Reiner Kippe berichtet über die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim
Die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim (SSM) zeigt in über die vielen Jahre seit ihrer Gründung 1979 hinweg, dass ein Arbeiten ohne Chef möglich ist und dass im selbstbestimmten Miteinander auch für gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen eine Chance zur Selbstentfaltung besteht. Mitbegründer Rainer Kippe reflektiert vor diesem Hintergrund über ein Verständnis von Spiritualität, welches Arbeit einbezieht.
Ich lebe seit 1974 in dieser Gemeinschaft, davon 19 Jahre als Hausbesetzer. Bereits seit 1969 arbeite ich mit Menschen zusammen, die aus der Arbeitsgesellschaft ausgegrenzt sind, mit obdachlosen Jugendlichen, mit Strafentlassenen oder vor dem Strafvollzug Geflüchteten, mit ehemaligen Insassen psychiatri-scher Krankenhäuser, obdachlosen Erwachsenen, gescheiterten und gestrandeten Menschen. Zu unserem Verein kommen auch Menschen, die nicht allein sein wollen, die eine alternative Lebensweise erproben wollen, Menschen mit Suchtproblemen und solche, die in der Gesellschaft etwas verändern wollen. Seit uns im Jahr 1974 die öffentlichen Mittel entzogen worden sind, haben wir auf staatliche Gelder verzichtet und ernähren uns von unserer Hände Arbeit. Wir fahren Umzüge, lösen Haushalte auf, entrümpeln und handeln mit gebrauchten Möbeln, Kleidern und Antiquitäten. Wir haben auch schon Briketts gefahren, biologische Landwirtschaft betrieben, Häuser gebaut und saniert, Wohnungen renoviert. Wir bilden eine Gemeinschaft, die sich ihre eigenen demokratischen Regeln gegeben hat.
Wir leben zusammen in Häusern, die wir früher besetzt hatten. Jeden Morgen treffen wir uns zu einer Sitzung, in der wir unsere Arbeit besprechen und verteilen und in der wir über alles reden, was unsere Gemeinschaft betrifft. Dazu haben wir für uns den Begriff der Arbeit neu gefasst: Arbeit ist nicht nur das, wofür man Geld bekommt, sondern alles, was für unsere Gemeinschaft wichtig ist. Umzüge und Möbelverkauf gehören genauso dazu wie Kochen und Kindererziehung, der Ausbau unserer Wohnungen, Flugblätter schreiben und Rechtshilfe, die Gründung einer Genossenschaft und die Unterstützung von Projekten, Veranstaltungen zum Thema „Neue Arbeit“ genauso wie Meditation, Yoga und Holotropes Atmen. Arbeit gibt es bei uns für alle, denn jeder Mensch ist nützlich, und für jeden gibt es etwas Nützliches zu tun. Seit 1975 nennen wir uns nicht mehr „Sozialpädagogische Sondermaßnahmen“, sondern „Sozialistische-Selbsthilfe“. Damit drücken wir zum einen den Anspruch aus, mit unserer Arbeit die Gesellschaft zu verändern, und zwar ausgehend von unserem praktischen Beispiel, zum anderen unsere Entscheidung, aus eigener Kraft selbst für uns zu sorgen. Seit drei Jahren betreiben wir zusammen mit Freunden und Unterstützern das „Institut für Neue Arbeit, INA e.V.“, einen Ort, wo wir unsere Erfahrungen mit anderen austauschen, unsere Ideen vorstellen und wissenschaftlich arbeiten.
Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen
Unsere heutige Gesellschaftsform bezeichnet sich selbst als Arbeitsgesellschaft. Damit bestimmt sie die Beziehung der Menschen untereinander über deren Teilnahme am gesellschaftlichen Arbeitsprozess. Wer sich in diesen Prozess nicht einfügen kann oder will, gilt nicht als vollwertiges gesellschaftliches Mitglied. Er ist auf Sozialleistungen angewiesen oder auf Almosen. Im Gegensatz zum christlichen Mittelalter, wo Armut eine Tugend war und Reichtum eine Sünde, ist er in der Arbeitsgesellschaft der Moderne einem ständigen sozia-len Druck ausgesetzt. Er muss seine Existenz rechtfertigen. Über ihm schwebt die Drohung des Apostels Paulus: „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.“ Er wird ausgegrenzt und empfindet sich selbst als minderwertig. Seinen Platz am unteren Rand der Gesellschaft kann er nicht selbst bestimmen, er wird ihm zugewiesen. Für die Arbeitsgesellschaft bedeutet seine Existenz ein Problem, sie sieht ihr Selbstverständnis durch ihn in Frage gestellt. Je nach herrschender gesellschaftlicher Verfassung kann er in einer Wohnung von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe vegetieren, in ein Heim eingewiesen werden oder auch in einem Arbeitslager landen, einem Gefängnis oder im KZ. Die Gefahr, Opfer staatlicher Maßnahmen zu werden, verschärft sich, wenn er keine Wohnung mehr hat und wenn er psychisch krank oder sozial auffällig wird. Dies alles gilt aber nur für den, der nicht über ausreichende Geldmittel verfügt. Wer ein angemessenes Vermögen sein eigen nennt, kann auch in der Arbeitsgesellschaft als Nichtstuer ein geachtetes und sogar beachtetes Leben führen, wie ein Blick in die Gesellschaftsseiten der Presse beweist. Woher das Geld stammt, ist dabei zweitrangig. Jede soziale oder therapeutische Arbeit sieht sich daher mit dem Problem konfrontiert, dem Hilfebedürftigen einen Platz zu -schaffen, der von der Gesellschaft akzeptiert, und das heißt finan-ziert wird. Während geeignete Arbeitsplätze immer seltener werden, wird die Gewährung von Hilfen immer häufiger an das Versprechen geknüpft, den Bedürftigen wieder in „das Arbeitsleben“ zu integrieren.
Der Mensch als Ware
Arbeit gibt es genug. In den Schulen fehlen Lehrkräfte, in den Kindergärten KindergärtnerInnen, bei den Pflegediensten PflegerInnen, in den Behörden SachbearbeiterInnen, auf den Straßen liegt Müll, in den Betrieben wachsen die Arbeitsbelastung und die Zahl der Überstunden. Das Tempo der Arbeit wird ständig erhöht, die Arbeitsdichte wächst rasant. Arbeitsplätze gibt es aber nur da, wo Geld zur Verfügung steht. Es zählt nicht das individuelle oder gesellschaftliche Bedürfnis, es zählt nur der zahlungskräftige Bedarf. Der Einzelne genießt ein Höchstmaß an individueller Freiheit, als Arbeitskraft aber gilt er als Ware auf dem „Arbeitsmarkt“. Millionen sind von diesem Markt ausgeschlossen, sie erfüllen nicht die Bedingungen oder haben in vielen Teilen der Welt gar keinen Zugang. Arbeitslosigkeit und Armut sind inzwischen die Hauptprobleme einer Wirtschaftsform, die Glück und Überfluss für alle versprochen hatte. Die Versuche von Sozialisten und Kommunisten, die Probleme des Wirtschaftens durch staatliche Eingriffe, durch Enteignung der Kapitalisten, Übernahme der Produktionsmittel durch die Arbeiter oder Umverteilung der Einkommen in den Griff zu bekommen, die vor 100 Jahren noch begeistert gefeiert und vor 50 Jahren zumindest als denkbare Alternative begriffen wurden, darf man heute getrost als gescheitert ansehen. Statt einen Ausweg zu zeigen, sind sie zu einem Teil des Problems geworden. Nicht nur die Globalisierung oder die „Entfesselung der Finanzmärkte“ stehen zur Debatte, sondern unser gesamtes Verständnis von Mensch und Natur.
Die Entfremdung und das Newton-Cartesianische Paradigma
In seinen berühmten „Pariser Manuskripten“ beschreibt Karl Marx den Arbeiter als „entfremdet“, der bei der Arbeit „außer sich“ sei und nur in den tierischen Funktionen wie Essen oder Schlafen „bei sich“. Er machte dafür die Produktions- und die damit verbundenen Eigentumsverhältnisse verantwortlich und forderte die „Aneignung der Produktionsmittel durch die Produzenten“. Ich meine auch heute nicht, dass er mit seiner Kritik zu radikal war, mir scheint eher, er hat zu kurz gegriffen.
Am Beginn der Aufklärung teilte Descartes die Welt in zwei Teile: in eine „Res cogitans“, das ist unser denkendes Bewusstsein, das im Hirn seinen Sitz hat, und eine „Res extensa“, das ist die gesamte Welt der Materie, außer uns und auch in unserem Körper. Diese tote Materie besteht aus Atomen und Molekülen, sie hat kein Bewusstsein und gehorcht ehernen und unveränderlichen Naturgesetzen, sie ist in Zahlen erfassbar und berechenbar. Diese Vorstellung beherrscht unser Denken und unsere Wissenschaften bis heute. Sie wurde durch Newtons Begriff der Naturgesetze ergänzt und beherrscht auch unsere Vorstellung von der Arbeit und der Wirtschaft.
Die Natur ist „Gegen“-stand, die zur Überwindung dieses „Widerstands“ erforderliche Energie wird gemessen als „Arbeit“. Die Natur ist der Feind, der Krieg, den wir gegen sie führen, ist „der Vater aller Dinge“. Sie, die früher die nährende Mutter war, zerstückeln wir nun. Wir verkaufen sie, wir vergewaltigen sie und schlachten sie aus.
Arbeiten und Wirtschaften sind selbst Teil einer Maschine, wie Adam Smith zu Beginn der modernen Volkswirtschaftslehre ausführt. Ihm zufolge gehorchen sie wie die Gestirne ewigen Gesetzen. Ihnen heißt es sich zu fügen. Über Angebot und Nachfrage lenkt die „unsichtbare Hand“ des Marktes unsere Geschicke als ein blinder Gott. Der Mensch bleibt zurück, abgetrennt und machtlos. Freiheit wird zur Einsicht in die Notwendigkeit der Marktgesetze, wie heute jedes Schulkind weiß. Während die Menschen zu Beginn der Industriali-sierung durch Drohung und Gewalt in die Fabriken getrieben wurden, exekutiert das moderne Individuum die Marktlogik zunehmend freiwillig an sich selbst.
Die Aussöhnung des abgetrennten und von sich selbst entfremdeten Individuums mit diesem Prozess der Abtrennung und Entfremdung geschieht immer wieder nur über die Inbesitznahme des erzeugten Produkts vermittels des als Arbeitslohn empfangenen Geldes und den Konsum desselben. Je größer die Entfremdung wird, desto stärker wird die Gier nach Konsum, bis sie schließlich zur unstillbaren Sucht wird, die rücksichtslos die natürlichen Grundlagen des Wirtschaftens selbst zerstört. Diese Sucht erfasst auch die Arbeit selbst. Obwohl wir immer schneller immer mehr Güter erzeugen, arbeiten wir immer mehr und immer intensiver. Statt die Produkte unseres Fleißes in Muße zu genießen, haben wir die Freizeit selbst in eine Industrie verwandelt, in der wir uns, unter dem Vorwand, uns von der Anstrengung der Arbeit erholen zu müssen, in Autos und Flugzeugen von einem Urlaubseinsatz zum nächsten katapultieren.
Arbeit als spirituelle Praxis
Spirituelle Erfahrung ist Erfahrung des Einsseins, Erfahrung unserer selbst als Materie, als Tier, als „anderer“ Mensch, als Teil des Kosmos. Sie lässt uns erkennen, dass wir Teil eines riesigen Systems sind, eines Ganzen, und dass wir dieses Ganze in uns tragen. Dass wir selbst ganz sind, weil wir Teil des Ganzen sind. Dieses Einssein, bis hinunter zu dem Gefühl, nur ein Atom zu sein, und hinauf zu dem Gefühl, eins mit dem göttlichen Prinzip zu sein, erlaubt gleichzeitig die Erkenntnis, völlig einzigartig zu sein, und bedeutet damit ein völlig anderes Verständnis von Individualität. Sie erlaubt uns, uns in den anderen hineinzuversetzen, weil wir erfahren haben, dass wir der andere sind. Sie überwindet das Prinzip von Konkurrenz, Rivalität und Feindschaft, das unserer Wirtschaftsordnung des freien Wettbewerbs zugrundeliegt. Materie, Tiere und Menschen erfahren wir nicht mehr notwendig als feindlich, sondern ebenso als zugewandt. Die Natur beschenkt uns, das Erz will geschmolzen, das Holz geschnitten werden, der Stein will sich zum Haus aufrichten, das Metall zum Löffel werden, die Nahrung will uns nähren. Sie knüpft an die Erfahrungen früherer Kulturen an, welche die Aufklärung ins Reich des Aberglaubens verwiesen hatte. Die Natur war belebt. Der Jäger sprach über sein Totem mit dem Beutetier, entschuldigte sich bei ihm. Auch in der Alchemie war die Natur noch belebt, besaß einen Geist, wie wir im „Faust“ nachlesen können.
In der Sozialistischen Selbsthilfe Mühlheim machen wir diese Erfahrung durch verschiedene spirituelle Techniken wie Meditation oder Holotropes Atmen.
Hau-Ruck-Tranceerfahrung
Die Anstrengung, die in der Arbeit – oder sollen wir besser sagen „im Werk“, denn dann denken wir an „wirken“? – aufgebracht wird, ist die Lebensenergie, die wir dem Wirkensprozess zufügen, damit die Materie ihre Gestalt verändert. Sie ist nicht nur Mühe, sie kann uns auch in eine Art Trance führen, in einen Schwung, einen Rhythmus, eine Begeisterung, in der wir im Prozess der Arbeit mit dem Gegenstand eins werden. Deshalb sangen die Menschen früher bei der Arbeit, deshalb ruft man heute noch: „hau-ruck!“ oder „zu-gleich!“. Und viele Tänze vor allem aus Afrika führen in ihren Bewegungen ihre Herkunft aus der Arbeit mit sich. Das sind die Erlebnisse, die wir auf dem Feld haben, beim gemeinsamen Kartoffelernten, beim Umzug, wenn auf der Treppe die Kartons von Hand zu Hand gehen, beim Dachdecken, wenn die Ziegel vom Stapel über eine Menschenkette aufs Dach schweben und sich zu einer elastischen Dachhaut aufreihen.
„Wir sind nicht getrennt“, so möchte ich über die Erfahrung mit der Arbeit im SSM schreiben. Wir sind nicht getrennt vom anderen durch Konkurrenz, wir sind nicht getrennt vom Objekt unserer Arbeit als „Gegen-stand“ und wir sind natürlich auch nicht getrennt vom Produkt, denn wir nehmen es unmittelbar in Besitz. – Doch halt! In einem Teil unserer Arbeit sind wir sehr wohl den Marktgesetzen unterworfen: Wir bieten zum Beispiel Umzüge an, wir konkurrieren mit anderen um den Auftrag, wir führen ihn gegen Geld durch und bezahlen mit diesem Geld Waren, die wir nicht selbst herstellen können, wie Baumaterial, Essen oder elektrischen Strom. Wie ich eingangs geschildert habe, stellt dies – wie bei allen Menschen – allerdings nur einen Teil unserer Arbeit dar, denn der größte Teil der Arbeit wird anerkanntermaßen außerhalb der Geldwirtschaft im sogenannten „Haushalt“ geleistet. Wir haben also mit unserem Begriff von Arbeit und Wirtschaften diesen wichtigen Teil menschlichen Tuns wieder in die Ökonomie zurückgeholt. Aber auch da, wo wir am Markt gegen Geld arbeiten, folgen wir doch nicht allein der Logik des Marktes. Bei unseren Umzügen kann jeder mittun, egal wie kräftig oder tüchtig er ist. Und das Geld ist nur ein Aspekt. Mindestens genauso wichtig ist für uns, wie wir uns bei der Arbeit fühlen, was die Arbeit mit uns macht. Deshalb nehmen wir auch nicht jeden Auftrag an, und wir verlangen auch nicht immer denselben Preis. Für manche Leute arbeiten wir nicht, für manche ist es sehr teuer, für andere sehr billig.
Wir haben 1974 auch nicht angefangen, mit den Hilfebedürftigen zu arbeiten, weil wir Geld gebraucht hätten. Sicherlich, unsere soziale Arbeit war gerade verboten und unsere Aufnahmeheime für obdachlose Jugendliche waren geschlossen worden. Aber es gab gleichzeitig sehr gute Angebote, wie wir unsere Arbeit unter gewissen Auflagen und in etwas kleinerer Form gut finanziert fortsetzen konnten. Wir haben begonnen, mit diesen Menschen zu arbeiten, weil wir die Isolation durchbrechen wollten, in der sie als verstoßene Kinder der Arbeitsgesellschaft steckten. Die neue Form und das neue Verständnis von Arbeit entwickelten wir, weil diese Menschen in der Form, in der die Arbeitsgesellschaft die Arbeit anbietet, nicht zu arbeiten vermochten. Sie waren ja nicht umsonst ausgegrenzt und ins Heim, in die Psychiatrie oder in den Knast gesteckt worden. Wir entwickelten diese Form von Arbeit jedoch auch, weil wir selbst – die ausgebildeten Sozialarbeiter und Helfer – keine Lust hatten, unser restliches Leben im Dreieck zwischen Arbeit, Freizeit und Konsum zu verbringen.
Menschenrecht auf Arbeit
Den Menschen von der Arbeit auszuschließen, ist eine fürchterliche Strafe. Sie ist viel schlimmer und zerstörerischer als ihr Gegenstück, den Menschen zur Arbeit zu zwingen. Alles Arbeitslosengeld dieser Welt vermag den Menschen nicht für den Verlust des Rechts zu entschädigen, seine Welt gemeinsam mit anderen durch Arbeit zu gestalten und sich in diesem Prozess als Arbeitender, das heißt als Mensch zu erfahren. Das Arbeitslosengeld ist das Linsengericht, für das der arme Esau sein Erstgeburtsrecht, ein tätiger Mensch zu sein, verkauft. Die Veränderung, die an einem Menschen geschieht, der sich dieses Recht wieder nimmt, lässt sich nicht nur als soziales Phänomen beschreiben. Es ist vielmehr eine Art Mensch-Werdung. Allerdings vollzieht sich dieser Prozess beim SSM nicht in der Utopie eines Arbeitsparadieses freier Menschen, sondern unter Schmerzen, Wirren und Widerständen in einer Gesellschaft, die weiterhin von Geld und Konsum bestimmt ist, von der wir ein Teil sind und die wir in uns tragen. Dabei versuchen wir das, was eine gute Therapie im Umgang mit Arbeit und Material leistet, herüberzuholen in die Wirklichkeit gesellschaftlicher Existenz unter den Bedingungen einer Wettbewerbsgesellschaft. Das spirituelle „Wir sind nicht getrennt“ übersetzt sich dabei in das altvertraute Wort „Solidarität“ und in „Gemeinsam sind wir stark“.
Es ist schwer, für die spirituelle Erfahrung in der Arbeit einen angemessenen Ausdruck zu finden. Spirituelle Erfahrung ist in dieser Gesellschaft überwiegend in der Freizeit angesiedelt, vielleicht noch in der Therapie. Der Workshop versteht sich als Kontrapunkt zum hektischen Getriebe dieser Welt.
In einem Aufsatz des Zen-Lehrers Daisetz Teitaro Suzuki über Zen-Buddhismus fand ich ein Bild, das meiner eigenen Erfahrung mit der Arbeit bei der Sozialistische -Selbsthilfe Mühlheim entspricht: „Ein Bauer grub einen Brunnen, um sein Land zu bewässern. Das Wasser trug er in einem Eimer mühsam aus dem Brunnen herauf. Als das ein Vorübergehender sah, fragte er den Bauern, warum er dazu nicht einen Ziehbrunnen verwende; dieser spare Arbeit und leiste mehr als die primitive Methode. Der Bauer sagte: ‚Ich weiß, dass er Arbeit spart, und gerade das ist der Grund, warum ich ihn nicht verwende. Ich fürchte, dass man dem Maschinendenken verfällt, wenn man eine solche Einrichtung verwendet, und das führt zu Gleichgültigkeit und Faulheit.‘“
Eine etwas platte Moral, mag sein. Ich sehe in dieser Geschichte aber noch etwas anderes: Wenn wir in den Brunnen hinabsteigen und es in einem Einer herauftragen, statt einfach nur den Wasserhahn aufzudrehen, erfahren wir vielerlei über das Wasser: dass es als sauberes Trinkwasser tief in der Erde vorkommt; dass man es hervorholen muss; dass es schwer ist; dass es aus dem Eimer schwappt, also flüssig ist usw. Wir erfahren vor allem auch, dass es als solches sauberes klares Trinkwasser klar und kostbar ist. Ähnliches gilt für Holz, Feuer und Wärme. Für Häuser, für Kleidung. Immer bekommen wir erst eine Erfahrung davon, wenn wir es mit unseren Händen hervorbringen und erzeugen. Deshalb haben bei uns selbst Ingenieure und Anbeter der Technik eine Sommerhütte, wo sie Wasser von der Quelle holen und Holz aus dem Wald und das Dach mit Schindeln decken. Deshalb hat die SSM Öfen und sägt Brennholz, baut selber Wohnraum, deckt Dächer und baut Kartoffeln an.
Spiritualität ist Erfahrung. Sie verändert unser Verständnis von der Welt und von uns selbst. Um diese Erfahrung machen zu können, müssen wir aber erst die gewohnte Sicht der Welt durchbrechen. Die Sozialistische Selbsthilfe Mühlheim will dazu eine Möglichkeit sein und eine Einladung. ´
Informationen
Sozialistische Selbsthilfe Mülheim
Düsseldorfer Straße 74
51063 Köln-Mülheim
Tel. (0221) 6405245, info@ssm-koeln.org, www.ssm-koeln.org
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