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Die Macht der Geldschöpfung
erschienen in Ausgabe 150  PDF-Version (164.51 KB)
Legende oder Realität? Eine Aufklärung von Ralf Becker.

Geld ist ein wichtiges gesellschaftliches Kommunikationsmittel, dessen Wirkungs-weise und Entstehung selbst vielen Gelehrten heute nicht genau bekannt ist, so Ralf Becker. Wir haben den Experten für Geldsysteme eingeladen, die vor zwei Ausgaben begonnene Serie zum Thema Geldschöp-fung fortzuführen. Hier setzt er die Standpunkte von Eberhard Hierse („Der Trick mit dem Geld“, KursKontakte 148) und Gernot Schmidt („Der Trick, der keiner ist“, KursKontakte 149) in einen erhellenden Kontext.


In „Grenzen des Wachstums“, dem Bericht an den Club of Rome aus dem Jahr 1972, wurden das Geldsystem und seine Funktionsweise in der Präambel noch explizit von der Betrachtung ausgeschlossen, da Geld neutral sei und keine Auswirkungen auf eine nachhaltige Entwicklung habe. Heute, im Jahr 2007, wird ein eigener Club-of-Rome-Bericht erscheinen, der diesen Irrtum richtigstellt: Unser Geldsystem hat enorme Auswirkungen und ist das wahrscheinlich wirksamste und bisher am meisten vernachlässigte Instrument der Nachhaltigkeitspolitik. Insbesondere bewirkt unser derzeitiges Geld- und Finanzsystem weltweit wachsende Instabilität, ungerichteten Wachstumsdruck, Kurzfrist-orientierung und asymmetrische -Wohlstandsverteilung. Die Kernkritik des Berichts wurde bereits vor vier Jahren auf Deutsch unter dem Titel „Wie wir wirtschaften werden – Szenarien und Gestaltungsmöglichkeiten für zukunftsfähige Finanzmärkte“ veröffentlicht.
Nun wird diese Kritik von der herrschenden ökonomischen Wissenschaft längst noch nicht geteilt – bis auf eine entscheidende Ausnahme: Kein geringerer als Nobelpreisträger Friedrich A. von Hayek befasste sich am Ende seiner neoliberalen Laufbahn mit der Frage, warum es eigentlich bei einem solch wichtigen Wirtschaftsgut wie dem Geld das Notenbankmonopol gibt, wo doch in Marktwirtschaften Monopole regelmäßig als schädlich gelten. Die Antwort auf diese Frage war Hayek im Jahr 1977 gleich ein ganzes Buch wert: In „Die Entnationalisierung des Geldes“ schreibt er, es gebe für das immer noch herrschende Geldmonopol -seiner Forschung nach nur einen Grund: die mit der Geldschöpfung verbundene Macht, der sich der Staat als Herrschaftsinstrument bediene. In Europa und vielen Teilen der Welt liegt das Monopol der Geldschöpfung heute in der Hand mehr oder weniger unabhängiger Zentralbanken, die meist jedoch gesetzliche Aufträge erfüllen.
Unbestritten ist, dass die Geldversorgung einer Volkswirtschaft ein entscheidendes wirtschaftspolitisches Instrument ist. Hayek hat als erster prominenter Wissenschaftler gefordert, konkurrierende Geldsysteme zuzulassen, um die mit der Geldausgabe verbundene Macht zu relativieren und Missbräuche, wie sie durch Nationalregierungen regelmäßig zu verzeichnen sind, möglichst zu unterbinden. Die Londoner Goldschmiede, die im 18. Jahrhundert erstmals mehr Quittungs-Scheine auf bei ihnen eingelegtes Gold herausgaben, als sie Gold im Bestand hatten, haben in der Tat Geldschöpfung betrieben – und damit wesentlich zu dem seither stattfindenden, in Geld messbaren Wohlstandswachstum beigetragen. Davor scheiterte die Ausweitung wirtschaftlicher Aktivitäten nämlich regelmäßig an der Knappheit von Edelmetall, das bis dahin allein als Geld denkbar und gültig war.
Indem man vermehrt Geld in einen wirtschaftlichen Kreislauf gibt, kann man stärkeres Wirtschaftswachstum fördern – allerdings nur, wenn die reale Wirtschaft, also die Produktionsfaktoren, das Produktionspotenzial, nicht bereits an ihrem totalen Limit angekommen ist. Insofern ist die Macht, über zusätzliches Geld Wachstum zu fördern, begrenzt.
Viel diskutiert wird bisweilen der mit solch einer Geldschöpfung verbundene Geldschöpfungsgewinn, der von der Europäischen Zentralbank EZB beispielsweise an die Regierungen der am Euro beteiligten Nationalstaaten ausgeschüttet wird. Das heißt, mit der Geldschöpfungsmacht ist sowohl ein großer Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen in einer Region als auch ein mit der Ausgabe des Geldes verbundener, geldwerter Gewinn verbunden. Wer Geld druckt, kann sich für dieses Geld ja etwas kaufen.
Umstritten ist insbesondere, inwiefern heute Ge-schäftsbanken – ähnlich den damaligen Goldschmieden – durch Geldschöpfung Gewinne realisieren, die man vielleicht als unanständig bezeichnen könnte. Tatsache ist, dass die Goldschmiede damals ohne Wissen ihrer Kunden mehr Quittungesscheine ausgaben, als damit verbundenes Gold vorhanden war. Tatsache ist auch, dass die Goldschmiede durch diesen Trick die Umlaufgeschwindigkeit des vorhandenen Geldes = Goldes zunächst langsam, dann enorm erhöhten – was ein Wirtschaftswachstum zum Wohle aller ermöglichte.

Der Wert des Geldes

Die Gold-Quittungsscheine zirkulierten damals zunehmend als Geldscheine – mit der Sicherheit des Geld-Akzeptierenden, dass er für diesen Schein, wenn nicht andere Waren, so doch Gold bekommen würde. Anfang des letzten Jahrhunderts wurde diese Goldbindung des Geldes dann reduziert. Der US-Dollar garantierte z.B. bis Anfang der 70er-Jahre noch, dass man ein Drittel seines Wertes bei der US-amerikanischen Zentralbank gegen Gold eintauschen könne.
Doch selbst dieses verminderte Versprechen konnten die USA schließlich nicht mehr einhalten, da sie zur Finanzierung des Vietnam-Kriegs wesentlich mehr Dollar-Scheine gedruckt hatten, als sie Gold im Keller ihrer Zentralbank liegen hatten. Als Frankreich dann probeweise seine Dollar-Bestände in Gold umtauschen wollte, mussten die USA die Goldbindung ihrer Währung komplett aufgeben – seitdem haben die Goldbestände in den Kellern der Zentralbanken nur noch relativen (Eigenkapital-)Wert. Sprich: Die USA hatten aufgrund ihres militärischen Einflusses die Macht, ihr Geld auch weiterhin in aller Welt als Wert zu verkaufen, obwohl sich der bis dahin vereinbarte Wert ihrer Währung als Fälschung herausstellte. Eine andere Nation, die sich solch einen Vetrauensbruch geleistet hätte, wäre wahrscheinlich von der Weltgemeinschaft gehörig vermahnt worden, und ihre Währung würde sicherlich nicht weiterhin als Leitwährung akzeptiert werden.
Für die Geldbenutzer ist Geld also heute durch nichts anderes mehr gedeckt als durch ihr Vertrauen, für dieses Geld etwas in einem bestimmten Wert kaufen zu können. Unterstützt wird dieser Wert durch einen Gesetzesvorgang: Der Euro ist bei uns zum -gesetzlichen Zahlungsmittel bestimmt, d.h. jeder Einwohner in Deutschland ist verpflichtet, den Euro als Zahlungsmittel zu akzeptieren.
Umfangreiche Gesetze sollen den Wert des -Geldes erhalten, so dass die Europäische Union z.B. eine umfangreiche E-Geld-Richtlinie erlassen hat, die das In-Verkehr-Bringen von elektronischem Geld regelt – denn heute ist Geld oftmals in der Tat nur noch eine elektronische Information auf dem PC und nicht einmal mehr ein Geldschein. Immer jedoch funktioniert ein Geldsystem nur, solange dessen Nutzer auch glauben und die Erfahrung machen, dass sie für dieses Geld etwas kaufen können.
Letztlich bestimmt sich der Wert des Geldes also aus der Menge an Gütern und Dienstleistungen, die ich für das Geld kaufen kann. Wird wesentlich mehr Geld gedruckt, als Güter und Dienstleistungen produziert und zum Verkauf angeboten werden, so verliert eine Währung ihren Wert, sie inflationiert. Daher können weder Regierungen noch Geschäftsbanken, noch Regio-geld-Initiativen nach Belieben Geld schöpfen und so beispielsweise vollständig oder auch nur zum großen Teil einen Bundeshaushalt finanzieren.

Machtinstrument Dollar-Schöfpung

Gleichwohl darf man heute sagen, dass die USA einen wesentlichen Teil ihres Haushalts und ihrer Wirtschaft mit frisch gedruckten Dollars finanzieren – weil alle Welt immer noch glaubt (und notfalls auch mit militärischem Druck zu diesem Glauben gezwungen wird), dass der Dollar eine wertvolle Währung sei. De facto drucken die USA jährlich sehr viel mehr Geldscheine, als ihre Wirtschaft an zusätzlichen Gütern und Dienstleistungen produziert. Mit diesem Geld kaufen die USA in der ganzen Welt Güter und Dienstleistungen ein und verschulden sich z.B. in Europa – wir haben dafür in unserer Zentralbank zunehmend US-Dollar liegen, die in den vergangenen Jahren bereits zunehmend weniger Wert wurden (seit Einführung des Euro über 30%).
Mittlerweile kann der Dollar seinen Wert nur noch halten, weil viele Menschen und Zentralbanken weltweit ihre Dollarreserven nicht zum Einkaufen in den USA verwenden – denn dann könnte der Dollar schnell kollabieren, weil für ihn gar nicht so viel zu kaufen ist, wie als Wert auf den Scheinen signalisiert wird. Tatsache ist, dass die USA durch die Durchsetzung ihrer Währung als Weltleitwährung nach 1945 eine enorme zusätzliche Macht bekommen haben – die zukünftig durch eine neu zu schaffende Weltwährung unter UNO-Aufsicht relativiert werden sollte. Denn unbestritten ist auch, dass die USA ihre Geldpolitik allein an ihren natio-nalen Interessen ausrichten, während ihr Dollar als Weltleitwährung weitrechende Konsequenzen auf das Leben vieler Erdenbürgerinnen und -bürger hat. Ähnlich der Schaffung des Euros in Europa wird es mittelfristig eine einheitliche Weltwährung geben – die Frage ist nur noch, auf welchem Weg sie ins Leben gerufen wird. (Diskutiert wurde solch eine Lösung schon 1942 auf der Konferenz von Bretton Woods, als die Entscheidung dann für den US-Dollar fiel.)
Gleich den Goldschmieden von London im 18. Jahrhundert vermehren heute weltweit die Geschäftsbanken – das sind alle Nicht-Zentralbanken, also Privatbanken wie die Deutsche Bank, Sparkassen oder Volks- und Raiffeisenbanken – mittels der „Giralgeldschöpfung“ die umlaufende Geldmenge. Anders als im 18. Jahrhundert lernt heute praktisch jedes Kind schon in der Schule diesen Vorgang, er ist relativ transparent. Wir wissen um die volkswirtschaftlichen Vorteile der Giralgeldschöpfung (potenziell erhöhtes Wirtschafts- = Wohlstandswachstum). Es stellen sich dabei jedoch zwei Fragen:
1) Betreiben die Geschäftsbanken wie die Zentralbanken Geldschöpfung aus dem Nichts, bzw. wie weitgehend können sie dies tun?
2) Sind die dabei entstehenden Gewinne illegitim?

Geldschöpfungsmacht der Banken

Die Giralgeldschöpfung entspricht zunächst einmal der Funktion, die wir alle einer Bank zusprechen: Die Bank vereinnahmt Spargelder und verleiht diese an Investoren, soweit der Sparer sein Geld nicht selbst verwenden möchte. Damit erhöht die Bank die Umlaufgeschwindigkeit des vorhandenen Geldes und ermöglicht wünschenswerte wirtschaftliche Aktivität (inwieweit das heutige Wirtschaftswachstum allerdings noch zu wirklichem Wohlstandswachstum beiträgt, halte ich freilich für höchst fragwürdig – was jedoch nur zum Teil mit der Rolle der Banken zu tun hat).
Wenn nun die Banken ähnlich wie die Goldschmiede feststellen, dass das auf ihren Konten angelegte Giralgeld nicht täglich abgerufen wird, zu dessen täglicher Verwendung die Kontoinhaber ein Recht hätten, können Banken mehr Geld verleihen, als sie an Spargeldern bekommen haben. Genau genommen verleihen sie dieses Geld jedoch nur häufiger, d.h. sie erhöhen die Umlaufgeschwindigkeit des bei ihnen geparkten und zunächst ungenutzten Geldes. Das tun sie unter strengen Auflagen, die sicherstellen sollen, dass eine Bank trotzdem liquide bleibt und Sparer in der Regel wieder an ihr Geld kommen. Diese großteils gesetzlichen Auflagen, die streng geprüft werden, schränken also die Giral-Geldschöpfungsmacht der Geschäftsbanken sehr ein, wie Gernot Schmidt in seinem Beitrag klargestellt hat. Geldschöpfungsmultiplikatoren von zehn, wie wir sie in unseren Schulbüchern lernen, können nur zustande kommen, wenn Bankkunden ihr von der Bank geliehenes Geld wieder als Spareinlagen zur Bank bringen und diese das gleiche Geld dann wiederum verleihen kann usw. – auf dieser Ebene ist relativ wenig Magie im Spiel.
Zumindest betreiben die Geschäftsbanken insofern keine Geldschöpfung aus dem Nichts, da sie für diesen Vorgang ja auf vorhandene Geldeinlagen zurückgreifen. Selbstverständlich ist mit dieser häufigen Geldausleihung ein Gewinn verbunden – der sich jedoch auf die Differenz zwischen dem Sparzins und dem Kreditzins beschränkt, den die Bank bei all diesen Vorgängen erzielen kann. Diese Differenz ist das normale Geschäft einer Bank und dem Wettbewerb unterworfen, so dass der Gewinn aus diesem Geschäft in den letzten Jahren tendenziell sogar von zwei auf knapp ein Prozent der Bilanzsumme (= des Umsatzes) der Banken zurückgegangen ist. Hier begrenzt allein der noch herrschende Wettbewerb die Gewinnmöglichkeiten.
Gleichzeitig ist es für Geschäftsbanken jedoch auch möglich, ohne vorherige Spareinlagen Kredite zu vergeben und somit ohne Zinskosten Zinsgewinne einzustreichen – diesen Vorgang nennt man „Giralgeldschöpfung aus dem Nichts“, wie Eberhard Hierse ihn beschrieben und Gernot Schmidt ihn relativiert hat. Die Zentralbank hat hier also nur mittelbar die Kontrolle darüber, wieviel Geld in Umlauf kommt. Daher fordern Geldreformer, dass die Zentralbank auch die Hoheit über die Girokonten erhält, damit die Verantwortlichkeiten wieder einigermaßen transparent werden, die sich mit dem zunehmenden Gebrauch von Giralgeld als Quasi-Bargeld vermischt haben.

Geldschöpfung durch Regionalgeld

Heute entwickeln durch Regionalgeld-Initiativen immer mehr Menschen ein Bewusstsein für die Funktionsweise und die Macht des Geldes. Es stärkt die Bürgerbewegung, wenn Bürgerinnen und Bürger ihre Geldschöpfungsmacht wieder in die eigene Hand nehmen und sie nicht unbewusst und automatisch dem Staat überlassen. Freilich schöpfen die Initiativen dabei neues Geld – jedoch zumindest die euro-gedeckten Regiogelder stellen keine Geldschöpfung aus dem Nichts dar, da sie nur im Eintausch gegen Euro herausgegeben werden. Was jedoch auch eurogedeckte Regiogeld-Initiativen schaffen, ist die Schöpfung neuen Vertrauens unter den Nutzern ihrer regionalen Währungen, was bereits ein Wert an sich ist. Bewusst gesetzte Umlaufimpulse erhöhen die Umlaufgeschwindigkeit der Regiogelder, so dass Regiogeld-Initiativen ähnlich den Geschäftsbanken den Wohlstand einer Region durchaus erhöhen.
Leistungsgedeckte Regiogelder, die ähnlich Tauschring-Währungen in der Regel erst einmal als zinslose Überziehungskredite auf den Nutzerkonten gewährt werden, können als Geldschöpfung aus dem Nichts betrachtet werden. Daher kommt es bei diesem Typ von Regionalwährung sehr darauf an, dass die jeweilige Initiative angemessene Grenzen der Geldschöpfung setzt, um eine Inflationierung und somit Entwertung ihres Geldes zu vermeiden. Das geschieht in der Regel durch entsprechende Obergrenzen für Verschuldung und Guthaben. ´


Dipl.-Kfm. Ralf Becker koordiniert das Fachkompetenznetzwerk im Verband www.regiogeld.de. Er war Mitarbeiter im Deutschen Nachhaltigkeitsrat, Mitbegründer der Entschuldungskampagne www.erlassjahr.de und wirkt in der Arbeitsgruppe des erwähnten Club-of-Rome-Berichts mit, hält Vorträge zum Geldsystem, arbeitet als Coach und lebt in einer christlichen Einkommensgemeinschaft.


  Autoren

ABfH-GbR (B, Ralf)

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