Wirtschaftsethik aus Frauensicht.
Den Blick auf die Subsistenz zu richten – auf das, was alltäglich notwendig ist zum guten Leben – sei eine Geisteshaltung, sagt Veronika Bennholdt-Thomsen. Die Subsistenzforscherin weiß, dass wir alle diese Haltung kennen und sie unterschiedlich häufig und mit unterschiedlicher Entschiedenheit einnehmen. Ob wir das gute Leben ins Zentrum unserer Überlegungen rücken oder aber die Frage, wie wir möglichst viel besitzen, konsumieren und Macht ausüben können, hängt von unseren Vorstellungen über eine wünschenswerte Zukunft ab.
Mehr denn je ist es heute notwendig, dass wir uns über die Subsistenzperspektive im Klaren sind – worin das gute Leben besteht und worin nicht – und die entsprechende Haltung bewusst einnehmen. Denn die fried- und freudlose maximierungswirtschaftliche Konsumhaltung herrscht nicht nur vor, sondern sie wird mit militantem Eifer von den mächtigsten Sprachrohren unserer öffentlichen Meinungsbildung vertreten; Stichworte dazu: Wirtschaftsstandort Deutschland, Hartz-IV-Gesetzgebung, „Geiz ist immer noch geil“. Angesichts dieser Gehirnwäsche laufen wir Gefahr, zu vergessen, worin die Fülle des Lebens wirklich besteht, und dass wir sehr wohl über Subsistenzwissen verfügen (und es auch alltäglich anwenden) – womit wir nach wie vor über genügend Anknüpfungspunkte für eine Alternative zum wirtschaftskriegerischen Mainstream verfügen.
Frauen und Männer besitzen unterschiedliches, in der Regel komplementäres Subsistenzwissen, das je nach Kultur und Art der Geschichte der geschlechtlichen Arbeitsteilung ganz verschieden sein kann. Ein Beispiel: Feldbau war und ist in vielen Regionen Schwarzafrikas ausschließlich Frauenarbeit, am Golf von Tehuantepec im Süden Mexikos ist es ausschließlich Männerarbeit. Aber nicht nur für unsere Gesellschaft, sondern weltweit gilt für die Gegenwart, dass Frauen über mehr Subsistenzwissen und vor allem -praxis verfügen als Männer: erstens, weil sie durch Gebären und Kinderaufziehen nach wie vor eine genuine Subsistenzerfahrung machen können, da dieser Bereich eben nicht so einfach kommerzialisiert werden kann; und zweitens, weil die Sozia-lisation (aller Menschen) für den Wirtschaftskrieg auf Stereotypen männlicher Vorherrschaft zurückgreift und sie dadurch bestätigt und verstärkt. Als Beispiel sei das Konkurrenzdenken genannt: Sich kämpfend etwas anzueignen, wird höher bewertet, als andere zu nähren und zu versorgen. Diesen Voraussetzungen zufolge kennen Frauen zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine subsistenzperspektivische gesellschaftliche Entwicklung und folgen aufgrund ihrer praktischen Erfahrung auch eher einem anderen Wertesystem bzw. einer anderen Ethik. Es gilt, sich dieses Reichtums bewusst zu werden!
Es war im Jahr 1976, noch zu Beginn der Zweiten Deutschen Frauenbewegung, als an der Universität Bielefeld, an der ich als Wissenschaftliche Assistentin arbeitete, eine denkwürdige Veranstaltung stattfand. Die noch relativ kleine Professorenschaft der Reformuniversität im Aufbau traf sich zur Kontaktpflege und zum zwanglosen Erfahrungsaustausch. Zu diesem Zweck plante das Rektorat extra ein Programm für die Ehefrauen der Professoren. Man organisierte für sie eine Führung durch die Mensaküche und sonstigen Mensaeinrichtungen. Wir frauenbewegten wissenschaftlichen Assistentinnen und Studentinnen machten daraufhin eine Aktion unter dem Titel „Sind Damen dämlich?“
Ist kochen dämlich?
Fünfzehn Jahre später, hatte ich ein weiteres Erlebnis, ebenfalls die Mensa der Universität Bielefeld betreffend, das mir denselben Zusammenhang – Frauen, Kochen, Küche – in einem ganz anderen Licht erscheinen ließ. Im Anschluss an ein zweijähriges Forschungsprojekt in einer matriarchalen Gesellschaft im Süden Mexikos kam uns eine unserer dortigen Freundinnen in Bielefeld besuchen. Anna ist Fondera auf dem Markt von Juchitán, das heißt, sie bereitet und serviert -leckere Gerichte an ihrem Marktstand. Anna wollte nun unbedingt die Mensa sehen. Sie wollte wissen, wie die Köchinnen – ihre Kolleginnen – es schaffen, so viele Menschen auf einmal mit Essen zu versorgen. Was sie dann sah, hat sie entsetzt: Das Essen kommt in der Mensa per Förderband aus einem dunklen Loch. „Wie kann man so etwas essen, wo man noch nicht einmal sehen kann, wer es zubereitet hat“, meinte Anna. „Man weiß doch gar nicht, ob man der Köchin trauen kann, ob sie reinlich ist, und ob sie frische Zutaten benutzt.“
Was habe ich aus den beiden Erlebnissen gelernt? Wir Wissenschaftlerinnen plädierten damals im Jahr 1976 dafür, dass Frauen, um ihres Platzes in der Wirtschaft und der Berufswelt willen, sich von der Küche und ihrer Zuständigkeit für das Essen abwenden sollten. Anna hingegen hat uns gezeigt, wieviel weiblicher Eigen-Sinn gerade darin liegt, sich dem Essen zuzuwenden, die Zuständigkeit für das Essen nicht als Zuweisung zu empfinden, sondern stolz auf ihr zu beharren und damit die Stärke freizusetzen, die von der Verfügung über diesen Bereich ausgeht.
In Annas Gesellschaft, bei den Zapoteken vom Isthmus von Tehuantepec, sind alle Frauen für das Essen zuständig, nicht nur Anna spezifisch, weil sie Fondera ist. Dicksein etwa ist dort ein Schönheitsideal für die reifere Frau, weil sie damit zeigt, was sie hat, und was sie kann. In Juchitán gibt es keine Hausfrauen. Unterschiedliche Frauen sind vielmehr für unterschiedliche Abteilungen des Lebensmittel-Handwerks zuständig: die einen für ein Gericht aus Schweinefleisch, andere für eins aus Hühnerfleisch, wieder andere für die gebackenen Bohnen, eine vierte Gruppe für den Käse, eine fünfte für das Brot usw. Keine Frau in Juchitán käme etwa auf die Idee, die Früchte selbst einzulegen, wenn der Pflaumenbaum in ihrem Patio trägt, sondern sie verkauft sie an die Expertin für eingelegte Früchte, bei der sie die nun verarbeiteten Früchte dann wieder kauft. So sind alle Frauen zugleich Händlerinnen, und die Wirtschaft der 100000-Einwohnerstadt ist ein großer, arbeitsteilig organisierter Haushalt. Das ist gewiss kein Modell, das auf uns zu übertragen wäre, aber wir können im Vergleich vieles daran erkennen.
Das Kind mit dem Bade ausgeschüttet
Als wir uns damals 1976 in der Bielefelder Universität empörten, protestierten wir dagegen, dass „mann“ uns Frauen auf diese Ecke, auf die Küche, auf diese wertlose Arbeit festlegen wollte. Wir Wissenschaftlerinnen, zukünftige und bereits im Beruf stehende, handelten dabei auch in höchst eigenem Interesse. Denn wir mussten alltäglich Anfeindungen ertragen, weil wir in den Augen vieler Kollegen und Kommilitonen am falschen Platz waren, was an der Universität Bielefeld sinnbildlich konkret hieß: oben in den Hörsälen statt unten in der Küche. Unsere Empörung war also mehr als berechtigt. Dennoch nahmen wir mit unserem Protest damals letztlich doch unbewusst die herrschende, patriarchale Perspektive ein, dass die Arbeit in der Küche nämlich wertlos sei und wir Frauen uns deshalb von ihr abwenden sollten.
Das Problem war, dass wir Frauen uns die Hinwendung zum Essen, ja die Zuständigkeit für die Lebensmittel und die umsorgenden Tätigkeiten insgesamt nur in der bekannten, bestehenden Form der drei „K“ – Kinder, Küche, Kirche – vorstellen konnten. Deshalb lehnten viele Frauen die weibliche Identifikation damit ab. Freilich gab es auch andere, die bald merkten, dass damit sprichwörtlich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet würde.
Maria Mies, Claudia von Werlhof und ich, die wir alle drei lange Jahre in Ländern der Dritten Welt gelebt und geforscht haben, beschlich sehr bald ein Unbehagen gegenüber dieser Fundamentalablehnung der Hausfrau, ja sogar des Mütterlichen, die sich in der neuen deutschen Frauenbewegung breitmachte. Für uns setzte sich damit die Diskussion, die in Asien und Lateinamerika über die vermeintliche Rückständigkeit und Wertlosig-keit bäuerlicher Subsistenzwirtschaft geführt wurde – und innerhalb derer wir eine konträre Meinung vertraten – in Bezug auf unsere hiesigen Verhältnisse und die Diskussion um die Frauenarbeit fort. Wir erkannten, dass das, was Frauen tun – nämlich sich kümmern um die Dinge, die zum Leben unmittelbar notwendig sind –, originär zur Subsistenzproduktion gehört. Vor diesem Hintergrund entwickelten wir nicht nur eine Theorie der Frauenarbeit, sondern – unter anderem von der Frauenarbeit ausgehend – ein anderes Verständnis von der Gesamtökonomie, das wir „Subsistenzperspektive“ nannten.
Patriarchale Muster erkennen
Wir nahmen einen Perspektivwechsel in der Ökonomie vor. Kein Perspektivwechsel hingegen war in unseren Augen in der Forderung „Lohn für Hausarbeit“ enthalten, der damals einige der sogenannten besonders radikalen Feministinnen zuneigten. So als könnte die Tatsache, dass die Hausarbeit unmittelbarer Teil der Lohnarbeits- und Kapitalbeziehung würde, diese tatsächlich aufwerten! Auch diese radikalen Frauen kamen aus dem modernen patriarchalen Teufelskreis, Wirtschaften immer nur in der Spanne von Lohnarbeit und Kapital erkennen zu können, nicht heraus. Und so wie sie meinten viele frauenbewegte Frauen, dass das entscheidende Problem die unbezahlte oder gering bezahlte Arbeit der Frauen sei und dass es durch einen angemessenen Lohn zu lösen sei. Oder anders ausgedrückt: Sie wollten mehr abbekommen vom Kuchen, aber sie stellten die Weise, wie dieser Kuchen zustande kam, nicht wirklich in Frage.
Das taten wir, die wir die Subsistenzperspektive formulierten, zusammen mit den inzwischen zahlreichen weiteren Subsistenztheoretikerinnen aber sehr wohl. 1983 organisierte eine Gruppe von 17 Frauen den Kongress „Zukunft der Frauenarbeit“, in dem wir unsere Sicht des Wirtschaftens im größeren Rahmen der Frauenbewegung zur Diskussion stellten. Wir hatten vor allem in verschiedenen Ländern der Dritten Welt gesehen, wie der Reichtum bei uns durch die Armut dort entsteht. Schon allein deshalb konnte es für uns mit dieser Wirtschaftsweise so nicht weitergehen. Diese ist der Grund, warum einem Viertel der Menschheit genau das vorenthalten wird, was es zum Leben braucht – und zwar nicht nur in der Dritten Welt, sondern auch bei uns: Essen, Trinken, Kleidung, ein Dach über dem Kopf sowie das Land und die Mittel, sich all dieses herzustellen, nämlich eine menschenwürdige Subsistenz.
Es war vor allem der entwicklungspolitische Diskurs, der diesen einfachen, konkreten Sachverhalt dahingehend verdreht hat – und zwar mit durchschlagender weltweiter Wirkung im Norden wie im Süden –, dass all diesen Menschen für ein besseres Leben angeblich das kapitalistische, unternehmerische, Wachstum fördernde Geld fehlen würde. In Wirklichkeit aber werden genau durch dieses Geld die Bedingungen vieler Menschen für eine menschenwürdige Subsistenz zerstört – man denke nur an die weltweite Kredit- und Verschuldungsverarmung.
Das lateinische subsistere meint eben auch „das, was aus sich selbst heraus Bestand hat“, und genau in diesem Sinn meinen wir mit „Subsistenzperspektive“ einen ökonomischen Zusammenhang, der uns ermächtigt, unser Leben, das unserer Kinder und das unserer Gemeinwesen eigenständig zu erwirtschaften. Um nochmals an das obige Bild anzuknüpfen: Wir wollen nicht etwa für Frauen einen größeren Teil vom Kuchen, sondern wir wollen einen ganz anderen Kuchen für alle Kinder, Männer, Frauen, nämlich viele verschiedene, kleine, dezentralisierte, unterschiedlich schmeckende, köstliche, nahrhafte Küchlein! Wir wollen keine konzernglobalisierte Wirtschaft, in der einige wenige Coca-Colas, Wal Marts, Monsantos, Unilevers etc. bestimmen, wie wir leben. Sondern wir wollen viele lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe: Angefangen bei den Bauernhöfen mit ihrer Kreislaufwirtschaft, die vielen Menschen Arbeit geben, unsere Kulturlandschaft erhalten und die Region mit gesunden Lebensmitteln versorgen, statt uns mit dem anonymen, agroindustriellen Fraß aus Massenmastställen und monokulturellem Anbau über den Weltmarkt zu versorgen. Ferner brauchen wir dafür unsere lokalen und regionalen Märkte, auf denen die Subsistenzprodukte der HandwerkerInnen, HeilerInnen, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen zirkulieren können. Die Bäuerinnen und Bauern von Via Campesina, dem Kontinente überspannenden Netz eigensinniger Bauernorganisationen, bringen es auf den Punkt. Dem Wettbewerbs- und Standort-Gebrabbel derjenigen, die auf Pestiziden, Pharma-Tiermast und Gentechnik um der vorgeblich notwendigen billigen Massenproduktion für den Weltmarkt beharren, halten sie eine einfache Frage entgegen: „Und wie steht es mit unserem Zugang zum lokalen und regionalen Markt?“
Was nutzt mir das Kleid, wenn es hässlich ist?
Man kann nun einwenden, dass nicht alles Wirtschaften der unmittelbaren materiellen -Versorgungsproduktion bezüglich Essen, Trinken, Kleidung und dem Dach über dem Kopf gilt (woran sich der Subsistenzgedanke orientiert). Das ist richtig. Richtig ist aber auch, dass die Grenze zwischen Materiellem und Immateriellem, wie Ästhetik oder Geselligkeit, fließend ist – nach dem Motto: Was nutzt mir das Kleid, wenn es hässlich ist? Oder: Was nutzt mir das beste Gericht, wenn ich es alleine essen muss? Umgekehrt gilt aber auch, dass Geselligkeit ohne Sinn und Zweck, just for fun, als Konsumware gehandelt, ganz schnell an der Klippe der Sinnlosigkeit zerschellt. Oder dass das schönste Kleid, eins ums andere um der sich wandelnden modischen Ästhetik willen gekauft, schnell unansehnlich wird, wenn es nicht nützlich und praktisch ist. Kurzum: Die unmittelbare materielle Versorgung ist nicht das Ganze des Wirtschaftens und auch nicht das Ganze des Wirtschaftens unter einer Subsistenzperspektive; aber sie ist der Ausgangspunkt und die Verankerung einer anderen, alternativen Geisteshaltung und Entscheidungsstruktur.
Wir halten, noch stärker eingegrenzt, das Essen, die Lebensmittel insgesamt und das damit verbundene Verarbeitungs- und Handelsgewerbe für das Kernstück eines anderen, vielfältigen, subsistenzorientierten Wirtschaftens insgesamt. Hier schlägt, davon sind wir überzeugt, das Herz des lebendigen gesellschaftlichen Organismus Ökonomie. Die Popularität der gegenwärtigen Debatte um gesunde Lebensmittel und die Landwirtschaft zeigt, dass die Mehrheit unserer Mitmenschen das ähnlich sieht.
Wirtschaften ist ein sozialer Vorgang; daran sind wir, freilich in unterschiedlicher Form und mit unterschiedlicher Gesamtwirkung, alle beteiligt. Wie wir wirtschaften, hängt von unser aller Weltanschauung, von unseren Glaubenssätzen und unserem Wertesystem ab. Mit unserem Ansatz der Subsistenzperspektive erheben wir den Anspruch, die Vision einer anderen Wirtschaftsweise zu entwerfen – aber nicht mit einer Haltung von oben, von einer Zentralgewalt her, sondern ausgehend von der Ebene verantwortlicher, mündiger Gesellschaftsmitglieder. Diese Herangehensweise entspringt einem feministischen, egalitären, prozesshaften Gesellschaftsverständnis und gehorcht dem Motto „Der Weg ist das Ziel“.
Der Subsistenzweg besteht im Wesentlichen ganz einfach darin, dass wir alle uns in unserem alltäglichen Tun an dem orientieren, was gut und notwendig ist für unser „gutes“ Leben, und nicht an dem, was mehr Geld einbringt. Der Subsistenzweg besteht etwa darin, dass Kleinbäuerinnen in Kenia die Kaffeestauden herausreißen, die doch angeblich so wichtig sind, um das Geld für die Familien herbeizuschaffen und die Devisen für den Schuldendienst des Landes. Stattdessen bauen sie Gemüse an, mit dem sie sich und ihre Kinder endlich wieder gut ernähren können und mit dem sie auf dem Wochenmarkt ein gutes Einkommen erzielen.
Die Genügsamkeit des guten Lebens
– mit Geld nicht zu bezahlen
Der Subsistenzweg besteht z.B. auch darin, dass der Fischer Ta Meschu aus Xadani bei Juchitán, Annas Stadt im Süden Mexikos, es vorzieht, seinen Fang seiner Frau zu geben, statt ihn in der Sammelstelle der Kooperative abzuliefern. Freilich bekommt er, wie viele andere, die auch so denken, keinen Kredit für ein größeres Boot, stärkeren Motor, mehr Netze, mehr Fischfang. Der Lagune und dem Fischbestand tut das gut, auch seiner Beziehung zu seiner Frau und ihr tut es gut, denn sie kann dann den köstlichen geräucherten Fisch zubereiten, den sie gut auf dem Markt verkaufen kann. Was sie erlöst, reicht, um das erwerben zu können, was sie sonst noch so zum guten Leben brauchen. Dem Export aus der Region, der viel beschworenen Entwicklung allerdings schadet dieses Verhalten, das nichtsdestotrotz viele Juchiteken an den Tag legen. Ein Ergebnis dieser Nichtentwicklung ist, dass die Kinder in dieser indianischen Stadt besser ernährt sind als im Durchschnitt in den USA.
Der Subsistenzweg besteht aber auch darin, dass mein Nachbar in dem kleinen westfälischen Dorf, in dem ich drei Jahre gelebt habe, den besser bezahlten, aber stressigeren, mit Überstunden verbundenen Job ablehnt, und lieber Lagerarbeiter bleibt, um weiterhin die Energie für sein Klarinettenspiel im Musikverein aufbringen zu können. Dann spielt er mit den anderen am Pfingstsonntag vor vielen Türen das Ständchen zum Wecken und zum Dank gibts dafür die köstliche, hausgemachte Mettwurst, die, wie er sagt, „mit Geld überhaupt nicht zu bezahlen“ sei. Und erst recht nicht zu bezahlen ist die gemeinschaftliche Verbundenheit, die er und die anderen im Verein durch ihre Musik stiften. So gibt es in diesem kleinen Ort auch auffallend viele Leute, die sich gegenseitig beim Hausbau helfen. Und vielleicht sind es die vielen schönen Häuser der kleinen Leute, die mir den Eindruck vermitteln, dass man hier besser lebt als die meisten Leute in den reichen Städten.
Das größte Hindernis für eine Umorientierung – weg vom Zwang zu Wachstum und Konkurrenz, hin zur Genügsamkeit des guten Lebens – ist in unseren Breiten der Glaube an die eigengesetzliche Macht des Markts, daran, dass das Geld diesen Zwang eben mit sich brächte und dass die Ökonomie schließlich ein hartes Geschäft sei. Vielleicht erklären sich die Menschen bei uns deshalb solchermaßen für ohnmächtig, weil sie keine Verantwortung übernehmen wollen, weil es sich so mit dem Metropolenbonus ganz gut leben lässt? Welches Interesse hätte man sonst daran, die Konzernglobalisierung der Wirtschaft als naturgesetzlich zu begreifen, obwohl jede und jeder täglich in der Zeitung lesen kann, dass und wie die EU-Wirtschaft oder die Welthandelsorganisation durch politische Verhandlungen und Abstimmungen geschaffen werden.
Inzwischen sagt man, und dies vermutlich zu Recht, dass die Weltkonzerne die Politik bestimmen und nicht umgekehrt. Beklagt wird dies unter anderen von jenen Politikern, die diesen Prozess selbst verursacht haben. Verursacht haben sie ihn deshalb, weil sie den kollektiven Wahn teilen, dass gutes Wirtschaften nur durch Konzentration, durch Zentralisierung, durch die größte und komplexeste Technologie, durch das größte Kapital und den höchsten Profit gewährleistet sei. Wie aber kommt es zu diesem Wahn? Unseres Erachtens steht dahinter die unbegründete Angst vor der Knappheit.
Handlungskonzept für das Wirtschaften im Geist der Fülle
Es ist eine typisch patriarchale Angst, die dem beständigen Kampf zur Überwindung der natürlichen, mütterlich begründeten Fruchtbarkeit sowohl entspringt, als auch sein Motor ist. Das Bild der Fülle hingegen, des guten Lebens, das aus der Gegenseitigkeit zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur entsteht, gehorcht einem matriarchalen Weltbild. Mit der Subsistenzperspektive versuchen wir einen Weg zu beschreiben, wie ein Wirtschaften im friedlichen Geist der Fülle im 21. Jahrhundert aussehen kann. Im Gegensatz zur sozialistischen und zur kapitalistischen Utopie ist die Subsistenzperspektive keine Utopie, kein Modell und auch kein Traum vom Goldenen Zeitalter, sondern ein Handlungskonzept, das andere, neue Prozesse in Gang setzt. Mit der Subsistenzperspektive plädieren wir für eine Umorientierung, für einen neuen Blick auf die Verhältnisse und eine andere Prioritätensetzung bei Entscheidungen. Die kann der WTO-Unterhändler genauso anwenden wie der Baudezernent, das Stadtratsmitglied, Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller.
Der vorgebliche Zwang, geldorientiert entscheiden zu müssen, kann wie ein schwarzer Peter zwischen ihnen allen hin- und hergeschoben werden. Der Kommunalpolitiker, der sich schon wieder für ein Großprojekt entscheidet, statt regionale Kreisläufe zu stärken, kann die Schuld auf das Land und den Bund schieben, die maßgeblich für die leere Stadtkasse verantwortlich sind. Diese wiederum können die vorgebliche Notwendigkeit, die Unternehmenssteuern zu senken, auf den Weltmarkt und jene Weltregionen schieben, die eine höhere Kapitalverzinsung bieten. Und der Kommunalpolitiker kann den schwarzen Peter auch an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergeben, denen es wichtiger ist, billig einzukaufen, bzw. die sich lieber mit Sonderangeboten in die Supermärkte locken lassen, als gut beraten qualitätsvollere und womöglich lokale Produkte beim Fachhandel im Viertel zu erwerben.
In Wirklichkeit aber ist ihnen allen die gleiche Grundhaltung gemeinsam: die Orientierung am Geld, dergegenüber alle anderen Kriterien des wirtschaftlichen Handelns in den Hintergrund treten. Subsistenz-orientierung heißt hingegen, dass jede Bürgerin, jeder Bürger ab sofort nach anderen Kriterien handeln kann, die ich in fünf Prinzipien fassen möchte:
1.) Vorrang hat das Nützliche, das, was tatsächlich für ein gutes Leben gebraucht wird.
2.) Das Kleine hat Vorrang vor dem Großen.
3.) Personale Beziehungen sind besser als anonyme.
4.) Dezentrale Lösungen sind besser als zentralisierte.
5.) Das Lokale hat Vorrang vor dem Internationalen. ´
Dr. Veronika Bennholdt-Thomsen ist Ethnologin und Soziologin und Mitbegründerin der internationalen Frauenforschung. Viele Jahre Forschungstätigkeit in Mexiko und Europa. Honorarprofessur an der Universität für Bodenkultur in Wien sowie Dozentin am Zentrum für Sozialanthropologie (CIESAS) in Oaxaca/Mexiko. Ferner ist sie Leiterin des Instituts für Theorie und Praxis der Subsistenz in Bielefeld. Kontakt: b-th@uni-bielefeld.de.>
Eine Auswahl von Veröffentlichungen von Veronika Bennholdt-Thomsen in deutscher Sprache:
Bauern in Mexiko. Zwischen Subsistenz- und Warenproduktion, Campus Verlag, Frankfurt a.M. 1982
Subsistenzproduktion und erweiterte Reproduktion, in: Gesellschaft, Beiträge zur Marxschen Theorie, Nr. 14, edition suhrkamp, Frankfurt a.M. 1981, S. 30–51
Investition in die Armen. Zur Entwicklungsstrategie der Weltbank, in: Lateinamerika, Analysen und Berichte 4, Berlin 1980, S. 74–96
Frauen und Subsistenz: entwicklungsökonomische Überlegungen, in: Massarat, Mohssen; Sommer, Birgit; Szell, Georg; Wenzel, H.J. (Hrsg.), Die Dritte Welt und Wir: Bilanz und Perspektiven für Wissenschaft und Praxis, IZ3W, Freiburg 1993, S. 402–410
Autorin und Herausgeberin: Juchitán – Stadt der Frauen. Vom Leben im Matriarchat, Rowohlt, Reinbek 1994
zusammen mit Maria Mies: Eine Kuh für Hillary. Die Subsistenzperspektive, Verlag Frauenoffensive, München 1997
Herausgeberin zusammen mit Holzer, Brigitte und Müller, Christa: Das Subsistenzhandbuch, promedia Verlag, Wien 1999
Herausgeberin zusammen mit Nicholas Faraclas und Claudia von Werlhof: Subsistenz und Widerstand, Promedia, Wien 2003.
Wovon leben unsere Städte wirklich? Subsistenzorientierung statt Geldorientierung, in: dies. et al. (Hrsg.), Subsistenz und Widerstand. Alternativen zur Globalisierung, promedia Verlag, Wien 2003, 242–254
Der „Stoff“, aus dem soziale Nähe ist, in: Kluge/Schramm (Hrsg.), Aktivierung durch Nähe. Regionalisierung nachhaltigen Wirtschaftens, ökom Verlag, München 2003, S. 12–21 (zusammen mit Andrea Baier)
mit Andrea Baier und Brigitte Holzer: Ohne Menschen keine Wirtschaft. Oder: Wie gesellschaftlicher Reichtum entsteht. Berichte aus einer ländlichen Region in Ostwestfalen, oekom, München 2005
Subsistenzwirtschaft, Globalwirtschaft, Regionalwirtschaft, in: Maren A. Jochimsen/Ulrike Knobloch, Hrsg., Lebensweltökonomie in Zeiten wirtschaftlicher Globalisierung, Kleine Verlag, Bielefeld 2006, S. 65–88
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