Artikel
Kulturkreatives Spektrum (108)
Andere Welten (55)
Freie Gesundheitsberufe (22)
eurotopia (166)
Matriarchale Perspektiven (35)
Holon (77)
Editorial (30)
Briefe aus Amerika (6)
Anders Lernen (47)


Ausgabe 166 (12)
Ausgabe 165 (12)
Ausgabe 164 (12)
Ausgabe 163 (13)
Ausgabe 162 (13)
Ausgabe 161 (15)
Ausgabe 160 (12)
Ausgabe 159 (11)
Ausgabe 158 (13)
Ausgabe 157 (11)
Ausgabe 156 (15)
Ausgabe 155 (13)
Ausgabe 154 (12)
Ausgabe 153 (16)
Ausgabe 152 (12)
Ausgabe 151 (13)
Ausgabe 150 (14)
Ausgabe 149 (14)
Ausgabe 148 (16)
Ausgabe 147 (13)
Ausgabe 146 (13)
Ausgabe 145 (13)
Ausgabe 144 (11)
Ausgabe 143 (13)
Ausgabe 142 (12)
Ausgabe 141 (13)
Ausgabe 140 (15)
Ausgabe 139 (14)
Ausgabe 138 (12)
Ausgabe 137 (11)
Ausgabe 136 (14)
Ausgabe 135 (12)
Ausgabe 134 (8)
Ausgabe 133 (6)
Ausgabe 132 (9)
Ausgabe 131 (9)
Ausgabe 130 (10)
Ausgabe 129 (8)
Ausgabe 128 (9)
Ausgabe 127 (8)
Ausgabe 126 (6)
Ausgabe 125 (8)
Ausgabe 124 (9)
Ausgabe 123 (6)
Ausgabe 122 (7)
Ausgabe 121 (7)
Ausgabe 120 (3)
Ausgabe 119 (5)
Ausgabe 118 (1)
Ausgabe 115 (1)
Ausgabe 114 (11)

Zuletzt besucht
Artikel: Ohne Pleitegeier keine Goldgänse

Artikel: Die Gemeinschaft Ananda Assisi

Artikel: Miteinander sein

Artikel: Verflüssigungen

Artikel: Märchen transmodern


Über uns
Impressum
Als ob unser Leben davon abhinge
erschienen in Ausgabe 150  PDF-Version (185.84 KB)
Gemeinschaften müssen bewusst und planmäßig aufgebaut werden. Ein Aufruf von John Croft.

Was ist eine Gemeinschaft? Das lateinische „communitas“ bezeichnet eine kleine lokale Gruppe, in der Menschen gemeinsam („com“) Geschäfte machen, Verbindlichkeiten eingehen oder Gefälligkeiten („munus“) austauschen. Im übertragenen Sinn bezeichnet es den Gemeinsinn oder das Denken an das Gemeinwohl. John Croft plädiert in seinem Beitrag leidenschaftlich für den Aufbau funktionierender gemeinschaftlicher Lebenszusammenhänge. Nur in solchen Strukturen sei es der Menschheit möglich, den ungeheuren sozialen und ökologischen Herausforderungen zu begegnen, denen die Welt heute entgegensieht. Seine wichtigste Botschaft dabei: Es müssen nicht 99 Prozent aller Gemeinschaftsvisionen bereits in der Anfangsphase scheitern. Langfristig überlebensfähige Gemeinschaften lassen sich nach einem bewährten „Fahrplan“ planen und aufbauen.

Den größten Teil ihrer Geschichte hat die Menschheit in Stammesgemeinschaften gelebt und tut dies zum Teil heute noch. In Europa jedoch wurden gemeinschaftliche Lebensformen infolge der protestantischen Reformation, der Hexenverfolgung, der Bauern- und Religionskriege zunehmend aufgelöst. Der gemeinsame Landbesitz, die „Allmende“, wurde privatisiert, und so verlor das Dorfleben die materielle Basis. Dadurch wuchs die Zahl der Landlosen, die in die Städte zogen und als Arbeiter in den neu entstandenen Fabriken arbeiteten, meistens ohne Rückhalt einer Gemeinschaft wie früher im Dorf. Allenfalls gab es so etwas wie gegenseitige Fürsorge in den übriggebliebenen Groß-familien. Mit zunehmender Migration bis zur Auswanderung vor allem in die Neue Welt verloren auch die Großfamilien an Zusammenhalt und Bedeutung. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Kernfamilie aus Eltern und ihren Kindern zur Normalität. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Belastungen, denen die Kleinfamilie zunehmend ausgesetzt war, so groß, dass fast die Hälfte der Ehen in den Großstädten geschieden wurden. Die intimen Bindungen selbstloser gegenseitiger Unterstützung und Fürsorge, die ursprünglich die ganze Gemeinschaft zusammengehalten hatten, schrumpften in erheblichem Maß auf die Beziehung zwischen Kindern und einem Elternteil. Diese Entkoppelung hat jedoch einen sehr hohen Preis. Für den Staat bedeutet dies ausufernde Ausgaben für die soziale Wohlfahrt und für das Individuum Einsamkeit, Depression und Entfremdung in den riesigen und anonymen Städten unserer Zeit.
Seit den 60er-Jahren gab es verstärkt Bemühungen, den verlorenen Gemeinschaftsgeist wiederzubeleben. Hippie-Kommunen, bewusst geplante Gemeinschaften und in jüngster Zeit Ökodörfer versuchen jenen -intimen Geist von Unterstützung und Fürsorge wiederzuentdecken sowie die hohe Qualität zwischenmenschlicher Kommunikation wiederherzustellen, die die beste Eigenschaft einer gesunden Gemeinschaft darstellen.

Neue Herausforderungen

Heute im 21. Jahrhundert sind unsere Gemeinschaften mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Die globale Erwärmung und die anderen bekannten Aspekte einer umfassenden ökologischen Katastrophe gefährden unsere Nahrungssysteme und bedrohen die planetarische Lebensgemeinschaft, von der wir ein Teil sind. Wenn derartige Entwicklungen auf Starrsinn und Ignoranz stoßen, kommt es zur Kollision. Der Blick in die Geschichte legt nahe, dass wir heute am Anfang des Prozesses einer Zuspitzung von Problemen und einer weltweiten Zerstörung stehen. Eine nicht--nachhaltige Zivilisation bricht früher oder später zusammen. Die Symptome, die wir heute schon beobachten können, weisen auf schwierige Zeiten hin.

Überleben in schwierigen Zeiten

Zu spät und nicht ernsthaft genug haben wir uns etwa mit der Ressourcenknappheit, dem Klimawandel, den drohenden ökologischen und ökonomischen Zusammenbrüchen beschäftigt. Jetzt müssen wir uns umgehend an die unausweichlich kommenden Veränderungen anpassen. Auch müssen wir das Leiden zukünftiger Generationen so gering wie möglich halten. Dafür schlage ich folgende sechs Maßnahmen vor.
!Zuerst müssen wir wieder gemeinschaftliche Lebenszusammenhänge herstellen. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die nicht in einer unterstützenden Umgebung leben, in schwierigen Zeiten viel gefährdeter sind. Wir müssen gemeinschaftliche Lebenszusammenhänge aufbauen, als ob unser Leben davon abhinge – weil es tatsächlich genau so ist!
!Wir müssen aus unserer Abhängigkeit von übermäßig komplexen Systemen aussteigen. Denn diejenigen, die am abhängigsten sind von diesen störanfälligen Systemen, werden am meisten leiden. Wir brauchen eine radikale Einfachheit.
!Wir brauchen massenhaft Kreativität. Soziale, ökonomische, ökologische, politische, spirituelle, wissenschaftliche, kulturelle und künstlerische Kreativität wird dringend benötigt, da alle Erfahrung zeigt, dass es die kreativen Menschen sind, die schwierige Zeiten am besten bewältigen.
!Wenn Energie, Nahrung und Wasser knapp werden, wird die Bereitschaft wachsen, die strategischen Ressourcen auch mit Gewalt zu kontrollieren. In einer Welt voller Atomwaffen kann Gewalt sich nicht mit anderer Gewalt messen, denn beide Seiten werden Verlierer sein. Der Unterlegene wird mit Terror den „Sieg“ des Siegers sabotieren. Die einzige Möglichkeit, Konflikte erfolgreich zu lösen, erfordert Techniken gewaltfreier Kommunikation und Verhandlungen, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen. Wir brauchen die Fähigkeit zur gewaltfreien Konfliktlösung auf allen Ebenen der Gesellschaft, innerhalb und zwischen Gruppen, Regionen, Ethnien und Nationen.
!In schwierigen Zeiten geht viel Wissen um das regio-nale Zusammenleben verloren; es wird ersetzt durch eine Flut von standardisierten Informationen. -Bildung wird zunehmend reduziert auf ein Training für Beschäftigungsqualifikationen. Die Menschen vergessen ihr ursprüngliches Wissen – und schlimmer noch, sie vergessen, dass sie es vergessen haben. Zum Beispiel gehen im Zuge der Globalisierung jede Woche zwei Stammessprachen verloren und damit auch das -Wissen um die regionalen ökologischen Zusammenhänge, auf denen diese Sprachen beruhen. Es kann viele Menschenleben dauern, dieses Wissen von einem den natürlichen Umständen angepassten Leben in der Region wieder neu zu entdecken. Nur beständige Bemühungen, das lokale Wissen der Gemeinschaft anzuwenden, kann dieses bewahren.
!Letzten Endes haben alle unsere gegenwärtigen Probleme ihre Wurzeln in der fehlerhaften, trennenden und zerstörenden Art und Weise, wie wir die Welt betrachten. Wir brauchen dringend nicht-dualistische Formen einer integrierenden Spiritualität, indem wir die Konflikte zwischen Wissenschaft und Religion aufheben und respektvoll allen Glaubensrichtungen begegnen. Solch eine neue Spiritualität muss sich auf ökologischem Wissen, nicht aber auf Unwissen und Ignoranz gründen und muss in ein umfassenderes Konzept des ökologischen Selbsts münden, statt in das enge Bild eines isolierten, individualistischen Egos.

Wie sollen wir das alles schaffen?

Der Neuaufbau gemeinschaftlicher -Lebensstrukturen sollte unser primäres Interesse sein. Ohne starke und gesunde Gemeinschaften wird es unmöglich sein, die genannten Ziele zu verwirklichen. Wir dürfen aber nicht nur die Pioniere im Blick haben, die neue Gemeinschaften oder Ökodörfer aufbauen wollen, sondern auch die Aktivisten, die sich für eine einfache und gute Lebensweise in den bestehenden Verhältnissen einsetzen. Das ist eine Alternative, für die sich viele begeistern können. Eigenständige Ökodörfer können nicht überleben, wenn es uns nicht gelingt, gemeinschaftliche Lebensverhältnisse überall aufzubauen, sowohl in unseren Groß- und Kleinstädten wie auch in den Dörfern. Studien über Ökodörfer zeigen, dass jene die erfolgreichsten sind, die ein umfassenderes und integ-rierendes Verständnis von Gemeinschaft entwickeln und ihr wachsendes soziales, ökologisches und ökonomisches Potenzial der Region und Gesellschaft zur Verfügung stellen.

Wie bauen wir solche Gemeinschaften auf?
Alle erfolgreichen Gemeinschaftsprojekte durchlaufen vier Stadien. Die erste Phase ist die der Visionsfindung. Unglücklicherweise zeigt die Erfahrung, dass 90 Prozent der Projekte in dieser Phase steckenbleiben. Das Entstehen einer festen Gruppe, die einen gemeinsamen Traum teilt, befördert das Projekt in die Phase Zwei. Normalerweise planen Projekte nicht ihr Scheitern, aber sie scheitern – offenbar wiederum zu 90 Prozent – an einem fehlenden erfolgsversprechenden Plan. Die Planungsprozesse scheitern oft an dem Konflikt zwischen Planern und Aktivisten, die sich gegenseitig beschuldigen, entweder nicht dem Plan zu folgen oder den Kontakt zur Realität verloren zu haben. Schließlich – so die Erfahrung – überdauern von den gegründeten Projekten wiederum 90 Prozent keine drei bis fünf Jahre.
Sie sind nicht in die vierte Phase eingetreten! Wie erfolgreiche Projekte zeigen, ist es notwendig, jede Aktivität, die zum Aufbau und zum Zusammenhalt der Gemeinschaft beiträgt, zu würdigen und zu feiern – das ist ein ganz wesentliches Element der Stabilisierung und Bewusstwerdung. Nur so bleiben wir mit dem ursprünglichen Traum verbunden und vermeiden den „Burn-out“-Effekt. Wenn wir uns dieser vier Phasen bewusst bleiben, können gewiss mehr als bisher nur einer von tausend Gemeinschaftsträumen in der Wirklichkeit Fuß fassen.
Wenn wir erfolgreich Gemeinschaften auf allen Ebenen der Gesellschaft aufbauen, können wir vielleicht unser bruchstückhaftes Verständnis von gemeinschaftlichem Zusammenleben weiterentwickeln und so die Tiefe und das Ausmaß der schwierigen Zeiten begrenzen und unsere Welt heilen. Es kann gelingen! Wir haben nichts zu verlieren – aber alles zu gewinnen. ´


John Croft ist Trainer des „Dragon Dreaming“, eines Prozesses, der den erfolgreichen Aufbau von Gemeinschaften unterstützen will. Derzeit ist er dabei, mit Freunden ein tiefenökologisches Holon-Institut am Bodensee zu gründen. Er unterstützt Menschen und Projekte, die den Grundgedanken des Artikels zustimmen.
Kontakt: jdcroft@yahoo.com>


  Autoren

Croft, John

Partner
sge-button
© by Human Touch Medienproduktion GmbH, info@kurskontakte.de