Drei Beiträge zur Festveranstaltung. Von Dieter Halbach, Hans-Jochen Tschiche und Eva Stützel.
Ein Blick zurück nach vorn
Ein Festbericht von Dieter Halbach
Vor genau zehn Jahren im Sommer sind die ersten Pioniere an den Standort des zukünftigen Ökodorfs nach Poppau in Sachsen-Anhalt gezogen. Damals lag schon ein Weg von zehn Jahren Vorbereitung hinter ihnen. Doch noch wusste niemand, wie das Projekt sich entwickeln würde: Es gab keinen genehmigten Bebauungsplan, keine bewohnbaren Gebäude, nur das Prinzip Hoffnung und viel Arbeit. Am 23. Juni fand nun am selben Ort inmitten eines funktionierenden und wachsenden neuen Dorfs mit über 100 BewohnerInnen das große Jubiläumsfest statt. Grund genug zum Feiern, denn ausgehend von der utopischen Idee eines sich komplett selbstversorgenden Dorfs ist Sieben Linden eine Realität geworden: das erste neu gegründete Modelldorf mit einer lebendigen Gemeinschaft, einer stabilen Verankerung in der Region und einer breiten gesellschaftlichen Wirkung und Anerkennung. Diese Vielfalt drückte sich auch bei den Festgästen aus. Da waren Menschen aus der Region und der Gemeinde, Kooperationspartner gemeinsamer Projekte, politische Weggefährten, viele Freunde von weit und fern, ehemalige und jetzige MitbewohnerInnen und neue Projektinteressenten bunt gemischt. Bunt gemischt auch das Festprogramm mit hausgemachten Beiträgen von hier lebenden Künstlern, Kindertänzen und Pantomime aus Kolumbien, von der Ökodorfband, dem Siebenlinden-Chor bis zur Gypsy- und Klezmerband „Ayassa“ aus Hannover. Eine Ausstellung und viele alte Filme zeigten die starke Medienpräsenz des Projekts und die längst verblichenen Taten der damals noch jung und frisch aussehenden Pioniere. Dann zu Beginn des Festakts die Erinnerung an die Anfänge mit einer phantasievollen Performance, der symbolischen Wiederbesiedelung des Geländes. Zuerst kommen die Kinder, verkleidet als dort lebende Tiere, dann die Ökodorf-Kundschafter, dann die Planer und zuletzt die ersten Siedler mit Geschenken und einem Dankeschön an die Bewohner aus der Region für ihre Gastfreundschaft. Im Mittelpunkt der Besiedelung erkennen wir die erste Siedlergruppe in der legendären Badewanne sitzend – damals im gemeinsamen Wohn- und Esszimmer –, die es sich heute vor der Bühne gemütlich macht und von dort den weiteren Festreden lauscht.
„Ein Blick zurück nach vorn“ war das Motto der Einladung zum Fest gewesen. Es war wie eine Berührung mit der Kraft einer immer noch lebendigen Vision. Zum Ende des Fests erschienen am Horizont drei vogelhafte, lichte Wesen. Wie Schutzengel schienen sie uns den Weg in die Zukunft weisen zu wollen. Möge ihr Zauber uns durch die nächsten Jahre begleiten! ´
Dieter Halbach ist einer der Mitbegründer des Ökodorfs.
Das Zärtliche verschönt diese Welt
Hans-Jochen Tschiche sprach auf der 10-Jahresfeier im Ökodorf Sieben Linden
Ich muss sagen, dass ich sprachlos bin, nachdem ich mir das alles hier angesehen habe. Menschen, die ihre Träume verwirklichen, die überhaupt noch Träume haben, diese Leute sind die Zukunft unseres Landes. Wir leben in einer Zeit der Phantasielosigkeit. Wir leben in einer Welt, wo der Profit mehr gilt als der Mensch. Und hier sehen Sie das Gegenteil davon. Hier sehen Sie, wie Jung und Alt, wie die Werktätigen, wie wir früher sagten, wie sie versuchen, gemeinschaftlich zu leben.
Ich hatte immer einen Traum. Den Traum einer Gesellschaft, in der kein Mensch gedemütigt wird. Was mich an der augenblicklichen Gesellschaft am meisten stört, ist die Demütigung von ganzen Schichten in der Bevölkerung. Das möchte ich in Zukunft nicht mehr. Ihr seid im Grunde Pio-niere. Nehmt „Pioniere“ bitte nicht militärisch, sondern in dem Sinn, dass ihr Neuland betreten habt, dass ihr etwas vorantreibt, was Zukunft haben wird. Das Kleinteilige, das „Nahe-dran-sein“, das Zärtliche, das Ruhige – all diese sanften Eigenschaften verschönern diese Welt und das Leben der Menschen. Und – nach meinem Eindruck – trotz aller Konflikte ist Poppau so etwas wie eine Zentrale dieser Zärtlichkeit. Ich denke, wenn die Welt sich dahingehend verändert, dann macht das Leben noch mehr Spaß als im Augenblick.
Ich kriege ja immer Schimpfe, weil mir gesagt wird, ich würde mit meinem Alter kokettieren. Aber ich bin wirklich mittlerweile ein alter Mann, und ich gehe dem Sonnenuntergang entgegen. Aber Orte wie hier, die erinnern mich daran, dass ich nicht umsonst gelebt habe. Dass ich ein klein bisschen geholfen habe, nicht viel, das meiste habt ihr selber gemacht. Aber vielleicht dadurch, dass ich in der Öffentlichkeit gesagt habe: Leute, das sind keine Spinner, sondern das ist eine Alternative, über die wir nachdenken sollten.
Ich hoffe, dass eure Träume weiterwachsen, dass ihr nie phantasielos werdet, und dass ihr euch streitet, dass die Fetzen fliegen, aber dass ihr dabei wisst, dass ihr zusammengehört. Das ist mein Wunsch für euch alle.
Ich wünsche dem Ökodorf Poppau Sieben Linden eine gute Zukunft! ´
Hans-Jochen Tschiche, vormaliger Fraktionschef der Grünen im Landesparlament von Sachsen-Anhalt, jetziger -Ehrenvorsitzende des Landesverbands, amtierender Vorsitzender des Vereins „Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt“, war stets politisch und publizistisch sehr engagiert und ist es immer noch, wie man seiner aktuellen Internetseite www.tschiches.de entnehmen kann.
Vom Traum zur Realität
Zehn Jahre Ökodorf Sieben Linden.
Ein Rückblick von Eva Stützel.
Seit zehn Jahren sind wir hier in Sieben Linden – zunächst war es sehr pionierhaft und einfach hier. Es gab nur einige Bauwägen und einen kleinen Raum mit Badewanne und Esstisch für die rund 15 Siedler-Innen und ihre Kinder. Viel ist seitdem passiert.
Unser Traum ist zu einem guten Teil Realität geworden. Viele, viele Menschen haben dazu beigetragen. Wir haben mehr als einmal großes Glück gehabt. Immer wieder, wenn ich durch Sieben Linden gehe, erfüllt mich große Freude und Dankbarkeit. Freude über das, was hier geschaffen wurde, Dankbarkeit für all die Hilfe und Unterstützung, die uns auf diesem Weg zuteil geworden ist. Vor allem geht der Dank an die Gemeinde Bandau, mit der wir gut kooperiert haben. Wir sind froh, Gäste und Neubürger in einer so toleranten und lebendigen Gemeinde zu sein.
Aufbau vor Ort
Als wir das Land hier kauften, war es eine Hofstelle im Außenbereich. Wir haben es geschafft, die Genehmigungsbehörden davon zu überzeugen, dass das, was wir vorhaben, nicht der Bau einer Splittersiedlung ist, sondern der Bau eines neuen, eigenständigen Dorfs. Die TATorte–Preise 1996 und 2000 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt haben dazu beigetragen, dass wir nicht als Aussteiger, sondern als ernsthafte Wegbereiter einer zukunftsfähigen Lebensweise wahrgenommen wurden. Wir sind dankbar für das Vertrauen, das die Verantwortlichen damals in uns gesetzt haben, das Vertrauen, dass wir unsere Pläne auch umsetzen und tatsächlich auf die angestrebte Zahl anwachsen. Wir wollten in 20 bis 30 Jahren 200 bis 300 Menschen werden. Jetzt – nach zehn Jahren – sind wir 75 Erwachsene und 31 Kinder, 106 Menschen, die sich zum Ökodorf -Sieben Linden zählen. Wir liegen also genau im Zeitplan. Wenn man alle Menschen mitzählt, die direkt wegen uns in die Umgebung von Bandau gezogen sind, haben wir in den zehn Jahren Sieben Linden für eine Zuwanderung von 123 Menschen in diese Region gesorgt. Das ist in einer Zeit, wo der demografische Wandel und die Abwanderungsproblematik aus den ländlichen Regionen des Ostens als eines der wichtigsten Probleme gesehen wird, eine Bilanz, die sich sehen lassen kann.
Wir haben nicht nur Menschen hierher gebracht, wir haben hier sehr viel auf den unterschiedlichsten Ebenen geschaffen: Wir haben 500 m2 alte Bausubstanz saniert und zu Häusern im Niedrigenergie-Standard umgewandelt und wir haben insgesamt etwa 2000 m2 Nutzfläche in neuen, baubiologisch einwandfreien Häusern mit Niedrigenergie-Standard geschaffen.
Wir haben ungefähr 15000 Bäume gepflanzt, 400 Meter Waldrandgestaltung durchgeführt, mehrere Hektar Kiefern-Monokultur in Mischwald umgewandelt und zwei Hektar neuen Laubmischwald gepflanzt. Wir haben kleinteilige Strukturen geschaffen mit Hecken, Biotopen, Bio-Gartenbau etc., die dazu beigetragen haben, dass sich hier Tierarten vermehrt niedergelassen haben, die vorher kaum da waren: Kreuzkröte, Laubfrosch, Trauerschnäpper, Rotschwänzchen und Rohrsänger seien hier stellvertretend für einige weitere Arten genannt.
Weltweite Wirkung
Wir haben ein soziales und ökologisches Modellprojekt aufgebaut, auf das viele Menschen schauen. Wir haben täglich Anfrager aus aller Welt, die sich inspirieren lassen wollen von dem, was wir hier tun. Wir erproben hier, wie ein friedliches Miteinander von Menschen untereinander und von Mensch und Natur aussehen kann. Wir sehen uns als ein gesellschaftliches Experimentierfeld nicht nur für uns, sondern für neue Lösungen unserer Zeit – in den verschiedensten Bereichen, die auch in die Welt wirken sollen.
So haben wir mit unseren Aktivitäten hier beispiels-weise den Strohballenbau weit voran-ge-bracht. Nirgend-wo in Europa stehen so viele Strohbal-lenhäuser an einem Ort wie in Sieben Linden. Gemeinsam mit dem Fachverband Strohballenbau haben wir die Baustoffzulassung für Strohballen vorangebracht und forschen daran, Strohballen als lasttragenden Baustoff anerkennen zu lassen und damit als Baustoff aus seinem Nischendasein herauszubringen. Mit dem Thema Strohballenbau sind wir jetzt in der letzten Runde für einen weltweiten Preis, den „World Habitat Award“ der Social Building and Housing Association, der zu zukunftsfähigem Bauen in industrialisierten und weniger industrialisierten Ländern ermutigen soll.
Mit unserem Gäste- und Seminarbetrieb tragen wir das Thema Strohballenbau und andere Themen, die mit unserem Leben verbunden sind, in die Welt. Wir haben an elf Monaten im Jahr fast jedes Wochenende und oft auch unter der Woche Seminare zu den unterschiedlichsten Themen des sozial-ökologischen Lebensstils. Ökologisches Bauen, Gärtnern, Einmachen, Kommunikation und Projektplanung gehören ebenso dazu wie Chorsingen und Tanzen.
Tragfähige Ökonomie
Die 75 Erwachsenen, die jetzt zu unserer Gemeinschaft zählen, haben sich in den unterschiedlichsten Bereichen Existenzen aufgebaut – sei es als Selbständige oder als Angestellte in den unterschiedlichen Organisationen des Projekts. Es gibt jetzt in Sieben Linden: 29 Kleinunternehmen oder freiberufliche Selbständigkeiten und 19 Arbeitsplätze für Angestellte. Lediglich drei von uns arbeiten außerhalb auf „normalen“ Arbeitsstellen in der Region, nur 11 von 75 sind arbeitslos. Das entspricht mit 15% ziemlich genau der Arbeitslosenquote der Region. Aber diese Menschen sind damit nicht alleingelassen, sie sind erwerbs- und keineswegs arbeitslos und damit aussortiert. Sie bringen ihre Fähigkeiten und ihre Arbeitskraft hier ehrenamtlich ein, und oft genug bauen sie sich dadurch im Lauf der Zeit eine selbständige Tätigkeit oder einen eigenen Arbeitsbereich in unseren Organisationen auf. Falls Sie jetzt mitgerechnet haben und denken: „Da fehlen doch noch welche!“ – Die fehlenden 13 Menschen sind Rentner oder Mütter im Erziehungsurlaub. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir mit vereinten Kräften Erwerbsmöglichkeiten für 48 Menschen geschaffen haben.
Manche sind immer noch der Meinung, dass wir dieses Projekt hauptsächlich mit Fördermittel finanzieren. Daher an dieser Stelle nochmals der Hinweis, dass wir den Löwenanteil des kompletten Projekts aus unserem eigenen Kapital und mit selbst erwirtschaftetem Geld finanzieren. Wir bekommen – so wie es jedem offen steht – Fördermittel für einzelne förderungswürdige Projekte, aber nicht für unseren normalen Alltag; den finanzieren wir aus eigener Kraft.
Aber ich möchte Sie nicht länger mit Details unserer Ökonomie langweilen, sondern auf andere, ebenso wichtige Aspekte unseres Zusammenlebens schauen: Wir haben ein funktionierendes Gemeinschaftsleben in einer großen Gruppe von Menschen zwischen 0 und 86 Jahren aufgebaut. Es gibt hier eine Kultur des menschlichen Miteinanders, die vieles leicht macht, was in anderen Zusammenhängen schwer zu realisieren ist:
Durch die räumliche Nähe von Arbeits- und Lebens-ort und die gegenseitige Unterstützung der Eltern ist es deutlich leichter, Familie, Beruf und ehrenamtliches Engagement unter einen Hut zu bringen.
Kinder haben hier ein Umfeld, in dem sie sich entfalten können, wo der Waldkindergarten zu Fuß er--reich-bar ist und es so viele Spielmöglichkeiten gibt, dass die Frage nach Fernsehen oder Computerspielen nur selten auftaucht. Inzwischen gibt es den ersten Pflegefall in Sieben Linden, unsere Älteste Anna Schicht ist nach einem Oberschenkelhalsbruch leider nicht mehr so mobil wie vorher – und es zeigt sich, dass die Gemeinschaft auch der Herausforderung der häuslichen Pflege außerhalb des familiären Zusammenhangs gewachsen ist. Anna hat sich gut erholt und nimmt schon wieder etwas am Gemeinschaftsleben teil (siehe auch ihre Autobiographie: „Die alte und die neue Anna“).
Nach Trennungen der Eltern ist es für die Kinder hier meist möglich, bei den Eltern in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld zu bleiben. Das Ökodorf ist groß genug, und wir haben genügend Bewusstsein und Erfahrung im Umgang mit zwischenmenschlichen Konflikten entwickelt, dass beide Partner nach einer Trennung hierbleiben können und gemeinsam die Verantwortung für ihre Kinder wahrnehmen.
Und, was mich persönlich besonders freut, wir werden im nächsten Jahr einen ersten geistig behinderten Mitbewohner bekommen: Mein Bruder, der von meiner Mutter nicht mehr versorgt werden kann, wird seinen Platz hier in der Gemeinschaft finden.
Der Traum geht weiter
Natürlich hat das Leben in einer ständig wachsenden Gemeinschaft auch schwierige Themen, die in anderen Zusammenhängen leicht zu realisieren sind. Wir ringen immer wieder um die passenden Strukturen für unser Projekt: Die Sehnsucht nach einem „entspannten Leben“ im Ökodorf hat sich für die wenigsten erfüllt. Dafür kann sich wohl niemand über ein nicht erfülltes Leben beklagen. Wir haben in den vielen Jahren Gemeinschaftsleben auch gelernt, dass es immer wieder Phasen der intensiven Diskussion und Auseinandersetzung braucht. An diesen Phasen wachsen wir und sammeln viele wertvolle Erfahrungen, die uns insgesamt weiterbringen. So sehen wir denn optimistisch in die nächsten zehn Jahre – und sind überzeugt, dass Sieben Linden im Jahr 2017 ein noch schöner blühender Ort sein wird, der noch mehr als bisher weit über die -Region ausstrahlt – ein Lernort für nachhaltigen Lebensstil und ein Ort des Mutmachens, dass auch ungewöhnliche Träume Realität werden können.
Der brasilianische Befreiungstheologe Don -Helder Camara sagte einmal: „Wenn einer alleine träumt, bleibt es nur ein Traum. Träumen viele gemeinsam, ist es der Anfang einer neuen Wirklichkeit.“
Lasst uns gemeinsam weiter an dieser neuen Wirklichkeit arbeiten! ´
Eva Stützel war viele Jahre lang Geschäftsführerin der Siedlungsgenossenschaft Ökodorf e.G. Heute berät sie -Gemeinschaftsprojekte und ExistenzgründerInnen.
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