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Zweites Internationales Kolloquium zu Home-Education in Deutschland
erschienen in Ausgabe 151  PDF-Version (231.59 KB)
Der Auftakt für das zweite internationale Kolloquium zu Home Education lag im Januar 2006, als vierzig Menschen unterschiedlicher bis gegensätzlicher Weltanschauung anlässlich ihres gemeinsamen Anliegens „Bildungsfreiheit statt Schulzwang“ erstmals auf einer breiteren Basis miteinander ins Gespräch gekommen sind. Sie waren der Einladung des Bundesverbands Natürlich Lernen! e.V. (BVNL) zu den zweiten Kasseler Gesprächen gefolgt. Der Funken zündete, und als übergreifender Zusammenschluss gründete sich damals das Netzwerk Bildungsfreiheit (NBF).
Die Bündelung dieser Vielfalt unter ein gemeinsames Ziel setzte ein erstaunliches Potenzial frei. Erster Höhepunkt war die Zusammenarbeit in der Vorbereitung für den Besuch des UN-Bildungsbeauftragten Vernor Muñoz, die in die Übergabe einer üppigen Dokumentensammlung zur Situation selbstbestimmter Bildung ohne Schule in Deutschland mündete. Muñoz’ kritischer Bericht zum deutschen Bildungswesen an die UNO im März dieses Jahres provozierte eine gekränkte Vorwärtsverteidigung sämtlicher sechzehn Kultusminister. Anstatt Bildungsfreiheit zu gewähren, wie in diesem Bericht gefordert, verschärften sie die Verfolgung von Familien, die bis dahin – teils geduldet – ihre Kinder privat gebildet hatten, durch Jugendamt, Polizei und Gerichte. Zunehmend wandern diese Familien ins liberalere Ausland ab.
Ihre Erzählungen vom unbeschwerten Leben und Lernen in England, Irland, Schweden, Kanada usw. erreichen uns seitdem und lassen bei Eltern und Kindern in Schulnot die Sehnsucht nach der Freiheit für Bildung in unserem Land wachsen.

Die erste internationale Versammlung in Deutschland

Der Zorn der Zurückgebliebenen in den unterschiedlichen Lagern half, ideologische Gräben zu überwinden. In einem gemeinsamen Kraftakt gelang es unter Federführung des NBFs, in diesem Jahr das erste internationale Kolloquium der Homeschooler auf deutschem Boden ins Leben zu rufen. Die Folgeveranstaltung 2008 wird in Holland sein.
Zweihundertfünfzig Menschen und Referenten aus elf europäischen Ländern und den USA reisten auf die wunderschöne Burg Rothenfels bei Würzburg. Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlichster Bildungs- und Glaubensvorstellungen von bibeltreuen Christen bis hin zum anarchistisch geprägten Philosophen hörten einander zu, kamen miteinander ins Gespräch und bildeten sich gemeinsam über den rechtlichen und praktischen Umgang mit der Bildungsfreiheit in anderen Ländern. Die ausländischen Gäste reagierten jeweils mit Erschrecken, wenn Betroffene ihnen in persönlichen Gesprächen von polizeilicher Verfolgung, Erzwingungshaft, Sorgerechtsentzug, horrenden Geldbußen und dem damit verbundenen Leid ihrer Familien erzählten.
An die fünfzig Kinder aus dieser Vielfalt von Altersstufen und Meinungen spielten nebenher wilde und besinnliche Spiele. Auffällig war, wie friedlich, freundschaftlich und kreativ sie miteinander umgingen. Die Sprachprobleme der Erwachsenen wurden von zwei vorzüglichen Synchron-Dolmetscherinnen gelöst, die Kinder verständigten sich auch ohne solche Hilfe.
Angesichts dieser solidarischen Kooperation wirkte die Angst der Kultuspolitiker vor der Parallelgesellschaft durch Homeschooling peinlich und beschämend.
Die äußerst interessanten Vorträge unter historischem, aktuellem, humanistischem und visionärem Aspekt zum Homeschooling in Deutschland sind auf der Internetseite des Netzwerks Bildungsfreiheit zu finden: www.netzwerk-bildungsfreiheit.de. Dort finden sich ebenfalls die aufschlussreichen Berichte aus der Homeschooling-Praxis in Frankreich, Skandinavien, Irland, Bulgarien, Österrreich, Holland, USA und Kanada. Eine erhellende Perspektive eröffnete auch der Vortrag von Dagmar Neubronner zur Bindungsforschung von Prof. Gordon Neufeld. Er selbst gibt vom 7. bis 10. Juni in Müllheim bei Freiburg ein Intensivseminar gibt (siehe www.gordonneufeld.de). Beeindruckt hat mich besonders die Schlussfolgerung von Harriet Pattison aus England am Ende ihres Vortrags „Was ist das Besondere an Home-Education-Familien?“: „Gar nichts.“
Das Kolloquium wurde von Johannes Heimrath, langjähriger Unterstützer freier Formen der Bildung, engagiert und integrierend moderiert. Für ihn war diese Veranstaltung „wie eine Belohnung für den Einsatz für Bildungsfreiheit seit 30 Jahren und ein Zeichen dafür, dass es sich lohnt, mit Courage und Entschiedenheit für das einzustehen, was man als richtig erkannt hat.“ Er spannte den Bogen zu globalen Themen – in Zeiten des Klimawandels könnten heiße Bewegungen in der Gesellschaft auf uns zukommen, und die Unschooling- bzw. Homeschool-Bewegung könne dazu beitragen, dass die Gesellschaft sich rasch und stark bewegt.

Reichtum der Vielfalt

Abschließend lasse ich noch eine Teilnehmerin des Kolloquiums, Simone Schaefer, zu Wort kommen:
„Was war so beeindruckend auf diesem Kolloquium?
Die Fülle sehr unterschiedlicher und jeweils fundierter internationaler Beiträge? Die gute Organisation und Vorbereitung durch ‚Unprofessionelle‘, die diesen Arbeitsberg neben ihren sonstigen Aufgaben ehrenamtlich meisterten?
Oder der Reichtum diverser Beiträge aus dem Publikum, in dem sich sehr unterschiedliche Gruppierungen und Denkansätze bunt mischten? Von sehr christlich Überzeugten bis zu überzeugten Unschoolern war alles vertreten.
Oder war es die brillante Moderation, getragen von einer Präsenz, die weniger Mäßigung als vielmehr Ermutigung, das Potenzial von Polaritäten zu heben, verbreitete?
Ich glaube, der Erfolg lag vor allem in dem spürbaren Fokus aller auf die Wandlung hin zu Bildungsfreiheit. Diesen Fokus habe ich nicht nur als intellektuelle Leistung erlebt, sondern als eine grundlegende Herzensqualität: so, als hätten wir alle verstanden, dass im Trennenden der zurückliegenden Jahre keine Chance liegt. Vielmehr besteht unsere Chance darin, dass wir das, was wir in der Vergangenheit lernten, als Fundament und nicht als Bastion betrachten. In Rothenfels begannen wir, uns umzuschauen und wahrzunehmen, was es woanders gibt – in anderen Ländern, in anderen Gruppierungen oder Ansätzen, die uns bislang fremd waren: behutsame Öffnung, Staunen, wie andernorts mit der gleichen Ernsthaftigkeit gearbeitet wird und wie wir uns auf dem gemeinsamen Weg begegnen können. Diese Qualität war wohl nur möglich, weil uns allen der historische „Ernst der Lage“ deutlich war: Mit deutschen Gesetzen, die auf die Ausbildung guter Untertanen abzielen, lässt sich der Weg zu verantwortlichem globalem Handeln nicht beschreiten. Auch wenn der Weg in das uns Unbekannte sicherlich momentan alles andere als klar ist, hat das Kolloquium eines mit Sicherheit gezeigt: Es gibt eine Fülle krea-tiver Ideen und den Mut zur Eigenverantwortung. Wagen wir weiterhin, uns wirkungsvoll zu vernetzen, dann kann auch in Deutschland der Begriff ‚Empowerment‘ (Selbst-ermächtigung) auf lange Sicht kein Fremdwort mehr bleiben und seine Wirkung entfalten.“


  Autoren


Bundesverband Natülich Lernen! e. V. (BVNL) (Caspar-Jürgens, Anke)

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