Jochen Schilk zu Besuch bei zwei ungewöhnlichen Jungbauern.
In Ausgabe 140 von KursKontakte war an dieser Stelle ein Beitrag des finnischen Dorfaktivisten Tapio Mattlar zu lesen. Mattlar erhielt mit seiner Organisation den Alternativen Nobelpreis dafür, dass sie es geschafft hatten, in ihrem Land einen starken Trend zur Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte in einen anhaltenden Land-Boom umzukehren. Was kann getan werden, um auch die dahinsiechenden ländlichen Gebiete in anderen Teilen der Welt wieder attraktiv zu machen? Eine gesunde Landkultur als Korrektiv des urbanen Zeitalters ist sicherlich ein wesentlicher Pfeiler jeder nachhaltigen Welt. Doch sollte diese neue Landkultur nicht aus bloßer politischer Überzeugung oder aus einer opferbereiten Haltung heraus entstehen. Ist es nicht legitim, wenn man – wie das nachfolgend beschriebene Beispiel zeigt – einfach seiner Vision folgt und sein eigenes grünes Paradies auf Erden errichtet? Ergeben nicht viele kleine Paradiese ein großes?
Wie kommt es eigentlich, dass so viele junge Stadtmenschen vom Leben auf dem Land träumen und reden – und dennoch nur in ganz seltenen Ausnahmefällen den Mut finden, diesen Schritt zu realisieren? Und wieso ist nur ein verschwindend kleiner Bruchteil des Heeres von Gemeinschaftssuchenden bereit, selbst ein Projekt zu initiieren?
Seit ich vor fast zehn Jahren von München nach Ostvorpommern zog, um dort als Mitglied einer Lebensgemeinschaft ein halbverlassenes Dorf wieder mit Leben zu füllen, hatte ich oft Anlass, mir diese Fragen zu stellen. Zugegeben: Ich habe damals nicht selbst ein Projekt gegründet, sondern mich als Einzelner einer Gruppe angeschlossen. Aber aus eigener Erfahrung kann ich mittlerweile das Leben als „Landpionier“ als eine abenteuerlich-schöne und authentische Lebensform preisen, wie man sie sonst wohl kaum finden wird.
Kürzlich erfuhr ich von einer besonders mutigen kleinen Land-Initiative, und ich war verblüfft, zu hören, dass diese bereits seit über zwei Jahren ganz in der Nähe existiert – auf der anderen Seite des Peenestroms, kaum zehn Kilometer von meiner Wahlheimat entfernt. So machte ich mich auf, mit eigenen Augen zu sehen, was mir Freunde berichtet hatten: Auf der Insel Usedom habe ein sehr junges Pärchen begonnen, umzusetzen, was ihre Überzeugungen und die Umstände ihnen geboten – mit wenig Mitteln den eigenen kleinen Bauernhof aus dem Boden zu stampfen …
Im Ort, einem niedlichen ehemaligen Fischer- und Bauerndörfchen, dauert es eine Weile, bis ich jemanden finde, der mir den weiteren Weg zu der Scholle erklären kann, die Marie und Ronny bearbeiten. Nach einem weiteren Kilometer über Feldwege und Wiesen stehe ich endlich vor den beiden, die genau genommen drei sind: Laura, ihre einjährige Tochter, ist auch dabei; sie wird von Hündin Zora unermüdlich als Spielpartnerin umworben. Innerlich grinsen muss ich mit Blick auf Ronny, der mit Latzhose, T-Shirt, Strohhut und blondem Strubbelbart wie ein Bauer aus einer anderen Zeit erscheint – vielleicht sogar wie einer jener Amish-Leute, die in ihren Kolonien in den Vereinigten Staaten noch heute so leben wie vor zweihundert Jahren. Doch wir schreiben das Jahr 2007, und Ronny ist 23. Seine Partnerin Marie zählt ein Jahr mehr, und während ihm die Freude anzumerken ist, auf meine Fragen eingehen zu dürfen, hält sich die bodenständig-mütterlich wirkende junge Frau an diesem frühen Abend mit Worten eher zurück. Ich helfe Ronny, mit einem mobilen Zaun für die Schafherde eine Koppel entlang dem Hirsefeld abzustecken, und bald drängt sich mir die Frage auf, ob die beiden denn das Landwirtschaften irgendwo gelernt hätten. – „Als Kinder haben wir beide die Selbstversorgungsanstrengungen der Leute in der DDR miterlebt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals mit meiner Mutter unsere Radieschen vor der Kaufhalle in Greifswald verkauft habe. Frische Sachen gab es damals nur von privat auf den Steintischen vor dem Laden. Aber nein: Eine richtige Ausbildung haben Marie und ich nicht gemacht. Wir haben sehr viel gelesen und auch eine Weile in einer Schäferei mitgearbeitet.“
Endlich das eigene Ding machen
Im Gymnasium einer vorpommerschen Kleinstadt werden die beiden Querdenker, deren Interessen und Einstellungen sich stark von ihren Mitschülern unterscheiden, Ende der 90er-Jahre zusammengeschweißt. Nach Maries Abitur übersiedeln sie 2001 beide in die nahe Universitätsstadt Greifswald, entfliehen der als schrecklich erfahrenen Kleinstadtschule und den Schwierigkeiten mit den Eltern. Sein letztes Jahr absolviert Ronny dort, während Marie Theater spielt. „Zwar haben wir beide Schule immer als Gefängnis empfunden, aber Greifswald war wenigstens etwas anders: Wenn man aus dem dortigen Gymnasium ging, befand man sich praktisch im Jugendmedienbüro oder in der Initiative gegen Rechts, während man vorher auf der Straße von Nazis verkloppt wurde.“
Ein eher zufälliger Einkauf im Bioladen lässt zu dieser Zeit erste Gedanken an ökologische Landwirtschaft aufkommen. Beide sind ohnehin stark politisch motiviert, aber auch gesundheitliche Erwägungen fördern die Beschäftigung mit bewusster Ernährung und Lebensgestaltung: „Das brachte unsere Vision ins Rollen. Wir wollten immer schon frei sein, wollten keine Büroarbeit und Chefs haben, sondern selbstbestimmt und vor allem sinnerfüllt arbeiten. Und als Landkinder hielt uns nichts in der Stadt. Vor allem jedoch waren wir es leid, von den Alternativen immer nur zu reden!“
So tun sie, was zu tun ist. Während Marie und Ronny zunächst noch eine ganze Weile im örtlichen Bioladen jobben, beginnen sie gleichzeitig, in ganz Mecklenburg-Vorpommern nach dem Stück Land ihrer Träume zu suchen. Denn bald schon steht fest, dass sie ihren eigenen kleinen Hof gründen wollen: eine Heimat für sie beide und eine Möglichkeit, im wechselseitigen Austausch mit der Natur zu leben. Aus der Bibliothek leihen sie sich alles verfügbare Material zum Thema Landwirtschaft und beginnen sogar einen kleinen Handel mit entsprechender alternativer Literatur auf dem Bio-Wochenmarkt der Stadt: John Seymour, der japanische Permakultur-Guru Fukuoka, biologisch-dynamische Schriften etc. liegen auf ihrem Tisch.
Der zunehmend öko-radikale Lebensstil – die beiden verzichten vollständig auf konventionell hergestelltes Essen, Kunstfasern oder Mobiltelefone; Alkohol rühren sie ohnehin nicht an – beeinflusst selbstverständlich auch die Landsuche: Orte in der Nähe von Hochspannungsleitungen, Atomkraftwerken oder Mobilfunkantennen kommen gar nicht erst in Betracht; angebotene Agrarwüsten oder das Gelände eines ehemaligen Nazi-Flughafens vermögen sie ebensowenig zu überzeugen. Ein Jahr des Suchens bleibt erfolglos.
Oh wie schön ist Panama!
Da Marie bereits einmal in Schweden war und sie Gefallen an dem Land gefunden hatte, verfallen die beiden Utopisten nun auf eine fixe Idee: Oh wie schön ist Panama! … Unter anderem mit Hilfe eines sechzehnbändigen Wälzers über Schweden bereiten sie sich ein Jahr lang akribisch auf ihre Auswanderung nach Skandinavien vor. Ganz gegen seine früheren Überzeugungen macht Ronny sogar den Führerschein. Jeder verdiente Cent wird vor dem Ausgeben mehrere Male umgedreht. Mit einem VW-Bus voller Saatgut, Verpflegung und einer Getreidemühle brechen sie schließlich Ende Mai 2004 in diejenigen Gebiete Schwedens auf, die laut einer Spezialkarte am wenigsten vom Tschernobyl-Fallout betroffen waren.
„Wir hatten natürlich das Bild einer naturnahen Wildnisidylle im Kopf. Was wir aber gefunden haben, waren endlose Nadelwald-Monokulturen und riesige Kahlschläge. Alle schönen Flecken waren als militärische Sperrgebiete ausgewiesen. Es war gruselig!“
Lediglich für eine Sache ist die kurze Woche, bevor sie auch die Suche in Schweden frustriert wieder abbrechen, gut: Marie und Ronny merken, dass sie unbedingt in der Nähe des Meeres leben möchten, und sie spüren, wie stark sie eigentlich mit der Landschaft ihrer Herkunftsregion verbunden sind. Ein Teil von Maries Verwandtschaft lebt in einer idyllischen Ecke der Insel Usedom, und die Kurzzeitauswanderer fragen sich verwundert, wie es nur sein konnte, dass sie bislang nie auf die Idee gekommen waren, diesen Ort in ihre Suche einzubeziehen.
Zuhause finden in Bullerbü
„Marie ist hier ja früher sowieso mehr oder weniger aufgewachsen; das war ihr Bullerbü. Aber wir haben uns dann beide so sehr zu Hause gefühlt auf Usedom, das war verrückt. Davor sind wir eine wirklich lange Zeit heimatlos gewesen, auch von unseren Elternhäusern her. Hier wollten wir dann gar nicht mehr weg.“
Maries Verwandte und die übrige, knapp vierzigköpfige Dorfgemeinschaft empfangen sie mit offenen Armen, obwohl das Ansinnen der beiden freilich ebensoviele Köpfe zum Schütteln bringt: Bäuerliche Kleinstlandwirtschaft ohne nennenswerte Erfahrung oder Ausbildung – das kann doch nicht funktionieren, und ernähren kann das erst recht niemanden! Mit so einem guten Abitur sollten die beiden doch besser Medizin studieren …
Beim „Abklappern der Gemarkung“ stößt das Paar auf acht schöne Hektar Wiese mit etwas Wald -darauf, die sie einigen Schwierigkeiten zum Trotz schon im August desselben Jahres käuflich erwerben können; erst im Nachhinein wird sich herausstellen, dass der Boden sogar seit 1991 bio-zertifiziert ist. Das im Naturkostladen verdiente und eisern zusammengesparte Geld – „Wir wussten, was wir wollten und haben das nie aus den Augen verloren!“ – wird außerdem in zwei Kühe und ein Arbeitspferd investiert sowie in das notwen-digste Werkzeug. Marie und Ronny beziehen einen gemütlichen Holzbauwagen. Wasser kommt aus einem neu gebohrten Brunnen, und eine leistungsstarke Photovoltaikanlage versorgt den Kühlschrank, den Laptop und sogar die Kettensäge der Pioniere mit Strom. Go East! – eine Amish-Siedlung in Pennsylvania sieht anders aus: „Wir versuchen eine Symbiose aus den guten Aspekten des alten Lebensstils und neuen Entwicklungen zu finden.“
Im Frühjahr darauf beginnen sie, mit Spaten und Hacke mitten auf der Wiese einen Gemüsegarten anzulegen: „Völlig naiv“, wie Ronny heute lachend zugibt: „Abgesehen von der Schafhaltung hatten wir ja nur minimale praktische Erfahrungen, und der Unkrautdruck war einfach enorm.“ Zwar konnten sie sich in Büchern viel Wissenswertes anstudieren, doch die praktischen Grundlagen wollen nun mit einigem Lehrgeld erworben werden. Ein mühsam errichteter Erdkeller versinkt im oberflächennahen Grundwasser. Glücklicherweise sind die Neueinrichter die ersten Jahre nicht darauf angewiesen, ihre Erträge in Geld zu verwandeln: „Es hat uns bis jetzt erst mal gereicht, unser eigenes Essen zu produzieren,“ sagt Ronny. Mit manchen Früchten seien sie durchaus erfolgreich gewesen.
Marie erzählt, dass sie für die diesjährige Saison eigentlich jemanden gesucht hatten, der sich selbstverantwortlich an der Gemüseproduktion beteiligt. Unter den BewerberInnen, die sich auf ihren Aushang im Bioladen meldeten, war eine junge Frau, mit der sie sich die Zusammenarbeit gut vorstellen konnten. Kurz bevor es losging, fand die Aspirantin jedoch an anderer Stelle die große Liebe und einen gutbezahlten Job …
Landeier im eigenen Kosmos
Wiederholt erkundige ich mich bei den beiden mutigen Inselpionieren nach etwaigen Gefühlen von Einsamkeit oder drückender Abgeschiedenheit – ein Punkt, der sicherlich sehr viele aussteigewillige Stadtmenschen in der Verwirklichung ihrer Land-Pläne zögern lässt. Doch Ronny und Marie winken ab, und es scheint tatsächlich, als würden sie sich weitestgehend selbst genügen. – Eine große Ausnahme in ihrer Generation oder -Normalität unter Landkindern? Ronny hat seine Kindheit wie Marie mit einsamen Radtouren und Waldwanderungen verbracht; wie er unlängst herausfand, waren sein Uropa und sein Großonkel beide Schäfer. Ja, schön wäre es schon, wenn sie mehr gute Freunde und Gleichgesinnte in der mittelbaren und unmittelbaren Umgebung hätten. Das Wichtigste sei jedoch immer gewesen, dass Marie und er sich gefunden hätten und sie ihr Ding machten – seit der Geburt ihrer Tochter schließlich stünde die Familie mehr denn je im Mittelpunkt.
Ich gebe zu bedenken, dass Bullerbü doch als eine Reihe von Höfen mit einer ganzen Horde spielender Kinder beschrieben wird. Das starke Paar jedoch steht dem Gedanken an eine größere Gemeinschaft eher skeptisch gegenüber: „Wir haben schon von zu vielen derartigen Projekten gehört, die letztlich gescheitert sind. Und wir haben in unserem kurzen Leben schon zu viele Leute dabei beobachten müssen, wie sie ihre Ideale einfach komplett über Bord geworfen haben. Da besinnen wir uns lieber auf uns selbst.“
Einmal wöchentlich fahren sie in die Stadt, kaufen ein und pflegen alte Kontakte. Aber wenn sie abends wieder heimkehren, um die Schafe zu melken, dann merken sie ihre Erleichterung darüber, den Trubel hinter sich lassen und die Straßenschluchten gegen die Ruhe und Weite der Usedomer Landschaft eintauschen zu können. – Ist die Idylle also bereits perfekt?
Für das ebenso geschichts- wie umweltbewusste Paar noch lange nicht. Immer kommen die beiden auf die Zerstörung der alten Kulturlandschaft und der bäuerlichen Strukturen zu sprechen, die hier nicht erst mit der industrialisierten Großraumwirtschaft der DDR einsetzte, sondern bereits zu Beginn des Dritten Reichs. Mit den Mooren, Hecken und Kleinfeldern sind seitdem allmählich auch das bäuerliche Wissen und die damit zusammenhängenden Techniken verlorengegangen. Immerhin zeigt sich aber, dass die verbliebenen ehemaligen Landarbeiter des einstmals 240 Seelen zählenden Dorfs gern bereit sind, die eigenen Subsistenz-Erinnerungen aus der Zeit ihrer Kindheit mit den Selbstversorgungs-Bauern zu teilen:
„Die alten Einwohner haben zwar nicht verstanden, warum wir das hier machen wollen, aber sie fanden es Klasse! Das hat die richtig bewegt, dass es junge Leute gibt, die sich dafür interessieren, wie sie selber früher gelebt haben. Und wenn sie sehen, wie wir mit der Hand unsere Ziegen melken und Schafe scheren, dann hören sie gar nicht mehr auf zu erzählen, davon, dass früher noch Lein angebaut wurde, wo die alte Ölmühle stand und wo die baumbeschatteten Landwege verliefen …“ Für Marie und Ronnie war es denn auch eine Selbstverständlichkeit, neben den Feldern, Beeten und Koppeln auf ihrem Land früh wieder erste Hecken anzulegen und Obstbäume zu pflanzen.
Selbstversorger aus Notwendigkeit und Überzeugung
Mit Fortschreiten des Abends drängen die beiden, vom Feld ins Dorf zurückzukehren, wo seit einiger Zeit ihr Bauwagen steht. Ronny muss am folgenden Morgen wie immer um halb fünf aufstehen. Bevor er jedoch zu Bett geht, will er noch mit dem Spaten ein paar Meter des Streifenfundaments ausschachten, das einmal die -Mauern ihres kleinen Hauses tragen soll. Das wild-romantische Grundstück an der dem Wasser zugewandten Seite des Dorfs konnten sie mit viel Ausdauer und Glück im vergangenen Jahr hinzuerwerben.
Viel, unglaublich viel haben Marie und Ronny sich vorgenommen. Auch das Häuschen wollen sie selbstverständlich weitestmöglich in Eigenleistung errichten – die meisten Menschen wären allein mit diesem Unterfangen völlig ausgelastet. Wer jedoch ihre Geschichte kennt und das Leuchten in ihren Augen sieht, der ahnt, dass Marie und Ronny gar nicht anders können, als diesem Weg beharrlich weiter zu folgen. ´
Ein anderes schönes Grundstück in Vorpommern, das sogenannte Waldhaus bei Krusenfelde, 20 Kilometer westlich von Anklam, wartet noch auf Macherinnen und Macher mit vergleichbarer Vision. Interessenten können sich beim Autor melden: js @ humantouch.de, Tel. (038374) 75270.
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