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Die Kunst der Vermittlung
erschienen in Ausgabe 153  PDF-Version (168.94 KB)
Lara Mallien und Johannes Heimrath sprachen mit der Politikwissenschaftlerin Alexandra Wandel.

Als wir in einer Presseerklärung lasen, dass die Managerin des im Mai neu gegründeten Welt-zukunftsrats Alexandra Wandel heißt, mussten wir schmunzeln: Programmatischer könnte eine Person in dieser Position kaum heißen, bedeutet Alexandra doch „die (männerabwehrende) Beschützerin“, und dann noch des Wandels – wer da wohl dahintersteckt?
Von der Gründungsphase des Weltzukunftsrats, der neuen Initiative des Begründers des alternativen Nobelpreises Jakob von Uexküll, hatten uns Beteiligte immer wieder Spannendes berichtet, und jetzt, nach der Geburt des Projekts, suchten wir den direkten Kontakt.
Hoch oben über den Dächern Hamburgs, am Rand der Speicherstadt, sitzen wir mit Alexandra Wandel in einem hellen Besprechungsraum, trinken grünen Tee und erzählen uns gegenseitig von aktuellen und geplanten Wandlungs-Projekten. Schnell wird die Zeit viel zu knapp, denn wir sind anschließend mit Alexandras Mann Ralf Otterpohl verabredet. Mit ihm fahren wir zur Technischen Universität Hamburg-Harburg und hören mit großem Interesse seine Vorlesung zum Thema ökologische Abwasserentsorgung. Er leitet dort das Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz. Die Begegnung mit Alexandra und Ralf hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck – da ist Potenzial für Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen spürbar.
Auf den ersten Blick bringt mancher die beiden wohl kaum zusammen: Ralf kommt windzerzaust in Alexand-ras Büro geweht. Er war mit seinem Klappfahrrad quer durch die Stadt unterwegs. Der „alternative Professor“ kontrastiert ihre gediegene Erscheinung. Aber die beiden strahlen sich an, besprechen kurz den weiteren Tagesablauf ihrer beiden kleinen Töchter und vermitteln eine ganz selbstverständliche Harmonie.
Als wir einige Monate später erneut mit Alexandra zusammensitzen, interessiert uns, wie die 34-Jährige ihren anspruchsvollen Beruf und ihre Familie verbinden kann. Alexandra ist ein bisschen müde, denn Ralf ist gestern erst spät aus Kairo von einer Konferenz zurückgekehrt. Am Morgen hat sie ihre vierjährige Tochter Nina in den Waldorfkindergarten gebracht, die einjährige Stella wird zu Hause von ihrem amerikanischen Au-pair-Mädchen umsorgt. So können beide Eltern ihren Berufungen nachgehen. „Als Nina ganz klein war, hat Ralf sich ein Semester Elternzeit genommen“, erzählt Alexandra. „Seine -Professoren-Kollegen haben ihn zwar schräg angeschaut, aber das war ihm egal. Ohne ihn könnte ich diese Arbeit hier nicht machen.“
„Diese Arbeit“ im Weltzukunftsrat ist für sie offensichtlich mehr als ein Job, es ist eine Lebensaufgabe. „Uns geht es hier um die Aufklärung des Irrglaubens an den Konsum, aus dem das kurzfristige Denken in der Politik und in der Wirtschaft resultiert. Wir setzen uns dafür ein, was politisch nötig ist, und bleiben nicht bei dem, was politisch möglich ist. Derzeit läuft im Weltzukunftsrat ein großes Forschungsprojekt: Wir identifizieren weltweit Gesetze, die vom ökologisch-ethischen Standpunkt her Modellcharakter haben, und möchten zugleich auf Lücken der internationalen Gesetzgebung aufmerksam machen, insbesondere in Bezug auf Klimaschutz, Schutz der Meere, nachhaltige Landwirtschaft, Frauenrechte …“

Gerechtigkeit und Fairness
Ihre zuerst fast unpersönlichen Antworten auf unsere Fragen nach der Motivation für solches Engagement reichen uns nicht: „Der Gedanke, dass ich eine Weltbürgerin bin. Die Verantwortung, kommenden Generationen eine nachhaltige Gesellschaft zu hinterlassen. Der Glaube an Gerechtigkeit und Fairness.“ Wir suchen den Menschen hinter der politischen Correctness. Nach einer Weile bekommen die Wörter aber Geschichten.
Mit 23 Jahren reist Alexandra nach Nigeria. Sie war vom Goethe Institut und der Friedrich-Ebert-Stiftung als Sprecherin der Initiative „Frauen für Frieden und Ökologie“ zu einer Konferenz über Frauen im ländlichen Raum eingeladen worden. Es ist das Jahr 1996. Wenige Monate zuvor war in Nigeria der Umweltaktivist Ken Saro-Wiwa nach einem Schauprozess zum Entsetzen der Weltöffentlichkeit gehängt worden. Alexandra möchte raus aus dem Kongresszentrum, vor Ort recherchieren und direkt ins Niger-Delta fahren, wo die Ogoni leben – die ethnische Minderheit, mit der Ken Saro Wiwa gegen die Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen durch die Erdölförderung des Shell-Konzerns gekämpft hatte. Die Landpartie erschüttert sie nachhaltig: Die rostenden Pipelines, aus denen permanent Öl tropft und das Trinkwasser verseucht, die brennenden Ölseen, die einem den Atem nehmen – diese Bilder verankern das Wort „Gerechtigkeit“ in Alexandra, so dass sie es für immer vor der Kulisse des zerstörten Niger-Deltas und der entrechteten Ogoni lesen wird.
Manche Menschen werden durch extreme Erfahrungen radikalisiert. Andere resignieren und verzweifeln. Alexandra Wandel versucht stattdessen, die Mechanik hinter dem System der Ungerechtigkeiten zu verstehen. Damals studierte sie bereits seit drei Jahren Politikwissenschaften am Otto-Suhr-Institut in Berlin, das tendenziell noch heute für eine linksalternative Politikausrichtung steht. „Anfang der 90er-Jahre war dort noch mehr kritischer Geist zu spüren als heute,“ meint Alexandra. „Gleich zu Beginn meines Studiums habe ich eine Reihe von geistreichen, intelligenten Professorinnen und Professoren kennengelernt und viele sehr kritisch eingestellte Studenten. Es wurden interessante Studienfächer zum Thema Globalisierung angeboten, so dass man tatsächlich etwas über die Zusammenhänge in der Welt erfuhr. Es hat mich später sehr erstaunt, dass trotz dieser Aufklärung viele Absolventen meines Studiengangs in den Kommerzbereich gegangen sind.“ Alexandra weiß schon 1992, als sie den Umweltgipfel in Rio de Janeiro mitverfolgt, dass sie auf solchen Veranstaltungen zu Hause sein wird und nicht in einem ruhigen Job in der Verwaltung oder in der Wirtschaft. Daher bewirbt sie sich um einen Praktikumsplatz bei Eva Quistorp, der Europa-Abgeordneten der Grünen. Als Mitbegründerin der grünen Partei und Frau der ersten Stunde der Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegung ist Eva Quistorp als stürmische Aktivistin bekannt, die bis heute kein Blatt vor den Mund nimmt und Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um ihre Ziele zu verwirklichen. Eva und Alexandra finden sofort einen Draht miteinander: „Sie hat mir von Anfang an eine Reihe von verantwortungsvollen Aufgaben übertragen“. Gemeinsam organisieren die beiden das internationale Frauenforum „Solidarität im Treibhaus“ als Parallelveranstaltung zur großen Klimakonferenz 1995 in Berlin. Durch die Begegnungen mit Frauen wie Eva Quistorp oder Vandana Shiva öffnen sich für Alexandra neue Dimensionen. Entzündet von deren Feuer und Entschlossenheit, die Lebensbedingungen auf diesem Planeten zu verbessern, vertieft sie sich in ökofeministische Literatur.
Aber eine Feministin ist sie offenbar nicht geworden? „Ich bin keine militante Persönlichkeit“, sagt Alexandra, „ich vermittle gerne und biete auch Kontrahenten gerne konstruktive -Lösungen an.“
Alexandra Wandel genießt das brodelnde Leben von Brüssel, der grünen Stadt mit den Menschen aus aller Welt, in vollen Zügen. Schon während ihrer Studienzeit, die sie in Amsterdam beendet, kommt sie bei ihrer Arbeit in Brüssel in Kontakt mit einer Vielzahl von Umweltgruppen, darunter „Friends of the Earth Europe“, „Ecopeace“ oder „A SEED, Action for Solidarity, Equality, Environment and Development“, und bewährt sich in einigen NGOs als geschickte Organisatorin. So findet sie nach dem Studium 1998 in diesen Netzwerken Arbeit. Sieben Jahre lang mischt sie in der Szene der „Green 10“, dem Zusammenschluss der 10 größten europäischen Umweltorganisationen heftig mit. Das bedeutet Lobbyarbeit, Gruppen europaweit vernetzen, Telefonkonferenzen einberufen, Treffen organisieren, Positionspapiere erarbeiten und als Delegierte auftreten, insbesondere um die Stimme der Umweltschützer auf den Welthandelskonferenzen hörbar zu machen, sei es in Seattle, Hong Kong oder 2002 auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg. „Ich war auf diesen Veranstaltungen oft der fokale Punkt, um die Rolle der Umweltverbände der Europäischen Union zu repräsentieren. In Brüssel ging es jahrelang darum, den EU-Handelskommisar herauszufordern und ihn auf die desaströsen Auswirkungen seiner nicht-nachhaltigen Politik hinzuweisen.“
„Du brauchst ein dickes Fell, sonst wirst du in der Politik nicht bestehen“, hat ihr einmal jemand gesagt, als sie mit ihrer Arbeit in Brüssel begonnen hatte. An ihrer Durchsetzungskraft lässt Alexandras seltener Lidschlag keinen Zweifel. Aber das dicke Fell scheint keine Maske geworden zu sein, sie strahlt eine unmittelbare Sensibilität für ihre Gesprächspartner aus, was sie wohl zur guten Diplomatin gemacht hat. „Ich musste vor allem lernen, Ruhe zu bewahren, auch in den hitzigen Diskussionen unter den Umweltverbänden, wo es manchmal doch ziemlich chaotisch zuging.“ Besonnenheit scheint eine ihrer besonderen Stärken zu sein.

Dialoge zwischen den Welten
Eines ihrer ersten Projekte 1998 führt sie mit Ecopeace in den Nahen Osten. Alexandra verbringt acht Monate in Kairo, um gemeinsam mit Ägyptern, Israelis und Palästinensern Umwelterziehungsmaßnahmen ins Leben zu rufen. Es geht um die Rettung des Toten Meeres, die Förderung von Ökotourismus oder die Integration von Umweltmaßnahmen in der Euro-Mediterranen Freihandelszone. Sie kommt mit dem Islam und mit dem Judentum in Berührung und erlebt die verbindende Kraft, die aus dem interreligiösen Dialog entstehen kann.
Fühlt sie sich einer Religion zugehörig? „Ich bin Christin“, ist die eindeutige Antwort, „aber ich habe mich intensiv mit verschiedensten Glaubensrichtungen und Konzepten auseinandergesetzt. Mich faszinieren die anderen Religionen sehr, besonders der Buddhismus – der Dalai Lama war ja gerade in Hamburg. Er gehört auch zu den Inspiratoren des Weltzukunftsrats.“ Töchterchen Nina und der Waldorfkindergarten – ist sie auch Anthroposophin? „Nein, aber ich finde viele Ideen der Anthroposophie unterstützenswert, und meine Tochter ist in diesem Kindergarten gut aufgehoben.“ Mit ihren Kindern geht Alexandra zum Gottesdienst, aber aktiv in der Kirchengemeinde ist sie nicht. Da arbeitet sie lieber für den Weltzukunftsrat im Bewusstsein, dass alle Religionen in gemeinsamen Werten gründen. „Ich komme aus Tübingen, aus einem evangelischen Haushalt. Meine Familie war -kirchlich, aber offen. Schließlich ist Tübingen eine Hochburg fortschrittlicher Theologen. An der Tübinger Universität unterrichtete Hans Küng. Seine Idee des Weltethos stellt alle Religionen auf den Grundsatz, den anderen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.“
Die Weltoffenheit konnte Alexandra aus ihrem Elternhaus mitnehmen. Durch die Tätigkeit ihres Vaters, eines Wirtschaftsprofessors und Unternehmers, ergaben sich viele Reise in die USA und nach Fernost, auf denen sie mit ihrer ältern und jüngeren Schwester dabei war. Ökologisches Bewusstsein findet sie zu Hause hingegen weniger. Als 1986 die Tschernobyl-Katastrophe passiert, ist Alexandra 14 Jahre alt. Ihre Eltern nehmen die Situation, dass man das Gemüse aus dem Garten nicht essen soll, gelassen hin, aber für Alexandra tun sich Abgründe auf. Was läuft eigentlich alles schief in der Welt? Mit 16 Jahren findet sie bei Greenpeace Mitstreiter für ihre Anliegen – zum Missvergnügen ihrer Eltern, die es nicht gern sehen, dass ihre Tochter stundenlang bei grünen Umweltaktivisten ehrenamtliche Arbeit leistet oder gegen die FCKW-haltigen Produkte von Hoechst demonstrieren geht. Nicht wenige Aktionen bewegen sich an der Grenze der Legalität. Umweltschützer war damals noch „Spinner“ und „Exoten“. Heute genießt sie es, mit vielen Menschen aus der Generation ihrer Eltern wie Herbert Girardet oder Bianca Jagger auf einer Wellenlänge zusammenzuarbeiten.
Noch weniger Verständnis als für ihre politischen Aktivitäten haben die Eltern für den über 15 Jahre älteren Ralf Otterpohl, den Alexandra als -Jugendliche auf einer Fahrt auf einem Greenpeace-Schiff kennenlernt. Zunächst lässt sich ihre anfängliche Beziehung nicht aufrecht erhalten. Doch sie -begegnen sich bei Greenpeace immer wieder, und drei Jahre später arbeiten sie erneut gemeinsam auf einem Schiff – und bleiben diesmal zusammen. „Ralf hat für mich immer die Rolle des Unterstützers gespielt“, beschreibt Alexandra ihre langjährige Verbindung. „Auch jetzt, wo wir viele Jahre verheiratet sind und zwei Kinder haben, ist das so, indem er beispielsweise seine Aktivitäten im Ausland zugunsten unserer Familie stark einschränkt. Das fällt ihm leicht. Inzwischen hat er sich auch neuen Themen zugewandt, die über sein Engagement in der Abwasserwirtschaft hinausgehen. Er macht eine Weiterbildung im Bereich der Psychokinesiologie und beschäftigt sich mit Geomantie. Auf dem Weg in diese Bereiche, in denen man sich die eigene Wahrnehumgsfähigkeit für energetische Ebenen erschließt, kann ich ihn wiederum unterstützen.“ Für Alexandra ist es ganz selbstverständlich, dass die Welt nicht nur aus Materie besteht. Sie ist von Jakob von Uexkülls Idee begeistert, im Rahmen des Weltzukunftsrats Gespräche zwischen Wissenschaftlern und spirituellen Lehrerinnen und Lehrern zu initiieren.

Mit Mut in die Zukunft
Ist diese Selbstverständlichkeit vielleicht ein „Markenzeichen“ derjenigen Kulturkreativen, die heute Mitte 30 sind und ihr Leben lang den Geist des Wandels eingesaugt haben? Alexandras Leben scheint sich in einem gleichmäßigen Strom entfaltet zu haben, es ist nirgends an eine Grenze gestoßen, an der eine jähe Wende notwendig war. Erklärt sich daraus ihr Optimismus?
Es erfüllt sie mit Zuversicht, dass ihre Arbeit in den vergangenen sieben Jahren in einem Feld stattgefunden hat, das erste Früchte trägt. Die jahrelangen Kampagnen der Globalisierungskritiker, die sich von einer WTO-Konferenz zur nächsten gezogen haben, zeigen ihre Wirkung. „Wenn man heute mit verschiedensten Menschen aus Kultur, Politik oder Wirtschaft spricht, spürt man einen neuen Geist. Nicht nur bei den ‚üblichen Verdächtigen‘, die in Kreisen wie dem Weltzukunftsrat zusammenkommen, sondern auch bei den -‚normalen‘ Berufspolitkern sehen wir einen Wandel. Beim Gründungskongress des World Future Council hatten wir das Thema Klima als Schwerpunkt gewählt, denn es ist so ein breites Thema mit derart vielen Konsequenzen in diversen Bereichen wie Menschenrechte, Frauenrechte oder Frieden. Die Parlamentarier zeigen dafür großes Interesse. Parallel zur UN-Klimakonferenz letzten November hatten wir eine parlamentarische Anhörung von Politikern verschiedener afrikanischer Staaten organisiert. Diese Debatten haben heute schon Konsequenzen in den beteiligten Ländern ausgelöst. Der Klima-Bericht der UNO hat die Menschen aufgerüttelt. Ich denke, dass wir nicht vor einer unausweichlichen Katastrophe stehen. Es muss uns gelingen, die weltweiten Probleme auf allen gesellschaftlichen Ebenen effektiv anzupacken. Ich bin gespannt, welche Dynamik dieser Trend in den nächsten Jahren auslöst, denn auf die nächsten Jahre kommt es jetzt an.“ Ja, packen wir’s an. Besonnen und hartnäckig. ´


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Mallien, Lara

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