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Saharasia
erschienen in Ausgabe 149  PDF-Version (272.06 KB)
Von der Verwüstung der Liebesfähigkeit. Jochen Schilk stellt James DeMeos Theorie zum Ursprung sozialer Gewalt vor.

In dieser Folge von Andere Welten widme ich mich ausnahmsweise nicht dem „Wohin gehen wir?“, sondern der Frage „Woher kommen wir?“. Nur wer die psychosozialen Mechanismen kennt, die in die gegenwärtige globale Krise geführt haben, kann richtige Schlüsse für die Erschaffung einer anderen Welt ziehen. Der amerikanische Geograph und Reichianer James DeMeo will entdeckt haben, wie und wann zum ersten Mal zwischenmenschliche Gewalt aufkam und warum dieses Verhalten durch die Generationen weitergegeben wurde und schließlich fast die ganze Welt eroberte. Das verblüffendstes Ergebnis seiner Forschung: Der Umbruch von einer globalen „friedliebenden und liebevollen Kultur“ zu dem, was wir heute Patriarchat nennen, ist – menschheitsgeschichtlich betrachtet – noch gar nicht so lange her. Ist seine Theorie in vielen Punkten zwar durchaus umstritten, scheinen mir manche Gedanken DeMeos insteressant genug, um sie zur Diskussion zu stellen.


Anfänglich wollte James DeMeo seine Examensarbeit über die Wirksamkeit von Wilhelm Reichs „Cloudbusters“ schreiben. Weil diese Vorrichtung zum Abregnenlassen von Wolken jedoch auf den – wegen seiner Arbeit zur sogenannten Orgonenergie – wissenschaftlich geächteten Psychoanalytiker und Lebensenergie-Forscher Wilhelm Reich (1897–1957) zurückgeht, wollte keine Universität das Thema des eigentlich „exzellenten Studenten“ annehmen.
James DeMeo entschied sich dann für ein anderes Forschungsthema, das sich allerdings bald als nicht weniger brisant entpuppte: Weil ihn auch Reichs sexual-ökonomische Thesen interessierten, trug er frühe ethnologische und archäologische Daten zu der Frage zusammen, wie bestimmte, von der europäischen Zivilisation noch unbeeinflusste Völker ihre Kinder und Säuglinge behandelten und wie der Status der Frauen in diesen Gesellschaften beschaffen war. Anhand dieses Materials erstellte er dann am Computer Karten, die zeigten, wo bestimmte Verhaltensweisen vorkamen. Insbesondere interessierte ihn dabei, in welchen Gebieten die Menschen ihre männlichen Säuglinge und weiblichen Kinder beschnitten – wo ihnen also zum Teil schwere Traumata zugefügt wurden – und wo die Erwachsenen dagegen weder den freien Ausdruck der kindlichen Sexualität unterdrückten noch Kinderhochzeiten arrangierten. Das Muster, das die so entstandenen Karten zeigten, war „absolut erstaunlich“, denn das am extremsten traumatisierende und suppressive Verhalten konzentrierte sich offensichtlich auf eine der extremsten Klimazonen der Erde: Das ungeheure Wüstengebiet, das sich von -Nordafrika (Sahara) durch den mittleren Osten (Arabien) bis Zentralasien erstreckt – und das DeMeo fortan abkürzend als „Saharasia“ bezeichnete. In Anlehnung an das Patriarchat verwendete er für die dem Leben nicht zuträglichen Verhaltensweisen außerdem das Adjektiv „patristisch“ (siehe Tabelle und Karten in der PDF-Version dieses Artikels [siehe Link unten]).

Gepanzert wie Kakteen

Die Entdeckung, dass dieses größte zusammenhängende Wüstengebiet zugleich der Ort ist, an dem das menschliche Verhalten am rauhesten, kriegerischsten, kinder-, sexual- und lustfeindlichsten ist, erinnerte James DeMeo an eine Bemerkung seines historischen Mentors Wilhelm Reich. Dieser hatte festgestellt, dass sich anhaltender Stress – insbesondere Stress durch physischen oder psychischen Mangel oder durch Gewalt – beim Menschen in einer neuro-muskulären Dauerkontraktion niederschlägt. Dieses Phänomen bezeichnete Reich als „Panzerung“, da sich die muskulären und charakterlichen Verhärtungen in einem psychosomatischen Prozess wie eine Rüstung um den menschlichen Körper und um seinen psychisch-seelischen Aspekt legen, um diese für weitere Schläge unempfindlich zu machen. Zugleich bewirke dieser Panzer allerdings auch eine Unfähigkeit, solch tiefe Entspannungszustände zu erleben, wie sie für ein gesundes psychisch-physisches Gleichgewicht unverzichtbar sind. Wilhelm Reich hatte in diesem Zusammenhang bemerkt, dass die von ihm entdeckte Körperpanzerung möglicherweise etwas mit der Wüste und Wüstenbildung zu tun habe, da in dieser Umgebung auffallend viele Pflanzen und Tiere, etwa Kakteen oder Eidechsen, eine extrem dicke Hautpanzerung aufweisen.
DeMeos Ergebnisse schienen dieser Vermutung Reichs weiteres Gewicht zu verleihen. Um die Beziehung zwischen den ethnologischen und archäologischen Befunden sowie den geschichtlichen Abläufen zu verstehen, befasste er sich nun mit der natürlichen Geschichte der Saharasia-Region sowie mit den historischen Wanderungsbewegungen der dortigen Menschen. Schnell fand er heraus, dass dieses Gebiet gemäß den Paläo-Klimatologen die meiste Zeit in der Geschichte ein feuchtes, üppig bewachsenes, halb bewaldetes Grasland war, das erst in der Zeit zwischen 4000 und 3500 vor Christus relativ rasch auszutrocknen begann. „Als ich mir ansah, wie das Verhalten während der feuchten und üppig bewachsenen Periode war, fiel auf, dass es für diesen Zeitraum absolut keine Hinweise für kriegerische Auseinandersetzungen, für die Unterordnung der Frau oder für chaotische soziale Verhältnisse, die zu Befestigungen geführt hätten, gab. Es gab weder kriegerische Waffen noch Hinweise auf männliche Götter, noch Anzeichen für irgendwelche männerdominierten Krieger-Kulte oder für Gewaltanwendung.“
Ab dem Zeitpunkt jedoch, an dem Saharasia auszutrocknen begann, offenbarten die wissenschaftlichen Daten DeMeo ein expandierendes Sozialgefüge, das erstmals in der gesamten Vor- und Frühgeschichte Tempel für männliche Götter errichtete, und deren weibliche Gottheiten den männlichen untergeordnet waren. Diese Gesellschaften kannten plötzlich Waffen, Befestigungsanlagen, Genitalbeschneidungen, Hierarchien, Bestrafung, Menschenopfer und Ritualmorde an Frauen – allesamt deutliche Hinweise für einen patriarchalen Kulturumbruch.
Zwar nahmen diese Veränderungen von friedfertigen hin zu gewalttätigen sozialen Verhältnissen sehr viele Jahre oder auch Generationen in Anspruch, aber sie scheinen letztlich nur durch die eine starke Klimaveränderung eben dieser Region in der Zeit nach 4000 v.Chr. in Gang gebracht worden zu sein. Warum aber ist dieser Zusammenhang nicht in allen Wüstengegenden der Erde zu beobachten? Es gibt ja – etwa mit den australischen Aborigines – durchaus auch Beispiele für wenig bis gar nicht patriarchalisierte Wüstenvölker. DeMeo erklärt diesen Umstand vor allem mit dem besonders raschen und extremen Austrocknungsvorgang in dem unvergleichlich großen Gebiet der Saharasia. Trockenheit sei besonders unter Subsistenzwirtschaft betreibenden Völkern einer der ersten Gründe für Hunger und Mangel und könne all deren soziale und familiäre Bindungen zerstören: „Wir haben zeitgenössische und historische Beispiele, wo dies geschieht. Die ausgemergelten und hungernden Säuglinge der afrikanischen Völker, die wir in den letzten Jahrzehnten im Fernsehen gesehen haben, durchleben in ihren hilflosen und bemitleidenswerten Zuständen eine Hölle von tiefen emotio-nalen und physischen Schocks. Diese Kinder verdorren und schrumpfen buchstäblich weg, körperlich und gefühlsmäßig. Wenn die Mangelsituation schlimm genug ist, erreichen sie später nie wieder ihre vorherigen Potenziale.“

Mangel – Wegbereiter des Patriarchats

James DeMeo entwirft – ebenso wie andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich unter dem Begriff der Matriarchatsforschung subsumieren lassen – das Bild einer friedlichen, ja „liebevollen“ Kulturform, die vor dem Aufkommen patriarchaler Verhaltensweisen überall auf der Welt unter den Menschen üblich war. Insbesondere respektierten und ehrten die einzelnen „matriarchalen“ Gesellschaften die natürlichen Beziehungen zwischen Mutter und Kind, unter Kindern und nicht zuletzt auch zwischen Frau und Mann. Natürlich kannte diese Kultur in jedem Winkel der Erde ihre spezifische Ausformung, aber sie war in jedem Fall konsequent darauf ausgerichtet, die natürlichen psycho-sozialen und körperlichen Bedürfnisse der Menschen zu unterstützen. DeMeo fasst seine diesbezüglichen Befunde zusammen, indem er darauf hinweist, dass die angeborenen Teile menschlichen Verhaltens „auf die lustorientierten Aspekte sozialen Lebens beschränkt“ seien. Diese lustorientierten Aspekte sozialen Lebens seien es außerdem, „die ausgeprägte Vorteile für das Überleben und die Gesundheit des wachsenden Kindes gewähren und die den sozialen Zusammenhalt sichern.“ (Hier sei ausdrücklich auf den „Weltenschöpfer“-Artikel von Willi Maurer auf den Seiten des Holon-Netzwerks dieser Ausgabe verwiesen, der thematisch eng mit der DeMeos-Theorie zusammenhängt.)

Vertreibung aus dem grünen Paradies

Als jedoch vor etwa 6000 bis 5500 Jahren die riesige, bis dato sehr fruchtbare Saharasia-Region stellenweise relativ abrupt auszutrocknen begann, sahen sich die dort lebenden Völker und Stämme oftmals unvermutet gezwungen, ihren angestammten Lebensraum zu verlassen. Durch den von der anhaltenden Trockenheit ausgelösten Nahrungsmangel ohnehin stark entkräftet, brachen die Menschen auf der Suche nach Wasser und Weidegründen zu langen, entbehrungsreichen Wanderungen auf. Die Ausnahmesituation der Flucht brachte das fein abgestimmte Sozialleben der Gemeinschaft meist vollständig zum Erliegen: Alte und Schwache blieben auf der Strecke zurück, und die Mütter hatten weder Zeit noch Kraft noch Ressourcen, um sich ausreichend um ihre Kinder zu kümmern. Es deutet einiges darauf hin, dass zu dieser Zeit aus den für den Kindertransport verwendeten Tragekörben das sogenannte immobilisierende Wickeln entstand: Babys und Kleinkinder wurden während der Flucht so sehr in Tücher eingeschnürt, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten. Erstmals gibt es aus dieser Periode auch archäologische Beispiele für die absichtliche Deformation von Babyschädeln durch dauerhaftes Festbinden auf (und zwischen) Brettern sowie durch festes Einwickeln.
Die Austrocknung eines gigantischen Wüstenbereichs begünstigte also – vermutlich zum ersten Mal in der Frühgeschichte – die Entstehung einer mitgliederstarken Generation, die nicht mehr „lustorientiert“ in der Geborgenheit einer funktionierenden Gemeinschaft aufwachsen durfte, sondern vielmehr durch traumatisierende Entbehrungen und Misshandlungen geprägt wurde.

„Das hat mir auch nicht geschadet!“

Diese Menschen unterschieden sich von ihren Eltern und Großeltern dadurch, dass sie gewissermaßen abgestumpft und neurotisch waren. Die bereits oben angesprochenen psychosomatischen „Panzerungs“-Prozesse, die durch derartig schwere Mangelsituationen oder durch andauernde gewalttätige Konditionierung ausgelöst werden, spielen nun eine wichtige Rolle in der Theorie zur weiteren Ausbreitung patriarchaler Verhaltensweisen: Menschen mit starker „Charakter- und Muskelpanzerung“, denen es nicht erlaubt war, sich lustorientiert zu entwickeln (und die insbesondere starke Defizite beim Erforschen und Ausleben ihrer sexuellen Bedürfnisse haben), können es nicht ertragen, wenn sie diese – eigentlich natürlichen – Regungen bei anderen Menschen oder Heranwachsenden erkennen. Reflexartig tun sie alles Erdenkliche, um das Ausleben lustorientierter Impulse zu unterbinden – was zur Folge hat, dass sich solche „neurotischen Komponenten der Erziehung von Generation zu Generation“ fortsetzen: Sätze wie „Mein Vater schlug mich auch, und es hat mir nicht geschadet“ werden laut DeMeo samt der darin anklingenden patristischen Verhaltensweise immer weitergegeben:
„Die meisten rituellen Bestrafungen und Beschränkungen fallen gegenüber Frauen schmerzhafter aus, obwohl auch Männer in weitem Maße davon betroffen sind. Forderungen nach Schmerzerduldung, emotioneller Unterdrückung und nach unkritischem Gehorsam gegenüber älteren (gewöhnlich männlichen) Autoritätsfiguren, was entscheidende Lebensfragen betrifft, sind integrale Aspekte dieser sozialen Institutionen, die sich auch auf die Kontrolle erwachsenen Verhaltens erstrecken. Sie werden vom durchschnittlichen Individuum innerhalb einer gegebenen Gesellschaft unterstützt und verteidigt und ungeachtet ihrer schmerzvollen, lust-unterdrückenden oder lebensbedrohenden Konsequenzen unkritisch als ‚gute‘, ‚charakterhärtende‘ Erfahrung oder als Teil der Tradition betrachtet. Trotzdem ist bewiesen, dass die neurotischen, psychotischen, selbstzerstörerischen und sadistischen Komponenten menschlichen Verhaltens von diesem Komplex schmerzvoller und unterdrückender sozialer Institutionen herrühren und sich in einer großen Fülle von sowohl verstellten und unbewussten als auch überaus klaren und offensichtlichen Formen ausdrücken.“

Die Brutalos setzen sich durch

Der hier geschilderte patriarchale Verhaltens-Automatismus ist unschwer auch noch in der heutigen westlichen Gesellschaft zu erkennen – und wer ehrlich ist, der findet wohl einiges davon im eigenen Umfeld oder gar bei sich selbst. Die auf Wilhelm Reich zurückgehende Erkenntnis zur Neurosen-Entstehung erklärt also recht plausibel die Weitergabe von patriarchalen Verhaltensweisen über die Generationen. – Was sie jedoch noch nicht erklärt, ist deren offensichtlich erfolgte räumliche Ausbreitung über die neue Saharasia-Wüste hinaus. DeMeos weitere Forschungen ergaben diesbezüglich, dass es durch die massenhafte Flucht aus den Wüsten in die angrenzenden Feuchtgebiete in der Folge vermehrt zu Spannungen mit den dort angestammten Völkern kam. Hier und dort wurden Raum und Ressourcen eng. Einige der durch die Flucht traumatisierten Völker müssen in ihrer Not schließlich auf die Idee gekommen sein, den eigenen Lebensunterhalt auch durch Überfälle auf die Selbstversorger-Gesellschaften in den noch fruchtbaren Gegenden be- und erstreiten zu können. Wie bereits erwähnt, belegen archäologische Funde aus der klimatischen Übergangsphase einen radikalen Umbruch in der Kultur jenes Gebiets. Nirgendwo auf der Welt gibt es für die Zeit vor 4000 v.Chr. Beispiele für das, was sich nun in den Anrainergebieten Saharasias abgespielt haben muss: Erstmals überfallen bewaffnete Horden in organisierten kriegerischen Raubzügen die Siedlungen noch friedlich-liebevoll lebender Menschen. Als Antwort auf die regelmäßigen Beutezüge werden diese Siedlungen nun allmählich mit Mauern und anderen Wehranlagen befestigt. Doch das Kriegsprinzip ist bereits unauslöschbar in die Welt gesetzt, und in den meisten Fällen haben die militärisch unbedarften Völker den patriarchal konditionierten Plünderern auf Dauer nicht viel entgegenzusetzen. Aus wiederholt ausgeraubten Völkern werden mit der Zeit planmäßig unterdrückte und ausgebeutete Sklaven bzw. Unterklassen – die Keimzelle hierarchischer Staatsmodelle entsteht …
Mit der weiteren Wüstenausbreitung erobert sich auch der patriarchalisierte Gürtel um die Wüste einen immer größeren Einflussbereich. Die Domestizierung von Kamel und Pferd als militärische Reittiere ermöglicht bald immer ausschweifendere Raubzüge in das Gebiet der alten matriarchalen Kultur hinein. James DeMeo über den Niedergang „matristischer“ Verhaltensweisen: „In den Grenzländern verankerte sich der Patrismus nicht auf der Grundlage von Wüstenbildung oder Hungersnöten, sondern durch die Vernichtung der ursprünglichen matristischen Bevölkerung und deren Ersatz durch Gruppen patristischer Eroberer – oder durch die erzwungene Annahme neuer patristischer sozialer Einrichtungen durch eben diese Völkergruppen.“ Der Siegeszug der neuen Unkultur ist also bald nicht mehr zu stoppen, und auch entferntere Weltgegenden entgehen einer Infektion nur im Ausnahmefall. Das matriarchale Europa kommt durch den Einfall sogenannter „Kurgan-Streitaxt-Völker“ ab 3500 v.Chr. zunehmend mit der zwingenden Logik der Gewalt in Berührung; weitere Überfallwellen durch verschiedene patristische Völker folgen: Skythen, Sarmantier, Hunnen, Araber, Mongolen und Türken. Schließlich verdrängen Kelten, Germanen und Römer sowie natürlich die christliche Mission die verbliebenen Reste der alteuropäisch-matriarchalen Kultur fast vollends, zuletzt in der nordwestlichen Randzone Europas, in Irland und Skandinavien. Ähnliches gilt für den übrigen Planeten: Im Lauf der Jahrhunderte und Jahrtausende gelangen Gewalt und Herrschaftsdenken über die Ozeane bis in die letzten Winkel der Erde. Auf Einführung der Gewalt gegen Menschen folgt spätestens in jüngerer Zeit der großräumige totale Krieg gegen die Natur, der vielerorts verwüstete Landschaften zurücklässt. Indem es also die Bedingungen der Wüste auch woandershin mitnahm, machte das Patriarchat Verwüstung zu einem Grundprinzip.

Heilung durch Selbsterkenntnis

Lediglich mit Blick auf die Handvoll bis zum heutigen Tag bestehenden matriarchalen Gesellschaften lässt sich ermessen, welch schrecklicher kultureller Verlust vor sechstausend Jahren im Saharasia-Gebiet seinen Anfang nahm. Wie in diversen KursKontakte-Artikeln gezeigt wurde, ist die Matriarchatsforschung heute in der Lage, uns detailliert Auskünfte über die verschiedenen Aspekte historischer und zeitgenössischer friedlich-liebevoller Kulturen zu geben. Mit dem kollektiven Wieder-Erinnern der ursprünglichen Form menschlichen Zusammenlebens tut sich eine mächtige Alternative zur heute global vorherrschenden Zerstörungskultur auf, wenn – ja wenn es gelingt, dieses Wissen in eine zeitgemäße Vision zu verwandeln! Denjenigen Zweigen der Matriarchatsforschung, die sich, wie James DeMeo, vornehmlich mit der Erforschung des Patriarchats befassen, kommt dabei eine besonders wichtige Rolle zu, deuten sie doch auf die Wurzeln des heutigen Übels: auf die Ursprünge jener hochexplosiven Mischung aus sozialen, ökologischen und spirituellen Problemen, die sich mit dem Begriff „globale Krise“ nur unzulänglich beschreiben lassen. Die klärenden Einsichten in die Matrix der Zerstörungskultur können bei genügender Verbreitung geradezu therapeutische Wirkungen zeitigen. In den Abgrund führende Wege müssten nicht mehr gegangen werden, sobald das patriarchale Muster als solches allgemeine Betrachtung erführe.
Selbsterkenntnis, so der Volksmund, ist der erste Schritt zur Besserung. Die gewalttätige Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen durch Menschen ist als Phänomen gerade einmal fünf- bis sechstausend Jahre alt. Wie heilsam wäre es für die sehr viel ältere Menschheit, wenn sie nun allmählich verstünde, dass sie nicht „von Natur aus“ gewalttätig und egoistisch ist! ´


Quellen:
Interview mit James DeMeo im Wildlife-Magazin, Ausgabe 4/1989, in: emotion – Beiträge zum Werk von Wilhelm Reich, Nr. 10, 1992, Berlin • Übersetzte Zusammenfassung von James DeMeos Dissertation, ebenda. (Beide Artikel siehe www.Mama-Anarchija.net) • James DeMeo: Saharasia – The 4.000 B.C. Origins of Child Abuse, Sex Repression, Warfare and Social Violence in the Desert of the Old World, Greensprings, 1998• James DeMeo: Saharasia. Die Ursprünge patriarchaler autoritärer Kultur in Verbindung mit prähistorischer Wüstenbildung, in: Heide Göttner-Abendroth (Hrsg.): Gesellschaft in Balance, Dokumentation des 1. Weltkongresses für Matriarchatsforschung, Kohlhammer, Stuttgart, 2006

Internet:
http://www.saharasia.org
http://www.orgonelab.org/saharasia_de.htm (Deutsch)
http://www.orgonelab.org/SaharasiaNewUpdate.pdf

Die PDF-Druckversion mit diversen Karten und Tabellen ist ab April auf www.kurskontakte.de zugänglich oder ab sofort unter
http://www.mama-anarchija.net/matriachat/entstehung.html





Der Artikel hat Rüdiger Vogt aus Gladenbach zu einem Leserbrief veranlasst. Vielen Dank für diese Rückmeldung!


Inzwischen durften wir erfahren wie die Gewalt-Unkultur des Patriarchats entstanden ist. Ich frage mich: Wie wird sie fortwährend am Leben gehalten? Und wo ist die Tür aus dieser Truman-Show?

Meine Beobachtungen zeigen mir: Das Patriarchat sitzt u.a. als Religion in den Seelen der Menschen fest. Es ist dort missionarisch, übergriffig eingepflanzt worden; immer da, wo vorher etwas Besseres war. Über diese Programmierung und Domestizierung der Menschen vermag sich das Patriarchat jederzeit zu reproduzieren. Alle wesentlichen Institutionen, nicht nur die Kirchen, sind dazu definitorisch-patriarchal ausgestattet. Auch die religiöse Verkündigung in den Medien wird in ihrer Aufdringlichkeit und Magie unterschätzt. Jede/r kann die wahnsinnigen Auswirkungen des Patriarchats empirisch zwar erkennen, aber woher sie ursächlich stammen, bleibt weitgehend in uneinsehbaren Räumen.

Und nun das Matriarchat? Die Göttinnenverehrung hat viele Jahrtausende gut funktioniert und zwar zum Wohle des Ganzen. Göttin stand auch nicht für ein hierarchisches Verständnis. Das zeigen sehr schön die Merkmale des Matriarchats: Immanente Spiritualität, gemeinsame Ökonomie, Konsensentscheidung,Gemeinschaftsbildung und ein völlig anderer Umgang mit Liebe und Sexualität.

Eine zeitgemäße Vision auf der Grundlage der Matriarchatsforschung wird trotzdem keine Göttin ins Bild nehmen. Der Begriff der Verbundenheit allen Seins ist da und lässt mit dem Herzen fühlen, dass wir in einer umfassenden Liebesgemeinschaft stehen. Die Gemeinschaftsbewegung hat die Chance und sie beginnt sie zu nutzen, „Liebesfelder“ auszubilden und zu verdichten, um dieses Potential sichtbar zu machen und in Wirkung zu bringen.

Hier entsteht vielleicht eine neue zeitgemäße Spiritualität: die des Zusammenschlusses, die ohne Gott und Göttin auskommt. Zyklische ekstatische Liebesfeiern des gesamten kosmischen Biotops. Da möchte ich dabei sein !

Der Exzess des Krieges ist ja nichts weiter als die Verdichtung des patriarchalen Irrtums, und damit die höchste Form patriarchaler Spiritualität.

Um auf der anderen Seite der Spiegelachse in eine derartige Erlebnis- und Wirksamkeitsdichte zu kommen, braucht es eine Spiritualität in Anbindung an die matriarchalen Traditionen. Eine Spiritualität, die sich in zyklischen Feiern einer Liebes- und Geschenkkultur bewegt, und von hieraus die Welt erschafft aus der schöpferischen Magie der Verbundenheit allen Seins.

Vielleicht war das in einer Weise vor 4OOO Jahren noch weitgehend der Fall. Und nur so konnte sich die Evolution fortsetzen.

Gladenbach, den 17.März 2OO7
Rüdiger Vogt




  Autoren

Schilk, Jochen

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