Buchbesprechung
Dies ist ein Buch für alle Menschen, die auf der Suche sind nach den authentischen sprituellen Wurzeln Europas (und letztlich aller anderen Kontinente). Mag man das Wort „Marienort“ auch möglicherweise mit Kapellen und ähnlichen christlichen Wallfahrtsorten assoziieren, so geht es hier doch eigentlich um etwas ganz anderes, sehr viel älteres – so alt, dass es in die vor-christlichen, vor-römischen, vor-keltischen und vor-germanischen Zeiten unseres Heimatkontinents zurückreicht. Das Autorenehepaar Derungs zeigt in dieser wunderbaren Publikation die erdrückende Beweislage dafür, dass die zahlreichen bekannten (und unbekannteren) Marienorte wie Einsiedeln, Altötting, Guadalupe (Mexico) oder Lourdes von der christlichen Kirche planmäßig vereinnahmte uralte Stätten der Naturverehrung sind, Orte, an denen die Menschen die Gestalt und/oder das schöpferische Werk der „einen Göttin mit den vielen verschiedenen Gesichtern“ erkannten.
Die offizielle Geschichtsschreibung, so heißt es, sei immer die der Sieger und Herrschenden. Das Einführungskapitel des Buches räumt deshalb zunächst mit der jahrhundertelang betriebenen christlichen Verbrämung der alten Stätten der Natur-Heilkraft auf und gibt dem Leser eine faszinierende Lehrstunde in der Gegen-Geschichte der unterlegenen alteuropäischen Naturreligion: Maria, die in den biblischen Evangelien ja eigentlich kaum vorkommt, war demzufolge in vielen Fällen nur das letzte Mittel der Missionare, die renitente Ahnengöttin-Verehrung des Volkes doch noch in christliche Bahnen zu lenken. Alle lokalen Geschichten, die sich um vermeintliche Marienerscheinungen ranken, geben beim genaueren Hinsehen bereitwillig Zeugnis von den Bemühungen des Klerus, den alten Volksglauben von der Ahnfrau, Baumgöttin, Wasserfrau, Steinahnin oder Korngöttin in seiner jeweiligen Ausformung aufzugreifen und in eine halbwegs kirchenkonforme Marien-Legende zu kleiden. Obwohl der alte Glaube noch lange unter der Oberfläche der patriarchalen Überformung weiterexistierte, geriet das Wissen von der uralten Ahnfrau und ihrer heilsamen Orte über die Jahrhunderte doch zunehmend in Vergessenheit. Hier könnte nun der Hauptteil des Buches der beiden Landschaftsmythologen dahingehend Abhilfe schaffen, dass er erlaubt, die Orte wieder aus der ursprünglichen Perspektive heraus zu besuchen. „Magische Stätten der Heilkraft“ ist nämlich in erster Linie ein Praxis-Handbuch, das zum Reisen einlädt: Mehr als 80 magische Stätten und Orte der Heilkraft stellt es auf den 370 Seiten nach der Einführung vor, jeden einzelnen mit ausführlicher Beschreibung seiner Geschichte, Geographie und mit landschaftsmythologischer Deutung. Dabei sind die Kapitel zu den Orten (vor allem aus Süd- und Osteuropa) so spannend, dass es trotz der Fülle an Informationen keinesfalls eintönig ist, das Handbuch bzw. Nachschlagewerk einfach durchzulesen – Es geht hier schließlich um das spirituelle Erbe unserer Urahnen und damit verbunden um eine Sichtweise auf die Landschaft, die es unbedingt wert ist, in unser Bewusstsein re-integriert zu werden. An dieser Stelle will ich behaupten, dass das Buch der Derungs eine ideale Ergänzung zweier anderer Neuerscheinungen ist, die hier bereits vorgestellt wurden: Paul Devereux’ „Der Heilige Ort – Vom Naturtempel zum Sakralbau - Wie die Menschen das Heilige in der Natur entdeckten“ (AT-Verlag) sowie Heide Göttner-Abendroths faszinierende Rückdeutung des alteuropäischen „Frau Holle“-Mythos (Ulrike Helmer Verlag), der uns nicht etwa von einer Märchenfigur kündet, sondern von jener Ahnengöttin der matriarchalen Kultur eines großen Teils des vorkeltischen und vorgermanischen Europas.
Lesen Sie das hier vorgestellte Buch, oder lesen Sie am besten gleich alle drei, wenn Sie es leid sind, in den Traditionen weit entfernter Völker nach spiritueller Inspiration zu suchen! Mit den „Magischen Stätten der Heilkraft“ können Sie nichts falsch machen – Einziger Wehmutstropfen ist hier die durchgehend schwarz-weiße Bebilderung. Eine Farbillustration hätte das ansonsten klug gestaltete Hardcover-Buch noch schöner gemacht.
Kurt und Isabelle M. Derungs, Magische Stätten der Heilkraft – Marienorte mythologisch neu entdeckt, edition amalia, Grenchen 2006, ISBN 3-905581-25-6, Gebunden mit Schutzumschlag, 328 Seiten, 28 Euro
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