durch die Technisierung und sozialen Errungenschaften erkämpft. Aber hat man sie in ausreichendem Maße auch genutzt? Schaut man sich jedoch an, welche Zeit und Energie darauf verwendet wird, sich mit aller Gewalt auf niederen Bewusstseinsstufen zu halten, dann tut es nicht wunder, weshalb diese Errungenschaften durch den Druck der Verhältnisse scheinbar wieder zurückgeschraubt werden. Jean Gebser formulierte in den 50er-Jahren, dass wir unsere „Freizeit“ nutzen sollten, um „zeit-frei“ zu werden, sprich: um ein die spirituellen Ebenen integrierendes Bewusstsein zu erschließen. Sich herauszuziehen also aus den Verstrickungen des Weltlichen, um sie dann von der Tiefenschau her neu zu durchdringen und aus ihr heraus sinnvoll zu gestalten. Selbstverständlich ist das alles nicht einfach so machbar, sondern es ist ein aus dem Dialog zwischen Innen und Außen heraus sich gestaltender Prozess: der Prozess des Lebens, des Lebens aus dem Geist, „der weht, wo er will“.
Einsamkeit ist nicht alles
So unterschiedlich sich die spirituellen Lebensformen und Konzepte auch ausmachen, scheint mir als Schema doch überall gemeinsam zu sein, dass der Rückzug aus der Welt, mindestens zeitweise, eine gewisse Strukturnotwendigkeit für den inneren Weg ist. Die Einsamkeit ist aber nicht ein Ziel in sich. Auch der indische Mönch muss einen Zustand erreichen, der jenseits von Einsamkeit und Gemeinschaft ist. Die großen Gurus und Lehrer wie Shankara oder Ramana Maharshi kamen zurück in die Gemeinschaft der Menschen und lehrten den Weg jeweils in den Denkformen ihrer Zeit. Denn die Schau der Wahrheit kann ja nur eine sein, die das Sein insgesamt betrifft, eine alles integrierende Schau. Gerade im Buddhismus wurde die Komplementarität von Weisheitsschau und Mitgefühl – oder christlich gesprochen: von Gottesliebe und Nächstenliebe – stark empfunden. Das eine geht letztlich nicht ohne das -andere. So gelobt der Bodhisattva, so lange wiedergeboren zu werden und nicht in das letzte Verlöschen einzugehen, bis alle Wesen erlöst sind. Kann es einen stärkeren Ausdruck für die enge Verflochtenheit von mystischer Weisheitserkenntnis und der bleibenden kosmischen Verbundenheit mit allem Sein geben?
Ein Problem der religiösen Gemeinschaften ist immer, wie man die beiden Pole zusammenbringt, sich zu einer besonderen Gemeinschaft zusammenzuschließen, damit man in der Gemeinschaft Gleichgesinnter den geistigen Weg pflegen kann, und wie man das Verhältnis zum Rest der Welt pflegt. Im Christentum gibt es da den Missionsbefehl (Mt. 28, 18–20) in dem es darum geht, alle Welt zur Erfahrung der Wahrheit zu führen. Ähnlich wird das Verhältnis im Islam gesehen: Dort gibt es das Haus des Friedens und das Haus des Krieges. Alle, die Gott anerkennen, gehören zum Haus des Friedens, die anderen stehen außerhalb. Im Buddhismus sind alle Menschen potenzielle Buddhas; das Wirken derjenigen, die schon weiter fortgeschritten sind, geht dahin, den anderen ein Beispiel zu geben für den Weg. Der Unterschied ist jeweils nur ein gradueller. Auch im Hinduismus sind es graduelle Unterschiede, wobei das Verhältnis der natürlichen Gemeinschaften und des spirituellen Stands in Kategorien organischen Wachstums gesehen wird. Es sind letztlich natürliche Phasen des Lebenszyklus: In der Jugend geht man zum Lehrer, um die Grundlagen zu lernen. Dann gründet man eine Familie und wirkt in Beruf und Gesellschaft. Sobald die Kinder aber alt genug sind, zieht man sich zurück von der Arbeit und der Familie, um sich intensiv dem inneren Weg zu widmen und gar aus dem Geist zu leben.
Spiritualität und Moderne
Wenn wir uns heute auf den Weg der spirituellen Transformation begeben, dann können wir auf eine lange Tradition zurückblicken, in der die Bedingungen dieses Wegs auf vielfältige Weise erforscht und erfahren wurden. Die grundsätzlichen psychologischen Bedingungen sind ähnlich, der Mensch ist sozusagen derselbe. Die Lebens- und Denkformen aber sind sehr anders. Sicherlich braucht es auch heute noch spirituelle Gemeinschaften wie die religiösen Orden. Es braucht Orte, wo spirituelle Initiation möglich wird. Diese muss sich dann aber organisch in das gesellschaftliche Gesamt-leben übersetzen lassen. Denn: Kontemplative sehen nur die tieferen Dimensionen des einen Seins; die Trennung zwischen natürlicher und geistlicher Gemeinschaft ist keine prinzipielle, sondern eine graduelle, und integrierte Erfahrung geht, um mit dem Zen zu sprechen, mit leeren Händen zurück auf den Marktplatz. In allen Religionen gibt es diese Vision einer großen immanenten und transzendenten Gemeinschaft, die wir neu beleben müssen, mit ihren und jenseits ihrer traditionellen mythischen Fassungen. Wir müssen sie anpassen an und nutzbar machen für unsere heutigen sozialen, ökonomischen, ökologischen und politischen Verhältnisse.
Ob alte Formen oder neue Formen – echte Spiritualität geht immer vom Einzelnen aus, der sich in der universalen Gemeinschaft mit Gott und der gesamten Schöpfung erkennt und auf sie bezogen sieht, einer, der selbst in der Erfahrung steht und diese integriert hat. Die spirituellen Traditionen bieten Hilfen und kritisches Potenzial zur Ausbildung der Erfahrung. Was heute aber nicht mehr hilfreich ist, ist ein Dogmatismus (der sich nicht nur im Christentum findet). Dogmatismus gibt zwar eine feste Identitätsstruktur; er unterdrückt aber die freie Entfaltung der spirituellen Erfahrung. Insofern ist die heutige pluralistische, freiheitliche Gesellschaft eigentlich ein sehr gutes Pflaster für das Neuerblühen spiritueller Erfahrung. Ich denke, wir brauchen Orte der Initiation und der Pflege der Innerlichkeit. Wir brauchen aber auch neue Modelle, in denen sich die spirituelle Vision und unsere konkreten Gemeinschaftsformen verbinden.
Ich denke, dass es gerade heute wichtig ist, da die traditionellen Lebensformen sich immer weiter aufzulösen scheinen, aus der Wirklichkeit des Spirituellen und auf der Basis einer aus der spirituellen Schau heraus sich entwickelnden Ethik des Mitgefühls und der Nächstenliebe die natürlichen Bindungen neu zu durchdringen. Die Ideologie der Selbstverwirklichung als Befreiung aus den natürlichen Bindungen ist in der heutigen Gesellschaft nicht mehr nötig, ja sie trägt eher zur Entfremdung bei. Was wir heute betonen müssen, was wir nötig haben, ist die psychologische Basisernährung durch unsere natürlichen Beziehungen, Eltern- und Kindschaft, sexuelle Partnerschaft, Freundschaft, Engagement in Vereinen und Interessensgemeinschaften, die politischen Beziehungen in Gemeinde, Land und -Nation, in der universalen Gemeinschaft der Menschheit, der planetarischen Gemeinschaft aller Wesen bis hin zum Zusammenspiel der kosmischen Kräfte.
Darum müssen wir heute auch ein Zweites betonen: die eindeutige Ausrichtung auf Gott, auf die spirituelle Wirklichkeit. Dabei geht es nicht so sehr um die Sehnsucht nach Geborgenheit, sondern um die Sehnsucht nach Vervollkommnung, nach der Erfahrung der Einheit als dem Grund von Gemeinschaft. Die Sehnsucht nach Geborgenheit ist vielleicht mehr eine -zurückgewandte Motivation, zurück in die Kindheit, in den Mutterschoß. Die spirituelle Einheit ist eine Einheit, die die organische Entfaltung der Person und das anhaltende -Streben nach Vervollkommnung voraussetzt. Es ist ein Gang auch in die Individuation, in die Vereinzelung, die aber stets bezogen ist auf die Gesamtheit. Rudolf -Steiner schrieb dazu: „Im Sinne solcher Weltanschauungen leben, heißt, an seiner eigenen geistigen Vervollkommnung arbeiten. Und nur wenn der Mensch das tut, dient er dem Weltganzen. Sich vervollkommnen ist keineswegs Selbstsucht. Denn der unvollkommene Mensch ist auch ein unvollkommener Diener der Menschheit und der Welt. Man dient dem Ganzen umso besser, je vollkommener man ist.“ Die Liebe zu Gott erzeugt letztlich die Liebe zum Nächsten, denn sie beinhaltet die gesamte Schöpfungsgemeinschaft. Wir sind das Bewusstsein des Kosmos!
Wir besitzen eine neue spirituelle Freiheit
Der Weg also geht über den Einzelnen, ist als solcher aber immer bezogen auf die konkreten natürlichen Beziehungen, die Einbindung in den Kosmos. Dabei ist es immer wieder auch nötig, die spirituelle Vision in Lebensformen fließen zu lassen, die in der Lage sind, die Erfahrung zu fördern und Lebensformen zu entwickeln, die für das Leben auf der Erde zukunftsfähig sind. Wir werden keine Stämme mehr gründen -wollen, wir können und sollen nicht mehr zurückgehen in archaische Lebensformen, die freilich zu ihrer Zeit und auf ihre Weise die Erfahrung weitergegeben haben. Wir müssen selbstverständlich auch von diesen Lebensformen lernen und uns verbinden mit den Grunderfahrungen der Menschheit, wie sie in den Stammeskulturen z.B. noch aufbewahrt werden. Die Erfahrung weitergeben tut der Einzelne, der zu der Erfahrung erwacht ist, ob dies nun in einem südamerikanischen Indianerstamm geschah oder in New York City. Uns steht heute die ganze Bandbreite der Erfahrung der Menschheit zur Verfügung. Wir stehen in einem globalen Netz spiritueller Bestrebungen, die überall ihre lokalen Ableger haben. Das Schöne an der heutigen Situation ist, dass wir eine nie dagewesene Freiheit haben, zu experimentieren und uns mit allem zu befassen, was uns interessant und hilfreich erscheint.
Der Geist selbst wird diejenigen leiten, die von ihm inspiriert sind. Und er wird viele verschiedene Formen hervorbringen. ´
Christian Hackbarth-Johnson, Jahrgang 1964, Dr. theol., arbeitet als Yoga- und Zenlehrer und freier Theologe und Religionswissenschaftler in Dachau bei München.
www.hackbarth-johnson.de
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