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Editorial
erschienen in Ausgabe 151
Liebe Leserinnen,liebe Leser,

angesichts des G8-Irrsinns kam mir das Brechtsche Wort in den Sinn: „Stell dir vor, es ist Gipfel, und keiner geht hin.“ … Der ganze Zaun vergeblich, kein Demonstrant weit und breit, 16000 einsame Polizisten. Keine Blockade, kein Transparent, kein Sprechchor – ein Flop. 100 Millionen in den Ostseesand gesetzt.
Stattdessen, von all dem unbeeindruckt, in allen Orten von Garmisch bis Flensburg, von Trier bis Görlitz unablässiges kulturkreatives Werken und Wirken der Bürgerinnen und Bürger – für all die Werte, die wir in letzter Zeit zunehmend unter das Wort „lebensfördernd“ einordnen.
Illusion? Eher eine „konkrete Utopie“ im Fortspinnen des Blochschen Begriffs: Eine Idee, die wahr wird, wenn sie von -genügend Menschen gedacht wird. Und das wird sie! Es dürfte die Mehrheit der Menschheit sein, die sich nach einer fundamentalen Änderung ihrer Gesellschaften sehnt: Allein 850 Millio-nen Menschen suchen Auswege aus dem -Hunger (www.welthungerhilfe.de), 163 Millionen Flüchtlinge suchen eine sichere Heimat (www.klimainfo.ch), das ist schon ein Sechstel der in diesem Moment 6.625.485.505 Menschen (www.dsw-online.de) auf der Erde.
Dagegen sind die derzeit 946 Milliardäre (www.forbes.com), deren Finanzverwalter die Joysticks der Weltsteuerung bewegen, ein Stäubchen. Und dem kleinen Zehntel der Menschheit, dem 85 Prozent des Weltvermögens gehört, stehen immerhin 90 Prozent der Weltbevölkerung gegenüber, die sich die restlichen 15 Prozent des globalen Einkommens teilen, wobei die Hälfte der Menschheit überhaupt zusammen nur über 1 (!) Prozent des globalen Vermögens verfügt (www.wider.unu.edu). Also: Die Zahl derer, die sich weltweit nach einem anderen Leben sehnen, müsste doch ausreichen, um den Wandel zu lebensförderndem Miteinander hinzukriegen.
Dem steht bloß die Macht der Gewohnheit im Weg. Beispiel Heiligendamm: Das Demonstrationsrecht ist eine gute, demokratische Sache – allein zu echter Partizipa-tion verhilft es nicht (lat. participare, teilnehmen, teilhaben; von pars, der Teil, und capere, fassen, ergreifen): Wenn, wie am 27.5.07 in SPIEGEL-online zu lesen war, Frau Merkel und Herr Beck „die Globalisie-rungskritiker ermuntern“, zu demonstrieren und brav zu skandieren, was wir schon lange sagen, dann ist das nicht nur hoheitlicher Zynismus. Es beweist, dass die gewohnten Instrumente zivilen Ungehorsams, die in Mutlangen und Wackersdorf noch neu und scharf waren und gegen die der Zaun und die Polizisten und die Schnellboote und das viele Geld wiederum gewohnheitsmäßig in Stellung gebracht werden, abgestumpft sind. Gewohnheiten durchbricht man, indem man, siehe Brecht, etwas Ungewohntes tut. Echte Partizipation, das Ergreifen unseres Anteils an Gestaltungsmacht, braucht neue, kreative, pro-aktive Formen bürgerlichen Selbstausdrucks.

Einen bewegten Sommeranfang wünscht
Johannes Heimrath


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Heimrath, Johannes

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