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Der glücklichste Mensch auf Erden
erschienen in Ausgabe 151  PDF-Version (160.6 KB)
Der Friedensvisionär Robert Muller.

Der Papst legte dem UNO-Diplomaten einst seine Amtskette um, das Gleiche tat ein Indianerhäuptling. Robert Muller trägt sie beide noch heute. Tijn Touber sprach mit dem bemerkenswerten „Botschafter der Hoffnung“, der während seiner Zeit bei den Vereinten Nationen seine Einflussmöglichkeiten in außergewöhnlicher Weise zum Wohl der Menschheit genutzt hat.


Als Robert Muller 25 Jahre alt war, veränderte eine Tragödie sein Leben grundlegend. „Es war gegen Ende des zweiten Weltkriegs“, erzählt er. „Ich kämpfte damals in der französischen Résistance gegen die deutsche Besatzung. Ein Kamerad hatte her-ausgefunden, dass sich in einer nahegelegenen Baracke zwanzig bewaffnete deutsche Soldaten versteckt hielten. Da ich in unseren Reihen der einzige war, der Deutsch sprach, sollte ich mit ihnen verhandeln. Es stellte sich heraus, dass es alle blutjunge Kerle waren, eigentlich noch Jungs, verängstigt und verzweifelt. Über ein Megaphon überredete ich sie, herauszukommen. Ich versprach ihnen, dass ihnen nichts geschehen würde, sie wären bei uns in Sicherheit und würden in ein paar Tagen nach Hause geschickt. Also ergaben sie sich und kamen heraus.“ An dieser Stelle verdüstert sich Mullers Blick, bevor er fortfährt: „Am nächsten Tag erfuhr ich, dass sie alle tot waren – erschossen von der Résistance.“
Muller verschränkt seine Arme, so dass sie die Halsketten, die er von Papst Johannes Paul II. und den Hopi-Indianern bekommen hat, verbergen. Dann wirft er die Arme hoch. „Können Sie sich vorstellen, wie ich mich gefühlt habe? Man hatte sie verraten! Bis zum heutigen Tag sehe ich ihre Gesichter vor mir.“
Als er von den Erschießungen erfuhr, rannte Muller einen Hügel hoch und warf sich im Weinkrampf auf die Erde: „Großer Gott, was habe ich getan?! – Da sah ich vor meinem inneren Auge plötzlich meinen Vater, der in zwei Kriegen mitgekämpft hatte, meinen Großvater, der fünf Nationalitäten hatte und drei Kriege miterleben musste, und ich sah meine Cousins, die nun in diesem Krieg auf verschiedenen Seiten kämpften. Die ganze Welt schien ein Irrenhaus geworden zu sein.“
Mitten in diesem Alptraum auf der Anhöhe überkam Robert Muller mit einem Mal eine gewaltige Inspiration. Er blickte zu den verblassenden Nachtgestirnen auf und schwor zu Gott, dass er sein restliches Leben ausschließlich der Arbeit für den Frieden weihen würde. „Ich hatte keine Idee, wie ich das anstellen sollte. Aber ich wusste, dass ich fortan von dieser Aufgabe besessen sein würde. Das schwor ich auch den zwanzig toten jungen Männern, deren noch warme Körper wenige hundert Meter von mir entfernt lagen.“
Als Robert Muller etwas später den Hügel hinunterstieg, hatte er eine Mission.

Wie lenkt man die Welt in Frieden?

Wie aber konnte man effektiv für den Frieden arbeiten? – Das fragte sich der junge Robert Muller, als er sich auf den Abschluss seines Studiums der Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Straßburg in seiner elsässisch-lothringischen Heimat vorbereitete.
Die Antwort erhielt er während einer Zugfahrt nach dem Krieg. Er hatte seine Reiselektüre vergessen, doch kam ihm ein Plakat in den Sinn, mit dem die „Französische Gesellschaft für die Vereinten Nationen“ 5000 Francs für den besten Studentenaufsatz über die Entwicklung einer Weltregierung ausgelobt hatte. So begann er, seine Gedanken dazu aufzuschreiben. „Willst du wirklich für die UN arbeiten und ihnen sagen, wie man eine friedliche und gerechte Welt organisieren könnte?“ fragte er sich selbst. „Na dann: Das ist deine Chance!“ Wenige Wochen später hatte er den Wettbewerb gewonnen und war als Referendar zu einer Zusammenkunft der „Weltföderation der Vereinten Nationen“ in Genf eingeladen.
Das war 1948, zwei Jahre nachdem die UN-Generalversammlung zum ersten Mal getagt hatte. Das Referendariat markierte den Anfangspunkt der vierzigjährigen, außerordentlichen Karriere Mullers bei den Vereinten Nationen, während der er eine Reihe von UN-Kommissionen koordinierte und schließlich zum Assistenten des Generalsekretärs aufstieg, eine Stelle, die er unter drei aufeinanderfolgenden Amtsinhabern innehatte: U Thant, Kurt Waldheim sowie Javier Pérez de Cuéllar.
Heute fungiert der 83-jährige Robert Muller als emerierter Kanzler der UN-Friedensuniversität in Costa Rica, deren Gründung er gemeinsam mit dem ehemaligen Präsidenten des Landes, Rodrigo Carazo, vorangetrieben hatte. Hier lebt Muller die meiste Zeit des Jahres zusammen mit seiner Frau und engagierten Mitarbeiterin Barbara Gaughen-Muller. Dazu gibt Muller Vorlesungen auf der ganzen Welt und schreibt immer neue Bücher, darunter (auf Deutsch erschienen) „Die Geburt einer globalen Zivilisation“, „Planet der Hoffnung – Wege zur Weltgemeinschaft“, seine Autobiographie „Ich lernte zu leben“ sowie „Die Neuerschaffung der Welt – Wege zu einer globalen Spiritualität“.
Seine Hoffnung richtet sich ungebrochen auf das baldige Wahrwerden seiner Vision vom nächsten Evolutionsschritt der Menschheit hin auf das „Paradies Erde“. „Die bisherige Geschichte des Menschen ist die Geschichte einer primitiven Art,“ sagt Muller. „Erst heute, wo wir über ein den Planeten umspannendes Wissen verfügen und ein globales Bewusstsein aufkeimt, stehen wir vor der wahren Herausforderung unserer Spezies: dem guten Management unserer Erde. Die eigentliche Geschichtsschreibung beginnt erst jetzt.“ Während solche Ansichten in der Regel nur ein Stirnrunzeln hervorrufen, wächst, wenn Robert Muller spricht, die Spannung, und als Interviewer prüft man sicherheitshalber nochmal nach, ob das Tonbandgerät auch wirklich auf Aufnahme geschaltet ist. Wenn er davon spricht, dass „in der Schlacht zwischen den guten und den bösen Mächten auf diesem Planeten“ niemand eine neutrale Position einnehmen könne, dann will man sofort in seinem Team mitmachen und Teil seines Traums werden. Dass Mullers Gedanken so unwiderstehlich wirken, muss daran liegen, dass er zugleich internationaler Diplomat, Prophet, Ökonom, spiritueller Lehrer, juristisch geschulter Politiker, Träumer, Realist, Pragmatiker und radikaler Idealist ist. Seine facettenreiche Persönlichkeit und sein einzigartiges Talent erklären seine erfolgreiche Karriere: Wenn der Idealist und Träumer in ihm einen Traum wahr werden lassen möchten, treten der Diplomat und Politiker in Erscheinung und erledigen den Job.

Verliebt in eine bessere Welt – mit 83!

Ich treffe Robert Muller in einem Konferenzzentrum in Santa Barbara, wo er in Kürze den Menschenrechtspreis der World Business Academy entgegennehmen soll. Die Lobby füllt sich allmählich mit Gästen wie dem alternativen Gesundheitsguru Deepak Chopra und der Zukunftsforscherin Barbara Marx Hubbard, die beide der Academy verbunden sind. Sie kommen, um einen Mann zu würdigen, der sein Erwachsenenleben dem Weltfrieden gewidmet hat und der diese Bemühung auch im hohen Alter nicht aufgeben will. Aber wenn man ihn so sieht, bekommt man fast das Gefühl, dass er damit gerade erst angefangen hat. Man kann nicht behaupten, dass Muller sich ein leichtes Leben als Pensionär machen würde. Den englischen Ausdruck für das Rentnerdasein – to be retired – verulkt er vielmehr mit einem Wortspiel: „I am refired! – Ich bin neu angefeuert! Ich bin viel zu verliebt in diesen Planeten, als das ich mich nun dem Nichtstun hingeben könnte.“
Der große alte Mann bleibt eine Inspiration für alle jüngeren radikalen Denker, die es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht haben, an der Erschaffung einer besseren Welt mitzuwirken. Detailliert hat er beschrieben, wie der Wandel zu einer friedlichen Welt gestaltet werden könnte. „Ich habe einen Plan zur Einsetzung einer Weltregierung bis 2020, der die wichtigsten Anforderungen an ein verbessertes Management unseres Heimatplaneten umreißt. Zur Zeit schreibe ich an einem Plan zur Erreichung des ‚Paradieses Erde‘ bis zum Jahr 2050. Bloße Friedensliebe reicht jedoch noch nicht aus. Was wir benötigen ist eine Vision für den Frieden, eine Wissenschaft für den Frieden, eine Strategie für den Frieden und zahllose praktische Aktionen.“
Muller ist sich der Argumente der ewigen UNO-Kritiker bewusst, lehnt es aber ab, sich entmutigen zu lassen. „Eines Tages werden die Menschen verstehen, dass die Vereinten Nationen eines der großartigsten biologischen Phänomene aller Zeiten darstellen, einen echten Wendepunkt in der Evolution der planetarischen und menschlichen Evolution. Zu viele Leute geben heute vorschnell den Glauben an die UNO auf; sie kritisieren sie, prügeln auf sie ein und nennen sie ineffektiv und uneffizient. Wir stehen ja tatsächlich vor gigantischen Problemen! – Warum aber lieben wir dann diese Organisation nicht? Sollten wir sie nicht mit aller Kraft verteidigen, ermutigen und unterstützen und diesem gottgegebenen Instrument zur Schaffung von Weltfrieden und globaler Ordnung eine Chance auf Erfolg geben ?“ Er blickt so erstaunt, als könne er ein solches Ausmaß an Ignoranz nicht fassen. „Wenn wir eine glückliche und schöne Welt schaffen wollen, müssen wir an eine solche Welt glauben, an ihr arbeiten und sie lieben!“
Auch wenn gewiss nicht alle die UNO für ein „gottgegebenes Instrument zur Schaffung von Weltfrieden und globaler Ordnung“ halten, prophezeit Muller der Organisation eine zunehmend wichtige Rolle. „Spätestens in fünfzehn Jahren werden wir eine vernünftige Regierung und Administration für die Menschheit und den Planeten haben. Warum ich das glaube? – Ganz einfach, weil die gegenwärtigen Probleme, Ungerechtigkeiten, Verschwendungen und kolossalen Wachstumsraten bei den nationalen Ausgaben – insbesondere im Bereich der militärischen Rüstung – uns zu diesem Schritt zwingen werden. Er ist unausweichlich. Das Wohlergehen dieses Planeten und das Überleben der menschlichen Art hängen davon ab. Niemand kann es sich leisten, für längere Zeit gegen die Evolution zu arbeiten. Auch die größten Nationalstaaten werden sich hier umstellen und anpassen müssen, wenn sie den totalen Kollaps vermeiden wollen.“

Prophet der Hoffnung

Es sind Statements wie diese, die Muller den Spitznamen „Prophet der Hoffnung“ eintrugen, sieht er doch auch dort noch Möglichkeiten, wo andere nur Hindernisse und Widrigkeiten erblicken. Und das ist auch der Grund dafür, warum drei aufeinanderfolgende UNO-Generalsekretäre Muller in ihrem Stab nicht missen wollten. So hatte Mullers Optimismus und seine unerschütterliche Überzeugung, dass das „Unmögliche“ Wirklichkeit werden kann, unstreitig großen Einfluss auf U Thant, den dritten Generalsekretär zwischen 1961 und 1971.
Muller erzählt: „Als ich U Thants Mitarbeiter wurde, fragte ich ihn: ‚Haben Sie vielleicht irgendeinen bislang unerfüllten Traum?‘ Ja, das habe er wohl. Er würde es gerne schaffen, dass China den Vereinten Nationen beitrete, und er wünschte sich, dass eine große spirituelle Persönlichkeit vor der UN-Versammlung spräche. Ich sagte nur: ‚Let’s do it!‘“ Im gleichen Jahr noch gelang es Robert Muller, Papst Paul VI. als Redner zu gewinnen. Und auch China wurde Mitgliedsland der UNO, nicht zuletzt aufgrund der unablässigen Bemühungen U Thants. Auch Generalsekretät Pérez de Cuéllar wurde von Robert Mullers klugem Optimismus beeinflusst.
„Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als er mich fragte, ob ich seine rechte Hand sein wolle,“ sagt Muller. „Er stand da in seinem Raum neben der Stereoanlage und sagte unvermittelt: ‚Weißt du Robert, ich mag die Politik eigentlich nicht. Ich glaube nicht, dass ich für diesen Job besonders gut geeignet bin.‘ ‚Hm,‘ sagte ich, ‚was liegt dir denn mehr?‘ Er legte eine Schallplatte mit einem Beethoven-Konzert auf und begann, seine Hände zu bewegen, wie es Dirigenten tun, wenn sie ihr Orchester leiten. ‚Das ist es!‘ sagte ich. ‚Du bist ein Dirigent! Nur dass du vor der UN-Versammlung stehst und dafür sorgst, dass alle Staaten bestmöglich gestimmt sind und in perfekter Harmonie miteinander spielen.‘“
Muller mag heute berühmt für seinen Optimismus sein, doch wurde ihm dieser nicht in die Wiege gelegt. Sein Lehrer war der französische Psychologe und Pharmazeut Emile Coué, der eine Philosophie des Optimismus und der Eigenständigkeit vertrat, wobei er mit Selbsthypnose arbeitete. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Robert Muller von den Nationalsozialisten inhaftiert, und in dieser Zeit hatte er eine erste Gelegenheit, die Lektionen aus Coués Buch „Die Selbstmeisterung durch bewusste Autosuggestion“ in der Praxis anzuwenden: Das Glücklichsein kommt nicht von außen zum Menschen, sondern es ist eine ihm innewohnende Fähigkeit.
„Wir waren verängstigt, und unsicher, was unser weiteres Schicksal anbetraf … In der Ecke stand ein fürchterlich stinkender Eimer, der uns als Toilette diente. In dieser schrecklichen Lage wurde ich mir meiner Gedanken bewusst. Es wäre naheliegend gewesen, in Panik zu geraten oder alle Hoffnung fahren zu lassen. Ich erinnerte mich jedoch an Coués Ratschlag: ‚Sei immer der glücklichste Mensch auf Erden, egal, wo du gerade bist und was du gerade tust.‘ Wenn man es von dieser Warte aus betrachtet, ist das Schmoren im Gefängnis eine ziemlich interessante Erfahrung.“

Der glücklichste Mensch auf Erden

Es gelang Muller, sich einen Stift zu organisieren, und er begann, auf der Innenseite seiner Zellentür eine Liebesgeschichte zu schreiben. „Kraft meines Willens und meiner Vorstellungskraft gelang es mir während jener angsterfüllten Tage, in guter mentaler Verfassung zu bleiben und sogar so etwas wie Glück zu verspüren.“
Später in seiner Zeit bei der UNO habe er angesichts von entmutigenden Nachrichten oder unkooperativen Diplomaten oft nach innen geblickt und dort sein Vertrauen und seinen Optimismus „angeschaltet“.
„Mit dieser Methode gelingt es mir, sofort in eine positive und kreative Stimmung zu kommen. Dabei ist mir dieser immer wieder mysteriöse Quantensprung zwischen einer negativen und einer positiven Strömung selbst ein Rätsel.“
„Unglücklich und undankbar zu sein und das wunderbare Geschenk des Lebens nicht zu spüren, ist ziemlich dumm und kurzsichtig. Kein Gefängnis der Welt kann so hart sein wie dieses mentale Gefängnis, in das sich so viele Menschen selbst sperren.“
Die Lobby vor dem Bankett der World Business Academy ist fast menschenleer. Die Gäste im Festsaal warten auf Robert Muller. Bevor er hineingeht, verabschiedet er sich von mir und tastet in seinem Jackett nach der Mundharmonika. Eine Muller-Rede ohne musikalische Einlage ist keine Muller-Rede, und meistens gibt er Beethovens „Ode an die Freude“ zum Besten. Auch das mag manchem seltsam vorkommen, aber das ist nun mal das Schöne an diesem Mann: In seinem Herzen ist er das Kind geblieben, das fest daran glaubt, dass eine bessere Welt möglich ist.
„Das Leben ist göttlich, ein außergewöhnliches, unfassbares und rätselhaftes Phänomen. Es ist ein höchst wertvolles Geschenk an uns,“ sagt er, während er schon in Richtung Saal schreitet, um seinen Menschenrechtspreis entgegenzunehmen. „Wir müssen ein globales Herz, ein globales Gehirn und eine globale Seele heranbilden. Das ist gegenwärtig unsere dringlichste evolutionäre Herausforderung.“ ´


Internet
http://www.goodmorningworld.org
http://www.robertmuller.org
http://www.upeace.org

Übersetzung aus dem Englischen: Jochen Schilk.

Tijn Touber ist Redakteur der Zeitschrift Ode, ein -monatliches internationales Nachrichtenmagazin für „intelligente Optimisten“, http://www.odemagazine.com.

Das Porträt von Robert Muller erschien in Ausgabe 30, Januar/Februar 2006. Abdruck und Redaktion mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
In Deutsch zuerst erschienen in Hagia Chora Ausgabe 25.



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Touber, Tijn

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