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Das andere Japan
erschienen in Ausgabe 151  PDF-Version (205.74 KB)
Bruno Ehler berichtet von einer lebensverändernden Erfahrung in einem japanischen Gemeinschaftsprojekt.

Das „Asian Rural Institute“ (ARI) mit Sitz in Japan war ein Jahr lang die Einsatzstelle für den Auslands-Zivildienst von Bruno Ehler. Er erlebte eine inspirierende multikulturelle Gemeinschaft auf der Grundlage ökologischer Landwirtschaft und angepasster Entwicklungskonzepte: eine „andere Welt“ im ländlichen Japan, die seinen Lebensweg noch nachhaltig beeinflussen sollte.


Oft rutscht mir beiläufig in einem Gespräch heraus, einmal in Japan gelebt zu haben. „Zivildienst in Japan – das geht?“ werde ich dann immer wieder staunend gefragt. Die Antwort „Ja“ mündet dann meistens in eine lange Geschichte..
Alles fing mit dem Wunsch an, nach dem Abitur in Süd-amerika Spanisch zu lernen. Von einem Auslands-Zivildienst hatte ich gehört. Ich lernte durch Recherchen hinzu und fand mich mehrere Monate lang im bürokratischen Gewirr rund um den „Anderen Dienst im Ausland“ gefangen. Die Vorgeschichte für diesen „Ersatzdienst für den Ersatzdienst für den Wehrdienst“ endet schließlich in Japan. Erst bei meiner dortigen Ankunft konnte ich glauben, die Hürden der Bürokratie doch noch überwunden zu haben. Gleichzeitig begann das faszinierendste und prägendste Jahr meines Lebens, bei dem ich zunächst eine eiserne Regel meines bisherigen Daseins brach: Niemals aufs Land!

This is not Japan!

Mit „Welcome to ARI. This is not Japan!” wurde ich an meinem Einsatzort begrüßt. Dass der sechs Hektar große Campus einer kleinen Nichtregierungsorganisation in den Hügeln von Tochigi wirklich nicht viel mit dem übrigen Japan zu tun hatte, sollte ich in den nächsten elf Monaten immer wieder aufs neue erleben.
Gleich am ersten Abend fühlte ich mich heimisch in einer Gruppe von Menschen aus über 20 verschiedenen Regionen Afrikas und Asiens. Ihre offene, für mich so ungewohnt menschliche Art und Lebensfreude ließ mich die materiellen Zustände, die ich weder von zu Hause, noch von meinem früheren Japanaufenthalt (anlässlich eines Schüleraustauschjahrs) gewohnt war, schnell übersehen: Kondenswasser an den Wänden, das sich mit Staub am Boden zu Matsch verband; Insekten in Zimmern und Waschräumen; ständiger Stallgeruch; karge Räume; Doppelzimmer und Feldarbeit. Obwohl ich völlig ins kalte Wasser geworfen worden war und nichts von dem je gesehen hatte, machte mir all das überhaupt nichts aus. Das „Asian Rural Institute“ (etwa: „Asia-tisches Institut für die Entwicklung ländlicher Gebiete“) mit seinem Schwerpunkt auf Unabhängigkeit durch ökologische Landwirtschaft und Gemeinschaftsleben in Heterogenität war genau das Richtige für mich.
1973 von einem christlichen Priester für die Ausbildung ländlicher Missionare gegründet, durchlief das Institut bis heute eine wechselvolle Geschichte. Zwar sind die christlichen Wurzeln noch stark zu spüren, die Gemeinschaft ist jedoch offen für Personen aller Glaubensrichtungen. Mehr noch: Man betrachtet heute eine größtmögliche Heterogenität sogar als wichtige Voraussetzung für ein gestärktes Toleranz- und Diversitätsbewusstsein. So wird großer Wert darauf gelegt, die Gemeinschaft Jahr für Jahr möglichst aus Personen unterschiedlichster Herkunft, unterschiedlicher Schulbildungsgrade, einem breiten Altersspektrum und einem ausgewogenen Verhältnis der Geschlechter zusammenzusetzen. Jedes Jahr lernen etwa 20 bis 30 Menschen mit „entwicklungsbezogenen“ Tätigkeiten aus ländlichen Gemeinschaften Afrikas und Asiens über neun Monate allerhand Neues über Gemeinschaftsleben, unorthodoxe Entwicklungskonzepte, Toleranz oder Nahrungsautarkie. Gelernt wird nicht nur im Frontalunterricht, sondern durch praktische Arbeit im Gemeinschaftsalltag – und vor allem voneinander. Dem Institut ist es wichtig, dass nicht „weise Weiße“ über die vermeintlich besten Lösungswege für weit entfernte Orte referieren. Stattdessen bietet das ARI einen Raum, in dem sich beispielsweise die Teilnehmerin aus den Philippinen direkt mit einem Teilnehmer aus Uganda über dortige Techniken der Biogasgewinnung austauschen kann. Die Gemeinschaft von insgesamt etwa 50 Menschen besteht neben den KursteilnehmerInnen noch aus ARI-Angestellten, deren Familien sowie den aus finanziellen Gründen unersetzlichen Freiwilligen.

„Geht nicht“ gibt’s nicht!

Während die TeilnehmerInnen Unterricht haben oder an Projekten arbeiten, gehen Angestellte und Freiwillige sehr spezifischen Aufgaben nach. Ich wurde im ersten Monat in den Computerraum beordert, wo es mir mit der Hilfe eines Kollegen gelang, aus einem Haufen Elektronikschrott einen funktionierenden und internetfähigen PC-Arbeitsraum zusammenzubasteln. Die restliche Zeit war ich in der Personal-abteilung eingesetzt. Was sich eher trocken anhört, war eine faszinierende Aufgabe und für mich frischgebackenen Schulabgänger einmal mehr etwas ganz Neues. Ein Schwerpunkt unserer Abteilung war es, die Bewerbungen für kommende Kursjahrgänge zu organisieren. Konkret hieß das: tägliche Anfragen beantworten, Kontakte knüpfen, schwarze Schafe entlarven, passende KandidatInnen vorsortieren, Bewerbungsbögen verschicken, Rücksendungen in die EDV eingeben, mit Behörden um Visa streiten, Reiserouten zusammenstellen oder aufgeregte Reisekranke beruhigen. Der zweite Schwerpunkt der Abteilung lag beim Kontakthalten mit Ehemaligen. Hier waren viel Schriftverkehr, einige Telefongespräche, Eintragungen, Abheften, Koordination für BewerberInnen-Interviews in den Herkunftsregionen oder das Erstellen von Publikationen an der Tagesordnung – -alles in allem eine Menge Datenverarbeitung.
Mit zunehmendem Internetgebrauch und einer rasant ansteigenden Menge an täglicher Kommunikation musste für ARI eine angemessene Datenbank her. Diese zusammen mit einer externen Expertin (auch sie widmete ARI ihre freie Zeit als Teilzeit-Freiwillige) konstruierte Datenbank war eine der größten Herausforderungen für mich.
Tokoro de (jap.: „apropos“): „Geht nicht“ gibt’s nicht – so lautete die Devise. Eine meiner verblüffendsten Erfahrungen war, dass die meisten Menschen bei ARI einfach drauflos arbeiten konnten. In meiner bürgerlichen Erziehung wurde mir ein sehr lineares und auf Spezialisierung ausgelegtes Lebensmodell vermittelt: Schule, spezifische Ausbildung, ein Lohnarbeitsberuf auf Lebenszeit, Rente. Das ARI half mir, aus diesem Gedankenkäfig zu fliehen: Während ich kurz nach meiner Ankunft in der Abteilung noch minütlich Fragen stellen musste und dies furchtbar peinlich fand, konnte ich beim großen Personalwechsel im April schon einigen Leuten Tipps geben und war bei meiner Abreise selbst der Fragenbeantworter, als ich den Posten an meinen Nachfolger übergab.

Learning by doing

Ähnlich verhielt es sich mit der Sprache. Zwar ist Englisch die offizielle Kommunikationssprache bei ARI, jedoch waren die Sprachkenntnisse der TeilnehmerInnen zu Anfang sehr verschieden. Ein Mann, der im indischen Dschungel lebte und nie Englisch gelernt hatte, kam ohne jegliche Sprachkenntnisse. Aus meiner damaligen Sicht war mir unbegreiflich, wie so jemand eingeladen werden konnte. Doch schon nach einigen Wochen konnte sich der Mann sowohl in gebrochenem Englisch, als auch mit einigen japanischen Worten verständigen – wobei er im generellen Sprachwirrwarr bei ARI beide Fremdsprachen gar nicht als zwei verschiedene Dinge erkannt hatte. Und auch dieses verstand ich erst später: Allein das, was der Mann hier alles visuell aufnahm, hatte wahrscheinlich einen viel größeren Effekt auf ihn und sein Leben im abgeschotteten Dschungeldorf, als alle sprachlich übermittelten Theorien für den ebenfalls teilnehmenden weitgereisten und universitätsgebildeten Schulleiter aus Uganda haben konnten. Dass Sprache nicht das A und O ist, sondern Handlungen – gerade wenn Bildung sehr praxisbezogen ist – oder auch Gesten und Menschlichkeiten wie Weinen, Lachen oder Essen, habe ich an diesem Beispiel gelernt. Dass Dinge auch anders laufen können und es keine universellen Gültigkeiten gibt, schien man mir mein ganzes Leben lang verschwiegen zu haben.
Etwas wirklich gänzlich Neues erwartete mich jeden Morgen und Abend für eine Stunde und an bestimmten Tagen von Sonnenauf- bis -Untergang: Landwirtschaft! Als Stadtkind hatte ich mir niemals zuvor Gedanken über Nahrungsmittel an sich, geschweige denn über ihre Produktion gemacht. Alles Ess- und Trinkbare schien mir seinen Ursprung im Supermarktregal zu haben …
Während der täglichen Stall- und Feld-Stunden war ich fasziniert von „der“ Landwirtschaft. Die Tatsache, dass ich das englische Wort „organic“ nicht angemessen übersetzen konnte, ließ mich zuerst glauben, so wie bei ARI sei Landwirtschaft überall. Erstaunt begriff ich dann später, dass wir es anders machten, dass „Öko“ kein Schimpfwort ist und ich anfangen musste, alles Bisherige zu hinterfragen.
Täglich kümmerte ich mich um Hühner und Schweine, ihre Abfälle, um Kompost und Felder. Ich lernte ganz konkret Stoffkreisläufe, alternative Energiegewinnung, Nahversorgung und kleinräumige Wirtschaft kennen. Der Lohn dieser Mühen wurde mir unter anderem dreimal täglich an einem reichhaltigen, gesunden, selbst mitgeschaffenen und internationalen Buffet präsentiert.
Das Essen ist eines der Standbeine der Gemeinschaft, denn zu den Mahlzeiten kommen alle Mitglieder, die sonst auf unterschiedliche Arbeitsbereiche oder Wohnhäuser verteilt sind, im Speisesaal zusammen. Durch die nicht festgelegte Sitzordnung bot sich mir hier oft die beste Gelegenheit zur Kommunikation mit immer wieder anderen Gemeinschaftsmitgliedern oder BesucherInnen. Beim Essen wurde mir unsere Heterogenität besonders vor Augen geführt: Vor mir wurde mit Stäbchen, rechts neben mir mit der Gabel und links mit der rechten Hand gegessen; einige löffelten ihre Suppe, die anderen tranken sie. Joghurt mit Zucker, Marmelade oder mit Salz und Chili: Geschmäcker wie Menschen waren grundverschieden.
So wenig japanisch, wie ARI eigentlich ist: Einige Überbleibsel der landestypischen Hierarchie- und Umgangsformen und vor allem ein straff durchorganisierter Alltag haben es dennoch über die Grundstücksgrenzen hinübergeschafft. Nun geht es bei der Nichtregierungsorganisation ARI im Vergleich zu einer japanischen Firma schon recht gemächlich zu, doch für Menschen aus Kulturkreisen mit anderem Verständnis von Zeit und Pünktlichkeit war aller Anfang oft schwer. Um 6.30 Uhr beginnt der Tag mit Frühsport, danach wird geputzt. Nach einer Stunde Feld- und Stallarbeit gibt es dann um 8 Uhr ein reichhaltiges, warmes Frühstück. Um 9 Uhr beginnt dann das Herz jedes Gemeinschaftstages: die Morgenversammlung, die durch ihren andachts-ähnlichen Ablauf sehr christlich geprägt ist, von jedem der täglich wechselnden Vorsitzenden aber individuell gestaltet werden kann. Neben dem Teilen persönlicher Erfahrungen und Gedanken und der gemeinsamen Durchführung von (religiösen) Riten ist diese Versammlung das zentrale Kommunikationsorgan der Gemeinschaft. Anschließend ist von 10 bis 12.30 Uhr Arbeits- und Unterrichtszeit, nach eineinhalbstündiger Mittagspause geht es damit bis um 17 Uhr weiter. Hier steht dann wieder eine Stunde landwirtschaftlicher Arbeit an, bevor um 18 Uhr gegessen wird und danach die Freizeit beginnt – die ich anfangs fast nur schlafend verbringen konnte, da ich an einen Zwölfstsundentag nicht gewöhnt war.
In der abendlichen Freizeit findet oft organisiertes Gemeinschaftsleben statt in Form von verschiedenen Komitees, Diskussionsrunden und Festen. Natürlich wird die Freizeit aber auch privat genutzt: Musik; Spaziergänge; Unterhaltungen; Lagerfeuer; Alkoholkonsum; Schnee anfassen; Kommunikation mit Zuhause; Baden in den heißen Quellen der Region oder die von vielen noch nie gesehenen Angebote der japanischen (Technik-)Konsumwelt sind nur einige Beispiele.
Bei einer derartigen Fülle an Aktivitäten ist es wohl nicht schwer nachzuvollziehen, dass das Jahr für mich wie im Flug verging; zu keinem Zeitpunkt verspürte ich Heimweh. Doch umgekehrt habe ich heute, drei Jahre danach, oft Heimweh nach dem ARI. Die Berichte meiner Nachfolger, auch über ihre Rückkehrerfahrungen und ihr Heimweh nach dem ARI, lesen sich wie die meinen.

Für eine andere Entwicklung

In Japan wuchs in mir das Interesse, arbeitsbezogen in die gleiche Richtung zu gehen, und ich fragte einige Angestellte nach ihrem Studium. Sie antworteten mir oftmals mit „Development Studies“. Voll motiviert, optimistisch und auf Tätigkeiten in der Entwicklungszusammenarbeit fixiert, stieß ich in Wien auf das Studium „Internationale Entwicklung“. Doch schon in der ersten Lehrveranstaltung wurden wir darauf hingewiesen, dass das Studium keine Ausbildung zum Entwicklungshelfer ist, sondern die „Entwicklungszusammenarbeit Objekt der kritischen Auseinandersetzung“ im Studium sei. Nach zweieinhalb Jahren intensiver Beschäftigung mit der Frage „Was ist Entwicklung“ und vertiefenden Einblicken in die kapitalistisch geprägte Entwicklungs-industrie stehe ich der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit heute generell kritisch gegenüber.
Die Essenz meines Studiums ist für mich: Nichts müsste so sein, wie es ist. Alle Strukturen sind menschengemacht. Es gibt nicht nur einen Weg. Sei aktives Subjekt deiner Geschichte!
Dementsprechend ausgeprägt ist bei mir nun das Inter-esse an alternativen Lebensformen. Meine Studienrichtung ist ein Sammelbecken für Menschen mit ähnlichen (Auslands-)Erfahrungen, die ebenfalls die Notwendigkeit sehen, auf irgendeine Weise anders zu leben. Das Studium zeigt mir immer mehr, dass man nicht weit weg gehen muss, um Dinge nachhaltig zu verändern. Man kann vor der eigenen Tür damit anfangen, Potenzial gibt es auch hier genug. Entwicklungen finden überall statt, zu jeder Zeit, in jede Richtung. Dennoch war es der Zivildienst in 9049,83 Kilometern Entfernung, der mir die Möglichkeit eröffnete, meinen Horizont, meine Denkweise und mein ganzes Leben radikal zu verändern. Ich bin gespannt, ob ich in Europa einen ähnlichen Ort finden oder miterschaffen kann oder ob mich das Heimweh letztlich doch irgendwann noch einmal zum ARI zurückbringen wird. ´

Bruno Ehler, 1984 geboren und aufgewachsen als Großstadtkind im Ruhrgebiet, Zivildienst in Japan, seitdem Studium der Entwicklungswissenschaften in Wien.

www.ari-edu.org


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Ehler, Bruno

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