Lara Mallien porträtiert die Landschaftsarchitektin und Permakultur-Designerin Sonja Hörster.
IIm Oktober 2004 fand in der Stadt Saarbrücken ein recht ungewöhnlicher Prozess statt. Wenn die Neuplanung einer vernachlässigten Freifläche im öffentlichen Raum ansteht, wird in der Regel ein Profi zu Rate gezogen, der seine Vorschläge im Alleingang erarbeitet. Als es jedoch um den brachliegenden Anger im Stadteil Dudweiler ging, waren alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt als Planer eingeladen, an diesem Ort etwas Neues entstehen zu lassen. Schließlich waren es 25 Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen und Interessen, Jugendliche ebenso wie Siebzigjährige, die das Grundstück abschritten, diskutierten und Entwürfe zeichneten. Nichtsdestotrotz war es eine -professionelle Angelegenheit: eine Planungswerkstatt der Landschafts-architektin Sonja Hörster.
„Das war ein Pilotprojekt des saarländischen Umweltministeriums,“ berichtet sie. „Zuerst gab es Widerstand gegen das Projekt. Viele haben gesagt: ‚Was werden Bürger, die das noch nie gemacht haben, uns dorthinplanen?‘ Aber der gemeinsam erarbeitete Vorschlag fand großen Anklang und ist einstimmig vom Stadtrat angenommen worden. Bei der Einweihung des ersten Bauabschnitts im vergangenen Jahr konnte ich den Stolz der Menschen erleben, die sich daran beteiligt hatten.“
Raum für Eigendynamik
Wir sitzen mit Sonja Hörster im sonnendurchfluteten Wohnzimmer. Sie hat uns mit einer Gruppe von Menschen besucht, die sie gerade beim Aufbau einer ökologischen Gemeinschafts-Siedlung im mecklenburgischen Tollensetal berät. Im Gespräch über ihre Planungswerkstätten kommen wir immer wieder auf das Prinzip der Selbstorganisation – eine zentrale kulturkreative Idee. Ich sehe eine Zelle vor mir, eine beliebige Zelle irgendwo in meinem Körper, die nur durch die Kraft der Selbstorganisation überhaupt leben kann, eine geheimnisvolle Kraft, die nichts anderes hervorbringt als Leben und in der sich die unterschiedlichsten Einzelwesen vereinigen, um gemeinsam etwas Größeres entstehen zu lassen. Die kulturschöpferischen Potenziale einer Gesellschaft werden wohl erst dann frei, wenn sie Räume schafft, in denen sich genau diese Kraft auf allen Ebenen entfalten kann.
„Ich habe mich gefragt, was entsteht, wenn man Strukturen der Natur, Merkmale eines Öksystems, wie z.B. Selbstorganisation, auf Planungsprozesse überträgt,“ erzählt Sonja. „So verstanden, ist ein Planungsprozess vor allem auch eine Auseinandersetzung mit den Menschen, die den betreffenden Raum nutzen werden. Mit Laien eine Freiraumgestaltung zu realisieren, ist jedesmal ein kleines Wunder. Ich kann gar nicht erkären, warum es überhaupt so gut klappt. Wesentlich scheint zu sein, dass ich die Beteiligten dazu animiere, intensiv den betreffenden Ort mit allen Sinnen wahrzunehmen. Damit verlassen sie die Ego-Perspektive, schauen sich den Ort wirklich an und kommen mit diesem und miteinander in einen Dialog. Sie entwickeln dann auch ein Verständnis für die Rahmenbedingungen und suchen nach einer guten Lösung für den Ort. Vor jeder Planungswerkstatt frage ich mich, ob es denn wieder funktionieren wird. Obwohl ich mich vorher mit dem Ort auseinandersetze, bemühe ich mich, mir keine Bilder von einer möglichen Gestaltung zu machen, um die Dinge frei entstehen zu lassen. Im gemeinsamen Prozess mit den Menschen vor Ort finden sich dann Lösungen, auf die ich selber nie gekommen wäre. Diese Eigendynamik entsteht nur dann, wenn man loslassen kann. “
Loslassen können, nicht mehr an einer fixen Idee festhalten, sondern schauen, was „wirklich“ dran ist – gab es Herausforderungen in ihrem Leben, in denen sie das lernen musste?
Sonja wollte ursprünglich Landwirtin werden. Sie ist zwar ein Stadtkind aus Wuppertal, aber das Landleben kannte sie von kleinauf durch den Fachwerkhof ihrer Großmutter, die noch mit 70 Jahren Holz hackte und ihren riesigen Gemüsegarten bestellte. Im 10. Schuljahr besuchte sie im Rahmen einer Projektwoche einen Demeterhof. „Als wir dort ankamen, habe ich in die Küche geschaut und gesehen, wie die Leute dort das Mittagessen vorbereitet haben. Seitdem wusste ich: Da möchte ich auch einmal stehen.“ Nach dem Abitur bewarb sie sich auf dem Hof für ein Praktikum. Aber statt in die Küche schickte man sie auf den Acker. „Ich musste mit einem Esslöffel zwischen den Möhren das Unkraut wegmachen, das hat überhaupt keinen Spaß gemacht. Da stimmt etwas nicht, dachte ich.“
Im Stall bei den Kühen erging es ihr nicht viel besser. Eine Laktose-Allergie machte sich bemerkbar und wurde so heftig, dass sie nach einem Krankenhausaufenthalt drei Monate lang in einem völlig geschwächten Zustand eine Regenerationszeit verbringen musste. „In diesen Monaten war ich dazu herausgefordert, mein bisheriges Selbstbild loszulassen. Ich hatte Zeit, zu erkennen, dass ich keine Landwirtin bin. Das arbeitsreiche Leben auf dem Lande ist nichts für mich. Ich musste mir eingestehen, dass ich den bäuerlichen Tagesablauf in Wirklichkeit als Plackerei empfand, der einem viel zu wenig Freiheiten lässt. Mir fehlte darin das Künstlerische, ich bin überhaupt nicht praktisch begabt. Damals hat mich der Körper geführt. Ohne die Krankheit hätte ich mir den Ausstieg aus meinem bisherigen Lebenstraum nicht zugetraut.“
Noch während ihrer Landwirtschaftszeit hatte Sonja eines Abends zufällig eine Sendung über die Permakultur-Pioniere Margrit und Declan Kennedy gesehen. Der Ansatz der Permakultur, der konsequent auf systemisches Denken, die Nutzung von Synergien und natürliche Kreisläufe setzt, leuchtete Sonja spontan als entscheidende Alternative zum Esslöffel auf dem Möhrenacker ein. Wenige Monate nach dieser Sendung hatte die damals 19-Jährige Kontakt mit dem ersten Permakultur-Verein in Deutschland hergestellt und wurde bald in den Vorstand gewält. „Es war die Pionierphase der Permakulturbewegung. Jeder, der etwas an-packen wollte, war gerne gesehen. In dieser Zeit habe ich viele Freundschaften geschlossen, die bis heute tragen.“ Die Permakultur-Ausbildung allein erschien ihr aber nicht professionell genug, sie wollte zusätzlich etwas studieren. Landwirtschaft kam nach ihrer Krankheit nicht mehr als Studienfach in Frage. Stattdessen entschied sie sich für ein Studium der Landschaftsarchitektur an der Fachhochschule Höxter.
Gemeinschaft kann überall stattfinden
„Während meiner Zeit in Höxter bin ich ganz unerwartet in der gemütlichen Küche gelandet, in der ich auf dem Demeterhof eigentlich sein wollte. In Höxter konnte man damals nur Landschaftsarchitektur, Architektur und Umwelttechnik studieren, es war eine ganz kleine Uni mit 700 Studenten. Am schwarzen Brett hing damals ein Zettel: Landschloss sucht Mitbewohner. Das Schloss lag malerisch an der Weser in einem großen englischen Park. Ungefähr 30 Erwachsene und 16 Kinder hatten hier ihre Wohnungen, eine große, gemeinsame Küche und großzügige Gärten. Die Anlage war zunächst nicht als Gemeinschaftsprojekt gedacht gewesen, der Besitzer hatte lediglich nach und nach die ehemaligen Kuh- und Schweineställe zu Wohnungen ausgebaut. Die Dorfbewohner wollten dort nicht hinziehen, weil es auf dem Schloss angeblich spukte. Es war Zufall, wer dort einzog. Aber durch die Anordnung der Gebäude kamen wie von selbst Gemeinschaftsprozesse in Gang. Die Türen standen immer offen, wir organisierten Sommerfeste, zu denen die ganze Ortschaft zu Besuch kam, man fuhr gemeinsam in den Urlaub, diskutierte im Plenum über den Umgang mit dem Haus etc. Im zweiten Studienjahr ist hier meine älteste Tochter Marlina geboren worden.“
Ob es denn auf dem Schloss wirklich gespukt hat? Darüber will Sonja lieber nicht viel erzählen. „Es war meine erste Begegnung mit ‚anderen‘ Wirklichkeiten. Ich wollte damit nichts zu tun haben. Aber auf dem Schlosshof erwischte es immer diejenigen, die damit am wenigsten zu tun haben wollten. Beim vorletzten Sommerfest haben wir die Geschichte, die man sich dort erzählte, in einem Theaterstück aufgeführt, das war ein guter Prozess. In der Summe war die Zeit in diesem Schloss für mich eine sehr kreative Periode, vor allem hat mir gut gefallen, dass es keine gewollte, sondern eine gewachsene Gemeinschaft war. Und die Mischung: Dort wohnte der Bundeswehroffizier neben dem hartgesottenen Ökofreak, und es war trotzdem Gemeinschaft möglich. Seitdem empfinde ich mich immer als Teil einer Gemeinschaft, wo immer ich auch wohne.“
Nach dem Studium zieht es Sonja Hörster mit ihrer Tochter wiederum in ein Gemeinschaftsprojekt, nach Düsseldorf in das Ökotop Herdt. Dort haben sich auf einem Gelände von 17 Hektar ökologisch orientierte Menschen angesiedelt, um so den Bau eines Gewerbegebiets zu verhindern. Sie wollten zeigen, dass ein ökologisches Projekt auch in der Innenstadt möglich ist – direkt neben Autobahn und Flughafen. „Dort war ich knapp ein Jahr, habe aber den Fuß nicht auf die Erde bekommen. Ich lernte zwar nette Leute kennen, fand aber keine gewachsene Gemeinschaft.“ In Düsseldorf wurde Sonjas zweite Tochter Yantin geboren, und bald darauf, im Jahr 2000, kam der Entschluss, zu Yantins Vater nach Freising zu ziehen. In Bayern knüpfte Sonja von ihrer kleinen Altstadtwohnung in der Nähe der Isar aus schnell ein neues Netzwerk. Kaum war sie einen Monat in der Stadt, eröffnete sie zusammen mit einer neuen Freundin einen Waldkindergarten. „Eigentlich wollte ich ein bisschen Pause machen. Aber im -Bioladen hing ein Zettel aus, dass noch jemand für einen Waldkindergarten gesucht wird. Ich sah den Zettel und dachte, ‚lieber nicht anrufen‘. Aber dann musste ich doch anrufen und habe sofort Freundschaft mit der Initiatorin geschlossen. Eineinhalb Jahre habe ich mitgemacht, dann konnte ich mich langsam herausziehen. Yantin hat ihre ganze Kindergartenzeit dort verbringen können.“
Da ihr Partner nach dem Studium den Schritt in die Selbständigkeit wagte und das Geld knapp war, arbeitete Sonja in einer Steuerkanzlei als Sekretärin. „Ich hatte das noch nie gemacht, ein Vater vom Waldkindergarten hat mir den Job angeboten. In dieser Zeit hatte ich das erste und einzige Mal ein geregeltes Einkommen, das war auch eine gute Erfahrung. Die Arbeit war interessanter, als ich befürchtet hatte, ich hätte nicht geglaubt, dass Zahlen und Buchhaltung soviel über Menschen aussagen. Wenn man eine Buchhaltung studiert, blättern sich ganze Leben auf. Auf die Dauer hätte ich das aber nicht durchgehalten, es war sehr kräftezehrend.“
Ermächtigung
Währenddessen arbeitete Sonja parallel an der Umsetzung ihrer Diplom-arbeit, in der sie theoretisch das Konzept der Planungswerkstatt entwickelt hatte. Ihr erstes Projekt dieser Art war die Außenraumgestaltung einer Volkshochschule in Goslar.
Wenn ich in unserem Gespräch versuche, Sonja zu fragen, was sie eigentlich zur Idee der Planungswerkstatt motiviert hat, komme ich zunächst nicht recht von der Stelle. Es schien schlicht selbstverständlich gewesen zu sein, etwas ganz Naheliegendes. Dabei läuft dieser Ansatz der konventionellen Ausbildung von „Planern“, denen vermittelt wird, dass sie eine klare Linie vorgeben müssen, diamentral entgegen. Auf der Suche nach einer Antwort auf meine Frage berichtet Sonja davon, dass ihre Familie sozial sehr engagiert gewesen sei und sie gerade deshalb selbst keine soziale Richtung in ihrem Beruf einschlagen wolllte. „Ich habe als Jugendliche gedacht, dass es zwei Bereiche gibt, die im Argen liegen, die Natur und das Zwischenmenschliche. Damals dachte ich, man muss erst die Natur retten, aber inzwischen denke ich, dass beides gleich wichtig und gar nicht voneinander zu trennen ist. Ich habe eine Zeitlang Menschen in der Permakulturbewegung gefragt, ob sie ähnliche Kindheitserlebnisse hatten wie ich mit meiner Oma, die mir diesen starken Naturkontakt ermöglicht hatte. Bei vielen Menschen habe ich das Gefühl, dass die Wurzel für ihr Engagement in der Kindheit liegt.“
Ich will es genauer wissen – da steckt noch mehr dahinter, als diese allgemeine Motivation. Schließlich kommt ein wesentliches Thema an die Oberfläche.
„Wenn ich mir heute meine Diplomarbeit durchlese, wird mir deutlich, dass ich darin eine Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Macht‘ geführt habe“, erzählt Sonja. „Es ging darum, was Macht in mir selbst bedeutet, was es heißt, Macht abzugeben. Und dass die Menschen, die von Planungsprozessen eigentlich betroffen sind, entmächtigt werden und ihnen wieder Macht gegeben werden soll. Das heißt nicht, alles nur sich selbst zu überlassen. Ich gebe ja einen Rahmen vor, definiere die Zeiten, die Anzahl der Teilnehmer, bringe Methoden ein. Damit ist der Strukturimpuls kreativ umgesetzt, ohne dass ein Machtgefälle entsteht. Ich weiß nicht, wo dieses Thema bei mir herkommt, es ist eher etwas Altes, das ich mitbringe.“
Eine freie Universität
Im Jahr 2003 hat sich Sonja mit der Planungswerkstatt selbständig gemacht. Das ist sicherlich keine einfache Arbeit, die einen oft rund um die Uhr fordert, vermute ich. Aber Sonja wirkt ganz entspannt. „Ich -empfinde meine Arbeit nicht als Anstrengung, ich mache das gerne. Es ist für mich wichtig, dass ich mein Büro nicht zu Hause habe. Etwa fünf Stunden am Tag arbeite ich dort, dann gehe ich nach Hause zu meinen Kindern. Das hat mir Bayern beigebracht: sich nicht von früh bis spät abrackern, sondern auch mal genussvoll im Biergarten sitzen, in der Isar schwimmen gehen …“
Aber in Freising bleiben möchte Sonja Hörster nicht. „Wenn ich an die Zukunft denke, schwebt mir eine Idee vor, die ich gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen Jascha Rohr, dem Begründer der Permakultur-Akademie, beständig weiterentwickle: eine freie Universität. Ich denke an einen Lernort, der wirklich frei ist, wo man sich Themen widmen kann, ohne dass vorgegeben ist, was herauskommen soll, wo man sich als Studierender eine eigene Meinung verschaffen kann. Ich möchte verwirklichen, was mit humanistischer Bildung gemeint ist. Bildung sollte Menschen dazu in die Lage versetzen, aus einer inneren Freiheit heraus selbst zu einer guten Ethik zu finden. Auch in fortschrittlichen Bildungsprojekten wie im Bereich Permakultur erlebe ich die Beteiligten oft gefangen in festen Meinungen – z.B. ‚Regionalwährungen sind gut, normales Geld ist böse‘ –, aber so platt ist es nicht. Wirkliche Bildung bedeutet, in alle Richtungen zu schauen. Ich glaube, dass Menschen die Fähigkeiten und den Willen dazu haben, sich so zu bilden, dass sie zu guten Lösungen für unsere Welt finden.“
Da sind wir wieder beim Prinzip der Selbstorganisation und der Permakultur: der Entwicklung einer lebendigen Kultur auf der Grundlage natürlicher Muster. ´
Weitere Informationen: www.die-planungswerkstatt.de,www.permakultur-akademie.de
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