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Editorial
erschienen in Ausgabe 152
Liebe Leserinnen,liebe Leser,

kürzlich überfiel mich ein irritierender Gedanke: Ich fuhr durch Berlin und meditierte über das Schreckensbild einer aufgrund unerwartet schnell voranschreitender Klimaverschiebungen nicht mehr mit Lebensmitteln ausreichend versorgten Großstadt. Eine Konferenz, von der ich kam, hatte dieser Bedrohung eine gewisse Wahrscheinlichkeit eingeräumt.
Das Viertel, durch das ich fuhr, war eines der noch nicht neu getünchten, und mehrere verwahrloste Häuserfronten mit leeren Läden zündeten in mir plötzlich die Vision von zerschlagenen Schaufenstern, von Mundraub, Gewalt und Plünderung, und kurz erinnerte ich mich an Filmszenen aus „Twelve -Monkeys“ und „The Day After“, und auch die Nachrichten von Marodeuren, die in den von Katrina gefluteten Straßenzügen von New Orleans mit Flinten bewaffnet Faustrecht ausübten, klangen in mir an.
Der irritierende Gedanke: Wer würde mich schützen, wenn ich dann durch solche Straßen gehen müsste, beispielsweise auf dem Weg zu einer Krisenkonferenz?
Mein Lebtag war das Thema der inneren Sicherheit weit weg von mir gewesen. Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass mich einmal der Gedanke an mangelnden zivilen Schutz beunruhigen könnte. Jetzt war er da, und ich brachte ihn in der Folge in einige Gesprächsrunden von Menschen ein, die ihre ganze Kraft für die Rettung der Welt einsetzen. Wer sorgt für unsere Sicherheit, wenn es ganz übel kommen sollte? Brauchen wir in einer katastrophal niederbrechenden Gesellschaft nicht eine Art kulturkreativer Polizei, die das Schlimmste verhütet?
Gesetzt, „wir“ bringen die friedliche Revolution zustande, die Gesellschaft organisiert sich neu nach lebensfördernden Werten, und die Staatsmacht nach heutigem Muster existiert so nicht mehr. Wer von „uns“ will dann die Aufgabe der Sicherheit übernehmen, wer von uns könnte das überhaupt? Ratlosigkeit war bisher die Antwort, Erstaunen, dass eine solche Frage quer durch die Bemühungen schießt, das Gute zu retten, eine Welt des Ausgleichs und der Liebe zu schaffen …
Könnte es sein, dass hier ein Versäumnis zutage tritt? Genügt es, an Engel oder die Wirksamkeit sozial-ökologischer Maßnahmen zu glauben oder naiv an das grundsätzlich Gute im Menschen? Was werden diejenigen tun, die – wenn es so kommt, wie ernstzunehmende Fachgremien befürchten – vor dem Hunger aus den Städten fliehen, dorthin, wo die neuen Gemeinschaften selbstversorgt Reigentänze aufführen und unverdrossen den integralen Geist einer globalen Menschheit herbeisingen? Was müssen wir heute tun, damit wir unserem Grundsatz, nicht zu den Waffen greifen zu wollen, treu bleiben können, wenn sich – auch wenn ich es nicht glauben will – herausstellen sollte, dass wir zu wenige sind oder es zu spät ist, um die Welt zum Guten zu wandeln?

Fragt sich mit allen guten Wünschen
Johannes Heimrath


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Heimrath, Johannes

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