Ein selbstbestimmtes Jugend-Bildungsprojekt. Von Yumendo.
Yumendo – das ist ein Projekt von Jugendlichen, die nach der Schule einen eigenen Weg eingeschlagen haben und ein Jahr zur Selbstorientierung und freien Gestaltung ihrer Lebens- und Lernzusammenhänge miteinander verbringen.
Lange Gespräche und Gitarrenmusik bis tief in die Nacht. Der Morgen beginnt mit dem Weckruf einer Mundharmonika. Der Schlaf weicht aus den Gesichtern unter Lachen und Klagen. Musik dröhnt, während wir uns auf den Weg machen, das täglich Brot zu verdienen. Jeder tut, was ihn seine Hände tun lassen, und versüßt sich die Stunden mit Gesprächen und Gedanken. Voll neuer Erfahrungen kehrt man zurück. Eine kleine Stärkung – und jetzt können wir uns fallenlassen in eine Welt, in der wir frei sind, uns bewegen, fühlen, Konflikte riskieren, schockieren, Menschen die Augen öffnen …
Musik, Sprache, Bilder und Tanz bringen dir bei, die Welt zu verstehen. Der eigene Körper entfaltet sich, -Mauern brechen, Dinge werden gesagt, wie sie noch nie gesagt wurden. Es ist einer von vielen Wegen, sein Herz für andere zu öffnen und den Atem zu teilen.
Das Netzwerk boomt – der Austausch mit so vielen Menschen. Das Interesse an anderen und ihrem Tun wird Selbstverständlichkeit. Schnell ist der Abend da, es geht weiter – alle gemeinsam und zugleich jeder für sich mit seiner eigenen Wahrnehmung und dem eigenen Sinn, den er erfährt. Hier treffen sich eine Handvoll Menschen, die sich alle Kommunikation wünschen, um Ideen reifen zu lassen, Fragen zu bearbeiten, mehr zu erfahren von dir und deinem Nachbarn.
Eigeninitiative und Gemeinschaft
Aus unserem Konzept: „Yumendo ist eine konkrete Möglichkeit für junge Menschen, sich selbst, ihren Weg und ihre Aufgabe zu suchen. Yumendo ist ein Freiraum, den wir auf der Grundlage von Eigeninitiative, Selbstverpflichtung und Gemeinschaft durch unsere individuellen Fragen und Wege gestalten.“
Wir sind sechs junge Erwachsene, die sich seit Oktober 2006 ein Jahr Zeit genommen haben und gemeinsam leben, um ihre Interessen und das, was ihnen wichtig ist, zu suchen, bewusster zu machen und umzusetzen. Wir haben beschlossen, unsere Schullaufbahn vor dem Abitur zu beenden – obwohl wir größtenteils damit abschließen könnten –, um uns mit den Inhalten, Themen und Projekten zu beschäftigen, die uns interessieren – und nicht den Staat. Wir wollen Neues denken und erleben. Wir brauchen den Raum, uns zu fragen, was uns wirklich interessiert, wofür wir uns -begeistern. Da wir den Rahmen, den wir dafür brauchen, nicht woanders finden konnten, beschlossen wir, ihn selber zu schaffen. Yumendo ist dieser Rahmen, der nur durch die konkreten Menschen, die in ihm tätig sind, seinen Sinn erhält und gestaltet werden kann.
Während unserer 16-monatigen Vorbereitung, während der wir unser Vorhaben konkretisierten, wurde uns auch unser Statusproblem sehr schnell deutlich: Gibt es eine Möglichkeit, weiterhin Kindergeld zu bekommen? Kommen wir irgendwie um die Bundeswehr herum? Und sind wir noch versichert?
Das waren die drei Probleme, die wir, immer wieder unter Zuhilfenahme einiger Experten, herausarbeiteten sowie verschiedenste Lösungen überlegten. So waren wir sogar in Düsseldorf im Landtag und überreichten Barbara Sommer (Ministerin für Schule und Weiterbildung) eine Darstellung von unserem Projekt mit der Frage bzw. Bitte, ob dies als staatlich anerkannter Schulversuch genehmigt werden könnte.
In ihrem Antwortschreiben und im Lauf der weiteren Überlegungen wurde jedoch deutlich, dass es erheblichen Aufwand bedeuten würde, Yumendo tatsächlich als staatlich anerkanntes Projekt zu realisieren. So beschlossen wir, auf den staatlichen Rahmen zu verzichten und uns mehr der inhaltlichen Arbeit zu widmen.
Während der Schüler- und Studententagung „captura2006“ löste sich unser Statusproblem fast von alleine, indem uns eine befreundete Initiative die Möglichkeit von Praktika anbot. Somit bekommen wir alle weiterhin Kindergeld, sind vom Bund für ein Jahr zurückgestellt und sowieso weiterhin über unsere Eltern versichert.
Auch unsere Finanzkalkulation verlief ähnlich. Am Anfang belief sie sich auf gut 100000 Euro, für die wir bei neun Stiftungen Anträge auf Unterstützung stellten. Mittlerweile haben wir eine wesentlich günstigere Lösung gefunden, so dass wir unabhängiger sind und größtenteil selber für die Kosten aufkommen. Wir haben 7500 Euro von der Europäischen Komission durch das Förderprogrammm „Jugend“ bekommen, die wir für konkrete Projekte nutzen.
Aus der langen und intensive Vorbereitungszeit ließe sich einiges mehr erzählen, was hier aber den Rahmen sprengen würde. Stattdessen sollen einzelne von uns über ihre Erfahrungen berichten:
Nils Meister:
Ein sehr wesentlicher Teil Yumendos, wenn nicht sogar der wesentlichste, ist das Gespräch. Damit ist nicht die Diskussion oder die Unterhaltung gemeint, sondern das Gespräch als Kulturaufgabe.
Während vieler unserer Gespräche könnte man als Außenstehender wahrscheinlich einschlafen oder zumindest wegdösen. Es geht sehr ruhig, langsam, aber genau zu, wenn wir uns treffen, um den anderen die letzte Woche, unsere derzeitigen Konfliktpunkte, kurz: unsere Situation darzustellen. Hierbei wehre ich mich gegen den Ausdruck, den anderen etwas „mitzuteilen“. Denn es ist mehr: Mitteilen kann ich mich auch über einen Brief, eine Mail oder eine SMS. Aber zu einem Gespräch gehört das Zuhören. Nur wenn ich wirklich zuhöre, entsteht aus dem Gespräch eine Begegnung.
Wir treffen uns dreimal in der Woche: Montags, Dienstags und Mittwochs, um an verschiedenen Dingen zu arbeiten. Themen sind beispielsweise Politisches, wie das Grundeinkommen, Persönliches, wie der Standpunkt des Einzelnen, oder Organisatorisches. Ich will nicht sagen, dass in unseren Gesprächen stets nur offene, ehrliche und harmonische Kommunikation stattfindet, es passiert immer wieder, dass wir uns in Themen oder Fragen hineinsteigern, doch wir haben die Möglichkeit, dies geschehen zu lassen und danach wieder in Ruhe die Dinge zu betrachten.
Ich denke, es ist sehr wichtig, gerade auch in der Schule, Gespräche zu führen und sich dafür Zeit zu geben. Erst wenn die Menschen sich verstehen, sich zuhören und ihre Gedanken, Träume und Visionen formulieren, kann zwischen ihnen Neues entstehen. Und die Welt braucht viel Neues.
Yago Antonio:
Wir sind mit ganz konkreten Vorstellungen in unser Projekt gegangen und hatten wahnsinnig viele verrückte Ideen. In der konkreten Situation haben wir gemerkt, dass ganz andere Interessen in uns leben, als wir uns vorgestellt haben. Es kommen Dinge auf uns zu, die wir vorher nicht als wesentlich eingeschätzt haben.
Wir kamen aus einem Leben, in dem uns ständig etwas vorgesetzt wurde, wir ständig konsumieren konnten, ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben. Nun sind wir es, die Tatsachen in die Welt stellen, die sich fragen, was wir überhaupt aufnehmen wollen, was uns überhaupt wichtig erscheint. Wie gestalten wir dieses Selbstgemachte: gemeinsam oder jeder für sich? Wo findet der Austausch statt? Wie können wir alles aufnehmen, was aus den individuellen Interessen entsteht?
Viele Fragen entstehen aus dem Miteinander, dem Umgang mit den Menschen der unmittelbaren Umgebung. Aus den kleinen Gesprächen zwischendurch und aus unseren gemeinsamen Runden können wir viel mitnehmen. Wir bringen uns gegenseitig an vorher unbekannte Grenzen, eröffnen uns neue Blickwinkel und lernen, neu mit Verständnis umzugehen. Dieses soziale Umfeld fordert viel Respekt und bringt uns vor allem dazu, Stellung zu den Dingen zu nehmen, damit wir wissen, was wir voneinander erwarten können und was bei jedem Einzelnen möglich ist. Hier entsteht ein großes Bewusstsein für das, was wir sagen und tun. Dadurch brauchen die Dinge meistens mehr Zeit, und wir widmen uns ihnen mit Sorgfalt und Hingabe.
Wie schaffen wir es, das umzusetzen, was wir uns vorgenommen haben? Wollen wir es noch? Der Bezug zu dem, was uns wichtig ist und zu dem, was gerade dran ist, wurde für uns entscheidend, um nicht aus einer Null-Bock-Haltung alles liegen zu lassen.
Wir erleben die enormen Chancen dieses Freiraums, aus dem wir ganz viel mitnehmen. Die Fragen, die entstehen, entspringen der Situation, sind somit lebensnah. Hier findet Lernen statt. Diese Offenheit und dieser Raum sind enorm wichtig, um soziale Felder entstehen zu lassen, wo es vielleicht einfach nur um Wahrnehmen und Kommunikation geht – um den Menschen.
Ruth Veron:
Ich bin seit Anfang des Jahres 2007 bei Yumendo dabei und möchte von den ersten Begegnungen und Eindrücken berichten.
Die bestehende Gruppe und ich wussten voneinander, zwar nichts Tiefgehendes, aber es gab ein verbindendes Gefühl. Seit ich von der Idee Yumendo erfahren hatte, war ich beeindruckt, doch zunächst war ich nicht dabei, weil ich wusste, dass ich zuerst etwas anderes brauchte. Ich gab mir die Zeit, um dort anzukommen, wo ich im Grunde schon lange stand. Dann kam es zu einer Begegnung – der Wunsch auf ein Treffen, und die Neugierde stieg. Plötzlich ging alles ganz schnell. Ich wurde freundlich mit selbstgemachtem leckeren Apfelwein vom Bahnhof abgeholt, alles geschah in einer wunderschönen, aber auch verwundernden Vertrautheit. „Fühl dich ganz wie zu Hause“ – ein Satz den man ernst meinen sollte, wenn man ihn zu jemand sagt – aber ich konnte auch gar nicht anders, als mich wohlzufühlen. Einen Abend später wieder in meiner eigenen Wohnung, versuchte ich zu verstehen, auf wie vielen Ebenen meine Eindrücke und die dazugehörigen Gefühle bewegt wurden. Was war das, was passiert da, was macht das mit mir? Dann besuchte ich meine Wohnung lange nicht, denn ich fühlte mich magnetisch zu einem Ort gezogen, an dem Fragen individuelle Massenware sind, Träume Bedeutung, Sinn und Hoffnung bekommen und Liebe, Vertrauen und weltergreifende Freiheit den Lebensraum erfüllen. Als gäbe es keine Mauern und nichts Unmögliches; ein Freiraum, der auch wenn es paradox klingt, die ganze Welt einschließt.
Yumendo wird ein „Projekt“ genannt, doch für mich ist es eher ein Lebensgefühl, das Leben/leben erlaubt. Man kann Leben nur gestalten, wenn man atmen kann. Durch dieses Atmen, den Raum, das Miteinander kommt man ums Lernen nicht herum, da in einem solchen Raum auch der Wissenshunger atmen kann.
Über Akzeptanz und Toleranz wird meist nur gesprochen, aber hier wird es gelebt. Hier bist du Du und ich bin Ich, beide in ständiger Entwicklung, und das ist gut so. Hier spüre ich ganz intensiv Menschen, die noch Träume und Fragen haben, Liebe leben und den Tanz der Seele tanzen.
Joshua Conens:
Mir wird immer deutlicher, dass ein sehr wesentlicher Aspekt von Yumendo die Gespräche und Begegnungen sind. Das, was wir am meisten tun, ist, uns unterhalten, untereinander und mit anderen, sich austauschen, kennenlernen, begegnen. Was machen andere Menschen? Was ist ihnen wichtig? Warum tun sie, was sie tun? Mit welcher Intention? Was ist der große Zusammenhang?
Das ist ein faszinierendes Lernfeld, weil es oft um entscheidende Punkte geht, in denen die Persönlichkeiten stark sichtbar werden. Da ist Raum für ehrliche Begegnungen, die einem wirklichen Einblick in den anderen und einen selbst erlauben und ermöglichen.
Oft erlebe ich auch Grenzen und Hürden. Keine vorgefertigten, pauschalen Antworten auf die Probleme, und trotzdem der Versuch, mit den neuen Grenzen und Herausforderungen gute Möglichkeiten zu finden.
Wie gehe ich mit neuen Dingen um? Wenn ich es nicht weiß, wie reagiere ich? Irgendeine Reaktion ist wichtig, damit der Austausch beginnt. Was ist mir wichtig? Jetzt gerade? Das scheint die zentrale Frage zu sein, auf die wir letztlich immer wieder stoßen. Der Freiraum fordert und fördert den einzelnen Menschen mit seiner Meinung, seiner Entscheidung und seinen Interessen, die er bewusst in die Gruppe, in den Raum stellen muss.
Ein wesentlicher Aspekt bei unseren Gesprächen, gerade wenn wir uns uneinig sind, ist der Einbezug jeder individuellen Meinung. Wir schauen, welche Möglichkeiten es gibt, diese zu verbinden oder ganz andere Lösungen zu finden. Das Neue kommt ins Spiel. Normalerweise hat immer jemand das letzte Wort(z.B. der Lehrer), der irgendwann entscheidet. Das gibt es bei uns oft nicht. Natürlich sagt manchmal jemand: Kommt, wir machen das jetzt einfach so oder so. Aber wir versuchen, so weit wie möglich eine gemeinsame Lösung zu finden, für die sich jeder Einzelne entscheidet. Eine Lösung, zu der jeder sagen kann: Ok, dass will ich so! Dann nehmen wir als Gruppe jeden von uns wahr und ernst. ´
Weitere Informationen: www.yumendo.de
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