Anne Lohmann setzt die Diskussion zur Frage der Geldschöpfungs- und Zinsproblematik fort.
Das Thema Geldschöpfung scheint die Leserinnen und Leser von KursKontakte sehr zu beschäftigen, denn wir erhalten beständig weitere Artikel-Einsendungen zu diesem Thema. Hier entwirft Anne Lohmann aus dem Ökodorf Sieben Linden ein einfaches Modell eines Staates X, der mit einer Geldmenge Y sein Wirtschaftsleben startet, um das Phänomen der Geldvermehrung zu hinterfragen. Auch wenn die Praxis freilich weit komplexer ist, lohnt die Herangehensweise, um grundlegende Fragen zu stellen.
Das schöne Märchen davon, wo das Geld herkommt – wie lautet es denn nun? Die Geldmenge wächst beständig, daran besteht kein Zweifel. In den letzten drei Ausgaben von KursKontakte kamen Eberhard Hierse, Gernot Schmidt und Ralf Becker zum Thema Geldschöpfung zu Wort. Eberhard Hierse betonte vor allem, wie Geld aus dem Nichts geschöpft wird, während Ralf Becker die Monopolstellung der Staaten bzw. der Notenbanken in der Geldschöpfung kritisch betrachtete. Gernot Schmidt wiederum erklärte ausführlich die Abläufe auf Seite der Geschäftsbanken: wie Kredite nicht willkürlich geschöpft werden, wie Aktiva und Passiva erhöht und belastet werden und wie letztlich bei Tilgung eines Kredits die Bilanz wieder sei wie zuvor. Dann allerdings erklärt er in ein paar Sätzen, warum eben doch Geld in diesem gesamten Vorgang entsteht, und dass dieses Geld der durch Kreditvergabe ermöglichten Wertschöpfung entspräche. Diese Darstellung legt die häufig zu findende Meinung nahe, wonach die Wertschöpfung die Quelle unserer wachsenden Geldmengen sei.
Ist das so? – Ehrlich gesagt, wenn ich mich in Wertschöpfung betätige, das heißt, wenn ich arbeite, habe ich noch nie Geld entstehen sehen, weder in meinem Portemonnaie noch auf meinem Konto. Das Produkt, das ich dabei erschaffe, kann ich verkaufen und gegen Geld eintauschen. Aber entsteht dabei Geld? – Nein, es wird weitergegeben. Ganz so einfach scheint es also nicht.
Wir sind daran gewöhnt, von unserem Geld wie von einem Lebewesen zu denken, das arbeiten und Junge bekommen kann. Aber können das unsere Scheine und Münzen? Oder unser Buchgeld? Die Frage mag Ihnen albern vorkommen. Aber lassen Sie uns doch gemeinsam die gesamte Geldmenge eines Landes anschauen:
Es ist die Stunde Null in unserem Beispielland, und die Institution Dagobert wird damit beauftragt und mit dem Monopol ausgestattet, das Geld für dieses Land herzustellen. Dagobert prägt also jede Menge Münzen, und eine feste Menge davon wird als Tauschmittel ans Volk verteilt. Es wird gearbeitet, getauscht, gefaulenzt, Münzen werden verliehen und zurückgezahlt. Werden es dabei mehr Münzen? – Natürlich nicht. Und was ist, wenn wir das Buchgeld ins Spiel bringen? Jetzt wollen also einige Menschen investieren oder sich Träume erfüllen, ohne vorher sparen zu müssen, und sie fragen Dagobert nach einem Kredit. Dagobert hält sich an die Spielregeln, die Gernot Schmidt in seinem Artikel beschrieben hat. Das heißt, er prägt nun zusätzliche Münzen, führt aber gründlich Buch und schmilzt bei Zurückzahlung konsequent jede einzelne Münze wieder ein, die er als Kredit neu geprägt hat. Entstehen dabei mehr Münzen? – Ja, selbstverständlich, aber nur, solange es noch offene Schulden gibt. Wenn alle Schulden zurückgezahlt sind, haben wir dieselbe Anzahl Münzen wie zuvor.
Die Volkswirtschaft ist durch die zusätzlichen Münzen sicherlich angeregt worden; die Goldstücke haben viele Umläufe gemacht und haben immer wieder Arbeitsleistungen bezahlt. Mehr sind es in der Summe trotzdem nicht. Und das ändert sich auch dann nicht, wenn Dagobert irgendwann nicht mehr alleiniger Kreditgeber sein sollte. Solange jeder Kreditgeber, sei er nun Münzenpräger oder Buchgeldpräger, seine neu geschaffenen virtuellen oder echten Münzen ebenso konsequent wieder tilgt, wie er sie schafft, haben wir in der Summe immer dieselbe Geldmenge. (Das gilt auch, wenn wir den Gedanken der multiplen Geldschöpfung ebenso konsequent wieder rückwärts wie vorwärts denken, d.h. wenn geschöpfte Münzen bei Banken die Grundlage bilden für die Schöpfung weiterer Kredite.)
Wenn Schulden nicht bezahlt werden
Wenn ich drei Euro plus mache, macht der Kunde, der sie mir gibt, gleichzeitig drei Euro minus. Wenn ich einen Kredit von 100 Euro aufnehme, mache ich gleichzeitig 100 Euro plus und 100 Euro minus (zu den Zinsen kommen wir noch). Für die Volkswirtschaft ist dieser Vorgang ausgeglichen, egal ob Buch- oder Bargeld. Die Summe bleibt immer dieselbe, weil jedem Plus, das dazukommt, das Minus in derselben Höhe folgt. Es sei denn, ein notiertes Minus wird einmal nicht ausgeglichen. Werden Schulden nicht bezahlt, und die Rückforderung wird irgendwann eingestellt, hat sich die Gesamtsumme um das dazugehörige Plus vermehrt. An dieser Stelle entsteht das Geld dauerhaft. Die Geldschöpfung (das Notieren des Plusbetrags) passiert zwar bei der Kreditvergabe, eine dauerhafte Geldmengenvermehrung hat jedoch dort stattgefunden, wo Schulden nur noch pro forma weiter in der Bilanz geführt werden, jede Hoffnung auf Tilgung aber ausgeschlossen ist. Das heißt an dem Punkt, wo jemand Pleite macht, liegt unsere geheimnisvolle Quelle.
Noch könnte unser Märchen allerdings ein schönes sein. Denn es muss doch nicht sein, dass jemand Pleite macht? Theoretisch zumindest könnte sich für jeden unfähigen Zahler jemand finden, der das Minus ausgleicht, denn das Geld ist ja eindeutig vorhanden! Und muss es denn überhaupt mehr werden? Das soll ja sowieso nicht so gut sein, wegen der Inflation …
Wenn der Zins ins Spiel kommt
Wir haben den Zins noch nicht betrachtet. In unserem Beispielland gibt Dagobert die Münzen nicht direkt ans Volk aus, sondern nur an jene anderen Kreditgeber, die wir schon erwähnt hatten. Das Entscheidende ist allerdings, dass er die Münzen an diese mit Zins weitergibt, sagen wir mit drei Prozent. Er ist nach wie vor der Einzige, der die Münzen prägen kann. Das heißt, dass er zum Beispiel tausend Münzen geprägt hat, sie weitergibt, und 1030 Münzen zurückfordert.
Die Frage ist eindeutig: Wo um alles in der Welt sollen diese 30 zusätzlichen Münzen herkommen?
So wie wir es vorher nicht geschafft haben, aus einer bestimmten Summe mehr zu machen, werden wir es auch jetzt nicht schaffen. Es sei denn, es machen doch einige Pleite und bleiben auf ihren Schulden sitzen.
Da, wo der Zins ins Spiel kommt, endet unser einst so schönes Märchen leider unausweichlich als traurige Geschichte. Denn ohne Pleitegeier gibt es keine Goldgänse und ohne Schuldenberge keine wachsenden Vermögen: Damit die einen erfolgreich sind mit ihren Unternehmen und die Zinsen zurückzahlen können, müssen andere verlieren. Mit unserer Faulheit oder unserem Fleiß hat das nichts zu tun, und mit den materiellen Werten, die wir durch unsere Arbeit erschaffen, leider auch nichts. Und wir wissen alle, wer den Part übernommen hat, die Schuldenberge aufzutürmen: die Staatshaushalte der ersten, zweiten und dritten Welt in unterschiedlicher Gewichtung. Heute beginnen auch wir in den Industrienationen diese bittere Wahrheit zu kosten, während es vor ein paar Jahrzehnten fast ausschließlich in den Drittweltländern zu spüren war. In Wikipedia habe ich gelesen, dass derUS-Dollar zu knapp 90% über die US-Staatsverschuldung „gedeckt“ sei.
Zwei verschiedene Dinge
Geldschöpfung und Wertschöpfung sind mit Recht zwei unterschiedliche Begriffe. Im ersten Fall wird Geld „aus dem Nichts“ per Kredit geschaffen, welches aufgrund von nicht getilgten Schulden Bestand hat. Im zweiten Fall werden materielle oder dienstleistende Werte „aus dem Nichts“ geschaffen durch menschliche Arbeit. Mit dem Begriff sind allerdings nur die bezahlten geschaffenen Werte gemeint, also jene, die später ins Bruttoinlandsprodukt eingehen.
Kommen wir noch einmal auf jene Ungeduldigen zurück, die nicht erst sparen möchten, bevor sie sich etwas leisten können. Wenn also ein Kredit aufgenommen wird und dabei Geld entsteht, kann der Unternehmer damit eine Wertschöpfung in Gang setzen. Hier liegt tatsächlich der Schluss nahe, dass die geplante und vorhersagbare Wertschöpfung die Motivation für den Kredit gewesen ist und damit auch die Ursache der Geldschöpfung. Wir dürfen allerdings nicht aus den Augen verlieren, dass dieselbe Geldschöpfung auch da passiert, wo mit dem Geld keine Wertschöpfung stattfindet, wo jemand es sich etwa zum genüsslichen Betrachten in die Vitrine seines Wohnzimmers legt.
Wir könnten auch einmal annehmen, Geld- und Wertschöpfung hingen tatsächlich zusammen, und zwar ganz unmittelbar. Dann ergäbe sich folgendes Bild: Da die durch die Arbeitsleistung geschaffenen Werte ja nicht nur entstehen, sondern auch wieder vergehen, müsste auch das bei der Wertschöpfung mit-entstandene Geld ebenfalls mit-vergehen, sonst sähen wir uns einer Inflation ungeheuren Ausmaßes gegenüber. Denn tatsächlich sind viele der geschaffenen Werte ja äußerst kurzlebig, wie etwa alle Nahrungsmittel und Dienstleistungen. Das bedeutet, dass die Geld- und Wertmenge nur dann steigen könnte, wenn der Wert der neu entstehenden Güter und Dienstleistungen immer (mindestens ein bisschen) höher läge als die Wertminderung, die gleichzeitig geschieht. Ist dies der Fall, sprechen wir von Wirtschaftswachstum.
Das heißt im Wechselspiel zwischen Geld bzw. Kapital und Arbeit werden einerseits Werte geschaffen und Kredite geschöpft, andererseits nehmen Werte ab und werden Kredite getilgt. Und wenn eine Wirtschaft sich in Wachstum befindet, wird in dieser Dynamik die erste Seite der Geld- und Wertschöpfung höher liegen als die zweite. Hier haben wir also den Zusammenhang: Die Geldmenge steigt äquivalent zu unserem Wirtschaftswachstum! Tatsächlich gibt es diesen Zusammenhang, und wenn die Geldmenge immer nur so stark wüchse, wie zu einem inflationsfreien Wirtschaftswachstum nötig wäre, würden viele Ökonomen ruhiger schlafen. Die Geldmenge wächst in der Regel allerdings nicht äquivalent, sondern um einige Prozentpunkte stärker an als die Konjunktur.
Sicherlich ist es von mir sehr beschönigend, die Dinge dermaßen kurz zusammenzufassen. Wir übergehen dabei beispielsweise den Schuldensumpf, der unter unseren eigenen Füßen und auf der ganzen Welt zwangsläufig mitentsteht.
Neue Geldsysteme?
Das Geld an sich ist in unseren wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Zusammenhängen also keineswegs neutral. Wie unser Geldsystem gestaltet ist, hat erhebliche Auswirkungen. Bisher haben wir als eine Ursache für die zwangsläufig entstehende Schere zwischen Verschuldung und Reichtum den Leitzins betrachtet, den die Europäische Zentralbank zur Geldmengenregulation einsetzt (in unserem Beispiel Dagoberts Zins, der die Hemmschwelle darstellt, dass nicht endlos Kredite bei ihm gefordert werden). Wir dürfen uns angesichts der Nebenwirkungen des Zinses fragen, ob er wirklich das glücklichste Instrument ist. Darüber hinaus gibt es weitere Aspekte unseres heutigen Geldsystems, die in Frage gestellt werden können. Einer davon ist die Monopolmacht der Geldschöpfung, die Ralf Becker in seinem Beitrag erwähnt.
Wie aber könnten Schritte in Richtung einer Problemlösung aussehen? Eberhard Hierse und Ralf Becker haben auf die vielerorts entstandenen Regionalwährungen hingewiesen, die versuchen, andere, alternative Geldsysteme zu etablieren. Diese Währungen haben die Stärke, dass die Menschen einer Region sich selbst ermächtigen und von unten Alternativen aufbauen, anstatt auf eine politische Lösung von oben zu warten. Vor allem können sie die Wirtschaft einer Region ankurbeln, sie fördern das Bewusstsein um die negativen Auswirkung der bestehenden großen Nationalwährungen und leisten somit Bildungs- und Aufklärungsarbeit. Und es etablieren sich Systeme, die inflationssichere Währungen anzubieten haben, sollte der Euro einmal an Boden verlieren.
Gleichzeitig können diese Währungen ihre volle Stärke nicht entfalten, solange sie als Komplementärwährungen neben starken Nationalwährungen bestehen. In inflationsbedrohten Krisengebieten werden alternative Währungen schnell zum vorrangigen Zahlungsmittel ihrer Regionen. In Ländern hingegen, in denen die offizielle Währung (noch) stabil ist, stellen sich Beeinträchtigungen für alternative Währungen ein. Zum einen soll die Komplementärwährung ein inflationsfreies Geldsystem erschaffen – gleichzeitig kann sie das nicht, solange sie dem Wert nach an die Landeswährung gekoppelt bleibt, die sich inflationär verhält. Die Abkopplung einer Regiowährung ist allerdings äußerst schwer, da die Entwicklung eines Gefühls für den Wert einer Währung einen täglichen Umgang mit dieser Währung als Zahlungsmittel über einen langen Zeitraum erfordert. Außerdem kehren diese Währungen in der Regel das Ungleichgewicht des normalen Geldsystems um, und solange beide Systeme parallel bestehen, graben sie sich gegenseitig das Wasser ab. Während beim Euro-System die Guthabenbesitzer im Vorteil und die Kreditnehmer im Nachteil sind, ist es bei den Regionalwährungen umgekehrt, und Kleinunternehmer sind in der Regel ökonomisch gezwungen, das jeweils vorteilhafte System in Anspruch zu nehmen. Für Kreditnehmer ist das Regiogeld interessant, für Guthabenbesitzer aber die Landeswährung, es sei denn, jemand kann es sich leisten, aus Idealismus heraus wirtschaftlichen Interessen entgegenzuhandeln.
So erklärt es sich auch, dass eines der ältesten und größten Regionalgeldsysteme – der seit 1934 bestehende, 77000 Mitglieder zählende Schweizer WIR (www.wir.ch) – eine wesentlich geringere Umschlagshäufigkeit seiner Guthaben zu verzeichnen hat als die entsprechende Menge Schweizer Franken, und das trotz der großen Mitgliederzahl. Dies bringt den Volkswirt Helmut Creutz zu dem Schluss, dass alternative Geldsysteme sich gegen die herrschende Geldordnung nur dann durchsetzen könnten, wenn die Guthabenbesitzer nicht mehr benachteiligt würden, was nur dann der Fall wäre, wenn der Zins in der offiziellen Währung neutralisiert wäre – wobei es in diesem Fall jedoch keine Alternativen mehr bräuchte …
Das klingt nun wahrhaft düster und stellt auf gewisse Weise die Sinnhaftigkeit der Regionalgeld-Initiativen in Frage. Wenn wir uns aber die Gegenfrage nach den politischen Chancen einer Geldreform im Großen stellen, wird schnell klar, dass jeder, der sich angesichts des derzeitigen Missstands zum Handeln aufgerufen fühlt, je nach Neigung zu einer regionalen wie zu einer großen politischen Lösung beitragen kann. Aufklärung und die Entwicklung von Alternativen sind jedenfalls auf allen Ebenen nötig und wohltuend. ´
Anne Lohmann ist Gemüsegärtnerin. Sie lebt im Ökodorf Sieben Linden und beschäftigt sich seit acht Jahren mit den Auswirkungen unseres Geldsystems und möglichen Alternativen.
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