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Erotik der Erd-Demokratie
erschienen in Ausgabe 114  PDF-Version (282.1 KB)
Ein natürliches Paar: Selbstversorgungsfähige Gemeinschaften und egalitär-dezentrale Gesellschaftsstrukturen. Jochen Schilk stellt lesenswerte Bücher zum Thema vor.

Kai Ehlers: Erotik des Informellen – Impulse für eine andere Globalisierung aus der russischen Welt jenseits des Kapitalismus – Von der Not der Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation

Als ich im Internet auf diesen Titel stieß, hatte dieser mich sofort „angemacht“: Erotik – andere Globalisierung – Selbstversorgung – informelle Selbstorganisation … Von der Erotik einmal abgesehen, klangen diese Schlagworte doch sehr nach dem, was sich nach mehr als fünf Jahren „Andere Welten“ ganz allmählich als (m)eine konkrete gesellschaftliche Zukunftsvision herauskristallisiert. Und nach einer begeisternden Lektüre kann ich nun sagen, dass sich dieses Anfangsgefühl durchaus als richtig erwiesen hat. Tatsächlich teilt hier jemand dieselben Vorstellungen einer nachhaltigen Gesellschaftsordnung, wie sie sich mir aus der Beschäftigung mit beispielsweise dem Gartenbau, Dreigliederungsansatz, Anarchismus und Matriarchatsforschung sowie aus meiner eigenen Erfahrung mit dem Leben in Gemeinschaft darstellen.
Der Berliner Autor Kai Ehlers ist ein Kenner des postsowjetischen eurasischen Raums. In seinem Buch stellt er die Frage, wie es möglich ist, dass die russische Gesellschaft nicht zusammenbricht, obwohl doch die indus-t-rielle und landwirtschaftliche Produktion innerhalb von zehn Jahren mindestens um die Hälfte zurückging und ein ganz erheblicher Teil der Bevölkerung mitunter monate- und jahrelang keinen Lohn und kein Einkommen erhält. Wie kann es sein, dass unter diesen Bedingungen Schulen, Polizei, Krankenhäuser und Verwaltung funktionieren und die Menschen nicht verhungern? Als Antwort auf diese Frage entdeckt Ehlers die historisch bedingte Neigung der Russen, sich in solidarischen Gemeinschaften bzw. Kollektiven zu organisieren, sowie einen hohen Grad an Tausch- und Geschenkökonomie und Selbstversorgungslandwirtschaft in Kombination mit der noch funktionierenden industriellen Infrastruktur. Diese Basis aus solidarischer Selbstorganisation und Subsistenzwirtschaft sichere einerseits das Überleben der Menschen und andererseits auch das wirtschaftliche Überleben von russischen Firmengiganten wie -Gasprom am Weltmarkt. Rund zwei Drittel der Menschen in den Ländern der ehemaligen UdSSR werden durch die Erträge aus 40 Millionen Familien-Kleinlandwirtschaften ernährt. Auch Städter verbringen einen Teil ihrer Zeit in dörflichen Strukturen und Kleingartenkolonien; ganze Betriebe machen vorübergehend dicht, um den fehlenden Lohn durch Arbeit im eigenen Garten zu kompensieren. Russland ist offenbar in mancherlei Hinsicht nahe an der Vision eines „Planeten der Gärten“, so wie ich das in den „Community Gardens“-Artikeln in den Ausgaben 132 bis 135 skizziert habe. Freilich sind die heutigen GUS-Länder in der Regel alles andere als blühende Paradiese – aber die als Notlösung wiederergriffene (und nun freiwillige) Kollektivierung der Menschen sowie die Verknüpfung von formeller und informeller Ökonomie biete, so Kai Ehlers, doch ein realistisches Modell für eine ganz andere Globalisierung. Insbesondere der in West und Ost zu beobachtende Trend zum Zusammenschluss in Wahlfamilien bilde ein großes Potenzial hinsichtlich einer wahrhaft nachhaltigen Gesellschaftsstruktur – womit wir wieder bei Heide Göttner-Abendroths Ideen zu einer zeitgemäßen Form matriarchaler Gemeinschaft wären …
Meine mit „Mama Anarchija“ betitelten Beiträge über die auffälligen Gemeinsamkeiten zwischen Anarchismus und Matriarchatsforschung liegen noch nicht so lange zurück wie die Garten-Serie. Ist es Zufall, dass die „Erotik des Informellen“ zahlreiche Anknüpfungspunkte zu diesen Artikeln bietet? So stellt Ehlers seinem Buch ein Kapitel über den russischen Fürsten und anarchistischen Theoretiker Pjotr Kropotkin voran, der bereits vor fast einhundert Jahren gezeigt hatte, dass es ein Prinzip bzw. gar einen Trieb der „gegenseitigen Hilfe im Tier- und Menschenreich“ gibt. Und in seinen Quellenangaben verweist der gewandelte 68er-K-Gruppenaktivist Ehlers auf die Werke der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth sowie auf die Dreigliederungsgedanken Rudolf Steiners.
Wer die Rückbesinnung auf die menschliche Gemein-schaft fordert und das Modell einer aus kleinen, dezentralen, basisdemokratischen Einheiten aufgebauten Gesamtgesellschaft für eine sinnvolle Überlegung hält, der sollte sich dieses Buch über die erstaunlichen Entwicklungen im heutigen Russland besorgen.
Von Kai Ehlers wird indes in der KursKontakte noch die Rede sein, denn auch einige seiner anderen Titel klingen recht vielversprechend. So handelt sein jüngstes Werk von der hier bereits vorgestellten Idee des Bürgergeldes (siehe dazu Seite 39). Und nicht zuletzt indem er in einem Buch über die gegenwärtige Situation der mongolischen Nomaden-Subsistenzwirtschaft seinen Fokus auch auf traditionell lebende Völker richtet, erweist er sich als geradezu typisch kulturkreativer Autor („Die Zukunft der Jurte“).
Kai Ehlers, Erotik des Informellen – Von der Not der Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation, Edition 8, Zürich 2004, 192 Seiten, ISBN 3-85990-049-8, 17,– Euro


Vandana Shiva: Erd-Demokratie – Alternativen zur neo-liberalen Globalisierung

In eine ganz ähnliche Kerbe wie Kai Ehlers schlägt die indische Umweltschützerin, Bürgerrechtlerin und Feministin Vandana Shiva mit ihrem neuen Buch „Erd-Demokratie“. Auch sie sieht den Zusammenschluss der Menschen in lokalen Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften als einzige Alternative zu der voranschreitenden Globalisierung der transnationalen Konzerne. Die Frau, die 1952 selbst als Kind von indischen Kleinbauern auf die Welt kam, in Kanada Quantenphysik studierte und eine akademische Karriere schließlich zugunsten ihrer Arbeit als politische Aktivistin und Visionärin eintauschte, nimmt bei ihrer Kritik der gegenwärtigen Globalisierung konsequent die Perspektive der Subsistenzwirtschaft ein. Das heißt, sie stellt insbesondere die lebensfördernden, traditionellen Arten der Lebensmittelproduktion – so wie sie von der Natur vorgegeben sind und unter ständiger Verbesserung seit Urzeiten funktionieren – den ausschließlich -profitorientierten Methoden einer industrialisierten Landwirtschaft entgegen, die überall auf der Welt die natürliche Vielfalt und die menschliche Gemeinschaft zerstört. Mit großer Wortgewalt und umfangreichem Faktenwissen prangert sie die für normale Menschen unfassbaren globalisierten Handelsgesetze an: Wer kann schon die perverse Logik nachvollziehen, die es etwa einer Firma erlaubt, alles Wasser einer Region in Bolivien aufzukaufen und dann dort das Sammeln von Regenwasser unter Strafe zu stellen? Wie ist es möglich, dass ein westlicher Konzern die Patentrechte für die „Erfindung“ des indischen Neem-Baums anmelden kann, der doch seit Jahrtausenden von den Indern als Heilpflanze und natürliches Insektizid genutzt wird? Dies sind nur zwei Beispiele für die zunehmende Biopiraterie, aber sie machen verständlich, warum Shiva, die in ihrer Arbeit die lebensbedrohenden Auswirkungen der Globalisierung aus nächster Nähe untersucht, dieses System durchgängig mit drastischen Worten wie „mörderisch“, „selbstmörderisch“, „lebensverachtend“, „Krieg“, „Nahrungsfaschismus“, „pervers“ oder „tödlich“ belegt. Wer miterleben muss, wie innerhalb eines Jahrzehnts 30.000 verzweifelte indische Kleinbauern in den Selbstmord getrieben werden, der verwendet diese Begriffe nicht ohne Grund.
Doch „Erd-Demokratie“ ist alles andere als eine Polemik. Das Buch ist ein zwar wütendes, aber doch auch sehr sachliches Manifest der naturgemäßen Werte und Prinzipien der weltweit erstarkenden Bewegung zur Erneuerung der Kultur des Lebens: Vielfalt, Basisdemokratie, Lokalität bzw. Dezentralität, Subsidiarität, Selbstbestimmung, Selbstregulierung, Selbsterneuerung, gewaltfreier ziviler Ungehorsam und solidarisches, wechselseitiges Geben und Nehmen zwischen lebendigen Gesellschaften und Systemen …
Vandana Shiva, die 1993 den Alternativen Nobelpreis dafür erhielt, „Frauen und Ökologie im Zentrum des modernen Diskurses über Entwicklungspolitik platziert“ zu haben, kooperiert unter anderem im Netzwerk Diverse Women for Diversity (sinngemäß: „Viele Frauen für die Vielfalt“) mit Subsistenz- und Matriarchatsforscherinnen. Auch sie identifiziert in ihrem neuen Buch das System des globalisierten Kapitalismus als ein typisches Projekt des Patriarchats. Die von ihr vorgestellten Prinzipien lebendiger, lebensförderlicher Gemeinschaften und Ökosysteme (siehe oben) bezeichnet sie jedoch nicht explizit als „matriarchal“ (oder gar als „anarchistisch“ – was, wie wir später noch sehen werden, auch möglich wäre); sie unterlässt dies vermutlich, weil sie ihre Leserschaft nicht überfordern möchte.
Doch was meint die Autorin nun mit Erd-Demokratie? Vandana Shiva stellt eine Reihe von erfolgreichen Widerstandsbewegungen und alternativen Wirtschaftsformen vor, die durchaus modellhaft sein könnten. Erd-Demokratie ist jedoch kein Konzept einer konkreten Gesellschaftsordnung, wie man es vielleicht erwarten möchte – das Buch ist mehr als nur ein theoretischer Gegenentwurf zum globalisierten Kapitalismus: Erd-Demokratie, das ist eine von der Autorin aus den Prinzipien der Subsistenzwirtschaft sowie aus den Vorgehensweisen und Werten der globalisierungskritischen Bewegungen abgeleitete Philosophie. Oder einfacher gesagt: Es ist die Philosophie, die ein entfesseltes, vollständig pervertiertes System wieder auf die Füße zu stellen vermag.
Dieses Buch ist wichtig! Wer jedoch wissen möchte, wie wir westlichen Menschen uns wieder in die überlebenswichtigen dezentralen Gemeinschaften hineinfinden können, der möge auch die folgenden beiden vorgestellten Bücher in Betracht ziehen.
Vandana Shiva ist eine wortgewaltige, kämpferische Heilige. Diese Frau ist eine Wucht. Wer sie schon einmal erlebt hat, der weiß, was ich meine. Und wer ihre Bedeutung für die von der Konzern-Kolonisierung in die Enge getriebene indische Subsistenzgesellschaft kennt, der wird auch den Vergleich mit dem Wirken Gandhis nicht von der Hand weisen.
Vandana Shiva, Erd-Demokratie – Alternativen zur neoliberalen Globalisierung, Rotpunktverlag Zürich, 2006, 292 Seiten, ISBN 3-85869-327-3, 19,80 Euro


Horst Stowasser: Anarchie! – Idee, Geschichte, Perspektiven

Endlich! Endlich ist dieses Buch, das ich seit langem gerne als mein Lieblingsbuch bezeichne, wieder in gedruckter Form erhältlich. 1995 kam die Vorgänger-version unter dem Titel „Freiheit Pur – Idee, Geschichte und Zukunft der Anarchie“ beim Eichborn-Verlag heraus, verkaufte sich ausgezeichnet – und wurde doch nicht wieder aufgelegt, obwohl die Nachfrage niemals abebbte. Im Herbst 2005 wiederveröffentlichte ich dieses beste deutschsprachige Buch zum Anarchismus als ausdruckbare Datei im Internet. Dieses Angebot wurde innerhalb kürzester Zeit zigtausendfach heruntergeladen, und ich geriet in einen fruchtbaren Gedankenaustausch mit dem Autor Horst Stowasser – was sich schließlich in einer guten Zusammenarbeit bei der letztjährigen Mama-Anarchija-Artikelserie in KursKontakte niederschlug (siehe die Ausgaben 143 und 147).
Nun hat Stowasser endlich einen guten Verleger gefunden und sich an eine gründliche Überarbeitung der Kapitel seines Klassikers gemacht. Er fügte dem Buch einen umfangreichen Bilderteil bei, und – was für mich das Wichtigste ist – er griff in einem neuen Kapitel meine Anregungen auf und beschäftigt sich intensiv mit den Aussagen der modernen Matriarchatsforschung. Deren Ergebnisse deuten immerhin stark darauf hin, dass herrschaftsfreie Gesellschaften keine blauäugigen Utopien von versponnenen Anarchisten sind, sondern vielmehr die dem Menschen seit Urzeiten eingeschriebene natürliche Organisationsform. Wenn in den anderen hier vorgestellten Publikationen von „dezentralen, informellen, selbstorganisierten, solidarischen, kleinen Organisationseinheiten“ als den natürlichen Lebensräumen einer konsequenten Subsistenzwirtschaft die Rede ist, dann meint das nichts anderes als das, was auch die Anarchisten seit 150 Jahren nicht müde werden, zu fordern und zu erproben.
Dieses Buch macht die historisch tiefverwurzelte „Utopie“ eines herrschafts- und gewaltfreien Gesellschaftsumbaus greifbar wie sonst kein anderes – ganz ohne dabei in irgendeiner Weise in Dogmatismus oder in naiv-romantische Schwärmerei zu verfallen. „Anarchie!“ ist zugleich leicht verständliche Einführung wie Vertiefung des Themas; es ist zugleich ausführlicher Geschichtsabriss wie gelungener Versuch, die in die Jahre gekommene anarchistische Idee auf die heutige Situation der Welt zu übertragen (die ja nicht mehr nur soziale, sondern vor allem auch ökologische Herausforderungen birgt).
Für den noch unbedarften Leser des 500-Seiten-Wälzers entpuppt sich das Wort „Anarchie“, das in der bürgelichen Welt schon früh zum Schreckenswort avancierte, rasch als eine faszinierende Wundertüte; tatsächlich zeigt sich hier eine völlig unkonventionelle Geschichtsperspektive und ein äußerst realistischer Gegenentwurf zur patriarchalen Weltsicht – eine umfassende „Andere Welt“ im besten Sinne. Durch Stowassers sympathisch-kurzweiligen Schreibstil wird der Lesegenuss bei „Anarchie!“ dann perfekt.
Das Buch kann ich durchaus als Geschenk für wohlmeinende Skeptiker empfehlen, denen der Zugang zu anderen Welten (noch) nicht so leicht fällt: Meiner eigenen Mutter – die wie die meisten Mütter eher schwerlich zu unkonventionellen Ansichten zu überreden ist – gab ich den Vorläufer dieses Buchs vor zehn Jahren einmal als Reiselektüre mit. Ich erhoffte mir damals, dass ihr die wohlformulierten Worte des Autors etwas mehr Verständnis für meine eigene Weltsicht und Denkweise vermitteln würden. Tatsächlich zeigte sie sich bei ihrer Rückkehr durchaus beeindruckt – ja sie gestand mir sogar, dass sie nach der Lektüre noch ein zweites Mal zu lesen begonnen hatte …

Solidarische Bedürfnisökonomie

Im Zusammenhang mit dem Thema Subsistenz sei hier noch erwähnt, dass die meisten Anarchisten der kapitalistischen Marktwirtschaft und der sozialistischen Planwirtschaft ihrerseits ein Modell konsequenter Subsistenzwirtschaft entgegenstellen, die Stowasser der Einfachheit halber „Bedürfniswirtschaft“ nennt. Zwar ist es hier nicht unbedingt so, dass diese ökonomischen Erwägungen etwa wie in Veronika Bennholdt-Thomsens Subsistenz-Artikel auf Seite 22 ausdrücklich aus der Frauenperspektive heraus begründet würden. Auch kann Bedürfnisproduktion in diesem Kontext ebensogut Industriegüter meinen. Aber ausgehend von der Forderung, dass ein menschliches Wirtschaftsmodell eben nach den Bedürfnissen aller Menschen und der Natur zu funktionieren habe – und nicht nach den Interessen einiger Kapitalisten oder Parteibonzen –, kam die anarchistische Bewegung ebenso wie in anderen Lebensaspekten auch in ihren Wirtschaftsmodellen den Ergebnissen und Visionen der Matriarchatsforschung erstaunlich nahe. Horst Stowasser hebt hervor, dass es eben eine aus vielen kleineren, egalitär-dezentralen Gemeinschaften bestehende Gesellschaftsstruktur sei, die am besten auf die unmittelbaren Bedürfnisse der Menschen eingehen könne. Und wie Kai Ehlers in der „Erotik des Informellen“, so bemüht natürlich auch Stowasser die vom Fürsten Kropotkin zusammengetragenen Beispiele für gegenseitige Hilfe, um zu zeigen, dass die stark solidarischen Aspekte des Anarcho-Wirtschaftsmodells einem ganz natürlichen menschlichen Trieb entsprechen.
Tatsächlich gehen die Modelle solidarischer Bedarfswirtschaft bei einigen Anarchisten so weit, dass sie letztlich für eine völlig geldfreie Solidar-Tauschwirtschaft plädieren, in der jedes Gemeinschaftsmitglied unabhängig von seinen Leistungen erhält, was es benötigt. Gerne würde ich an dieser Stelle ausführlich aus Stowassers Ökonomie-Kapitel zitieren. Verraten sei hier aus Platzgründen lediglich, dass viele der dortigen Überlegungen auffallend denen ähneln, wie sie der Niederkaufunger Kommunarde Uli Barth in dieser Ausgabe von KursKontakte auf Seite 39 über die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens anstellt.
Nicht weit entfernt sind die Visionen einer geldlosen Solidar-Tauschwirtschaft auch wiederum nicht von den stammeskulturellen Wirtschaftspraktiken, die die Matriarchatsforscherin Geneviève Vaughan als „Ökonomie des Schenkens“ beschreibt, und von denen in dieser Zeitschrift noch die Rede sein wird.
Horst Stowasse: Anarchie! – Idee, Geschichte, Perspektiven; Edition Nautilus, Hamburg 2007, 511 Seiten, ca. 100 Fotos, ISBN 978-3-89401-537-4, 24,90 Euro. Weitere Informationen siehe: www.Mama-Anarchija.net


Heide Göttner-Abendroth (Hrsg.): Gesellschaft in Balance – Gender, Gleichheit, Konsens, Kultur in matriline-aren, matrifokalen, matriarchalen Gesellschaften.

Im September 2003 fand in Luxemburg der erste Weltkongress der Matriarchatsforschung statt. Unter der Überschrift „Gesellschaft in Balance“ trafen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt, um sich gegenseitig und die etwa 400 anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörer von ihren Einsichten in die unterschiedlichen Aspekte dieser ebenso faszinierenden wie grunderschütternden Disziplin zu unterrichten.
Wir haben in KursKontakte in den auf den Kongress folgenden Monaten bereits vier der insgesamt 24 Redebeiträge dokumentiert, so den einführenden Vortrag der Kongressorganisatorin Heide Göttner-Abendroth, Claudia von Werlhofs Beitrag über geistige Wurzeln und Zukunft des Patriarchats, Peggy Reeves Sandays Bericht über das matriarchale Millionenvolk der -Minangkabau in Indonesien sowie Veronika Bennholdt-Thomsens Bericht über die mexikanische „Stadt der Frauen“ Juchítan, in der sich zahlreiche matriarchale Kulturmuster erhalten haben. (Alle Artikel sind im Archiv unter www.kurskontakte.de einsehbar.)
Nachdem im Herbst des Jahres 2005 im texanischen Austin bereits der zweite Weltkongress für Matriarchatsforschung stattgefunden hat, ist nun endlich der Dokumentationsband des ersten Kongresses aufgelegt worden. Dabei entstand ein Buch, das zum ersten Mal einen Querschnitt durch den aktuellen Stand der verschiedenen Forschungsbereiche bietet. Wer durch die bisherigen KursKontakte-Beiträge zum Thema Appetit bekommen hat und nun mehr über noch bestehende matriarchale Völker in Afrika, Asien und Amerika, über die alte matriarchale Kulturgeschichte und -Symbolik, über Theorien zur Entstehung des Patriarchats sowie über matriarchale Politik, Spiritualität, Ästhetik, Medizin und Kunst erfahren möchte, der hat mit dem vorliegenden Buch eine hervorragende Gelegenheit, sich einen Überblick über diese wegweisende Forschung zu verschaffen.
Auf dem ersten Weltkongress 2003 konnte die in der etablierten Wissenschaft wegen ihrer subversiven Aussagekraft zumeist ausgegrenzte und totgeschwiegene Matriarchatsforschung zum ersten Mal mit einer Stimme sprechen; hier wurde ein festes Netzwerk geknüpft, das u.a. den ebenfalls sehr erfolgreichen zweiten Kongress in Texas hervorbrachte und nun mit vereinten Kräften an einer neuen politischen Vision arbeitet.
Auch ich hatte 2003 das Vergnügen, der unter der Schirmherrschaft der luxemburgischen Frauenministerin stehenden Veranstaltung beiwohnen zu dürfen, und ich war erstaunt, festzustellen, wie kämpferisch sich die Anwesenden gaben. Allen Versammelten schien klar zu sein, dass das spätpatriarchalische System des globalisierten Kapitalismus sich über kurz oder lang zu Tode siegen wird, und dass die ebenso faszinierenden wie hoffnungsvollen Ergebnisse der Matriarchatsforschung nach gesellschaftlichen Konsequenzen förmlich schreien. Das aus der vergleichenden Ethnologie, aus der Archäologie oder aus der Mythologie/Etymologie gewonnene Wissen birgt zuviel revolutionäre Kraft, als dass es sich auf einen bloß akademischen Wert reduzieren ließe. Erst wer von friedlichen Formen menschlichen Zusammenlebens (in Vergangenheit und Gegenwart) Kenntnis hat, der begreift in vollem Umfang, in welch dunklem Jammertal die Welt sich zu Beginn des 21. Jahrtausends befindet.
Dieses Wissen macht zugleich Wut und gibt Mut: Wut über die zerstörerische Kraft einer als patriarchalisch identifizierten Unkultur – und Mut zu einer Vision, in der die Prinzipien matriarchal-herrschaftsloser Organisationsformen mit der dazugehörigen Ethik den Anforderungen der modernen Massengesellschaften angepasst sind. ´
Heide Göttner-Abendroth (Hrsg.): Gesellschaft in Balance – Gender, Gleichheit, Konsens, Kultur in matrilinearen, matrifokalen, matriarchalen Gesellschaften, Dokumentation des 1. Weltkongresses für Matriarchatsforschung 2003 in Luxemburg, Edition Hagia/Kohlhammer, Winzer 2006, ISBN 3-17-018603-5, 311 Seiten, 28 Euro


  Autoren

Schilk, Jochen

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