Gandalf Lipinski stellt die Konvergenz-Gesellschaft vor.
Während wir in den letzten Ausgaben den explizit politischen Gruppen im Holon-Netzwerk Raum gaben, soll diesmal die Konvergenz-Gesellschaft wieder zu Wort kommen, die sich in den Grenzbereichen zwischen politischer Bildung und integraler Tiefenökologie, theatraler Tiefenarbeit und Gemeinschaftsentwicklung bewegt.
Als eine der kleinsten Gruppen im Netzwerk leisten wir uns ja manchmal eine ziemlich große Spannweite. Auf der einen Seite haben wir im letzten Jahr unser Standbein Theater-arbeit wieder verstärkt aktiviert. Das rituelle Spiel als eine grundlegende Methode, in Gruppen ganzheitlich und unter Einbeziehung des Unterbewussten ein Thema zu erforschen, ist nach wie vor unsere wichtigste Basis gemeinschaftlicher Kreativität. Im mehr künstlerischen Sinn (wie in unserer Arbeit mit dem ensemble 90), im sozio- und dramatherapeutischen Feld (hier arbeiten wir zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Theatertherapie, DGfT) und im tiefenökologischen oder ökotherapeutischen Sinne (siehe dazu auch unsere Artikel in der Zeitschrift für Geomantie „Hagia Chora“, www.geomantie.net) erleben wir die dezidiert gemeinschaftsorientierte Theaterkunst als einen unverzichtbaren Beitrag zur Bewusstseinsentwicklung. Sehr klein portioniert im Sinn von Ritualgestaltung konnten wir in den letzten Jahren auch Teilaspekte davon in die ganzheitliche Tagungsgestaltung sowohl bei den Holon-Sommertagungen als auch zu den Sommerfesten mit der Partei „Die Violetten“ einbringen.
Wir sind geschichtsbewusst
Scheinbar vom anderen Ende der Welt kommt dann die historisch und politisch ansetzende -Theoriearbeit daher. In verschiedenen Artikeln (unter anderen in dieser Zeitschrift), in Buchbeiträgen (bei der DGfT und bei dynamik5) und vor allem aber in -Vorträgen (auf unseren Herbst- und Frühjahrskonferenzen, bei Holon- und anderen Tagungen und verstärkt im letzten Jahr auf Einladung der Violetten) geht es uns immer wieder um ein tieferes Verständnis unseres gesellschaftlichen „Gewordenseins“.
Dahinter steht die tiefe Überzeugung, dass auch eine noch so gut gemeinte „spirituelle“ Politik zur Bedeutungslosigkeit verurteilt ist, wenn sie nicht auch die historischen Grundbedingungen und Strukturen unserer Gesellschaft umfassend reflektiert. Frei nach Götz Werner („Wer nicht denken will, der wird eben gedacht!“) geht es uns dabei besonders um die geschichtlichen Prozesse, die eben nicht in den -Medien kommuniziert werden. Die Bedeutung der heute noch fast völlig ausgeblendeten vorpatriarchalen Kulturepoche, die Geschichte ihrer Verdrängung und die Auswirkungen davon auf die großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bis heute sind Kernthemen dabei.
Ähnlich wie Jochen Schilk in seiner -Artikelserie „Mama Anarchija“ oder Bernd Hercksen in seinem gerade entstehenden Buch „Vom Matriarchat zur Moderne“ sehen wir im tieferen Verstehen unserer historischen Wurzeln eine Grundvoraussetzung zum Verständnis der Gegenwart unserer Gesellschaft. Geheime Wirkmuster ins Licht des Bewusstseins zu heben, kann lebenswichtig sein, wenn wir heute daran gehen, Gesellschaft wieder nach unseren Wünschen gestalten zu wollen. Dass wir eben nicht in netten Wunschvorstellungen steckenbleiben, sondern Politik wieder kompetent und selbstbestimmt in die eigenen Hände nehmen, dazu soll unsere politische Bildungsarbeit einen Beitrag leisten.
„Sommerland“ wartet noch
Der dritte Schwerpunkt unserer Arbeit ist das Gemeinschaftsprojekt „Sommerland“. Da hat sich wenig Spektakuläres getan im letzten Jahr. Wir sind immer noch ein gar zu kleines Grüppchen, haben unseren Platz noch nicht gefunden, und noch steht überhaupt die Finanzierung völlig in den Sternen. Man könnte schon mit einigem Recht sagen, die Arbeit in den anderen Bereichen nimmt uns so in Anspruch, dass wir kaum noch zum eigenen Projekt kommen.
Dennoch passiert einiges. Und gerade da, wo es thematisch, menschlich, finanziell oder vom Ort her eben nicht zusammenpasst, erleben wir oft unsere wichtigsten Lektionen. So mussten wir auch lernen, dass es bei der großen Zahl der Gemeinschaftssuchenden eben nur ganz wenige gibt, die auch dezidiert wissen, was sie wollen und dafür Verantwortung übernehmen können und wollen. Dünn wird die Luft gar, wenn man für sich einige unhintergehbare Essentials gefunden hat. Unsere lauten derzeit:
Erstens: Wir wollen eine Gemeinschaft, die in ähnlicher Weise füreinander eine existenzielle, verwandtschaftliche Verantwortung übernimmt, wie wir das sonst nur in der Kleinfamilie gewohnt sind. Zweitens: Gemeinsame Arbeit, Eigentum und Ökonomie halten wir für unverzichtbar. Drittens: Der Ort und alle Lebewesen vor Ort sind Teil der Gemeinschaft. Und viertens: Die Gemeinschaft schottet sich nicht ab, sondern sucht die optimale Verankerung in der Region und die gleichzeitige aktive Vernetzung mit Gleichgesinnten.
Ohne echte Sehnsucht gibt es keine Transformation
Und schließlich führten uns der eigene Prozess auf dem Weg nach Sommerland und die Begegnungen und Erfahrungen in der politischen- und Netzwerkarbeit immer wieder hin zu gemeinsamen Strukturen und Erkenntnissen. Die wichtigste Erkenntnis lautet stark vereinfacht: Wo immer ein aus dem Feuer authentischer Sehnsucht gespeistes neues Bild fehlt, setzen sich die alten Bilder, die alten Gewohnheiten durch. Spätestens, wenn Gefahr droht oder Angst unser Handeln bestimmt.
Da wir kein Interesse daran haben, diese Erfahrungen nur auf einer philosophischen oder auch psychologischen Ebene zu reflektieren, sondern daran arbeiten, die eigene Handlungskompetenz weiterzuentwickeln, haben wir in diesem Frühjahr zusammen mit der Künstlerin und Forumsleiterin Elisabeth Möller vor diesem Hintergrund das Konvergenz-Labor entwickelt. Das Labor ist ein mehrtägiges Intensiv-seminar, in dem es gleichermaßen um Selbst- und Welterkenntnis, um politisch-historische Theorien wie um Naturerfahrung, Ritualarbeit, Körperintelligenz und Forumsarbeit geht. (Joachim Pfeffinger berichtet in dieser Ausgabe von KursKontakte aus der Teilnehmerper-spektive darüber.)
Ein erster Testlauf fand bereits zusammen mit der Sommerland-Trägergruppe und der gemeinsamen Konzeptgruppe von dynamik5 statt. Menschen mit dem Hauptinteresse an Gemeinschaft und Menschen, die die ganze Gesellschaft im Blick haben, finden sich in mehr gemeinsamen Aspekten, als das hier kurz und theoretisch fassbar wäre. Immer geht es dabei um das Persönliche im Politischen und ebenso um das Politische im Persönlichen. Und natürlich auch um die politische Funktion von Gemeinschaften als mögliche Grundeinheiten einer wieder viel selbstbestimmteren Gesellschaft. Und das eben nicht nur theoretisch, sondern in allererster Linie in der praktischen Erfahrung!
Bevor das Konvergenz-Labor im nächsten Jahr professionell und vor allem Gruppen, Vereinen und Institutionen angeboten werden soll, gibt es im diesem Jahr noch einen letzten Probelauf zum Selbstkostenpreis:
„Wo geht die Reise hin? – politische Perspektiven, Bewusstseinsentwicklung und integrale Tiefenökologie im Schnittpunkt von Gemeinschaft und Gesellschaft“, so lautet der Titel unserer diesjährigen Herbstkonferenz vom 21. bis 23. September in Leestahl. Dabei geht es eher philosophisch, politisch und verbal zur Sache.
„Nach Hause kommen – Abenteuerreise zum größeren Selbst“, so haben wir unser Labor genannt, das vom 22. bis 25. November in der „Weltbühne“ in Heckenbeck bei Bad Gandersheim stattfindet. Und dabei geht es zu größeren Teilen eher praktisch erfahrungsmäßig zu. Verbindendes Element ist bei beiden Veranstaltungen das Forum als Ort und Raum, wo „kein Thema zu groß und kein Thema zu klein ist.“
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