Artikel
Kulturkreatives Spektrum (108)
Andere Welten (55)
Freie Gesundheitsberufe (22)
eurotopia (166)
Matriarchale Perspektiven (35)
Holon (77)
Editorial (30)
Briefe aus Amerika (6)
Anders Lernen (47)


Ausgabe 166 (12)
Ausgabe 165 (12)
Ausgabe 164 (12)
Ausgabe 163 (13)
Ausgabe 162 (13)
Ausgabe 161 (15)
Ausgabe 160 (12)
Ausgabe 159 (11)
Ausgabe 158 (13)
Ausgabe 157 (11)
Ausgabe 156 (15)
Ausgabe 155 (13)
Ausgabe 154 (12)
Ausgabe 153 (16)
Ausgabe 152 (12)
Ausgabe 151 (13)
Ausgabe 150 (14)
Ausgabe 149 (14)
Ausgabe 148 (16)
Ausgabe 147 (13)
Ausgabe 146 (13)
Ausgabe 145 (13)
Ausgabe 144 (11)
Ausgabe 143 (13)
Ausgabe 142 (12)
Ausgabe 141 (13)
Ausgabe 140 (15)
Ausgabe 139 (14)
Ausgabe 138 (12)
Ausgabe 137 (11)
Ausgabe 136 (14)
Ausgabe 135 (12)
Ausgabe 134 (8)
Ausgabe 133 (6)
Ausgabe 132 (9)
Ausgabe 131 (9)
Ausgabe 130 (10)
Ausgabe 129 (8)
Ausgabe 128 (9)
Ausgabe 127 (8)
Ausgabe 126 (6)
Ausgabe 125 (8)
Ausgabe 124 (9)
Ausgabe 123 (6)
Ausgabe 122 (7)
Ausgabe 121 (7)
Ausgabe 120 (3)
Ausgabe 119 (5)
Ausgabe 118 (1)
Ausgabe 115 (1)
Ausgabe 114 (11)

Zuletzt besucht
Artikel: Buchbesprechung

Artikel: Neue Heimat, neue Kultur

Artikel: Wenn Kinder zu gerne lernen

Artikel: Buchbesprechung

Artikel: Jugendliche sind keine Erwachsenen!


Über uns
Impressum
Nach Hause kommen
erschienen in Ausgabe 152  PDF-Version (288.58 KB)
Abenteuerreise zum großen Selbst. Joachim Pfeffinger besuchte das „Erfahrungslabor für Lebensforscher“.

Gegenüber der Welt können wir verschiedene Standpunkte einnehmen: Wir treten Dingen und Naturwesen in der Ich-Es-Beziehung, Menschen in der Ich-Du-Beziehung als uns gegebene Welt gegenüber. Zwischen diesen Positionen fluktuiert unser Bewusstsein ständig hin und her, ohne dass wir es immer wach wahrnähmen. Wir sind nämlich vor allem mit uns selbst beschäftigt, mit der dritten Perspektive des Ich zum Ich, denn wir sind als Ich auch „Welt“. Ich-Erkenntnis und Welterkenntnis gehören zusammen. Wer das eine sucht und das andere ausblendet, nimmt die Wirklichkeit nur einseitig und verzerrt wahr. Jenseits philosophischer Auseinandersetzungen wollte dieses Labor bewusst und praktisch den Fragen nach „Heimat“ und „Zugehörigkeit“ nachgehen.


Am 25. Mai 2007 erreichte die Gruppe von Schweizern, der ich angehörte, bestehend aus drei Kindern und sechs Erwachsenen, nach siebenstündiger Fahrt das Dörfchen Heckenbeck im südlichen Niedersachsen. Wir standen vor einem mit Schieferschindeln verkleideten, zweiteiligen Gebäude, der „Weltbühne“, inmitten eines Dorfs mit idyllischen Backsteinhäuschen und werden bereits erwartet. Hier sollte das Labor mit der ominösen „Abenteuerreise zum großen Selbst“ stattfinden. Trotz Erläuterungen im Faltblatt wusste niemand von uns so recht, was ihn erwarten würde. Wir ließen uns einfach von der Neugier leiten und vom Vertrauen, dass die dreitägige Pfingstveranstaltung, geleitet von Elisabeth Möller aus Heckenbeck – bekannt als „lila Luder“ –, Gandalf Lipinski, Gemeinschaftsforscher und Tiefenökologe, sowie der Theaterpädagogin Alexandra Zabe sicher ein Erlebnis werden würde. Bereits der herzliche Empfang ließ uns Gutes ahnen. Die Räumlichkeiten, die uns Bewohner der Gemeinschaft in Heckenbeck freundlicherweise zur Verfügung stellten, waren einfach und angenehm, der Veranstaltungsraum mit Bühne sehr geeignet für die verschiedenen „Laborversuche“. Insgesamt fand sich eine Gruppe von elf Menschen für die „Forschungsreise“ ein, eine Gruppengröße, die sich als genau richtig entpuppte.

Das „Forum“ erst gab die Struktur

Das Programm gestaltete sich vielfältig. Von Bewegungen im Raum mit Aufmerksamkeitsübungen verschiedenster Art, einer Baumzeremonie über die Möglichkeiten des Druidenyogas bis hin zum Erleben der Elemente Feuer, Luft, Wasser, Erde wurden wir mit einem Set von Möglichkeiten der Erfahrung des „größeren Selbst“ konfrontiert. Zusätzlich präsentierte uns Gandalf Lipinski seinen neuen Vortrag. Wären da nicht die Forumsrunden, geleitet von Elisabeth Möller gewesen, hätte das Ganze jedoch eher einer bunten Wiese mit vielen zufällig wachsenden Blumen und Gräsern geglichen. Durch diese regelmäßig stattfindenden, ziemlich intensiven Gesprächsrunden ganz spezieller Art erhielt die Tagung trotz der Vielfalt des Programms eine klare Struktur. Das dichte und spannende Programm wurde umrahmt von den gemeinsamen Koch- und Essenszeiten sowie den abendlichen Gesprächsrunden, in denen der Tag reflektiert wurde.
Interessanterweise färbte sich die Laborarbeit auf das „reale“ Leben drumherum ab: Geschärft durch die Erfahrungen im Labor, konnte ich irgendwann gar nicht mehr anders, als auf gewisse Dinge meine Aufmerksamkeit zu lenken, die mir sonst so leicht entgehen (obwohl ich längst um sie weiß). Zum Beispiel das Ausrichten der Aufmerksamkeit darauf, wie ich mich während erregter Diskussionen fühle (in unserem Fall über die Zinsproblematik). Es ist klar, dass, wenn sich Menschen von dynamik5, Konvergenz-Gesellschaft und der Weltbühne treffen, ein Austausch nicht nur über das Wetter und gewisse tägliche Verrichtungen stattfindet. Dass diese Argumentationen nicht selten mit einer gewissen Härte geführt werden, ist bekannt. Aber gerade diese alltäglichen Begebenheiten sind es doch, die uns oft zu schaffen machen, weil wir zu wenig bemerken, was im Zwischenmenschlichen wirklich abgeht. Ich stelle fest, dass es für die eigene Entwicklung eine große Chance darstellt, wenn man sich in diversen Situationen selbst wie von außen wahrzunehmen lernt, die eigene Wirkung nach außen studiert, um sie gegebenenfalls zu korrigieren. Diese Schärfung des Blicks und Verständnisses für die Art, wie Dinge zwischen den Menschen geschehen, ist eine Voraussetzung, um so etwas wie den sozialen Organismus zu verwirklichen.
Es ist leider unmöglich, auf alle oben genannten Programmpunkte gleichermaßen einzugehen; sie wären es jedoch wahrhaftig wert. So möchte ich nachfolgend eine Auswahl treffen, an der ich meine Erfahrungen schildern kann.

Schlichte Wahrnehmungsübungen …

Die Veranstaltung beginnt unter der Leitung von Gandalf Lipinski. Bewegungen im Raum mit der Anweisung, zuerst die ganze Aufmerksamkeit auf die Umgebung, den Raum, seine Lichtverhältnisse, Düfte und Gerüche usw. zu lenken, ganz weg von mir, ganz nach außen zu gehen. Im Kontrast dazu dann umschalten: Nur noch meine Befindlichkeit, meine Gefühle und Gedanken anschauen, die gerade anwesend sind. Danach abermals umschalten und die ganze Aufmerksamkeit auf die anwesenden Menschen richten und dabei die Wahrnehmung der Umgebung und die eigene Befindlichkeit nicht aus den Augen verlieren, bewusst den Blickkontakt suchen. Das Ausrichten der Aufmerksamkeit auf die persönliche Ebene wurde dann noch zusätzlich gewürzt: Den Blickkontakt mit bewussten Projektionen anreichern oder eben diese Projektionen ganz zu unterlassen.
Wir projizieren ja eigentlich immer. Ständig ist dem Dialogischen ein Schuss Sympathie oder Antipathie beigemischt, ständig denken wir vom Gegenüber etwas, was wir hinzufügen, das aber in Wirklichkeit gar nicht gegeben ist.
Schließlich sollen wir auch den Raum bewusster füllen, nicht irgendwohin laufen, sondern uns bewusst vor-, rück- und seitwärts so bewegen, dass stets die entstehenden Freiräume im Raum gefüllt werden. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten der simultanen Wahrnehmung so vieler Ebenen wurde diese gemeinsame Bewegungsarbeit zu einer für mich erfreulichen Angelegenheit: Die Erkenntnis, über die Fähigkeit zu verfügen, meine Aufmerksamkeit sinnlich auf verschiedene Ebenen lenken zu können, machte mir Freude. Ich kann sagen, dass dies eine Art Erkenntnis von Freiheitserleben bedeutete. Der Raum war bald geschwängert vom allseitigen Bewusstsein und Bestreben aller Anwesenden, solches zu tun; der ganze Raum lebte förmlich; er „lebte“, weil ein lebendiges Bewusstsein auf vielen Ebenen in Anspruch genommen wurde. Vielleicht kann die Fähigkeit der simultanen Wahrnehmung durch das Hören polyphoner, kontrapunktischer Musik eingeübt werden, denn dort erschließt sich der musikalische Zusammenhang nur, wenn die verschiedenen Stimmen, zusammen mit Text, Artikulation, Dynamik usw. entsprechend simultan wahrgenommen werden.
Diese Erfahrung ist natürlich individuell, wie alle Erfahrungen es sein müssen; jede(r) Teilnehmer(in) würde an dieser Stelle etwas anderes wichtig finden. Dieselbe Bewegungsarbeit am nächsten Tag ließ mich eine weitere Entdeckung machen: andere Lichtverhältnisse, andere Düfte und Gerüche, ein anderer Raum: andere Gefühle und Gedanken! Die Übernachtung und der Ort haben sich bereits in meine Seele eingeprägt, all diese Eindrücke wirken auf mich. Ein- und dieselbe Tätigkeit ist in Wahrheit eben doch nie gleich. Die Ansprüche des heutigen Konsum-menschen, überall, zu jeder Zeit stets das Gleiche mit derselben Qualität und in derselben Quantität erhalten zu können – zum Beispiel in Bezug auf Lebensmittel – oder der Anspruch, den Urlaub genau in derselben schönen Art zu haben wie im Jahr zuvor, solche Ansprüche sind absurd. Sie zeigen auch das Erstarren in Denkgewohnheiten, resultieren aus einer einseitigen Ich-Haltung – genannt Egozent-rismus – welche eine wirkliche Entwicklung stark behindert. Nur die Erkenntnis der kosmischen Dimension unseres Seins – eben der lebendigen Erde mit ihren Rhythmen und Kreisläufen und dennoch der ständigen Wandlung – öffnet unser Herz für eine neue Dimension von Kultur: einer Kultur des Herzens. Im Grunde kann bereits durch solche schlichten Übungen die Erfahrung der in der Welt anwesenden objektiven Weisheit gemacht werden.

Von der beglückenden Kraft der Rituale

Die Zeremonien der Elemente mit Alexandra Zabe, waren in sich vielfältig. Wie ein Spiegel des gesamten Programms wiesen sie wiederum ein Set von Möglichem auf. Sie eröffneten jeweils einen Programmzyklus. Die Qualitäten des Festen, Flüssigen, Luftförmigen und Feurigen rituell zu erleben, bringt uns zusätzlich auf eine andere Art in Verbindung mit der uns tragenden Erde. Es gibt keine bessere dialogische Erfahrung, als zum Beispiel Kreisformationen und -tänze im Zusammenhang mit Gesang. Auch dies empfinde ich immer wieder als beglückend. Wie schwierig ist es doch, im Gespräch, im Ausgleich von Interessen zwischen Mensch und Mensch zu einem Konsens zu finden. Diese – oft bittere – Erfahrung wird wohl jeder Mensch irgendwann einmal machen. Was jedoch nicht jeder Mensch erfahren wird, ist der großartige Konsens in gemeinsamen Ritualen, wie sie bei den Elementezeremonien durchgeführt wurden: Trotz der individuellen Unterschiede bereitet es niemandem Schwierigkeiten, einen „Konsens“ im Kreistanz und im Gesang, in der Findung des gleichen Rhythmus, des gleichen Schritts, ja desselben Atemtempos zu finden. Rituale sind etwas Uraltes. Ihnen wohnt eine religiöse und künstlerische Dimension inne. Sind es diese Urgebiete der Kultur, die uns mit einer anderen Realität verbinden, einer verlustig gegangenen Realität? Wenn es so ist, dann könnte durch solche Rituale im Sozialen genau diese „andere Realität“ Einzug halten. Durch Rituale fühlen wir uns verbunden, und das hat entscheidend mit „Heimat“ zu tun.
Eine ganz neue Erfahrung war für mich die Forumsarbeit mit Elisabeth Möller. Die Forumsarbeit wurde im ZEGG, dem „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“, entwickelt, wo Elisabeth Möller eine Schulung gemacht hat. Eine geschulte Leitung für diese Art von Gemeinschaftshygiene ist jedoch ganz notwendig, wie sich schnell zeigte. Menschen sitzen im Kreis versammelt, in die Mitte tritt eine Person, die ein Anliegen hat. Es gibt dabei keine zu großen oder zu kleinen Anliegen. Was diese Person beschäftigt, sei es ein Konflikt mit einer anderen Person, oder seien es ganz individuelle Probleme – alles ist zugelassen. Die Person trägt ihr Anliegen vor den Anwesenden vor, was zunächst für den einen oder anderen eine Hürde bedeutet, denn nicht jeder kann und will sich vor anderen Menschen produzieren, schon gar nicht mit persönlichen Anliegen. Daher wurden zunächst kleine, einminütige Übungsrunden zu einem festen Thema durchgeführt, bis wir zu „ernsten“ Runden übergingen. Nach dem Vortrag des Anliegens beginnt die leitende Person den Dialog aufzunehmen und begleitet den Hauptakteur ein Stück weit, hilft ihm oder ihr, die Sache auf den Punkt zu bringen. Im Anschluss daran hat jeder im Kreis die Möglichkeit, eigene Erfahrungen ohne Du-Bezug zum Hauptakteur einzubringen und/oder auf das Anliegen direkt einzugehen.
Hat man sich einmal an den offenen Charakter eines Forums gewöhnt, entpuppt es sich als großartiges Mittel empathischer Erfahrungen: Andere Menschen lassen mich an ihrem Schicksal teilhaben und ich sie an meinem. Konflikte werden der Gemeinschaft eröffnet und von dieser mitgetragen, im Bewusstsein, dass diese gemeinschaftszerstörend sein können; innere und äußere Konflikte können in einem gesunden Gemeinschaftsgefüge in Zukunft nicht mehr einfach Privatsache bleiben, weil sie – und dies ist eine Erkenntnis, die zuerst individuell erworben werden muss – nie nur in einem Menschen allein die Ursache haben. Weil der Mensch Gemeinschaft braucht und so ziemlich alles, was er ist und sein darf, dieser Gemeinschaft verdankt, sollte diese auch seinem Schicksal – in gewissen, von jedem selbst zu steckenden Grenzen – zugewendet sein.
Alle mitwirkenden Menschen waren sich nach dem schönen Schlussritual am Sonntagmorgen einig: Solche Veranstaltungen sollten Schule machen, und sie rufen nach Kontinuität! ´

Joachim Pfeffinger, lebt in Pratteln bei Basel, ist verheiratet und Vater von drei Kindern, von Beruf Architekt sowie Vorstandsmitglied von dynamik5/Schweiz.

Zur Bedeutung des obigen Mandalas:
Das Merkursiegel von Rudolf Steiner versinnbildlicht die notwendige nächste Phase in der Menschheitsentwicklung: die Überwindung egoistischer Verhaltensweisen. Menschen beginnen aus der Einsicht, von einer Gemeinschaft getragen zu sein, bewusst den Kontakt zur Welt zu suchen. Die Menschen gleichen dabei Pflanzen, die zur Sonne hin wachsen und in der Erde wurzeln. Irgendwann wird so ein Stadium der vollkommenen Verbundenheit erreicht sein.



  Autoren

Pfeffinger, Joachim

Partner
sge-button
© by Human Touch Medienproduktion GmbH, info@kurskontakte.de