Dieter Halbach berichtet über eine Woche der Begegnung von Gemeinschaften unter der Leitung von Thomas Hübl.
Verrückt geworden? Die Gemeinschaftsbewegung zu Füßen eines neuen Gurus? 90 Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften knien vor einem roten Sofa, darauf sitzt ein junger Mann. Immer wieder stellen sie ihm Fragen, halten sich an den Händen, weinen, schreien, tanzen, singen, kuscheln.
Es sind erdverbundene Ökos, konsenserprobte Basisdemokraten, sozialistische Kommunarden, Schüler verschiedener Meister, friedensbewegte Aktionisten, unternehmerische Visionäre. Alles gestandene Menschen, erprobt im Projektaufbau, geschult im gemeinschaftlichen Alltag, durch viele Krisen und Workshops gegangen. Hier wirken sie oft wie Kinder. Haben sie den Verstand verloren? Ist die Sehnsucht nach Verschmelzung mit ihnen durchgegangen? Haben jetzt auch sie die Flucht ins himmlische Nirwana angetreten? Oder in die Verantwortungslosigkeit des Here and Now?
Was geschieht, wenn …?
Was geschieht, wenn Menschen in ihrer eigenen Wahrheit ankommen? Wenn sie keine Angst mehr davor haben, sich zu zeigen? Wenn du durch deine eigene und unsere kollektive Geschichte hindurchgehst und auftauchst in der Gegenwart. Wenn dein Körper anfängt zu vibrieren vor Schönheit? Wenn du beginnst, aus deiner Seifenblase hinauszuschauen und dann immer mehr hinauszutreten? Wenn du umgeben bist von Menschen, die das auch tun. Wenn du berührt wirst. Wenn du in jedem Augenblick die Begegnungen und Erfahrungen erhältst, die du brauchst, um zu atmen, zu sehen, zu wachsen? Wenn du Verantwortung für dein Leben übernimmst und eintrittst in deine Kraft? Wenn nichts anderes geschieht, als das, wovor du immer weggerannt bist und was du dir immer ersehnt hast? Wenn du spürst, wie es ist, zuhause unter Menschen zu sein. Wenn das Leben durch das gemeinsame Feld frei zu fließen beginnt? Wenn du – obwohl du schon lange in einer Gemeinschaft lebst – jetzt spürst, was Gemeinschaft ist, und du ahnst, was sie sein kann? –
Nichts Besonderes ist geschehen. Nur das, was immer geschieht, wenn es geschehen darf. Thomas Hübl beschreibt die Grundlagen seiner Arbeit, die er „Sharing the presence“ nennt, so: „Es geht darum, diesen einen Moment jetzt zu erfahren. Wir lassen unsere Vergangenheit und Zukunft los und schauen, dass wir ganz und gar hier sind. Die Ausrichtung auf diesen Moment öffnet einen immensen Bereich an Wahrnehmung und Selbsterfahrung. Gemeinsam schauen wir, ob wir hinter unseren Geschichten eine intensive Verbindung mit der Quelle in uns herstellen können und ob wir diesen Kontakt mit der Quelle der Schöpfung noch präziser spüren können.“ Thomas Hübl hat keine neue Botschaft. Jeden Morgen liest er uns aus dem uralten Weisheitsbuch Daodejing: „Das Dao ist unbegrenzt, ewig. Warum ist es ewig? Es wurde nie geboren, folglich kann es nie sterben. Warum ist es unbegrenzt? Es hat keine Eigeninteressen; folglich steht es allen Wesen zur Verfügung. Der Meister bleibt zurück; eben darum ist er den anderen voraus. Er haftet nicht an den Dingen; ebendarum ist er eins mit ihnen. Weil er sich losgelassen hat, verwirklicht er sich vollkommen.“
Was Thomas hat, ist seine eigene Präsenz. Er ist das „Missing link“ zwischen dem Wunsch nach eigenem Erwachen und der eigenen Wirklichkeit. Seine Arbeit ist getragen von einer offensichtlich grenzenlosen Wachheit, seiner Fähigkeit, sowohl in jeden Einzelnen als auch in das gemeinsame Feld zu sehen und das an Unterstützung zu geben, was es braucht. „Jemand hat mal gesagt: ‚God is a living field‘. Ich bin einfach nur da, und zusammen mit der Gruppe entsteht dann ganz natürlich ein lebendiges Energiefeld, in dem es uns leichter fällt, durch unsere Geschichten hindurchzuschauen. Wir experimentieren in der Gruppe sowohl mit der Erfahrung, dass wir keine getrennten Wesen sind, sondern Teile eines einzigen Bewusstseinsstroms, als auch mit der Seifenblase, in der wir meistens leben. Wir lernen die Seifenblase besser kennen und machen Erfahrungen, die über diese Seifenblase hinausgehen. Ich habe vorher keine Konzepte. Die Grundlage für das, was passieren will, ist allein das Energiefeld, das wir durch das gemeinsame Dasein in der Gruppe schaffen. Wir sitzen in Stille, ich öffne mich für das Feld und es zeigt sich dann, was für diesen Moment und diese Situation angemessen ist, z.B. Partnerübungen, Tanz, Klang. Das Energiefeld jedes Einzelnen wird sich hierbei erhöhen, und unsere Konditio-nierungen, die uns im Alltag begleiten und unser Leben und unsere Erfahrungen begrenzen, werden sichtbarer, da ein viel höheres Bewusstseinsfeld entsteht. Gleichzeitig schaue ich, wo bei den Menschen im Energiesystem die stärksten Kontraktionen und Neins sind. An diesen Punkten sitzen die Dramen und Geschichten, mit denen wir identifiziert sind und die unser Gefühl nähren, getrennt zu sein. Und dann schauen wir, ob sich etwas bewegen will, damit mehr Freiheit, Klarheit, Wachheit und Freude entstehen kann.“
Einen großen Teil der Zeit arbeitet Thomas in der Gruppe mit einzelnen Menschen und ihren Blockaden. Mit Tiefe und Präzision berührt er die Menschen genau an dem Punkt, an dem sie gerade stehen und der etwas bewegen kann. Die Arbeit ist magisch wie bei einem Künstler oder einem Handwerker, der seine Werkzeuge kennt und jedes Stück in seinen Händen neu sieht und gestaltet. Durch diese behutsame Arbeit entsteht in mir Vertrauen und Erlösung jenseits von abgehobenen Konstrukten. Thomas Hübl ist der erste Guru, der für mich transparent ist und dem ich vertrauen kann. Und das geht nicht nur mir so.
Skeptische Fragen erlaubt
Doch keine Angst. Alle Skeptiker unter uns schauen genau hin, und alle Fragen und Zweifel werden gestellt und ans Licht geholt. Wer repariert die Wasserleitung, wenn ich nur noch meine eigene Wahrheit lebe? Was ist mit den Ausgebeuteten dieser Welt, deren Arbeit uns den Luxus der persönlichen Entwicklung erst ermöglicht? Warum wirken die Menschen oft so arrogant, wenn sie von Thomas nach Hause kommen? Wo ist die Grenze zwischen „in die eigene Größe“ kommen und Selbstüberschätzung, zwischen wahrem Schauen und Projektion? Gibt es keine Kritik an den Verhältnissen mehr, wenn wir alle Projektionen und Anhaftungen aufgelöst haben und nicht mehr gegen etwas, sondern nur noch für etwas sind? Löst sich der Kapitalismus dann in Wohlgefallen auf? Gibt es ihn vielleicht gar nicht?
Ich jedenfalls bin gespannt auf den Revolutionär, der seine Hausaufgaben gemacht hat. Und dazu sind wir alle hier verabredet. Darüber hinaus freue ich mich auf die Kraft zur Veränderung auch in der materiellen und sozialen Welt, die dann frei wird. Auch wenn nicht alle Fragen beantwortet sind und wir von Thomas immer wieder auf uns selbst zurückgeworfen werden, so werden die Fragen dennoch nicht zugeschüttet. Es bleibt keine Enge zurück.
Und das liegt auch an diesen wunderbaren Gemeinschaftsmenschen um mich herum. Das perfekte, nur für mich geschriebene Drehbuch läuft in jeder Begegnung, in jeder Pause. Noch nie habe ich so viele intensive und passende Spiegel erhalten. Auch wenn nicht alle Honig für mich waren, sondern manche auch Salz in meinen Wunden, so war es doch ein Hochgenuss.
Wir arbeiteten nur zeitweise und äußerlich betrachtet auf Thomas fixiert. In Wirklichkeit drehte sich das Rad ständig um unsere eigene Mitte, nur die Formen wechselten. Mal machten wir Partner- oder Gruppenübungen und übten uns im tiefen Schauen in das Energiefeld unseres Gegenübers, mal saßen die einzelnen Gemeinschaften auf dem „roten Sofa“ und wir gaben ihnen unsere Wahrnehmungen. Wir nährten das gemeinsame Feld mit Klängen und Mantren, weckten unsere Körper im Tanz oder schwangen uns ein in die Stille und den Zustand der Gesamtgruppe. Wir gingen innerlich zu unseren Heimatgemeinschaften und unseren Kindern zu Hause, wir verbanden uns mit der Weltfamilie.
Thomas als Energiekanal lädt kosmische Energie herunter in unser Feld („downloads“), gibt einzelnen Personen als Knotenpunkten Extraportionen davon. Dann gibt es wieder Fragestunden mit offenem Ausgang, der Blick wechselt von innen nach außen. Was ist die größte Vision für unsere Gemeinschaften und für die ganze Welt als unsere Familie? Oder im nächsten Moment: Wer bin ich gerade jetzt, wenn ich dieses Bild habe? Und dann platzt vielleicht die nächste Bombe in mir oder in dir und wird zur Blütenknospe, die uns alle befruchtet.
Nach einer Woche sitzen wir dann das erste Mal zur Abschlussrunde wieder in der gewohnt egalitären Kreisform. Die spirituelle Mitte ist leer. Kerzen brennen dort, Herbstlaub und Blumen liegt drumherum. Auch Thomas ist jetzt zurückgetreten in den Kreis der Gemeinschaft. Heimat scheint auf, wenn ich in die Gesichter der Menschen schaue. Lieder entstehen aus dieser Verbundenheit und fliegen hinaus in die Welt. Dann plötzlich entsteht Verunsicherung, wir unterbrechen uns, diskutieren, fallen zurück in die Getrenntheit. Das Lied stockt. Willkommen zu Hause! Wir sind wieder in unserem eigenen, selbstverantwortlichen Alltag angekommen. In mir ist ein großes Lachen über diesen kosmischen Witz einer gekonnten Bauchlandung am Ende. Alles ist gut, wie es ist, und alles wird sich ändern.
Was in mir gerade geschieht
Es ist der Morgen danach. Ich habe meine Tochter Sonja geweckt und zum Schulbus gebracht. Ich habe in bekannte Abläufe und Gesichter gesehen. Erwartungsvolle Neugierde der Zuhausegebliebenen. „Na wie war’s beim Hübeln?“ Da ist ein inneres Lächeln. Alles fühlt sich vertraut und zugleich neu an. Ich habe gerade mit den anderen meditiert, und jetzt erinnere ich mich beim Schreiben. Es ist eine große Dankbarkeit da. Es war wie eine göttliche, vielschichtige Symphonie, die mir mein Leben gespiegelt hat.
Nach über 50 Jahren konnte ich endlich die Tränen über meinen abwesenden Vater weinen. Tränen über all die Männer im Faschismus, all das nicht gelebte Leben. Ich bin durch die unendliche Steppe der Trauer geritten und gestärkt wieder aufgetaucht. Es waren oft nur Minuten, und alles schien von mir abzufallen. Ich weiß nicht, was ich noch alles zu konfrontieren habe. Thomas hat versprochen, mich nicht in Ruhe zu lassen; ich bräuchte ein Spezialtraining. Es entsteht ein Hauch von Freude darauf. Freude auf das Abenteuer meines Lebens. In mir brummt ständig die wiedergefundene väterliche Energie. Meine Liebe, Direktheit und Kraft ist da. Alles ist leichter und fließt durch mich hindurch. Und ich habe wieder Lust auf Gemeinschaft.
Die Woche war der Beginn eines gemeinsamen Jahrestrainings der Gemeinschaften mit Thomas Hübl. Schon seit einigen Jahren ist ein freundschaftliches Netz zwischen den Gemeinschaften am Entstehen. Vor über zehn Jahren habe ich es zum Beispiel mit den „Come-together“-Sommercamps der Gemeinschaften mitinitiiert. Jetzt wird es immer persönlicher, umfassender, heißer und dichter. Auch das ist im Abschlusskreis zu spüren. Was wird geschehen, wenn es anfängt, immer stärker zu glühen und auszustrahlen, jede und jeder dabei in der eigenen Kraft und Wahrheit? Was wird geschehen, wenn wir nicht mehr aufhören, zu singen, bis die ganze Welt mit uns singt? Verbunden in dem Einen Lied. Was wird geschehen …? ´
Zum Hintergrund der Veranstaltung
Die 90 TeilnehmerInnen des Jahrestrainigs mit Thomas Hübl kamen von: Ökodorf Sieben Linden, Kommune Niederkaufungen, ZEGG, Lebensgarten Steyerberg, Kometha Grützdorf, Parimal Gut Hübenthal, Ökolea, Stamm Füssen, Heckenbeck, Lebenstraum Jannishausen, Wiezow, Lübnitz, Hof Carlow, Tollense Lebenspark, Hof Oberlethe, 3 Eichen Jugendprojekt, Noyana, Haus Yogavida
Der Ort der Begegnung:
Alle waren fasziniert von der Ausstrahlung der Menschen und der Kraft des Tollense Lebensparks. Seit Anfang 2006 entsteht in der Nähe von Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern auf einem 65 Hektar großen Grundstück mit Schloss und einem wunderschönen Park am See ein großes Gemeinschaftsprojekt. Einer der Schwerpunkte des Projekts ist der Heilungsbereich. Die Gründungsgruppe kennt sich aus der Artabana- Bewegung.
Weitere Informationen:
Tollense Lebenspark, Schlosspark, 17217 Alt Rehse, Tel. (03962) 221851, Email: info@tollense-lebenspark.de, www.tollense-lebenspark.de.
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