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Lebenskunst und Gemeinschaft. Versuch einer Standortbestimmung von dynamik5.
Einer der neuen Kerntexte der gemeinsamen Konzeptgruppe „Menschenbild, Weltbild, Gesellschaftsbild“ von dynamik5 Schweiz und Deutschland handelt von Lebenskunst und Gemeinschaft. Wir stellen ihn leicht gekürzt hier vor, zusammen mit einem ersten Kommentar von Bernd Hercksen sowie zwei Stellungnahmen der Holon-Redakteure.
Das Gesellschaftsprojekt dynamik5 ist eine Vereinigung von Menschen, die neue Antworten auf drängende und bisher -ungelöste gesellschaftliche Probleme suchen. Dazu finden unter anderem regelmäßige Treffen in Arbeitsgruppen statt. dynamik5 will alternative Modelle zur Verfügung stellen, wie mit dem Leben und seinen Herausforderungen generell und in speziellen Bereichen erfreulicher umgegangen werden kann. Mit dieser Arbeit sollen eigene Fragen geklärt und andere Menschen, die sich ähnliche Fragen stellen, angeregt werden. Schließlich wollen wir so den Zusammenschluss und die Bündelung ähnlich gesinnter, reformorientierter Kräfte fördern. Der vorliegende Text schildert so etwas wie die Essenz unserer bisher gewonnenen Einsichten und Vorschläge. Er enthält die aktuellen Leitlinien für unsere Arbeit nach innen und außen. Er ist jedoch jederzeit offen für Veränderungen, falls sich solche aufgrund der neu gewonnenen Einsichten als sinnvoll erweisen.
Die Ausgangslage
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erleben wir, die wir uns bemühen, die Welt mit offenen Augen, Herzen und Verstand zu sehen, folgende Situation:
Immer mehr Menschen werden weltweit vom -freien Zugang zu ihren Lebensgrundlagen, wie Boden und Wasser, ausreichender und gesunder Nahrung, aber auch von der Möglichkeit, sich in sinnvoller und befriedigender Arbeit sowie auf selbstbestimmte und sozial anerkannte Weise in die Gesellschaft einzubringen, abgeschnitten.
Ein allein auf Gewinnmaximierung fixiertes Wirtschafts- und Finanzsystem ist dabei, nicht nur die letzten sozialen und gemeinschaftlichen Strukturen, sondern auch die natürlichen Ressourcen und Lebensgrundlagen auf der Erde sowie die geistig-seelischen Fundamente für den Bestand und die -Fortentwicklung von Demokratie, friedlichem Zusammenleben und Humanität abzubauen. Der relative Friede und Wohlstand in Mittel- und Westeuropa wurde zum Teil auch durch laufende Verschlechterung der Lebensbedingungen in der dritten Welt erkauft. Nun erfasst die wachsende Ausgrenzung durch Verarmung auch größere Teile der Bevölkerung in den reichen Ländern.
Weltbild, Menschenbild und Wirklichkeit
Fast alle Fakten, Daten, Zahlen zu den ökologischen, ökonomischen, sozialen und geistig-seelischen Zerstörungstendenzen sind sehr vielen Menschen schon seit Jahren und hinreichend bekannt. Wenn dennoch bei den maßgeblichen Kreisen und im gesellschaftlichen Mainstream bis heute so gut wie kein Wille zur Umkehr, zu einer neuen Art zu denken und zu handeln feststellbar ist, können wir nicht umhin, unser Bewusstsein selbst und unsere Welt- und Menschenbilder auf den Prüfstand zu stellen, um die notwendigen Konsequenzen zu entwickeln.
Ein großer Teil des Leides, das aus der genannten Entwicklung resultiert, wäre vermeidbar. Wir – das sind die einflussreichen Kreise unserer Gesellschaft ebenso wie die einfach nur mitgehenden, mitkonsumierenden, mitmachenden, wie auch die, welche diese Zeilen denken, formulieren und kommunizieren – haben die Freiheit, eine umfassendere Wahrnehmung und eine tiefere Einsicht in die Zusammenhänge zu entwickeln. Durch eingeschränkte Wahrnehmung und verengtes Bewusstsein haben wir -individuelle Wirklichkeiten wie auch scheinbar -unabänderliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen, die tiefgreifende Verbesserungen scheinbar undenkbar machen. Damit entmündigen wir uns selbst und werden den in uns ruhenden Potenzialen nicht gerecht. Sowohl Menschenbilder als auch Weltbilder, die sich allein auf materielle und/oder mentale Komponenten stützen, werden der Komplexität der Wirklichkeit nicht mehr gerecht. Mögen derlei „naturwissenschaftliche“, reduktionistische oder mechanistische Vorstellungen zur Zeit ihrer Entstehung durchaus sinnvoll und sogar gesellschaftlich notwendig gewesen sein, so entsprechen sie nicht mehr der heute möglichen Erfahrung und Erkenntnis. Es geht uns nicht darum, anstelle des alten reduktionistischen Weltbildes der beginnenden Neuzeit nun ein ähnlich ausschließliches und möglichst in sich geschlossenes „spirituelles“ Welt- und Menschenbild zu setzen. Wir wollen nicht einfach veraltete Landkarten durch neue (spirituelle) Landkarten ersetzen; wir möchten vielmehr den Landkartencharakter aller Weltbilder betonen, diese Landkarten nicht mit der Wirklichkeit verwechseln und schließlich die bisher vernachlässigten Dimensionen menschlicher und gesellschaftlicher Wirklichkeit, die seelisch-geistigen, ganzheitlichen, spirituellen Ebenen in eine komplexere Schau auf den Menschen und die Welt integrieren.
Statt auf neue geschlossene Abbilder von Mensch und Welt setzen wir auf Öffnung und Integration aller uns zugänglichen Wahrnehmungen der Wirklichkeit. Wir sind stoffliche und denkende, aber eben auch fühlende und zur Transzendenz fähige Wesen. Der uns umgebende Kosmos ist Materie und Energie, aber eben auch seelische und geistige Qualität. Nur unter Einbeziehung sämtlicher Dimensionen der uns zugänglichen Wirklichkeit können wir auch zu Gesellschaftsbildern kommen, die unsere Natur, unsere seelischen und geistigen Bestrebungen und unsere Gemeinschaftswesenhaftigkeit nicht vergewaltigen.
Nachhaltige Gesellschaftsbilder
Der menschliche Geist hat sich in unnennbarer Vielfalt der verschiedensten Spezialgebiete zu höchster Brillanz entwickelt. Wenn wir die eingangs genannten Destruktionen und das daraus resultierende Leiden abbauen wollen, ist es nun an der Zeit, auch die Zusammenschau der verschiedenen Ebenen und Wirkfaktoren zur höchstmöglichen Brillanz zu entwickeln. Politische Gestaltung ohne diese Zusammenschau, das heißt auch ohne eine hohe soziale und geistig-seelische Kompetenz, ist zum Scheitern verurteilt. Die bewusste Beleuchtung auch unserer meist unbewussten oder unreflektierten Welt- und Menschenbilder und ihr Wandel im Licht eines klaren und bewussten, aus ganzheitlicher Wahrnehmung und Herzensintelligenz entstehenden Willens, ist die Voraussetzung zur Entwicklung zukunftsfähiger Gesellschaftsbilder.
Kernpunkte unserer politischen Arbeit
Die genannten geistig-seelischen Tiefendimensionen beim Erfassen und Gestalten gesellschaftlicher Wirklichkeit nennen einige von uns „ganzheitliche Wahrnehmung“, andere „Weisheit“, „Achtsamkeit“, „Herzensintelligenz“ oder „spirituelles Bewusstsein“. dynamik5 will hier keine simplifizierende Einheitlich-keit anstreben. dynamik5 ist keine Religionsgemeinschaft, Konfession oder Sekte. dynamik5 lebt von der Individualität seiner Träger. dynamik5 ist offen für alle, die die obigen Grundeinsichten sowie die Grundabsicht teilen, sich vor dem Hintergrund eigener per-sön-licher geistiger Quellen mit anderen zusammenzuschließen, um das große Werk voranzubringen, neben der materiellen und der Verstandes-wirklichkeit auch die geistig-seelischen Dimensionen, Spiritualität oder Weisheit in die Gestaltung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einzubringen.
Zu den Hintergründen, Quellen und gemeinsamen Grundlagen von dynamik5 zählen:
!verschiedene traditionelle Wege und Mysterienschulen (unter anderem christliche, buddhistische und naturreligiöse),
!individuelle, nicht auf traditionellen Schulen basierende oder auch „atheistische“ Spiritualität,
!Selbsterfahrung und Bewusstseinsentwicklung im Sinn der humanistischen Psychologie, der transpersonalen und der Tiefenpsychologie sowie der modernen Tiefenökologie,
!anthropologische, erkenntnistheoretische, geisteswissenschaftliche sowie kulturhistorische Forschung,
!gesellschaftswissenschaftliche Erforschung der Entwürfe derer, die vor uns und aus ähnlichen Motiven oder in verwandtem Geiste an den Menschheitsthemen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ arbeiteten,
!die „kollektive Selbsterfahrung“, welche sich in der Aufarbeitung unseres gesellschaftlichen „Gewor-denseins“, in der Erforschung und Reflexion der Tiefenströmungen unserer Kultur und Geschichte erschließt.
Gemeinsam ist uns bei aller Unterschiedlichkeit die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer individuellen und täglichen Praxis der inneren Arbeit (Meditation, Gebet, Ritual, Innehalten, Übungen u.a.) für ein gleichermaßen gelassenes wie auch entschiedenes politisches Engagement. Darüber hinaus wagen wir auch Versuche, Rituale für eine überkonfessionelle Kultur der Gemeinschaft zu entwickeln.
1.) Bewusstseinsarbeit und Politik
Aus dem bisher Gesagten folgt für uns, dass eine gesellschaftliche, ökologische und soziale Heilung/Entwicklung weder allein durch individuelle Arbeit am eigenen Bewusstsein noch allein durch strukturelle Gesellschaftsveränderung möglich ist. Wir schätzen und achten alle, die den einen oder den anderen Weg aus vollem und reinem Herzen gehen. Die gemeinsame Grundentscheidung derer, die sich zu dynamik5 zusammenschließen, ist es jedoch, beide Wege, die individuelle und die politische Arbeit gleichzeitig zu gehen. Das schließt vorübergehende Schwerpunktphasen nicht aus, verpflichtet uns aber als Kollektiv, die Zusammenschau beider Dimensionen im Auge zu behalten.
Da die folgenden Punkte sich primär auf die strukturellen und politischen Dimensionen beziehen, sei nochmals auf die Notwendigkeit hingewiesen, parallel dazu stets auch die individuelle Befähigung und individuelle Bewusstseinsentwicklung zu beachten.
2.) Gemeinschaft und gesellschaftliches Bewusstsein
Politik ist die Kunst der Gemeinschaft. Das wollen wir auf alle Ebenen von Gemeinschaft und Gesellschaft beziehen. Es scheint uns hohe Zeit, die seit Jahrtausenden immer mehr getrennt voneinander betrachteten Bereiche von Gemeinschaft als sozialem Organismus (oder System) und Gesellschaft im politisch-rechtlichen Sinn wieder in eine angemessene Zusammenschau zu bringen.
!Weder die in Auflösung befindliche Kleinfamilie noch der Mythos vom autonomen Individuum scheinen derzeit als Vorbild für die kleinste Einheit einer menschengerechten Gesellschaft geeignet. Sowohl die Reste großfamiliärer oder sippenhafter Zusammenhänge als auch die sich neu konstituierenden Gemeinschaftsprojekte halten wir für unterstützenswert und erforschenswert bei der Suche nach der neuen Grundeinheit für eine nachhaltige demokratische Gesellschaft. Allerdings sehen wir in regressiven Tendenzen, bei denen Gemeinschaft unter Rückzug ins Kollektiv-Seelenhafte und mit hohem Anpassungsdruck auf die Einzelnen restauriert werden soll, wenig Zukunftsweisendes. Die evolutionäre Herausforderung unserer Zeit ist die bewusste Entwicklung von Gemeinschaftsstrukturen auf der Basis des voll entwickelten Ich-Bewusstseins.
!Basierend auf lebensfähigen Gemeinschaften können auch die daraus sich zusammensetzenden nächstgrößeren Verbände, Gemeinden und Regionen eine nachhaltigere Entwicklung in Richtung direkterer und unmittelbarerer Demokratie erfahren.
!Auch die überregionalen bis hin zu den globalen Zusammenschlüssen können – von funktionierenden Gemeinden in den Regionen getragen – in demokratischen Prozessen von Macht- und Kontrollzentralen zu dienenden föderalen Strukturen transformiert werden.
3.) Regionalisierung
Zukunftsfähige Gesellschaftsgestaltung kann sich nicht allein auf die regionale Ebene beschränken. Wohl aber brauchen wir lebensfähige Regionen von hoher Lebensqualität, die mindestens tendenziell autar-ker sind als zur Zeit. Nur so wird es möglich sein, auch national und global attraktive Alternativen aufzeigen zu können.
4.) Subsidiarität und Globalisierung
Auf der Ebene der materiellen Grundversorgung und Absicherung, aber auch in vielen Bereichen unserer „ich-überschreitenden“ Bedürfnisse geistiger, seelischer und kultureller Art sehen wir in einem möglichst weitgehenden, echten Subsidiaritätsprinzip den „Königsweg“, um Produktion und Konsum, Ökologie und soziale Sicherheit sowie kulturelle Identität in möglichst selbstbestimmter und demokratischer Weise zu regeln.
Nur was die Gemeinschaft auf der unteren Ebene nicht allein regeln kann, soll finanziell, wirtschaftlich, rechtlich und politisch an die nächsthöhere Ebene delegiert werden.
Die jetzigen nationalen Macht- und Verteilungszentralen werden also Einfluss und Entscheidungsgewalt nach unten in die Regionen und nach oben (z.B. in Richtung UNO) abgeben müssen.
5.) Demokratie
Strukturen und Institutionen unserer Demokratie sind wandelbar und können fortentwickelt werden. Die jetzige Praxis der meisten parlamentarischen Systeme führt zum fast ausschließlichen Machtmonopol bei den politischen Parteien. Mehr direkte Bürgerbeteiligung und mehr Entscheidungen aus Sachkompetenz statt Parteikalkül wären dringend notwendig, um eingefahrene Fehlentwicklungen auch wieder korrigieren zu können. Existierende Modelle sachgerechter Gliederungen (z.B. von Rudolf Steiner und Johannes Heinrichs) und direkter Bürgerbeteiligung, wie sie beispielsweise in der Schweiz bereits praktiziert wird, wollen wir prüfen und gegebenenfalls aufnehmen und unterstützen.
6.) Wirtschafts- und Finanzreformen
Wir wollen, dass die Wirtschaft wieder den Menschen dient und nicht umgekehrt. Permanenter Wachstumszwang ist weder ökologisch noch sozial länger verantwortbar und dient allein den Renditeforderungen eines aus dem Ruder laufenden Finanzsystems. Daher ist es unter anderem auch unabdingbar, die strukturell destruktiv gewordenen Mechanismen -unseres Geldsystems zu reformieren. Wir sehen in den entsprechenden Anregungen und Vorschlägen von z.B. Margrit Kennedy und Bernard Lietaer sowie den Bewegungen für regionale- und Komplementärwährungen keine Konkurrenz zu anderen Maßnahmen, beispielsweise Boden- oder Steuerreformen, sondern absolut notwendige Ergänzungen.
7.) Integrale Tiefenökologie
Neben allen Ansätzen, das Verhältnis von Mensch und Gemeinschaft wieder neu und zukunftsfähig zu begründen, vergessen wir nicht unsere Einbindung in die Natur und in den Kosmos. Wir wollen die lebendige Kreatur, die Mitbewohner dieser Erde, aber auch die seelischen und geistigen Kräfte, die uns sowohl mit der Erde als auch mit dem Himmel verbinden, in unsere Wahrnehmung einbeziehen. Soziale Kompetenz und Gemeinschaft neu zu begründen heißt dann auch, Gemeinschaft mit den Lebewesen und den geistigen Wirkkräften unserer Welt zu pflegen. ´
Forum dynamik5
Bewusstseinsverengung auch hier?
Von Bernd Hercksen
Das Bewusstsein bestimmt das Sein“. Diese zentrale Aussage spiritueller Weltanschauung steht im Mittelpunkt des Entwurfs. Also ist das bestehende falsche Sein die Folge von falschem Bewusstsein: „Durch eingeschränkte Wahrnehmung und Bewusstsein haben wir uns individuelle Wirklichkeiten wie auch scheinbar unabänderliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen, welche tiefgreifende Verbesserungen scheinbar undenkbar machen.“ Also brauche es nur ein richtiges, zusammenschauendes Bewusstsein und Gesellschaftsbild, damit unsere Welt wieder in Ordnung kommt. Die Aufgabe von dynamik5 sei es dabei, „zusätzlich neben der materiellen und der Verstandes-wirklichkeit auch die geistig-seelischen Dimensionen, Spiritualität oder Weisheit in die Gestaltung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einzubringen“.
Leider hat dieses so elegant erscheinende Konzept einer grundlegenden Gesellschaftsveränderung einen kleinen Schönheitsfehler: Es hat so noch niemals funktioniert und es wird auch niemals funktionieren. Auch die New-Age-Bewegung ist schon vor mehr als 20 Jahren an diesem Anspruch gescheitert. Das hat seinen Grund in dem, was der Entwurf gerade vermeiden und überwinden will: in seinem eingeschränkten Bewusstsein. In diesem Fall ist es nicht das eingeschränkte Bewusstsein des „reduktionistischen Weltbilds“, also des materialistisch-naturwissenschaftlich verengten Blickwinkels, sondern das eingeschränkte Bewusstsein der spirituellen Akteure selbst. Meiner Meinung fehlen im Entwurf zwei Dimensionen völlig:
1. Geschichte: Um die immer größeren Probleme der Gegenwart lösen zu können, müssen sie zunächst einmal richtig verstanden werden. Da reicht ein kleiner Hinweis auf das „auf Gewinnmaximierung fixierte Wirtschafts- und Finanzsystem“ bei weitem nicht aus. Was hier völlig fehlt, ist die Erkenntnis, wie dieses System im Verlauf der patriarchalen Geschichte zu dem geworden ist, was es heute ist. Die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen, wie z.B. die Eigentumsverhältnisse oder die Institutionen des Staats und der Politik sind nur zu einem kleinen Teil das Ergebnis des Wollens, Denkens und Handelns der gesellschaftlichen Akteure der Gegenwart; der größte Teil ist geschichtlich entstanden und wird von der heutigen Generation nur noch leicht modifiziert.
Wir können also die „materiellen“ Strukturen der Gesellschaft als historische Ablagerungen, als Kondensation vergangenen Bewusstseins betrachten, ganz ähnlich den Jahresringen eines Baumes, der Schicht um Schicht wächst, wobei die Gegenwart lediglich den äußersten Jahresring formt, der nur einen kleinen Teil des Baums darstellt. So entstand z.B. das Privateigentum an Boden und anderen Produktionsmitteln ungefähr um 2500 v.Chr. bei den Sumerern, ein Vorläufer des heutigen Geldes 500 Jahre später. Um das Wesen des heutigen Geldes zu verstehen, muss man also das Bewusstsein der Sumerer vor 4000 Jahren kennen. Dieses Bewusstsein aber war wiederum geprägt von der sumerischen Geschichte, vor allem vom Einbruch des Patriarchats in die frühere matriarchale Hochzivilisation.
Die gesellschaftlichen Einrichtungen der Kultur, der Politik, Religion etc. sind jedoch nicht bloß Ablagerungen vergangenen Bewusstseins, sondern auch energetische Machtzentralen, die bestehendes Bewusstsein formen, lenken und verstärken. Wer diese geschichtliche Menschheitsentwicklung nicht kennt, kann auch die heutige Realität nicht verstehen und erst recht nicht verändern. Entscheidend für das geschichtliche Verständnis ist die Existenz der matriarchalen Hochkultur, die ab 4000 v.Chr. von patriarchalen Eroberern zerstört und durch eine Kultur von Macht, Ausbeutung und Gewalt überlagert wurde. Diese patriarchalen Bewusstseinsinhalte haben innerhalb der Geschichte des Patriarchats lediglich ihre Form, nicht aber ihren Inhalt gewechselt. Der heutige globale Kapitalismus ist ein System von Macht und Ausbeutung in seiner bislang effektivsten Form, das sich durch den Ausleseprozess ständiger Kriege und Machtkämpfe unterschiedlicher Gesellschaftssysteme herauskristallisiert hat.
2. Herrschaft: Der zweite Mangel im Konzept des Entwurfs ist die völlig Ausblendung des Herrschaftsprinzips, dessen Existenz überhaupt nicht gesehen wird. Das zeigt sich im obigen Zitat: „Wir haben uns individuelle Wirklichkeiten wie auch scheinbar unabänderliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen“. Anscheinend sind unsere heutigen Gesellschaftsverhältnisse immer schön demokratisch diskutiert und entschieden worden, sonst könnte man nicht von einem „Wir“ sprechen. In Wirklichkeit sind diese Bedingungen in der patriarchalen Geschichte immer – und das gilt auch heute noch – von den Herrschenden ihren Bedürfnissen entsprechend eingerichtet oder umgeformt worden. Auch die heute herrschende neoliberale Ideologe ist nicht demokratisch diskutiert und eingeführt worden, sondern sie hat sich innerhalb der Elite ausgebreitet und wird heute überall von den Massenmedien als einzig wahres Evangelium gepredigt.
Auch die Gesetze, die die grausame Folterung und Vernichtung von Millionen von Ketzern und Hexen im Rahmen der Inquisition legalisierten, stammen nicht aus einer Volksabstimmung, sondern wurden hauptsächlich von Kaiser Friedrich II. in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche entwickelt und durchgesetzt. Die Liste der Beispiele könnte endlos fortgesetzt werden. Dieser Irrtum der Autoren des Entwurfs hat natürlich Folgen für sein Konzept und seine Realisierungschancen: Wenn die Welt so schlecht wäre, weil „wir“ falsche Entscheidungen getroffen hätten, dann bräuchten „wir“ nur unser Bewusstsein zu ändern, und die Welt würde automatisch besser.
Genau das ist die Meinung der Autoren: „Wenn wir die eingangs genannten Destruktionen und das daraus resultierende Leiden abbauen wollen, ist es nun an der Zeit, auch die Zusammenschau der verschiedenen Ebenen und Wirkfaktoren zur höchstmöglichen Brillanz zu entwickeln“. Wenn mit „wir“ nur der Diskussionszusammenhang von dynamik5 gemeint ist, dann ist diese Forderung sehr sinnvoll, vorausgesetzt, die Zusammen-schau schließt tatsächlich auch die geschichtliche Dimension und die Dimension der Herrschaft ein. In einem zweiten Schritt könnten „wir“ – also die Menschen dieses Diskussionszusammenhangs – überlegen, welches Vorgehen aus einer solchen ganzheitlichen Erkenntnis folgen könnte und sollte.
Doch leider scheint den Autoren der Unterschied zwischen „wir“ und „wir“ nicht bekannt zu sein. Solange die ganze Menschheit als einheitlich handelnde Einheit betrachtet wird, der lediglich ein umfassendes, ganzheitliches und zusammenschauendes Bewusstsein fehlt, solange wird das gut gemeinte Engagement von dynamik5 völlig folgenlos bleiben.
P.S.: Diese Gedanken zur geschichtlichen Dimension sind Teil meiner Arbeit an einem Buch mit dem Titel „Vom Matriarchat zur Moderne. Die ganze Geschichte – neu erzählt“. Einzelne Textauszüge und eine Zusammenfassung können von meiner Homepage www.bernd-hercksen.de heruntergeladen werden. ´
Stimmt schon, Bernd …
Von Gandalf Lipinski
Und um es gleich am Anfang zu sagen: Ich teile Bernd Hercksens Auffassungen über die fehlenden Komponenten des Papiers weitgehend, obwohl ich maßgeblich daran mitgearbeitet habe.
In der Tat gehört die historische Dimension dazu, wenn wir unsere gegenwärtige gesellschaftliche Wirklichkeit umfassend und in der Tiefe verstehen wollen. Auch teile ich seine Ansicht, dass diese geschichtliche Betrachtung bis in jene Zeit vor ca. 6000 Jahren zurückgehen muss, als eine egalitäre, mutterrechtliche Gemeinschaftskultur durch das beginnende patriarchale Herrschaftssystem zerstört wurde. In meinen Vorträgen zur Demokratiereform werde ich auch nicht müde, diese Zusammenhänge ausführlich darzustellen.
Ebenso teile ich seine Meinung, dass ein unreflektiert gebrauchtes „wir“ im a-historischen Sinn die wahren Herrschaftsverhältnisse eher verschleiert. Und natürlich hat er auch nicht ganz Unrecht mit seinen Befürchtungen, dass bei den neuen spirituell und politisch denkenden Menschen ein altes reduktionistisches Denken manchmal einfach durch ein neues reduktionistisches (weil a-historisches) Denken ersetzt wird – was ja keine wirklich neue Politik im integralen Sinn wäre.
Dennoch stehe ich zu unserem kurzen Papier. Da steht ja nichts wirklich Falsches drin. Wohl aber ist es in einigen Punkten sehr allgemein und zum Teil unvollständig formuliert. Es ist schließlich von einer Gruppe verabschiedet worden. Bisher haben die meisten Menschen – wenn überhaupt – entweder historisch/politisch oder ganzheitlich/spirituell gedacht. Wir sind jedoch heute zum Sowohl-als-Auch herausgefordert. Und die meisten der Menschen, die heute aus dem Spektrum der Kulturkreativen dazu bereit sind, sind eben nicht durch eine historisch/politische Schulung gegangen. Sie haben aber sehr wohl damit begonnen, sich wieder selbst zu artikulieren und auch im politischen Feld Aussagen zu machen, ohne jenes gewachsene politische Bewusstsein, das für Bernd Hercksen selbstverständlich ist.
Da fangen Menschen, die nie in anderen Zusammenhängen politisch aktiv waren, heute einfach an, die Gestaltung ihres Lebens und unserer Gesellschaft wieder in die eigene Kompetenz zu nehmen. Im Sinn einer dringend anstehenden Wiederbelebung demokratischen Bewusstseins ist das für mich der allererste und wichtigste Aspekt. Natürlich steht es an, den Idealismus vieler Kulturkreativer nun auch politisch/historisch zu „erden“. Damit beginnen wir gerade. Der Kerntext ist ja nur ein Kurzpapier und als Teil eines Buchs gedacht, das im nächsten Jahr erscheinen und selbstverständlich auch historisch fundiert werden wird. Ich würde mich über weitere Kommentare zum Kerntext und eine breitere Diskussion dazu freuen. ´
Wir oder wer sonst?
Von Andreas Valentin
Auch mich hat Bernd Hercksens Kritik nachdenklich gemacht. Blendet dynamik5 das Thema Herrschaft aus? In einem Punkt muss ich ihm Recht geben: das in der spirituell-politischen Bewegung inflationär und undifferenziert gebrauchte „Wir“ stört mich schon länger.
„Wir sitzen alle in einem Boot“ – das ist wohl nicht anzuzweifeln, nur hat das Boot sehr unterschiedliche Sitzplätze: Während die einen die schöne Aussicht oder die Sonne genießen, sind andere damit beschäftigt, das Wasser aus dem lecken Rumpf zu schöpfen. Weitere suchen die Ursachen für die Löcher (welche z.T. erst durch den rücksichtslosen Umgang einiger Weniger entstehen), wieder andere versuchen, das Boot in flachere Gewässer zu steuern. Die meisten haben keine Ahnung, ob diese Aufgabenteilung sinnvoll ist – viele sehen aber zumindest ihre eigene Rolle als wichtig an.
Ein „Wir“, das über diese Ungleichheiten den gnädigen Schleier legt, um dem Vorwurf zu entgehen, einzelnen Gruppen die Schuld zuzuweisen (und damit die eigene Verantwortung abzulehnen), halte ich in der Tat für fragwürdig. Gleichzeitig frage ich mich manchmal, ob nicht das Polarisieren in Täter und Opfer ebenso in die Sackgasse führt.
Insofern finde ich die im Konzept gewählten Formulierungen wie „ bei den maßgeblichen Kreisen“ oder „die einflussreichen Kreise unserer Gesellschaft“ zur Umschreibung (von Herrschaft) bzw. zur Differenzierung des „Wir“ zumindest nicht undiplomatisch. Denn die tiefe Spaltung in der Szene zwischen denjenigen, für die alle Menschen gut sind und die 100 Prozent der Verantwortung für das eigene Leben im Bewusstsein des jeweiligen Einzelnen suchen auf der einen Seite und auf der anderen Seite denjenigen, die erstere als Zyniker bezeichnen, weil die Mechanismen und gesellschaftlichen Strukturen zur Erzeugung von Armut, Gewalt und Leid doch offensichtlich sind, beobachte ich schon seit den Anfängen von dynamik5. Wahrscheinlich ist diese Kluft so alt wie die Menschheit. Wer kann sie schließen? ´
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Autoren |
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Bernd Hercksen, Andreas Valentin, Gandalf Lipinski
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